WTF

Das Einhorn-Café war mein persönlicher Albtraum in Regenbogenfarben

So gar nicht magisch.

von Diana Hubbell
16 Februar 2017, 3:00pm

Alle sagen, vor der Realität zu fliehen, sei nicht die Lösung. Wegrennen könne deine Probleme zwar verdrängen, aber sie bleiben immer noch da – und zwar ziemlich real. Sie sagen auch, dass es keine Einhörner gibt.

Die Leute sagen viele Dinge. Doch in Anbetracht der Tatsache dass mein Heimatland zur Zeit auf der Überholspur in Richtung Hölle unterwegs zu sein scheint und der Rest der Welt es ihm gleich tut, bin ich kurz davor zu sagen Scheiß drauf! und loszusprinten. Deshalb bin ich vor Kurzem mit zwei Freundinnen in Bangkok so weit von der Realität wie nur irgendwie möglich geflohen.

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Das Unicorn Cafe, das Einhorn-Café ist wie ein Traum und irgendwie auch nicht. Anders als im Husky-Café, in den Katzen-Cafés (ja, Plural) und im ethisch zweifelhaften Fuchs-Café in der Stadt, gibt es hier keine mystischen Pferde. Bis zu dem Zeitpunkt, an dem Wissenschaftler herausgefunden haben, wie man ein Narwal-Stoßzahn genetisch an ein Shetlandpony pflanzt, müssen sich die Gäste hier mit einem My Little Pony-Acid-Trip zufrieden geben.

Plastik-Kronleuchter baumeln von der Decke, die wie auch die Wände mit Regenbogen-Tapete bedeckt ist. Die restlichen Flächen sind meist übel rosa, hier stehen mehr My Little Pony-Figuren rum, als mein 6-jähriges Ich hätte ertragen können. Etwas fehl am Platz reitet eine einsame Barbie mit platinblonder 80er-Tolle auf einem Plastik-Ross. Selbst die Überwachungskameras – und davon gibt es viele – sind passend eingefärbt.

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Das alles scheint niemanden abzuschrecken. Bei unserer Ankunft ist der Laden voll mit Selfie-Enthusiasten aus Thailand und der ganzen Welt. Sie trinken Getränke in knalligen Farben mit Namen wie „Unicorn Blood" – Einhornblut – oder sie posen auf einem Haufen Kuscheltiere. Über die Hälfte trägt Einhorn-Onesies, als ob sie allen, die die Existenz dieser magischen Geschöpfe leugnen, zeigen wollen, wer hier der Boss ist.

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Das Einhorn-Café ist irgendwie wie die etwas heruntergekommeneVersion des Kawaii Monster Cafés in Harajuku. Ein glitzerndes Beispiel dafür, was passiert, wenn Instagram ein Kind in Form eines Restaurants bekommt. Es wurde schon viel über Köche geschrieben, die nur für die sozialen Medien kochen, zum Nachteil des Geschmacks. Diese Ausgeburt des Wahnsinns ist vielleicht nur die logische Schlussfolgerung dieses Trends. Unglaublicherweise funktioniert das. Trotzdem eine meiner Freundinnen darauf bestand, dass der Laden eine Eintagsfliege sein würde, die nach einer Woche wieder verschwindet,ist das Café seit 2012 gut im Geschäft. Über 173.000 Likes auf Facebook. Entweder ist das hier nur eine verrückte Anomalie oder der Beginn einer Gastro-Dystopie, über die ich gar nicht nachdenken möchte.

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Aber ich schweife ab. Wir drei haben ein paar anstrengende Wochen hinter uns: Wir mussten allen Nicht-US-Bürgern, die wir trafen, erklären, was bei uns abgeht. Wir waren geschafft. Wir waren verwirrt. Wir hatten es satt, so verdammt sauer zu sein. Wir wollten wieder etwas Magie in unser fieses Leben zurück.

„Irgendwie ist das komisch", meinte eine Freundin, nachdem unsere anfängliche Verwirrung verflogen war, „aber dieses ganze Setting passt irgendwie gut zu meiner PMS."

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In diesen Laden kommt man schließlich, um zu essen, also warten wir, bis sich die Horde langsam auflöst, schnappen uns einen Tisch und bestellen.Auch wenn es zum Alter der nostalgisch veranlagten Kundschaft passen würde – wir haben nur ein Kind gesehen und das Mädchen schien nicht gerade verzaubert –, gibt es in diesem Café keinen Alkohol. Wir entscheiden uns für ein Stück von der Crêpe-Torte, Spaghetti Carbonara, Waffeln und Toast – ein seltsamerweise ziemlich beliebtes Dessert in Bangkok, das eigentlich ein großer Würfel Weißbrot ist.

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Die Crêpe-Torte haut uns nicht gerade um, zuckersüße Teigschichten mit einer pastellenen Marshmallo-Creme, die die Konsistenz von Styropor hat. Die Waffeln sind schon etwas besser, auch wenn die Kugel Eis dazu einfach nicht schmelzen will.

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„Moment. Ist das eine Kerze?", fragt meine Freundin und wird plötzlich ganz blass. Sie kaut auf dem lila „Horn" herum, das als Deko auf den Waffeln war. Die meisten Gerichte, auch die Burger, haben ein Horn. „Warum esse ich das immer noch? Das schmeckt nicht so, als sollte ich das essen."

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Das Gleiche könnte man auch vom darauffolgenden grausigen Exemplar sagen, Spaghetti Carbonara. Die Nudeln sind knallig in rosa, lila und blau, eine meiner Freundinnen vergleicht sie mit „Darmparasiten". Dazu eine Sahnesauce, die ungefähr so aussieht, wie ich mir Einhornkotze vorstellen würde. Genug, um uns alle kurz zum Schweigen zu bringen. Vor Schreck erstarrt schauen wir zu, wie die Sauce vor unseren Augen gerinnt, dann nehmen wir vorsichtig einen Bissen.

„Ich kann die Chemikalien schmecken", meint eine meiner Freundinnen. Die andere spuckt etwas aus, wahrscheinlich Speck.

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„Ich bin mir nicht so sicher, was das jetzt mit Einhörnern zu tun haben soll. Ich hoffe echt, dass es nicht das Fleisch sein soll."

Endlich kommt das Highlight: ein halbes Toastbrot gekrönt mit einem (möglicherweise) essbaren Horn und einer Kugel hitzebeständiger Eiscreme. Riecht wie Pancake-Sirup. „Schmeckt einfach nur nach Weißbrot mit Butter", meint eine Freundin zögernd. „Butter, das muss man fairerweise sagen, ist geil."

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Auch wenn das Gericht nicht gerade gut ist, fällt es uns doch schwer, es nicht zu essen. Von außen eine zuckrige, buttrige Köstlichkeit, innen nur eine weiche Teigmasse, die nach Luft und nichts schmeckt. Jeder Bissen beginnt mit großen Hoffnungen und endet in bitterer Enttäuschung. Vielleicht ist das eine Metapher für irgendwas.

Uns ist übel, wir zahlen, das Personal ist nicht gerade emotionsgeladen, und beschließen zu gehen. Unser Zuckerspiegel hat einige Höhen und Tiefen durchgemacht. Eine meiner Freundinnen legt den Kopf erschöpft auf den Tisch. Langsam fallen uns kleine Details im Laden auf, zum Beispiel, dass einem Pony ein Bein fehlt. Oder das Touristenpaar in der Ecke, das stumm vor sich hinkaut, ohne den Blick auch nur einmal von ihren Smartphones abzuwenden oder zu blinken. Wir stürmen aus unserem regenbogenfarbenen Albtraum heraus. Ich weiß nicht, ob ich wirklich schon bereit bin für die Realität, aber es scheint, als muss ich meinem Eskapismus das nächste Mal woanders frönen.