Slow Food-Bewegung

Die Küche ist besser als das Internet

Slow-Food-Prediger Michael Pollan plädiert seit Jahren dafür, dass Menschen sich wieder mehr Zeit zum Kochen nehmen. Wir haben uns mit ihm über seine neue vierteilige Dokureihe <i>Cooked</i> auf Netflix unterhalten.

von Matthew Zuras
29 Februar 2016, 3:00pm

Michael Pollan ist einer der Stars der Slow-Food-Bewegung in den USA und plädiert schon lange dafür, dass wir unsere heißgeliebten Chips mal zur Seite legen und genau darauf achten, was wir essen. Seine ideale Zukunft des Essens sieht so aus:Abends rühren wir den Kochlöffel durch einen Eintopf aus nicht genetisch veränderten Bohnen mit Bacon von traditionellen Rinderrassen, während wir mit der anderen Hand einen selbstgemachten Sauerteig aus regionalem Mehl kneten.Das Brot brechen wir dann (sprichwörtlich) mit unseren Liebsten. Die Herkunft unseres Essens liegt uns am Herzen, wir stopfen uns keinen Mikrowellenfraß rein, während wir uns den nächsten Serienmarathon reinziehen.

Das predigt er seit Jahren—natürlich etwas eloquenter—in Büchern wie Kochen. Eine Naturgeschichte der Transformation, Das Omnivoren-Dilemma oder 64 Grundregeln ESSEN. Er hat sich Massenbetriebe und unaussprechliche Zusatzstoffe genauer angesehen und wie die Industrie bei unserer Ernährung ihre klebrigen Finger mit im Spiel hat. Sein viel zitiertes Credo: „Essen Sie Lebens-Mittel. Vorwiegend Pflanzen. Maßvoll."

Der neueste Geniestreich von Pollan ist Cooked, eine vierteilige Dokumentation, die er gemeinsam mit Filmemacher Alex Gibney (Going Clear und Enron: The Smartest Guys in the Room) gemacht hat. Cooked hatte diesen Monat auf Netflix Premiere und beleuchtet—ähnlich wie Pollans Buch Kochen von 2013—die Rolle des Essens, die in Amerika im Gegensatz zu anderen Teilen der Welt immer bedeutungsloser wird.

„Ob wir uns Zeit nehmen zu kochen oder nicht, ist nur eine Frage der Prioritäten", erzählt mir Michael Pollan am Telefon. „Sich gegen das Kochen zu entscheiden ist einfach. Dafür verbringen wir in den letzten Jahren zwischen zwei und fünf Stunden täglich im Internet."

Jede der vier Folgen (produziert jeweils von Stacey Offman, Caroline Suh, Lisa Nishimura und Adam Del Deo) beschäftigt sich mit einem Element des Kochens: Feuer, Wasser, Luft und Erde. Dabei geht es ums Kochen im „pollianischen" Sinne: Geschichte, Anthropologie, Chemie und Lebensmittelpolitik werden einbezogen, und der gute, alte erhobene Zeigefinger darf natürlich auch nicht fehlen.

Ein YouTube-Nutzer in einem Kommentar zum Trailer der Show: „Das sieht echt interessant aus, aber wahrscheinlich schäme ich mich dann für jedes Abendessen."

Durchaus möglich. Aber was sollten wir auch anderes von dem Mann erwarten, der uns Tipps gibt wie: „Kehren Sie dem Supermarkt den Rücken, wann immer es Ihnen möglich ist."

Kritiker von Pollan haben immer wieder gesagt, dass seine Wochenmarkt-Philosophie einfach nicht zur finanziellen Realität einkommensschwacher Amerikaner passt. Andere finden seine Interpretation der Kochgeschichte und die damit verknüpften Genderfragen ziemlich fragwürdig. In einem Artikel in Salon gegen Pollans nostalgische Küchenansichten 2013 stellt Autorin Emily Matchar fest: „Dieser Mythos der glücklichen Ur-Ur-Ur-Großmutter mit ihren roten Wangen entspricht einfach nicht der Realität: Kochen war, geschichtlich betrachtet, selten etwas Erfüllendes."

Auch in Cooked gibt es immer noch diese Nostalgie. Im Buch argumentiert Pollan, dass „die meisten von uns sich glücklich daran zurückerinnern, wie sie ihrer Mutter in der Küche zugeschaut haben"; allerdings fällt es schwer, sich wirklich mit ihm zu identifizieren, wenn er sich in der Seriean einen Sommer in seiner Kindheit auf Martha's Vineyard zurückerinnert. Er hatte sein eigenes kleines Hausschwein, das er später seinem Nachbarn, Folk-Sänger James Tyler, geschenkt hat.

Cooked

Foto mit freundlicher Genehmigung von Netflix

In der Show wird Pollans sentimentaler Hang aber durch kurze, dynamische und einfach großartige Episoden kompensiert, in denen man Menschen jagen, kochen und essen sieht—und das nicht nur, weil sie es sich gern vor dem Kamin gemütlich machen. In Marrakedch macht eine Mutter kubhz und schickt ihren Sohn mit dem aufgegangen Brotlaib zum Gemeinschaftsofen in der Stadt. Den Stamm der Martu in Western Australia beobachten wir bei der Jagd nach goanna, einem großen Waran, und wie sie einen Busch-Truthahn in der Glut garen. In diesen Szenen lassen wir Pollans schickes Haus in Berkley hinter uns und tauchen ein in die reale Welt, wo Menschen noch traditionell kochen.

Außerdem schafft es die Serie, Menschen vorzustellen, für die Essen mehr ist als nur Überlebensmittel oder irgendein Geschäft: vom gefeierten Grillpapst Ed Mitchell bis hin zum Revolutionär der Kochkunst Nathan Myhrvold, aber auch Eliza McLean von Cane Creek Farm, die Schweine und andere Tiere auf ihren großen Weiden in North Carolina züchtet.

„Nach einer Zeit des Vergessens, befinden wir uns jetzt wieder in einer Ära der kulturellen Erinnerung. Jeder, der sich fragt, woher sein Essen kommt und wo es hergestellt wird, wird sich für Cooked interessieren", meint Pollan.

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In der Folge über Barbecues geht es natürlich auch um Massentierhaltung und die schrecklichen Haltungsbedingungen. Die Show will ja quasi den Schleier lüften und zeigen, wo unser Essen herkommt. Aber warum bekommen wir nicht zu sehen, wie die (süßen) Schweine von Eliza MacLean geschlachtet werden?

„Sicher hätten wir auch das Schlachten auf dem Bauernhof filmen können, das wäre nicht schwer gewesen und ich hätte auch nichts dagegen gehabt", meinte Pollan zu meiner Frage. „Bei dieser Folge geht es aber nicht um Food Porn, sondern hier gibt es viele Dinge zu sehen, wo man eigentlich wegschauen möchte. Bevor man am Ende sieht, wie eine Frau das Schweinefleisch ist, muss man als Zuschauer durch eine Menge durch. Damit wollen wir zeigen, dass die Fleischherstellung etwas sehr ambivalentes und ein emotional sehr komplexes Unterfangen ist."

Die Zuschauer erhalten mit der Serie sicher einen neuen Blick aufs Fleisch, insbesondere diejenigen, die sich eher Fernsehkochshows ansehen, als Dokumentarfilme wie Food, Inc. Aber Fleisch und unser relativ sorglose Umgang damit ist nur eines der Probleme, das wir in Cooked anreißen. In gut vier Stunden werden unglaublich viele Teile des dicht verwobenen Netzes aus Handel, Tradition und Geschmack erkundet, das die Grundlage für unsere Nahrung im 21. Jahrhundert ist.

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Einen Nachteil hat Cooked allerdings: Pollan scheint kein Rezept dafür zu haben, wie man die Menschheit wieder zurück in die Küche bekommt, außer indem man sie dazu ermahnt, sich dafür Zeit zu nehmen. Als ich fragte, wie eine Alleinerziehende mit zwei Jobs selbst Essen machen soll, spricht er wieder das Thema Prioritäten an.

„Für Dinge, die uns wichtig sind, nehmen wir uns Zeit", meinte er. „Es gibt eine Botschaft von Cooked: Essen ist wichtig, Essen kann uns etwas Gutes tun, kann uns intellektuell stimulieren und unsere Sinne erfreuen. Vielleicht ist das etwas, wofür man sich ein wenig Zeit nehmen sollte. Klar, wir alle arbeiten sehr hart und stehen unter ständigem Zeitdruck, manchmal denke ich aber auch, dass wir—und vor allem auch die Industrie—uns das gern selbst sagen. Wir sollten das nicht einfach so hinnehmen, sondern uns fragen, ob wir vielleicht ein bisschen mehr tun könnten. Könnte man nicht an einem Abend in der Woche etwas zu Hause kochen?"

Auch gibt er zu, dass in der Serie oft sehr urzeitliche Erfahrungen gezeigt werden. Die meisten Zuschauer werden sich danach vielleicht nicht im Garten einen eigenen Grillofen bauen.

„Der Film ist schon anspruchsvoll", meint er, „aber das trifft nicht auf selbst gemachtes Essen zu. Es geht hier nicht um Essen, wie es in Restaurants oder Fernsehshows serviert wird, davon sind die meisten eher eingeschüchtert und es nimmt zu viel Zeit in Anspruch. Ich habe ein Gericht für den schnellen Mittwochabend kreiert, dafür braucht man nur 20 Minuten. Das ist auch nicht mehr als die Zeit für den Lieferservice von der Bestellung bis zum Essen. Klar, diese letzte Variante ist sicherlich einfacher und man kann sich vielleicht noch etwas im Fernsehen angucken, während man wartet."

Aber Pollan schreibt diesen Lieferservice-Impuls nicht einfach der Faulheit zu. Er glaubt, dass wir unseren kulinarischen Instinkt verloren haben, der uns eher in die Küche ziehen würde, statt zu Deliveroo und Co.

„Kochen muss Teil des Schulunterrichts werden, nur so kann jeder grundlegende menschliche Fähigkeiten erlernen, wie man ein ganzes Huhn brät zum Beispiel. Allein daraus kann man verschiedene Gerichte machen", meint Pollan und fügt hinzu: „Und dafür muss man kein Magier sein."