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Die alte Kunst des Fischleders neu entdeckt

Fischleder ist lange in Vergessenheit geraden. Marielle Philip macht ganz im Sinne des Zero-Waste-Prinzips aus Fischhäuten mit natürlichen Gerbstoffen individuelle Leder mit vielfältigen Verarbeitungsmöglichkeiten: Schmuck, Handtaschen, Schuhe und...

von Antoine Massot
02 März 2016, 8:00am

Foto von Antoine Massot

Der Südwesten Frankreichs, insbesondere die Bucht von Arcachon und die kleine Hafenstadt la Teste-de-Buch, ist vor allem für seine Austernzucht bekannt. Genau hier hat Marille Philip ihre kleine Gerberei Femer, wo sie Leder aus Fischhaut macht. In einer der kleinen Holzhütten am Ufer befindet sich ihre Werkstatt, nur wenige Meter entfernt von den zahlreichen Lokalen, wo Touristen tagein, tagaus Austern schlürfen.

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Der Hafen von Teste-de-Buch. Alle Fotos vom Autor
cabane-femer Marielles Werkstatt war ursprünglich mal die Hütte eines Austernfischers

Innen hat alles einen maritimen Touch: gelbe Friesennerze an der Garderobe, eine alte Maschine zum Filetieren von Fisch, Aquarelle mit Booten und die Fischernetze ihres Großvaters. In einer Ecke stehen zwei Tiefkühlschränke voll mit Fischen, aus deren Haut Leder gemacht wird: Barsch, Lachs, Seezunge, Forelle, Heilbutt, Quappe, Stör, Wels, Rochen, Meeräschen … Die Liste ist endlos. Alles, was schwimmt, landet irgendwie in Marielles Werkstatt.

Leder aus Fischhaut ist jedoch keine neue Erfindung. Dieses Handwerk gibt es schon seit Jahrhunderten überall auf der Welt: Die Ureinwohner Amerikas haben daraus Kleidung und Schmuck gemacht, in Japan wurden damit die Griffe der katana verziert. In Frankreich waren Accessoires aus Galuchat im 18. Jahrhundert überall verbreitet. Jean-Claude Galluchat, nach dem das Material aus Knorpelfischen benannt ist, hat den speziellen Gerbprozess erfunden. Für Marielle ist das Fischleder, das lange Zeit in Vergessenheit geraten ist, weil industrielle Verfahren wesentlich rentabler waren, ein altes Handwerk, das sie wiederbeleben möchte.

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Marielle Philip vor ihrer Werkstatt, Femer

Marielle kommt aus der Region und ist mit dem Meer aufgewachsen. Sie hat ihren Großvater zum Angeln und den morgendlichen Fischauktionen begleitet. Als sie ihr Studium in Umweltrecht und Küstenmanagement gerade beendet hatte, kam ihre Mutter gerade von einer Lappland-Reise zurück und erzählte ihr von Fischleder und wie es hergestellt wurde: „Dort hat meine Mutter herausgefunden, wie man Fischhaut gerbt. Sie wollte es dort auch gleich lernen, aber dort gibt es andere Fischarten und die Gerbstoffe wie auch das Klima sind einfach anders", erinnert sich Marielle. „Sie hat also eine Methode erlernt, die für unsere Fische vollkommen ungeeignet war, also mussten wir eine eigene Methode erfinden."

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machine-femer Diese alte Filetiermaschine hat Marielle fast ein paar Finger gekostet

Marielle und ihre Mutter haben dann ihre eigene Gerberei Femer aufgemacht. Sie haben eine umweltfreundliche Gerbmethode entwickelt, die auf der Kreislaufwirtschaft basiert. Zwei Jahre lang hat sich Marielle einen Laborkittel angezogen und verschiedene pflanzenbasierte Gerbstoffe zusammengebraut, bis sie irgendwann einen entwickelt hatte, der vollkommen natürlich und umweltfreundlich ist.

Gerbstoffe, auch Tannine genannt, braucht man, damit aus Haut auch Leder wird. Dadurch wird es weich und wasserfest und fault nicht.Industrielle Hersteller verwenden meist Mineralsalze zum Gerben, zum Beispiel Chromsalze, die sich leicht mit anderen Substanzen vermischen und deshalb die Produktion beschleunigen. Marielle hat sich aus Umweltbedenken für die natürlichere Variante entschieden: „Ich verwende Neobiota aus der Region, wie zum Beispiel zerstampfte Mimosenrinde, die man in ganz Aquitanien findet", erklärt sie., „Ich suche immer nach neuen pflanzlichen Tanninen. Wir haben uns entschieden, die gesamte Herstellung so natürlich wie möglich zu halten und so hochwertiges Leder zu produzieren", erzählt Marielle und bewahrt Stillschweigen über ihre geheimen Rezepte.

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Lachsleder

In ganz Frankreich gibt es nur vier Gerbereien, die auf natürliche Art Tierleder herstellen. Bis jetzt ist Marielle die einzige, die umweltfreundliches Fischleder herstellt. „Obwohl es keinen großen Unterschied macht, ob man Rinds- oder Lachsleder herstellt, fühlt es sich für mich viel natürlicher an, die Fischhäute zu entschuppen.

Die Herstellung von Fischleder dauert bei Femer zwei bis drei Wochen.

Zuallererst braucht man rohe Fischhaut. Was das betrifft, ist die Auswahl hier groß. Marielle klappert die örtlichen Händler ab: Großmärkte, Züchter, Fischer, Fischhändler. Eine schmeißen ihre Bio-Abfälle einfach weg, andere legen bewusst die Haut für Marielle zurück: „Für sie ist das Müll, aber ich gebe den Fischen so ein neues Leben." Und Marielle erklärt weiter: „Die Herstellung von Fischleder ist ziemlich zeitaufwendig und kann schnell ins Geld gehen, wenn man die Sache nicht ordentlich durchdenkt. Ich will vor allem auch auf das Zero-Waste-Konzept aufmerksam machen und zahle sogar für die Haut. Bis jetzt—toi, toi, toi—geben mir viele Fischer die Haut gratis."

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Dann entschuppt Marielle die Haut, entfernt das restliche Fleisch und macht alles sauber. „Die Schuppen gebe ich an Schmuckdesiger, Kunstschulen oder an Kindergärten. Das Fleisch wird als Köder für Krabben wiederverwendet", erklärt sie. Am nächsten Tag kommt das Gerben. Sie weicht die Fischhäute ein und arbeitet Schritt für Schritt die Mimosenrinde ein. Die Reste der Gerbstoffe kommen auf den Kompost. Danach wird die Haut gefärbt, sodass je nach Produkt und Kundenwunsch ein individuelles Leder entsteht. Zum Schluss glättet sie das Leder und trocknet es je nach Fischart 8 bis 15 Tage. Voilà, fertig ist das Fischleder.

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chaussures-someone-femer Ein Prototyp für einen Schuh aus Forellenleder

Wenn sie nicht gerade in ihrer Werkstatt mit Fisch hantiert, sitzt sie meist in Bordeaux an ihrem Schreibtisch im Darwin, einem riesigen Coworking Space, und entwickelt dort Produkte aus Fischleder. Ihr Leder kann zu unzähligen Dingen verarbeitet werden: von Gürteln, Handschuhen, Handtaschen, Armbändern, Ketten und Schmuck bis hin zu Schlüsselanhängern, Kleidern und Schuhen. Die französische Schuhmarke Someone hat für eines ihrer Modelle Marielles Forellenleder genutzt und auch PASKAP, eine Firma aus dem Département Landes, hat mit ihrem Fischleder einen Babyschuh kreiert. In Zukunft will Marielle auch mit anderen Partnern zusammenarbeiten und ihre eigene Produktlinie auf den Markt bringen. Außerdem würde sie sich wünschen, wenn ihr Leder auch in alle maritimen Bereiche Einzug hält, zum Beispiel in der Bootsausstattung oder für Angeln.

„Einige Marken sind bei Fischleder eher skeptisch und trauen sich nicht so richtig. Aber ich kenne ja mein Produkt am besten und weiß, wie sich bestimmte Ledersorten nach einer Behandlung anfühlen können und dass sich ein Versuch mit Fischleder lohnt", meint Marielle und macht sich gleich wieder an die Arbeit, um noch mehr Kunden zu angeln.

Dieser Artikel erschien ursprünglich auf MUNCHIES FR.