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Wieso Matadore vor dem Stierkampf nichts essen

Wie Imker manchmal von Bienen gestochen werden, werden Matadore manchmal von Stieren aufgespießt, das gehört einfach zum Job. Obwohl sie gerne spanischen Schinken essen und Sherry trinken, bleibt der Magen vor einem Kampf leer.

von April Smallwood
18 Juni 2015, 8:00pm

Foto von nathaninsandiego via Flickr

Als kirtan-Praktizierende weiß ich, dass eine Kuh ein mächtiges religiöses Symbol ist, das für die, die es ehren, für Gerechtigkeit steht. Das geht mir durch den Kopf, als ich auf einer Steinbank in der Plaza de Toros in Sevilla sitze und dabei zusehe, wie ein Stier heftig in den Kopf gestochen wird, dank eines misslungenen Schwertschlags des Matadors.

Jeder, der noch nie bei einem corrida dabei war, sollte wissen, dass der Job des Matadors, sagen wir, riskant ist. In einer glitzernden kurzen Jacke und mit dem roten Tuch in der Hand stolziert der Matador mit einem fünf Jahre alten Biest, das zur Grausamkeit herangezogen wurde, in die Arena, setzen seine Füße in den Sand und reizt das Tier.

„Toro! Toro!"

Wenn der Wind mitspielt, verhält sich das Tuch so, wie der Matador es will und der Stier rennt durch das Tuch durch. Dieses künstlerische Geschick wird mit Applaus des Publikums belohnt. Im Finale dieses dreiaktigen Spektakels, hat der Matador 15 Minuten Zeit, um den Bullen zu erlegen. Je nach Fertigkeiten kann diese letzte Szene unglaublich bewegend sein, oder einfach nur amateurhafte Schlachterei.

„Mein Freund und Lehrer Juan José Padilla bekam ein Horn in den Hals—buchstäblich, komplett durch—, dabei erlitt er einen Haarriss in der Wirbelsäule. Zwei Wochen später stand er wieder im Ring."

Cayetano Rivera Ordóñez, 38, stammt aus einer bekannten Familie von Stierkämpfern. Sein Vater starb 1984 im Ring. Am Tag des corrida ist der Matador ernst, gut ausgeruht und hat Angst—vor dem Wind, dem Temperament des Stiers, den Erwartungen des Publikums. Und in den Stunden vor dem Kampf fastet er.

„Man will seine Eingeweide leer halten, falls sie aufgeschnitten werden, entweder durch das Horn des Stiers oder durch das Messer des Chirurgs", sagt Alexander Fiske-Harrison, Autor von Fiesta: How To Survive The Bulls Of Pamplona und Freund von Ordóñez. Was Bienenstiche für Imker sind, ist gelegentliches Aufspießen für Matadoren—es gehört einfach zum Job. Verletzungen an den Extremitäten, an der Leiste und im Bauchraum sind am häufigsten. „Matadoren müssen mit diesen Kleinigkeiten leben können", sagt Ordóñez, der zugibt, jede Saison mindestens eine schwere Verletzung davonzutragen.

Wenn man einen corrida besucht, ist die Wahrscheinlichkeit ziemlich hoch, dass man sieht, wie ein Matador in die Luft geschleudert wird. Wenn er nicht tot ist, steht er wieder auf. „Mein Freund und Lehrer Juan José Padilla bekam ein Horn in den Hals—buchstäblich, komplett durch—, dabei erlitt er einen Haarriss in der Wirbelsäule. Zwei Wochen später war er wieder im Ring", sagt Fiske-Harrison.

Genau wie eine Ballerina schlank und beweglich sein muss, gibt es auch für einen Matador eine ideale Gestalt. „Wenn ich mit Matadoren essen gehe, habe ich schon oft bemerkt, dass sie zur Karnivorie neigen, bis sie plötzlich ein schlechtes Gewissen bekommen und Salate und Früchte bestellen", sagt Fiske-Harrison. „Allerdings ist einer der besten und kunstvollsten Matadoren, Morante de la Puebla, eher ein bisschen runder, aber vielleicht ist das auch der Grund, warum er nicht immer so gut abschneidet."

Wenn der Torero das Publikum zufrieden gestellt hat—und ein Ohr oder beide Ohren und den Schwanz des Stiers als Trophäe in den Händen hält—, kann die Feier nach dem Kampf ziemlich ausschweifend sein. Natürlich hängt das vom Einkommen das Matadors ab, das sich auf bis zu siebenstellige Beträge belaufen kann, wenn er erfahren ist. „El Juli verdiente zu seiner Blütezeit fünf Millionen Euro pro Jahr", verrät Fiske-Harrison. „Aber die meisten können sich den Lebensunterhalt damit nicht finanzieren."

Um ein bisschen vom anhaltenden Adrenalinkick herunterzukommen, greift der Torero zu harten Spirituosen und Sherry (besonders Manzanilla). In Spanien ist das Trinken mehr eine Fähigkeit, als ein Zeitvertreib. Man sagt, wenn ein Mann keinen Alkohol aushält, kann man sich sicher sein, dass er ein Tourist ist. Deshalb würde ein richtiger Spanier auch jegliches Katermittel ablehnen, aber Fiske-Harrison ist Engländer und kennt diesen Stolz nicht. Sein Wundermittelchen für den Morgen danach „ist zwei Finger Wodka in einer kalten Gazpacho nach einer Joggingrunde. Ich nenne es Madonna on the Rocks, weil es dem Bloody Mary ähnlich ist."

Zum Abendessen isst der Star ein iberisches Schwein. Das Tier ernährt sich von Eicheln, Kräutern und Gräsern. Der Schinken, der daraus hergestellt wird, hat eine wunderbare Maserung und ist verdammt teuer. Das Festmahl geht mit pluma ibérica, dem Rückendeckeln mit relativ viel Fett, das in Meersalz gekocht wird, weiter. „Unglaublich", findet Fiske-Harrison, „und diesen Schnitt gibt es nur in Spanien."

Was auf der Karte fehlt, ist der getötete Stier. Nach dem Kampf werden alle sechs Kadaver auseinandergenommen und am darauffolgenden Tag auf dem Markt verkauft. Vor der Arena warten Transporter auf die Tierkadaver, manchmal auch gleich mit dem Beil.

Obwohl der kämpfende Stier oft auf Tellern landet, ist es doch nie der der Toreros. „Ich habe noch nie carne del toro de lidia mit einem Matador gegessen", sagt Fiske-Harrison in unserem Interview.„Die besten Matadore töten allein in Spanien 200 Stiere, da sind die, die sie im Winter in Südamerika erlegen, noch gar nicht mitgezählt. [Wenn sie sie essen würden], würden sie nie mehr etwas anderes essen!"

Köche, die die Stierkämpfe nicht unterstützen, verarbeiten trotzdem das Fleisch und die Innereien zu Tacos. Weil die Tiere für den Kampf und nicht für den Verzehr gezüchtet wurden—das heißt, der Stier wird getötet, ob er nun gegessen wird oder nicht—, ist das Fleisch relativ günstig und kostet bis zu 10 Euro pro Kilo weniger als eine normale Kuh.

Vor der Arena warten Transporter auf die Tierkadaver, manchmal auch gleich mit dem Beil.

Mein Freund Felipe, dessen Familie die bekannten Núñez del Cuvillo-Kampfstiere züchtet, drängt mich dazu, in Sevilla rabo de toro (Stierschwanz) zu probieren. Ich bestelle einen Teller davon in einem unscheinbaren Restaurant gleich in der Nähe der Plaza und bekomme eine funkelnde Masse mit Ofenkartoffeln, die ähnlich glitschig und fettig sind. Das Fleisch hat sich schon vom Knochen gelöst, aber wegen der hartnäckigen Sehnen muss ich mit einem Messer nachhelfen. Im Mund fühlt es sich klebrig an, der Geschmack ist nicht zu intensiv, aber es ist üppig wie Dessert. Mir schmeckt's.

Wie sich herausstellte, kann ich dem spanischen Stierkampf trotz seiner abstoßenden Seiten etwas abgewinnen, obwohl ich eine indische, spirituelle Meditationsform praktiziere, in der Rinder heilig sind. Komischerweise befördern mich beide Dinge ins Hier und Jetzt.

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