Syrien

Die hungernden Einwohner von Madaja erhalten endlich Lebensmittel

In der syrischen Stadt Madaja, die von Truppen des Assad-Regimes und der libanesischen Hisbollah belagert wird, stehen die Menschen kurz vor dem Hungertod: In ihrer Verzweiflung essen sie Gräser, Esel und sogar Katzen. Jetzt erreichte ein Hilfskonvoi...

von Wyatt Marshall
13 Januar 2016, 11:00am

Foto: WFP/Hussam Al Saleh

Nachdem Ärzte ohne Grenzen berichtete, dass die Einwohner der belagerten syrischen Stadt Madaja den Hungertod sterben, hat sich endlich ein UN-Konvoi mit dringend benötigten Hilfsgütern auf den Weg nach Madaja und in die Nachbardörfer Fua und Kafraja gemacht. Seit dem 1. Dezember sind in Madaja 28 Menschen an den Folgen der Mangelernährung gestorben, davon sechs Babys unter einem Jahr. Unter strömendem Regen wurden in der Nacht auf Dienstag 355 Tonnen Hilfsgüter entladen. Da Beleuchtung in der Stadt der Vergangenheit angehört, mussten sich die Helfer mit Autoscheinwerfern und dem Licht ihrer Handys ihren Weg bahnen.

Madaja liegt 25 Kilometer nordwestlich von Damaskus und 11 Kilometer von der libanesischen Grenze entfernt. Seit Juli wird die Stadt von den Regierungstruppen Bashar al-Assads und der libanesischen Hisbollah-Miliz belagert. Weil der Zugang zur Stadt blockiert ist und keine Lebensmittel geliefert werden können, sind einige Bewohner so weit gegangen und haben Blätter, Gräser, Esel und Katzen gegessen. Zahlreiche Medienberichte und die schrecklichen Bilder hungernder Kinder lösten am Wochenende weltweit Entsetzen aus, obwohl die Authentizität der Bilder später infrage gestellt wurde. Verschiedene Quellen haben die Informationen jedoch bestätigt.

In der New York Times berichtete eine Frau, wie sie einen ausgemergelten Mann beobachtete, der Gräser zum Essen sammelte. Erst später erkannte sie ihn als ihren eigenen Nachbarn. Dieselbe Frau hatte im Dezember 40 Dollar für ein paar Esslöffel Zucker ausgegeben, nur um ihre19-jährige Tochter, die einen Ohnmachtsanfall erlitten hat, wieder auf die Beine zu bringen. Ihre Tochter ist selbst Mutter eines kleinen Kindes.„Madaja ist zu einem Freiluftgefängnis geworden", beschreibt Brice de le Vingne, Programmleiter bei Ärzte ohne Grenzen, die Situation in einer Presseerklärung letzte Woche. Die Hilfsorganisation, die eine Klinik in Madaja betreibt, schätzt, dass mehr als 250 Menschen unter akuter Unterernährung leiden; 10 davon bräuchten sofort medizinische Hilfe.

Photo: WFP/Hussam Al Saleh

Vorbereitungen für den Konvoi nach Madaja. Foto: WFP/Hussam Al Saleh

Der Hilfskonvoi bestehend aus 50 Lastwagen—unterstützt durch den Syrisch Arabischen Roten Halbmond (SARC), das Internationale Rote Kreuz, UNICEF, die WHO und das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen (WFP)—machte sich von einem Lager des WFP in der Nähe von Damaskus am Samstag auf den Weg nach Madaja, um Lebensmittelrationen mit Reis, Pflanzenöl, Zucker, Mehl und Salz sowie auch Medikamente zu liefern. Die Nachricht über die herannahende Hilfe löste bei den Einwohnern der Stadt vorsichtige Freude aus. Laut WFP reichen die Lebensmittel für 40.000 Menschen für einen Monat, außerdem haben Partnerorganisationen andere dringend benötigte Dinge beigesteuert, wie Babynahrung, Decken und Wasser. Weiter 4.000 Familienrationen, die 20.000 Menschen einen Monat lang versorgen können, sind auf dem Weg nach Fua und Kufraja, die von Rebellen belagert werden.

„In der ganzen Stadt gibt es kein Obst oder Gemüse mehr", erzählt uns Steve Taravella, Sprecher des WFP. „Diese Menschen brauchen dringend Hilfe. Es geht hier wirklich um das Nötigste, das man zum Überleben braucht."

Das WFP hat gemeinsam mit anderen Organisationen 350 Tonnen Hilfsgüter bereitgestellt, davon 250 Tonnen verzehrfertige Lebensmittel, wie zum Beispiel Konserven mit Bohnen und Linsen, da viele Einwohner keine Möglichkeit mehr haben, zu kochen.Eine Familie aus Madaja hat Helfern des WFP erzählt, dass sie ihr Auto für drei Kilo Reis verkaufen mussten, eine andere Familie musste für ein bisschen Reis ihren letzten Goldschmuck hergeben.

Photo: WFP/Hussam Al Saleh

Foto: WFP/Hussam Al Saleh

„Das sind erschreckende Zustände, die schon viel zu lange anhalten", so Steve Tarantella weiter. „Die Männer waren stark untergewichtig, richtig zerbrechlich und schwach… genauso wie in den Nachrichten."

Im mittlerweile fünf Jahre andauernden Bürgerkrieg wird die Arbeit der Hilfsorganisationen zunehmend schwerer. Bei den Belagerungen wird eine Strategie des systematischen Aushungerns eingesetzt. Dadurch müssen die Organisationen in gefährliche Gebiete vordringen, um den Menschen helfen zu können, meist nur mit Konvoischutz, während nicht weit entfernt heftige Gefechte toben. In Homs wurde im letzten Februar ein Hilfskonvoi sogar angegriffen.

Hunger als Waffe zu verwenden verstößt gegen das Völkerrecht. Wie die Times aber berichtet, ist es Ländern wie den USA, Russland oder Iran bisher nicht gelungen, einzugreifen—oder aber sie wollten nicht. Auch die Rebellen besetzen regimetreue Städte, aber Hubschrauber der syrischen Regierung konnten hier immer wieder Hilfslieferungen abwerfen.

Hilfsorganisationen können oft nicht da Hilfe leisten, wo sie am dringendsten benötigt wird. Laut WFP wurden Hilfslieferungen nach Madaja bereits im letzten Oktober gestattet, aber der Zugang zur Stadt wurde den Helfern trotz mehrmaliger Nachfrage seitdem verwehrt.

Steve Taravella meint, dass unter anderem dank der Medienberichte und den darauffolgenden Reaktionen in den sozialen Netzwerken die Hilfslieferungen am Ende genehmigt wurden. Im kriegszerrütteten Syrien werden solche Anfragen oft abgewehrt. Nur 10 Prozent aller Hilfslieferungen der UN in die schwer zugänglichen syrischen Kriegsgebiete wurden letztes Jahr genehmigt. In den 15 derzeit belagerten Städten leben 400.000 Syrer, die keine humanitäre Hilfe bekommen können.

Photo: WFP/Hussam Al Saleh

Foto: WFP/Hussam Al Saleh

„Seit Anfang Dezember haben wir mehr als zehn Mal bei der Regierung angefragt, Lebensmittel liefern zu dürfen", sagt Steve Taravella. „Jetzt hat sich uns eine Tür geöffnet, die wir so gut es geht nutzen wollen." Laut Travalla sollen zwei weitere Konvois folgen, sodass noch diese Woche mehr Lebensmittel und Hilfsgüter geliefert werden können.

„Es ist ein schrecklicher Anblick", so Taravella weiter. „Gerade auch für die Helfer ist es einfach nur schmerzhaft zu sehen, wie sehr die Menschen dort leiden."

Hier klicken, um für das Welternährungsprogramm der UN zu spenden.