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Mit X-Jam und Summer Splash verlassen die größten Maturareisen-Veranstalter die Türkei

2016 ist für Summer Splash und X-Jam die Entscheidung gefallen, die Türkei zu verlassen. Wir haben uns angesehen, wo die Maturanten nun feiern werden.

von Fredi Ferkova
28 März 2017, 3:20pm

Screenshot via YouTube.

Header via YouTube.

Seit 2016  dominiert in unserer Medienlandschaft ein Thema: die Türkei. Dank Schlagworten wie Erdoğan, Referendum, Putschversuch, Flüchtlingslager in der Türkei, Terroranschläge und Merkels Verhandlungen mit dem Staatschef, malten die Medien ein bröckelndes Bild vom einst beliebten Urlaubsland. Und die Rechnung ließ nicht lange auf sich warten: Die Tourismus-Zahlen sind gesunken und Österreich hat eine partielle Reisewarnung für die Türkei ausgesprochen.

So ist es eigentlich nicht überraschend, dass die Maturareisen-Anbieter X-JAM und Summer Splash die Entscheidung getroffen haben, ihre Gründungsdestination zu verlassen. Nach über zehn Jahren im selben Land, ziehen beide weiter. Mit politischen Aktivismus hat das Ganze aber nichts zu tun: Wie allen Firmen geht es auch den Maturareisen-Veranstaltern um Gewinn. Natürlich ist der Gewinn gefährdet, wenn wir bedenken, dass Eltern die Maturareise bezahlen und diese höchstwahrscheinlich über die Lage in der Türkei informiert sind.

Es ist aber nicht nur die Zahlungsbereitschaft der Eltern. Lara hat letztes Jahr die Matura bestanden und ihre Maturareise in Spanien verbracht. Nicht in die Türkei zu fahren, war in der Planungsphase des Trips eine bewusste Entscheidung: "Wir haben schon auch über die Türkei nachgedacht, aber wir haben uns dann dagegen entschieden, weil die Lage eben nicht so sicher ist. Beziehungsweise weil manche Eltern eine Maturareise in der Türkei nicht bezahlt hätten. Ich finde, es ist nach wie vor ein wunderschöner Urlaubsort und vor organisierten Reisen hätte ich eigentlich keine Angst." Wie viele andere auch, würde sie nach wie vor in die Türkei reisen, versteht aber Maturareisen-Veranstalter, die lieber den sicheren Weg gehen. Wie Die Presse Ende Oktober letzten Jahres berichtete, fiel die Zahl der ausländischen Besucher in der Türkei 2016 um 32 Prozent.

Dass es höchste Zeit wurde, die Maturareisen aus der Türkei abzuziehen, findet Simon, der die Matura heuer vor sich hat: "Letztes Jahr war es wohl zu spät, um auf die Entwicklungen zu reagieren, aber ich finde es gut, dass sie es dieses Jahr tun", sagt er. Und so wie Lara und Simon mit mir reden, wird klar: Maturanten sind sich des Umsatzverlustes und auch der politischen Lage in der Türkei durchaus bewusst. Simon würde besonders eine erschwerte Ausreise Sorge machen – auch wenn er eh weiß, dass er sich da zu viel Gedanken macht: "Wenn ich auf Urlaub fahre oder auch auf die Maturareise, möchte ich nicht im Hinterkopf haben, dass etwas passieren könnte. Unabhängig davon, dass ich Erdoğan und die Türkei mit meinem Geld nicht unterstützen möchte."

Beide sind eigentlich keine Fans von organisierten Maturareisen. Simon erklärt auch, warum: "Da fahren nur Bauern und Opfer hin." Wie man auch zu Massenbesäufnissen stehen mag: Die zwei größten Maturareisen-Veranstalter ziehen aus ihren Destinationen ab und setzen auf neue Pferde. Ich habe X-JAM und Summer Splash Fragen zu ihren neuen Konzepten und Orten gestellt und mich über ihre neuen Hotelanlagen näher informiert.

Summer Splash

Screenshot via YouTube.

Wie erwähnt, zieht Summer Splash aus der Türkei weg. Eine Hotelanlage in Sizilien wird der neue Hort für angehende Akademiker und alle, die es theoretisch werden könnten. Das Prinzip des großen Hotels mit vielen Möglichkeiten bleibt. So haben Maturanten zwar keine Möglichkeit, zwischen vielen Unterkunftskategorien zu wählen, dürfen aber durchaus einen sandigen Meerzugang frei von Seeigeln erwarten. Nach einer 15-minütigen Shuttle-Fahrt.

Ein weiteres Manko: Summer Splash verkauft Tickets für ein vier Sterne Hotel, jedoch ist das Hotel offiziell noch mit drei Sternen bewertet. Angeblich wird gerade der Standard angehoben, um den vier Sternen gerecht zu werden. Wenn man die Hotelanlage googelt und sich die bisherigen Reviews ansieht, ist es auch an der Zeit, die Qualität des Hotels anzuheben. Ehemalige Gäste bemängeln nicht nur die Küche und Hygiene, sondern auch das Angebot: Alles Punkte, die Summer Splash auf ihrer Webseite anpreist. Kurt Kaiser, Kommunikationschef der Splashline GmbH, sieht genau da den Vorteil: "Erstmals in der Geschichte können wir als Veranstalter maßgeblich die bauliche Gestaltung eines Summer Splash Clubs mit beeinflussen." Kaiser nennt das auch als Grund, warum Sizilien nicht nur eine Zwischenlösung sein wird. 

Genau wie bei X-JAM werden sich Maturanten auch weniger Gedanken um die Verpflegung machen müssen: Immerhin gibt es ein All-Inclusive-Angebot. Auch sonst ist das Angebot nicht so viel anders wie das von X-JAM. Es wird sportliche Aktivitäten geben, genauso wie Reisen außerhalb der Hotelanlage und sehr sichtbare Sponsoren-Aktionen. Ob und wann eine Rückkehr in die Türkei stattfindet, kann Kaiser nicht abschätzen: "Im Moment halten wir das für ausgeschlossen und was in den nächsten Jahren passiert, lässt sich seriös nicht abschätzen." Deshalb wird für 2018 schon kräftig die Werbemaschine angeworfen: Nächstes Jahr hostet das Electric Love Festival das Summer Splash.

X-JAM

Foto von Isabella Khom

DocLX, die Firma hinter X-JAM, organisiert ja bekanntlich auch das Lighthouse Festival in Kroatien. Das sieht man auch an den Besuchern des LHFs: Nicht nur ist die Anzahl der Festivalbesucher rasant gestiegen, sie wurden auch sehr viel jünger. Mit der Anzahl der Besucher bleibt es aber für das Lighthouse Festival vorerst bei 3500 Tickets und auch die werden zu einem guten Teil an ehemalige Besucher weitergegeben. 

Es ist nicht verwunderlich, dass Alex Knechtberger, der Mann hinter DocLX, auch weiterhin auf die VALMAR-Location in Kroatien setzt. Nach 15 erfolgreichen Jahren verabschiedet sich X-JAM geichzeitig auch aus der Türkei und geht gar nicht so neue Wege, wie vorerst angedacht und -gepriesen. Was im Mai bei der Zielgruppe funktioniert, wird ja wohl einen Monat später auch funktionieren.

Bei X-JAM setzt man auf verschiedene Unterkunftskategorien. Außerdem hat man die Wahl zwischen einer eigenen Anreise, einem Partybus und einem Party-Flieger. Es gibt Villen, Hotelzimmer und Apartments. Techno wird es bei X-Jam auch spielen, zumindest deutet das der Electro-Floor an. Es wird auch auch Motorcross und mehr Sport-Angebot als noch in der Türkei geben. Den Nature-Floor, die Villa-Party und auch die Secret-Party kennt man schon vom LHF.

Das erweiterte Angebot für Maturanten – eine White Night, eine Neon-Party und Color Baaaaash sind bisher noch nicht im Lighthouse Festival-Programm drinnen, durchaus aber aus den vorherigen X-JAM-Reisen bekannt. Auf meine Fragen bezüglich der Türkei weicht Knechtberger aus und betont die Vorteile von X-JAM in Kroatien. Diese wären – ähnlich wie bei Marktführern Apple und McDonald's – in dem Individualisierungsangebot gegeben. Wie sehr man Apple und McDonald's mit einer Eventfirma vergleichen sollte, lasse ich hier offen.

Auf die Frage, ob man eine Rückkehr in die Türkei plant, hat Knechtberger klare Worte: "Mit der VALAMAR-Gruppe haben wir einen großartigen Partner für X-JAM gefunden. Es ist nicht nur die größte Hotelgruppe in Kroatien, sondern sie steht auch mehrheitlich in österreichischem Eigentum, wodurch wir die durchgängig hohe Qualität unserer Reise langfristig garantieren können. Für die nächsten Jahre werden wir sicherlich in Kroatien bleiben und schätzen auch die Vorteile einer Destination innerhalb des EU-Raums mit besonders guter Erreichbarkeit und allen Vorteilen, die man innerhalb der Union findet." Na dann.

Alternativen gibt es immer

Wer keine Lust hat, zu den größten Veranstaltern zu gehen und die Masse an Maturanten zu ertragen, kann noch immer das TURNON buchen, wo man die Maturareise als Klasse zusammen auf See verbringt – auf einer All-Inclusive-Yacht, um genau zu sein. Und wer es überhaupt nicht schätzt, einfach eine zahlende Nummer zu sein, der man ab und zu Neon-Farben oder Sponsoren-Geschenke in die Hand gibt, tut sich am besten die Arbeit an und bucht so wie Lara und ihre Klasse die Maturareise selbst. Das kommt meistens billiger und ist individueller. Außer natürlich man sieht es wie Sandro, der vor vier Jahren auf einer organisierten Maturareise war und es geliebt hat: "Man muss sich um nichts kümmern, man setzt sich einfach in den Flieger und ist dann unter lauter gleichaltrigen Menschen, die ihren Erfolg begießen wollen." So oder so, die Matura gehört auf die eine oder andere Art gefeiert. Nur eben nicht mehr in der Türkei.

Fredi hat Twitter: @schla_wienerin

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