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Ein Blick hinter die Arbeit von jungen Zürcher Record-Labels

Schweizer Labels: Deine Freunde und Helfer? Die Macher von -OUS und Red Brick Chapel im Gespräch.
20 Dezember 2016, 11:25am
Alle Fotos von Jojo Schulmeister

Vielleicht ist es ein Trend, vielleicht nur mein Fokus: In den Weiten meiner Social-Media-Bubble lese ich momentan fast mehr als von neuen Bandnamen, Aliases oder DJs von ihnen: neuen Labels.

Dass man mit einem Laptop und Internetzugang zu Ruhm in der Musikwelt gelangen kann, ist spätestens seit Myspace bekannt. Dass sich immer mehr Künstler auch in dem probieren, was früher noch den Geschäftsleuten inne war, ist mit Netlabels und Konsorten sicher auch nichts Brandneues. Entdecke ich aber innerhalb von einem Jahr vier bis fünf neue Labels in meiner Stadt (zum Beispiel RAVE U R, -OUS, hommes du monde, Red Brick Chapel, Lauter Musik), stellen sich mir doch viele Fragen. Welche Arbeit steht dahinter? Wie seriös arbeiten die jeweiligen Teams und was sind ihre Ziele?

Ich selbst könnte diese Fragen für mich auch beantworten, habe ich doch mit meinem Mitmusiker und Freund Mirko Schwab Mitte dieses Jahres BlauBlau Records gegründet. Allerdings glaube ich an eine grosse Vielfalt unter den Herangehensweisen an dieses Ding "Label", weshalb ich mir zwei Crews in der Hoffnung, mehr über deren Arbeit herauszufinden, genauer angeschaut habe.

Nicholas Schärer dreht als Ink! die Plattenspieler und Leitet das Label -OUS

Nicholas Schärer, ein Teil des frischen Labels -OUS und als DJ unter dem Namen Ink! bekannt, negiert meine ursprüngliche Vorstellung eines wirtschaftlichen Unternehmens erstmal nicht: Ein Label sei sehr wohl ein Dienstleister. Dahinter stecke eine Menge administrative Arbeit, Mails schreiben, Koordination. Kurz: kaufmännische Handarbeit. Dabei gehe es vor allem um ein Management der vielen Arme, deren Körper der Musiker darstellt. "Mit jedem Künstler erarbeiten wir einen bestimmten Plan, eine Idee. Dafür suchen wir dann Partner, die diese mit uns oder auch für uns umsetzen", meint Schärer und weist darauf hin, dass dieser Plan bei jedem Künstler in eine andere Richtung gehen kann. So wird bei einem Künstler für eine Plattentaufe vielleicht per Brief, bei einem Anderen mit Web-Anzeigen eingeladen. Das Label ist also erstmal eine Ergänzung des Künstlers, es führt ihn weiter und giesst ihn in ein Produkt.

Trotzdem ist diese beratende Funktion nicht alles, was so ein Laden macht. Schärer: "Ein Label muss viel mehr sein, als ein Ort an dem Musik veröffentlicht wird. Es muss unbedingt eine Handschrift haben. Es muss erkennbar sein, in der Musik und im Visuellen, im ganzen Drumherum, in der Art der Promo, der Kommunikation." So stammen bei -OUS zum Beispiel alle grafischen Arbeiten aus der Hand des Künstlers Fichtre. Doch inwiefern ist denn so ein Label selbst ein künstlerisches Produkt? Musikschaffen habe immer mit Selbstverwirklichung zu tun, meint Schärer. Dies sei vor allem mit dem Schwund des Geldes aus der Musik so gekommen. Arbeit wird nicht gewöhnlich bezahlt—es muss ein Herzensentscheid sein.

Es entsteht also eine Wechselwirkung. Zwischen dem Label als Plattform, als Marke, und dem Musiker mit seinem ganz eigenen Bild. Doch wo überschneiden sich diese Bilder und wo stören sie sich vielleicht auch? Schärer nimmt sich heraus, als Label immer ein Vetorecht zu haben. Wenn allerdings der Entscheid, mit einem Künstler zu arbeiten, gefallen ist, geht es auch darum, das Label mit dem Künstler zu tragen. Dieser ist im Katalog sichtbar und damit ein Statement des Labels gegen aussen. Dann passiert vieles auf Diskussionsbasis, Schärer und seine Mitstreiter wirken beratend. Und so klingt es auch im Gespräch. Als ich ihm den Begriff "Marke" auf den Tisch lege, holt er aus: "Das Label ist eine Zweitmeinung, ein Vieraugenprinzip. Es versucht, dich zu verstehen und deine Inhalte zu kommunizieren. Es berät und nimmt Einfluss. Es ist dein guter Freund."

Das Label, der gute Freund eines jeden Musikers? Klingt sehr schön und fast schon zweifle ich daran, ob es denn auch ohne geht. Es gibt ja durchaus sehr selbstständige Künstler, die es auch ohne Rückenwind eines Labels schaffen, eine grosse Präsenz zu erreichen. "Wir gleichen Leerstellen aus. Natürlich kannst du ohne, aber ein Label weiss Sachen, die ein Künstler nicht weiss. Vor allem im trockenen, administrativen Bereich. Musik funktioniert über Netzwerke. Ein Label ist ein Netzwerk, du gewinnst als Künstler also nur dazu. Und du teilst Verantwortung. Gewisse haben gerne alles unter Kontrolle, gewisse geben gerne ab. Dies wird dann zum Beispiel bei Deals berücksichtigt."

-OUS wird von vier Leuten geführt. Dazu gehören neben Nicholas Schärer die Musiker IOKOI und Feldermelder. Die Acts auf ihrem Label sind neben den Mitgliedern selbst auch Bit-Tuner, Senking und Hirsch&Eigner. Also Electronica zwischen Bass-Music und Experimental. Schärer selbst versteht das musikalische Gebiet des Labels in den Randbereichen der elektronischen Musik. Allerdings wissen auch sie nicht, was für Musik in fünf Jahren auf ihrem Label erscheint. Genretechnisch bewegt sich -OUS also nicht in einem sehr konkreten Kontext, in der Herangehensweise, der Offenheit gegenüber dem, was mit der Musiklandschaft passiert, und der Haltung aber will sich das Label treu bleiben. Sie wollen ihr Produkt auf dem internationalen Markt verbreiten und so eine treue Zuhörerschaft gewinnen. Brücken schlagen, Netzwerke bauen und Umverteilen sind Begriffe in Schärers Wortschatz, wenn er über das Label spricht.

Dass er einiges an Erfahrung mitbringt, merke ich aus dem Gespräch. Was daher auch Sinn macht, da er ebenfalls ein Kopf des Zürcher Labels Hula Honeys ist. Der Grund dafür, ein zweites Label zu gründen, liegt laut Schärer am Wunsch nach einem Moment, in dem er über Sachen neu nachdenken kann und Muster neu hinterfragen darf. "Wir hatten Lust, nochmals zu bauen, nochmals von vorne zu beginnen." Hula Honeys ist momentan auf Eis.

Üben das Weihnachtsständchen für die Red-Brick-Chapel-GV: Martin Schenker, Simon Borer & Chregi Müller

In dieser Lernphase, die Schärer über viele Jahre Hula Honeys durchgemacht hat, ist derzeit vielleicht Simon Borer. Er hat im Alleingang das Label Red Brick Chapel gegründet, ist selbst als Long Tall Jefferson unterwegs und hat ein inzwischen ganz schön grosses Kollektiv um sich gescharrt, das sich zusammen um das Label kümmert. Dazu gehören Acts wie Trio Heinz Herbert, VSITOR, East Sister oder Haubi Songs. Genretechnisch finde ich keine grobe Linie, umso gespannter bin ich, wie es das Musikerkollektiv schafft, die Truppe unter einem Deckmantel zusammenzuhalten. Ein Label irgendwo zwischen Kunst und Dienstleistung zuzuordnen, liegt Borer nicht. "Wir sind vor allem eine Werkstatt. Es liegen Tools da, diese dürfen unsere Künstler nutzen." Vielleicht sei sein Label aber auch ein Sonderfall. Es ist so gut wie alles offen, alles findet in der Diskussion statt. Es gibt keine Sparteneinordnung, es gibt keine Vorgaben oder Verpflichtungen. Was es dann sei, frag ich ihn und er sagt: "Vor allem ein Netzwerk mit einer gewissen Art von Öffentlichkeit. Und natürlich wünschen wir uns, ein Multiplikator für die Künstler zu sein." Im Gespräch verweist Borer immer wieder auf den Text auf ihrer Website, der seiner Meinung nach das Label am Besten beschreibt. Da steht: "Red Brick Chapel ist eine Familie. Es ist ein Zuhause. Und wie in jeder Familie, versuchen wir uns gegenseitig zu helfen, wo wir können." Die Berechtigung, sich Label zu nennen, kommt durch die gemeinsamen Vertriebskanäle. Es sei die Haltung zum Business, die Wertschätzung der Musik, die alle Leute auf dem Label verbindet. Und diese Connection wird durchaus wahrgenommen. Borer erzählt von Festivals, die gleich drei, vier Acts von Red Brick Chapel buchen. Erklären kann er sich sowas vor allem dadurch, dass dieses Netzwerk in sich auf sich referiert.

Finanziert hat Red Brick Chapel seinen Künstlern noch nie was. "Wir versuchen unsere Künstler mündig zu machen. Wir wollen herausfinden, wie die Musikwelt funktioniert, herausfinden, wie grosse Labels arbeiten und dieses Wissen teilen, genauso wie wir alle Kontakte untereinander teilen." Die konkreten Aufgaben bestehen dann ähnlich wie bei -OUS im Consulting, der Planung. Es wird ein Team zusammengebaut, das trifft sich und bespricht einen Release. Dann kann es beispielsweise sein, dass das Gremium sich einig wird, dass eine Platte eine separate Radio-Promo braucht, oder einem Künstler auch von etwas abgeraten wird, einer Pressung etwa. Entscheidungen liegen aber immer beim Künstler selbst. Wird ein neuer Künstler aufgenommen, müssen alle einstimmig dafür sein. Gerade war Borer als Long Tall Jefferson in Deutschland auf Tour und hat hie und da von den Namen seiner Labelfreunde erzählt, wenn er empfand, dass es ein passender Ort für einen bestimmten Act sei. So funktioniert das Netzwerk.

Ich durfte zwei Labels über die Schultern gucken und merke immer mehr, auch in meiner eigenen Arbeit mit BlauBlau Records, wie weit die Realität von meiner früheren Vorstellung eines Labels abdriftet. Und diese Vorstellung teilen wohl immer noch viele junge Musiker. Borer erzählt von Bewerbungsschreiben, die bei Red Brick Chapel im Briefkasten landen. Das Verständnis für "Was wollen wir?" fehle vielen Bands. Er selbst wollte mit einem früheren Projekt unbedingt zu einem Label und sei sogar mal beim kleinen Luzerner Label Little Jig vorbeigegangen. Inzwischen verstehe er die Leute, die ihm damals Absagen erteilt haben. Die romantische Sicht vom Entdecktwerden ist ein grosser Ausnahmefall. Machst du Musik, wächst du in eine Szene hinein, beginnst mit verschiedenen Partnern zu arbeiten und irgendwann ist dabei vielleicht auch ein Label, das gewisse Lücken ausfüllen und Ideen kanalisieren kann. Und hier liegt wohl der Grund für die Masse an jungen Labels: Als Künstler musst du nicht auf die grossen, weit entfernten, persönlich nicht verknüpften Kontakte warten, du versuchst Synergien im nahen Umfeld zu nutzen. Und das macht sehr viel Sinn.

Auf Red Brick Chapel erscheint im Januar das neue Album von Trio Heinz Herbert. Auf -OUS erscheint Anfang Jahr eine Feldermelder-EP. Es lohnt sich, an diesen beiden sympathischen Crews dranzubleiben.