Sex

Wie die Affäre meines Freundes unsere Beziehung rettete

Unsere Beziehung war wie ein gemütliches, warmgefurztes Sofa. Dann kam Lisa. Und zwang uns, darüber nachzudenken, wie wir weiterlieben wollen.

von Katja Lewina
15 Dezember 2016, 9:39am

Es war Silvester, und ich lag zusammengekrümmt neben der Kloschüssel. Soweit nichts Ungewöhnliches. Doch es war nicht die epische Party, der ich meinen beschissenen Zustand zu verdanken hatte, sondern ein Anruf. Die männliche Stimme am anderen Ende der Leitung wollte mir keinen guten Rutsch wünschen. Die Stimme sagte: "Dein Freund hat mit meiner Freundin eine Affäre. Seit ein paar Monaten schon." Und auch jetzt, in diesem Augenblick, seien die beiden zusammen, was ich, wie er fand, wissen sollte. Um die notwendigen Konsequenzen daraus zu ziehen. Dann fing er an zu weinen. Ich wünschte ihm viel Glück dabei und legte auf. Mein Leben war zu Ende – zumindest das Leben, wie ich es vorher kannte.

Das ist die Autorin | Foto: privat

André und ich waren glücklich. Wir waren zufrieden mit unseren Jobs, hatten eine von diesen Altbauwohnungen, die jedem Großstädter ein feuchtes Höschen beschert, und unsere Tatort-Abende. Wie das eben so ist, wenn man schon ein paar Jahre zusammen verbracht hat. Zugegeben, es war ein wenig langweilig. Aber es war unsere Langeweile. Es war unser weiches, warmgefurztes Sofa, und wir wollten es so und nicht anders. Dachte ich jedenfalls.

Als ich André zur Rede stellte, beteuerte er, das auch all die Zeit gedacht zu haben. Jedenfalls, bis ihm Lisa über den Weg lief – und sich in ihn Hals über Kopf verguckte. Mit und auch in ihr habe er sich wieder lebendig gefühlt, sagte er. Ich wollte ihn töten.

Am schlimmsten war nicht mal, dass er fremdgevögelt hatte. Sondern die Lügen, die André mir aufgetischt hatte, um sie treffen zu können. Und die Selbstzweifel. Ich hatte über drei Monate nichts von alldem gemerkt, was mich meine eigene Wahrnehmungsfähigkeit stark in Frage stellen ließ. Und meine Attraktivität. Und meine sexuellen Fähigkeiten. Und letztendlich alles, was in mir drin und an mir dran war.

Unsere Freunde warteten darauf, dass wir uns trennten. Ein anderes Szenario dafür, was man nach so einem Betrug macht, gab es nicht. Nach der Affäre ist der Betrüger ein würdeloses Arschloch und die Betrogene arm dran, aber auch irgendwie ziemlich würdelos. Eine klassische Lose-Lose-Situation, aus der man sich am besten so schnell wie möglich befreit, um zu seinem Stolz zurück zu finden.

Wir trennten uns nicht. Stattdessen verbrachten wir die nächsten Wochen mit genau drei Dingen: Heulen, Reden und Ficken. Meistens alles gleichzeitig. Wir nahmen beide ab, fanden keine Zeit zum Schlafen mehr. Das gemütliche Sofa war voll Tränen, Schweiß und Sperma. Es war unfassbar, wie die Unsicherheit, in der wir uns plötzlich befanden, unsere Libido befeuerte.

Es war die hässlichste Zeit meines Lebens – und die aufregendste zugleich. Bislang hatte ich all die Menschen ausgelacht, die einem eine Krise als Chance verkaufen wollen, aber jetzt sah ich es selbst: Wenn alles zusammenbricht und es nichts mehr gibt, woran du dich halten kannst, läutet das die totale Freiheit ein.

Wir schmissen die Hälfte von unserem Zeug weg und dann unsere Jobs, verschenkten unser Auto an jemanden, der es nötiger hatte, und hauten unser Erspartes für einen Abstecher nach Asien auf den Kopf.

Wir dachten, wir haben unsere Zweierbeziehung gerettet. Aber dann landete ich auf dieser Party.

Die Bekannte einer Freundin hatte Geburtstag. Jener Freundin, bei der ich mich öfter wegen Andrés Affäre ausgeheult hatte. Ich kam mit Rotweinflasche und Blumen zur Party. Ein Nackter öffnete mir die Tür. Ein schöner Nackter. Eine Art Jesus mit Fitnessclub-Abo.

Die Tür ging weiter auf und mit ihr meine Augen. Alle in der Wohnung waren nackt. Keine Hippies, sondern junge, heiße Menschen. In der Zeit vor Andrés Affäre hätte ich vermutlich eine Weile unauffällig am Buffet rumgestanden, um in einem geeigneten Augenblick die Flucht zu ergreifen. Jetzt dachte ich: "Was soll's?" Ich wollte mich nicht rächen, oder ihm eins auswischen. Aber ich verstand, was er mit "sich lebendig fühlen" meinte. Und außerdem kommt man sich als einzige Angezogene in einem Raum voller Nackter unglaublich dämlich vor. Ich pellte mir also mein sorgsam zusammengestelltes Outfit vom Leib und folgte dem Wunsch der Gastgeberin, sie zu massieren. Sie wollte Nähe, und nicht Erotik, hatte sie gesagt. Aber wie zur Hölle konnte das hier nicht erotisch sein? Der nackte Jesus fing an, mich zu massieren, von der anderen Seite drängte sich eine muskulöse Frau an mich, und an meinem Rücken strichen zwei Brüste auf und ab. Ich geriet mehr und mehr in Verzückung. Dann in Erregung. Und dann …


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Das Ergebnis dieses Abends waren schreckliche Schuldgefühle. Ich entlud sie noch in derselben Nacht in Form von Rotz und Wasser an Andrés Hals. Es sollte doch alles besser werden jetzt mit uns, und nun das! Ich hatte mich auf Zerstörungswut eingestellt, mindestens jedoch auf Beschimpfungen, möglicherweise ein paar Tränen. Aber Andrés Reaktion war das komplette Gegenteil von dem, was ich erwartet hatte: Er fand es OK. Einfach nur OK.

Ich war überrascht. Keine Eifersucht, keine Verletzung, kein Verlustängste, kein gar nichts?

Kopfschütteln. Gelegenheit macht Diebe, sagte er und grinste. Wir seien offenbar beide nicht immun gegen Reize von außen, wenn wir ganz ehrlich wären.

Bis das mit der offenen Beziehung beschlossene Sache war, dauerte es trotzdem. Wir zermarterten uns noch eine Weile die Hirne, was uns alles Schreckliches widerfahren könnte. Es würde letztendlich doch wehtun. Es würde die Beziehung gefährden. Einer von uns würde sich in jemand anders verlieben.

Bis wir auf die Zweifel schissen und es einfach ausprobierten.

Natürlich hatten wir Recht. Es war gruselig, es hat oft weh getan. Aber: Es hat sich auf jeden Fall gelohnt. Wenn ich ehrlich bin, war die Gefahr, dass unsere Beziehungen der Harmoniesucht und Gewöhnlichkeit zum Opfer fiel viel größer als die, die von gelegentlichen Abenteuern ausging. Noch heute denke ich voller Dankbarkeit an den Whistleblower von Silvester. Ich hoffe, es geht ihm gut. Sein Anruf war das Beste, was mir passieren konnte. Paradox wie es klingt: Die Affäre meines Freundes hat unsere Beziehung gerettet.

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