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Nu Metal, Dragonball, Tony Hawk – Papa Roach im ultimativen 2000er-Interview

"Wenn ich meinen Kids Musik vorspiele, fragen sie: 'Uh, wer ist das?' Und ich: 'Es ist der OG, Eminem, mein Sohn!'" – Jacoby Shaddix, Papa Roach

von Vincent Grundke
16 Mai 2017, 1:29pm

Foto: Papa Roach

Was war das für ein Leben. Damals, im magischen Jahr 2000 – diese unbeschwerte Zeit, als Nasenschleim noch faszinierend zwischen den Fingerkuppen hin und herglitt [OK, Vincent. – Anm. d. Redaktion]. Als Boybands gerade noch cool genug waren, um posterweise die fleckige Raufasertapete im Kinderzimmer zu überdecken. Es war Ende April. Nach DJ Ötzis unverdient grausamer Ohrabschlachtung "Anton aus Tirol" hatte es gerade Die 3. Generation mit der Big Brother-Hymne "Leb!" an die Spitze der deutschen Charts geschafft. Genau danach kam Zlatkos Container-Ballade "Ich vermiss dich ... (wie die Hölle)".


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Schlimme Zeiten für die Musikwelt. Menschen waren verwirrt. In den USA gab es die großen Gruppen wie Destiny's Child und *NSYNC, hier Zlatko. Schreiend suchten die Kids in ihrer Verzweiflung nach etwas Hartem mit ordentlich Reibungsfläche. Dann kamen Papa Roach mit der überdrehten Rock-Rap-Platte Infest um die Ecke, die eine ganze Generation einfing. Mitten rein in ein Gemenge aus aufgetakelten Popstars und billigstem Schlager. Eine Zeit des Umschwungs, ein Jahr, das es laut Computerspezialisten gar nicht hätte geben können. Überrascht, doch noch am Leben zu sein, stellten viele ihre Parameter neu ein.

Heraus kam die Antithese zu jeglicher Art von Musik: Nu Metal. Er nahm sich aus allen Bereichen, was er wollte, und gab dann einen Fick drauf. Alle verrückten Vögel, die sich für krude Synthesen verschiedenster Stile entschieden, wurden in diesen einen Topf geworfen. Papa Roach eben auch, weil deren Frontmann Jacoby Shaddix ja so hart rappte! Eine Band zwischen den Stühlen in einer Zeit zwischen den Stühlen. Nach sieben Jahren Garagen-Punk waren die Kalifornier plötzlich Weltstars. Ob sie das überhaupt auf die Kette gekriegt haben und was noch an Erinnerungen von diesen Momenten übrig ist, das wollen wir vom heutigen Familienvater Shaddix wissen, der immer noch äußerst aktiv die Flagge Papa Roach hochhält. Am Freitag erscheint ihr neues Album Crooked Teeth, also haben wir uns mit Ex-Coby Dick auf nostalgische Zeitreise zurück ins goldene Jahr 2000 gewagt.

Noisey: Kannst du dich erinnern, in welchem Geisteszustand du zur Jahrtausendwende warst?
Jacoby Shaddix: 2000 war einfach wild! Wir haben Infest veröffentlicht – eine Band, die in einem Van herumgereist ist und um die sich keiner geschert hat. Auf einmal gaben uns Leute Instrumente, unser Van wurde zum Tourbus, dann zum Privatjet. Das war ein wilder Ritt, ein Nebel, um ehrlich zu sein. Das ging alles so schnell. All die harte Arbeit, die wir so lange reingesteckt haben – seit 1993 – und dann explodieren wir 2000 zur Spitze der Szene, das war einfach wahnwitzig. Also haben wir uns Ärsche abgefeiert, haha. Wir sind die Welt getourt, haben überall gespielt, unseren Verstand verloren.

Keine Zeit, um irgendwas zu realisieren. Was ist da mit deinem Kopf passiert?

Ich habe mich ein wenig verloren. Ich habe wirklich hart gefeiert, was Spaß gemacht hat. Aber nach zwei Jahren Party jede Nacht brauchte ich eine Pause ... Nicht mehr auf der Straße sein. Das hat von der ganzen Band Tribut gefordert. Egos, Verrücktheit, Geld, Unsicherheiten. Wir wussten nicht, wie man mit plötzlichem Erfolg umgeht. Das war ein Lernprozess, aber auch ein großartiger Trip. Weil wir Musik gemacht haben, die die Köpfe von Menschen bewegt hat.

Wie war die Szene damals?

Zu der Zeit hat Nu Metal einfach abgerissen. Deftones und Korn und Incubus, Limp Bizkit, Static X, all diese verschiedenen Bands. Wir wurden alle Nu Metal genannt und klangen doch so komplett anders. Es war eine großartige Zeit für Musik an sich. Viele Leute haben viele Alben verkauft, davon haben die Bands profitiert, konnten für ihre Konzerte dicke Produktionen auffahren. Wir haben viele Freunde gemacht in dieser Zeit. Deftones, Limp Bizkit, die Jungs von Korn: Das waren die Bands, zu denen wir auch aufgeschaut haben. Auf einmal teilten wir uns die Bühne mit ihnen.

Als euer Album Infest am 25. April 2000 rauskam, war Santana mit "Maria Maria" auf Platz eins der US Charts, der gerade erst Destiny's Child mit "Say My Name" abgeglöst hatte. Kannst du dich erinnern?
Oh, ja ja [singt Santanas Gitarrenmelodie nach].

In den Album-Charts waren es *NSYNC mit No Strings Attached. Dann kamen Britney Spears und Eminem. Es war die Zeit der Blockbuster-Popstars, Boybands und Girlgroups.

Ja Dude, da waren all diese Popstars und wir verrückt freakigen Punk-Metalhead-Kids namens Papa Roach. Wir haben uns um diesen Scheiß so gar nicht gekümmert, wir wollten nur leidenschaftliche Rockmusik machen, die echt war, vom Herzen und von der Straße kam. Bam! Und so ist es noch immer.

Wart ihr die Gegenbewegung?

Sie wollten uns sogar weismachen, dass wir eine Boyband sind. Stimmt! Wir waren ja vier Jungs in einer Band ...

Wollten sie euch dazu zwingen, wie eine Boyband auszusehen?
Nein, nein. Aber weil wir so schnell erfolgreich wurden, dachten die Leute, wir wären eine künstlich erschaffene Band. Als wäre ein Typ aus der Industrie gekommen und hätte uns zusammengestellt. Fuck no, wir sind vier Kids aus einer kleinen Stadt, die sieben Jahre lang in einer Garage zusammen Musik gemacht hat, bevor der Erfolg kam. Wir sind dem natürlich organischen Weg gefolgt, wie AFI, Green Day und die Red Hot Chili Peppers.


Dann war euer Song "Blood Brothers" im Videospiel Tony Hawk's Pro Skater 2. Bis heute verteilt ihr mit dem Song an sehr viele Menschen Kindheitsflashbacks.
Das war eine Mörder-Chance für uns, die Massen zu erreichen. Was für eine Ehre, ein Teil von diesem coolen Moment und diesem krassen Spiel zu sein. Als ich groß wurde, habe ich Tony Hawk als Pro Skater verehrt und auf einmal haben wir einen Song in seinem Videospiel.

Habt ihr viel gezockt zu der Zeit? Um die Zeit von Infest kam gerade die Play Station 2 raus.
Oh ja, wir haben hart im Tourbus gezockt, nur. Oh man, das Snowboard-Spiel SSX Tricky war mein Lieblingsspiel, Tony Hawk's Pro Skater auch. Ich stand mehr auf alternativen Sportspiele, nicht so auf Grand Theft Auto und diesen Scheiß. Mittlerweile bin ich abgekommen von Videospielen, habe jetzt andere Hobbys.

Vater sein.

Und meinen Kindern dabei zuschauen, wie sie Videospiele zocken, haha.

Anfang 2000 kam auch Pokémon als Anime zu uns, während die silberne und goldene Edition des Videospiels rauskamen. Wie sieht es damit aus?

Hell no! Ich bin zu alt für diesen Scheiß. Mein jüngerer Bruder ist voll auf Pokémon abgefahren. Ich war zu beschäftigt damit, Gras zu rauchen und Rock 'n' Roll zu spielen.

Auch Dragonball kam da bei uns raus, das vielleicht?

Dragonball Z? Ja, jemand hat mir gesagt, ich hätte die gleiche Frisur. Ich habe ihm dann gesagt, dass deren Frisuren da wohl eher wie meine aussehen!

Und Harry Potter? Der Feuerkelch war da gerade aktuell.
Nein. Ich muss sagen, sobald wir auf Tour gingen und Shows gespielt haben, hat sich meine Aufmerksamkeit gegenüber Popkultur totgelaufen. Ich wurde so verzaubert von unserer Karriere, vom Musik machen. Anstatt mich also von Kunst und Popkultur inspirieren zu lassen, wurde ich von meiner eigenen Dunkelheit und Gebrochenheit angefeuert. Das wurde mein Fokus. Musik zu machen, die sich mit so vielen der Probleme, an denen ich emotional litt, beschäftigte. Ich habe aufgegeben, all dem Aufmerksamkeit zu schenken, was in der Welt so abging. Ich habe alles für die Musik gegeben.

Bis heute ist euer "Last Resort" von Infest einer der größten Rockhits überhaupt. Jeder kennt es, fast jeder Vollhorst kann sogar den Text mitsingen. Ist das für dich Fluch oder Segen?

Ein totaler Segen, wundervoll. Ich kann irgendwo in der Welt hinkommen und jemand kennt diesen Song, weiß, wer meine Band Papa Roach ist. Das ist ganz schön wild. Dass allein ein Song solch eine große Wirkung auf die Welt haben kann – etwas, das ich miterschaffen habe. Allein darüber nachzudenken ... [wirre Geräusche aus dem Off] Sorry, mein Huhn ist gerade geflüchtet.

Was, dein Huhn?

Ja, ich habe Hühner. Ich will Eier essen! Ich habe sechs Hühner, einen Hund und Katzen.

Sick. Wie erfährst du Popkultur heute, wenn du deine Kinder damit aufwachsen siehst?

Trippy. Die Unterhaltung, auf die die Kinder heute abfahren, driftet so ab. Anstatt Fernsehen zu schauen, gucken sie anderen dabei zu, wie sie auf YouTube Computerspiele spielen. Oder die Leute, die auf Vine so berühmt sind, ermutigen andere, zu Vine zu kommen und wir lachen uns mit meinen Kindern einen ab. Es ist cool, weil Kids verschiedene Talente, Bands, Musiker und Künstler beim Surfen durchs Internet entdecken können. So wie ich damals Musik entdeckt habe, nur eben auf einer anderen Plattform. Ich ging zu diesem Laden namens CD Research und schlug ein Buch mit CDs auf. Dann habe ich ein cooles Albumcover gesehen und wollte es hören. So bin ich zu Rage Against The Machine, Primus und Fugazi gekommen. Es war so extrem anders, aber auch das gleiche.

Aber was für Rap-Musik meine Kids heute hören ... What. The. Fuck? Wie scheiße ist das? Es gibt da diesen Rapper Lil Yachty, das ist nur Krach, um es noch nett zu sagen. Sie haben ihre Musik und ich meine. Das Witzige ist: Wenn ich meinen Kids Musik vorspiele, fragen sie: "Uh, wer ist das?" Und ich: "Es ist der OG, Eminem, mein Sohn! Du kennst den nicht?" Dann merken sie, dass ihr Lieblingsrapper abstinkt und meiner der Beste ist.

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Crooked Teeth von Papa Roach erscheint am 19. Mai 2017 und kann HIER und HIER gekauft werden.


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