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Gamer liefern sich historische Massenschlacht – bis ein einziger Spieler alle trollt

Tausende "Elite: Dangerous"-Gamer traten in einem riesigen Event gegeneinander an. Doch ausgerechnet ein Troll hat sich in die Geschichtsbücher eingetragen. Sein Name: Harry Potter.

von Gregor Thomanek
03 Mai 2017, 9:25am

Bild: Frontier Developments

Mit vielem, mit nahezu allem hatte die Community des Weltraumspiels gerechnet – nur nicht damit. Als sich am vergangenen Samstag Tausende Gamer gleichzeitig einloggten, um an einer der größten Schlachten in der Geschichte des 2014 veröffentlichten Space-Shooters teilzunehmen, wusste jeder einzelne von ihnen, was auf dem Spiel stand. Es galt, das Raumschiff Salomés zu beschützen – oder es zu zerstören. Die Senatorin reiste mit geheimen Informationen durchs All, die zur Lösung des "Formidine Rift"-Mysteriums beitragen könnten, an dem sich die Elite-Spielerschaft seit Jahren die Zähne ausbeißt.

Zu diesem Zeitpunkt waren bereits etliche Stunden der Planung und Koordination in ein Event geflossen, das den Verlauf der persistenten Online-Welt maßgeblich beeinflussen sollte. Entwickler Frontier Developments arbeitete eng mit dem britischen Science-Fiction-Autor Drew Wagar zusammen, der bereits ein begleitendes Buch zum Spiel verfasst hatte und aktuell an seinem zweiten Roman arbeitet. Gemeinsam entwickelte man eine ungewöhnliche Prämisse: Ein eigens abgehaltenes Community-Event sollte den Verlauf der Geschichte mitschreiben. Doch nun hat ein Troll das elaborierte Vorhaben sabotiert.

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Als es vergangenen Samstag soweit war, saß Wagar nicht allein aus Recherchegründen vor seinem PC: Er steuerte das zu eskortierende Schiff Salomés höchstselbst und war damit die wohl größte Zielscheibe des Universums. Neben der kollektiven Geschichtsschreibung nämlich hatte man sich einen besonderen Anreiz für die teilnehmenden Gamer überlegt: Jener Spieler, der Wagars bzw. Salomés Schiff ausschaltete, sollte namentlich im nächsten Buch verewigt werden.

Die Elite-Community wurde in zwei Lager gespalten und jeder Raumschiffjäger musste sich entscheiden, ob er Teil Salomés Eskorte sein wollte, oder sich auf die Seite der Angreifer schlug. Obwohl Elite: Dangerous kein spielinternes Clan-System anbietet, mithilfe dessen sich Spieler in Gruppen organisieren können, formierten sich im Vorfeld des Events etliche Geschwader. Zwischen zahlreichen kleineren Fraktionen bildete sich auf Seiten der Verteidiger schnell die über 3000 Spieler starke "Premonition Allied Coalition" (PAC) als zentrales Defensivbollwerk heraus.

Die Schlacht

Bereits vor der eigentlichen Weltraumschlacht tat sich die Gruppe durch krudes Geklüngel hervor, ins Zentrum der Aufmerksamkeit geriet der lose Zusammenschluss allerdings aus einem anderen Grund. Trotz zahlreicher gleichgesinnter Gruppen, die sich ebenfalls in den Dienst der zu eskortierenden Senatorin stellten, inszenierte sich PAC als alleinige Streitmacht Salomés und rief einen Kill-on-Sight-Befehl aus: Ausnahmslos alle Spieler, die nicht der PAC angehörten, sollten bei Sichtkontakt unverzüglich angegriffen werden – selbst wenn sie ebenfalls Teil der Verteidigungslinie waren. Ob aus Berechnung oder Paranoia, die Fraktion ging noch einen Schritt weiter und schloss Spieler russischer Nationalität mit der hanebüchenden Begründung aus dem genutzten Discord-Chatserver [ein externes Chatprogramm, das von vielen Gamern genutzt wird] aus, sie seien Spione der Angreifer Salomés.

Kaum war der Startschuss gefallen, folgten den großspurigen Ankündigungen schnell Taten. Unzählige Raumschiffe jagten durchs All und nahmen sich gegenseitig ins Visier, während PAC-Mitglieder auf jeden feuerten, der nicht Teil des eigenen Teams war. Im Mittelpunkt der Sternenschlacht: Salomé, die unter Begleitschutz langsam Richtung Zielort vorrückte. Der PAC-Defensive zum Trotz nahm das Schiff der Senatorin binnen kurzer Zeit enormen Schaden, bis es plötzlich von der Bildfläche verschwunden war. Sofort machten Gerüchte ihres Ablebens die Runde – die Wagar wenig später via Twitter bestätigte.

Zwischen Tausenden Kriegsschauplätzen und Lasersalven blieb der entscheidende Abschuss jedoch nahezu unbemerkt. Eine zufriedenstellende Antwort auf jene Frage, wie es den Angreifern gelungen war, eine Schneise in die Defensive zu schlagen, blieb lange unbeantwortet. Erst die Auswertung verschiedener Spielaufnahmen brachte die schockierende Gewissheit: Salomés Mörder war ein Verräter, ihr Ableben ein Inside Job. Harry Potter hatte wieder zugeschlagen.

Der Verrat

Hinter dem Pseudonym des blitznarbigen Zauberlehrlings versteckt sich der wohl berüchtigtste Spieler des Elite-Kosmos. Das bekannteste Mitglied der kaum minder verrufenen "Smiling Dog Crew" geriet bereits mehrfach in die Schlagzeilen, etwa indem der gefürchtete Troll Wohltätigkeits-Livestreams auf Twitch sabotierte oder anderen Elite-Spielern das Leben zur Hölle machte. Seine Gruppierung ist gleichermaßen berühmt wie gefürchtet für das skrupellose Vorgehen, mit dem sie gezielt Fehler und Bugs des Spiels ausnutzt. Statt Entwickler Frontier Developments in Support-Foren oder über ähnliche Kanäle auf derartige Probleme hinzuweisen, versuchen die "grinsenden Hunde" vielmehr, unter deren Ausnutzung so viel Schaden wie möglich anzurichten. Auf diese Weise sei sichergestellt, dass auch tatsächlich etwas gegen die Schwachstellen unternommen werde, so das SDC-Kollektiv.

Mehr als ein simpler Trick war für den vielleicht größten Coup der Gruppe nicht notwendig. Denn dass ein Spieler (in diesem Fall Wagar) die Kontrolle über Salomé respektive ihr Schiff übernimmt, ist längst keine Besonderheit. Um dies zu ermöglichen, verfügt der Spielcharakter über einen normalen Account, wie ihn auch Gamer besitzen – und mit diesem kann man sich spielintern befreunden. Dies ist Harry Potter oder einem anderen PAC-Mitglied gelungen. Und weil es befreundeten Nutzern jederzeit möglich ist, den jeweils anderen zu lokalisieren, konnte der Troll im Gewusel präzise die Position seines Opfers bestimmen, um unbehelligt den tödlichen Schuss abzugeben.

Der Vorfall löste einen Aufschrei innerhalb der Elite-Community aus. Einige Gamer vermuten die Inszenierung des Events durch Entwickler Frontier Developments (ein Gerücht, das durch Wagar bereits dementiert wurde), um für maximales Drama zu sorgen. Andere wiederum spekulieren, SDC habe seit Monaten an der Rehabilitation des eigenen Rufs gearbeitet, sodass sie als Teil der PAC-Defensive akzeptiert wurden. Tatsächlich hat ihre Teilnahmeerlaubnis aber einen anderen Grund: Als Gruppe, die für hinterhältige Angriffe bekannt ist, erschien die Smiling Dog Crew geradezu prädestiniert dafür, ähnliche Taktiken der gegnerischen Lager zu verhindern. Doch ein Wolf im Schafspelz bleibt immer noch ein Wolf – eine Lektion, die Salomés Eskorte auf die harte Tour lernen musste. Sehr zum Leidwesen von Wagar, der sich nun überlegen muss, wie er möglichst unauffällig den Namen Harry Potter in seinem nächsten Roman unterbringt.

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