Selbstversuch

Ich habe aus meiner Spucke Alkohol gemacht und getrunken

Weil selbstgemacht immer noch am besten schmeckt.

von Jamie Lee Curtis Taete
06 September 2018, 2:46pm

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Weil ich es für falsch halte, für Genuss zu töten, muss ich mir seit meinen Teenagertagen anhören, was ich alles in im Leben verpassen würde: das köstliche Fett einer Ramen-Brühe oder zart-faseriges Fleisch, das sich wie von selbst von gegrillten Rippchen löst. Manche behaupten sogar, mein Gehirn würde vor die Hunde gehen, weil ich nicht genug Omega-3-Fettsäuren oder so abbekomme.

Um mir als Veganer diese ganzen tollen Sachen nicht entgehen zu lassen, habe ich mich dazu entschlossen, tierische Produkte aus der einzig wirklich ethischen Quelle herzustellen: mir selbst. Ich werde also nacheinander Gerichte und Getränke aus Dingen herstellen, die mein Körper produziert. Und weil ich so nett bin, lasse ich euch daran teilhaben.

Als erstes: ein alkoholisches Gebräu aus meiner Spucke.


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Getränke auf Speichelbasis haben eine lange Tradition. Chicha, ein Getränk aus den Anden, wird seit rund 7.000 Jahren aus fermentierter Maisspucke hergestellt. Ein besonders kreativer Kopf ist auf die Idee gekommen, Getreide zu kauen, auszuspucken, diese Spucke zu sammeln, ein paar Tage vor sich hinschimmeln zu lassen und anschließend zu trinken. Diese gewöhnungsbedürftige Brautechnik ist auch in anderen Teilen der Welt bekannt: In Brasilien gibt es Cauim, in Peru Masato, in Taiwan Xiǎomǐ jiǔ und in Japan Kuchikamizake. Während die ersten beiden aus gekauten Wurzeln hergestellt werden, macht man die chinesische Variante aus Hirse und die japanische aus gekauten Kastanien oder Reis. Vielleicht kennst du das Getränk aus dem Anime Your Name.

Die Spuckmethode hat sich über Jahrtausende so bewährt, weil wir in unserem Speichel Amylasen produzieren, wenn wir stärkehaltige Nahrungsmittel kauen. Das sind Enzyme, die in Kombination mit Hefe zu Alkohol fermentieren.

Die Vorstellung, abgestandene Reisspucke zu trinken, erschien mir unter allen Methoden noch am ansprechendsten, also entschied ich mich für die japanische Methode.

Links: Ein Schüssel weicher Reis neben einem leeren Glas | Rechts: der Autor spuckt Reis in das Glas

Unterstützung bekam ich bei dem Versuch von Todd Bellomy, der den Blog Boston Sake betreibt und bereits selbst Kuchikamizake hergestellt hat.

Traditionell werden die Speicheldrinks einfach mit den Hefepartikeln fermentiert, die in unserer Luft herumschwirren. Weil ich aber in Los Angeles lebe, liegt die Luftqualität in meiner Wohnung weit unter der des vorindustriellen Japans. Also habe ich meine Spucke mit etwas Brauhefe verfeinert.

Bellomy war so nett, mir extra "White Labs Sake #9" Hefe zuzuschicken – der heißeste Scheiß zum Sakebrauen. Der Sake-Nerd war der Meinung, dass jede Sake-Hefe, die ich in L.A. bekommen würde, "widerlich" sei. So ganz konnte ich seine Bedenken nicht nachvollziehen. Immerhin kippe ich das Zeug in ein Spuckglas.

Das große Glas ist zur Hälfte voll mit milchigem Wasser in dem ein weißer Teig schwimmt
Der kaute Reis ohne Hefe

Bellomy erklärte, dass ich den Reis so lange kauen solle, bis er süßlich schmeckt. Das sei das Zeichen dafür, dass meine Speicheldrüse schon ordentlich Amylasen ausgeschüttet hat. Und genau das tat ich dann die nächsten paar Stunden zu Hause. Kauen und Spucken. Alle paar Mundvoll spülte ich meinen Mund mit etwas Wasser aus und spuckte die Suppe in das Glas. Auf diese Weise würde mein Sake nicht zu einem untrinkbaren Brei werden. Kuchikamizake war ursprünglich eine dicke Paste, die man mit Stäbchen aß.

Sobald ich den ganzen Reis gekaut und die Hefe zugefügt hatte, deckte ich das Glas ab und stellte es in den Kühlschrank. Dort fermentierte es dann zwei Wochen vor sich hin. Einmal am Tag rührte ich um.

Das Glas ist mit einer Folie abgedeckt, die weiße Flüssigkeit hat sich gelb verfärbt
Das Gebräu nach zwei Wochen Fermentierung

Die Vorstellung, das Zeug am Ende auch zu trinken, hatte mich anfangs nicht groß gestört. In weniger ruhmreichen Tagen hatte ich auch schon mal herrenlose Getränke in Clubs adoptiert und mit sechs anderen Menschen geteilt. Ich weiß also, was es heißt, ein Getränk auf Spuckebasis zu trinken. Aber je länger die gekaute Reispampe vor sich hinfermentierte, desto widerlicher fand ich die Vorstellung. Jedes Mal, wenn ich den Kühlschrank öffnete und das Glas erblickte, machte mein Magen einen kleinen Satz.

Außerdem hatte ich einen Artikel über Babyflaschen im viktorianischen England gelesen. Durch die darin angesammelte Bakterien starben damals mehrere Kinder. Ich wollte nicht an einem Glas Spucke-Drink sterben.

Die weiße Pampe wird aus dem Glas in ein Sieb gegossen, weißer Brei bleibt zurück
Der Filterprozess und das fertige Produkt

Als ich sie schließlich aus dem Kühlschrank holte, roch meine milchige Speichelbrühe süßlich und alkoholisch. Ich musste ein Würgen unterdrücken. Leider besaß ich nicht das nötige Equipment, um den Alkoholgehalt zu messen. Auf einem Schwarzbrenner-Blog hatte ich gelesen, dass man die Stärke eines Gebräus an den Bläschen ablesen kann, die beim Schütteln nach oben steigen. Große Bläschen deuten auf viel Alkohol hin, kleine auf weniger. Da ich allerdings überhaupt keinen Bläschen-Bezugspunkt hatte, half mir das auch nicht wirklich weiter. Aber immerhin: Ein paar Bläschen stiegen auf.

Nachdem ich mein Gebräu durch ein Sieb in eine Karaffe gegossen hatte, schenkte ich mir selbst ein Glas ein. Immer wieder führte ich mir vor Augen, dass eigentlich jedes Essen und jedes Getränk, das ich konsumiere, voller Spucke ist, sobald ich es runterschlucke.

Der Autor probiert seinen selbstgemachten Sake – und verzieht das Gesicht

Der Geschmack war gar nicht so schlecht. Ein bisschen wie verwässerter Sake, nur viel saurer. Wie du an meinem Gesichtsausdruck sehen kannst, war der erste Schluck etwas gewöhnungsbedürftig. Nach dem dritten ging das Zeug dann aber runter wie jeder andere Drink.

Nachdem ich die ganze Flasche geleert hatte, war ich mir unsicher, ob ich einen sitzen hatte. Ich konzentrierte mich so sehr darauf, ob ich mich betrunken fühlte, dass ich keins meiner Körpergefühle mehr deuten konnte. Ich fühlte definitiv etwas, aber ich war nicht sicher, ob es Alkohol, Müdigkeit oder das Adrenalin von der ganzen Aufregung war.

Ich schaffte es fast problemlos durch das ganze Glas. Aus irgendeinem Grund erwischte ich dann allerdings einen Schluck, der extrem nach Knoblauch schmeckte und ich verbrachte ein paar Minuten damit, durch meine Wohnung zu rennen und den Kotzreiz zu unterdrücken.

Insgesamt war die Herstellung für vier Gläser eines ominösen alkoholischen Getränks ziemlich aufwändig. Wenn ich im Knast, einem Internat oder in Skandinavien hocken würde, würde ich es bestimmt nochmal versuchen, aber so kaufe ich mir meinen Alkohol auch in Zukunft lieber weiter im Späti um die Ecke.

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