Wir haben queere Leute gefragt, vor wem sie sich nicht outen wollten

"Meine Mutter hat mir mit homophoben Bemerkungen Angst gemacht, dann landete ich auf der Titelseite unserer Tageszeitung."

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22 August 2018, 4:00am

Foto: Flora Rüegg

"Unter Hitler hätten wir dich vergasen können", oder: "Du musst nur mal richtig rangenommen werden" – für queere Menschen sind solche Sprüche keine Seltenheit. Unter dem Hashtag #MeQueer teilen derzeit unzählige LGBTQs, wie ihre Mitmenschen sie aufgrund ihrer sexuellen Identität diskriminiert, gemobbt oder angegriffen haben. Sie erzählen, wie es ist, wenn es nicht bei Sprüchen bleibt, wie sie als Teenager in Müllcontainer gesteckt wurden, wie Priester ihnen "den bösen Geist austreiben" wollten, wie ein Mann seine lesbische Stieftochter missbraucht haben soll, um sie wieder "zur Vernunft zu bringen".

Als Erster hat den Hashtag der Autor Hartmut Schrewe getwittert: "Mein Mann ist mein Ehemann und nicht mein Kumpel. Wann hört das endlich auf? #Homophobie #MeQueer". Die Tweets, die seitdem folgen, machen öffentlich, dass wir so weit von einer völligen Anerkennung nicht-heterosexueller Menschen entfernt sind wie Til Schweiger von einem seriösen Instagram-Account.

Das zeigt sich auch bei einem Thema, das immer wieder unter #MeQueer auftaucht: dem Outing. Nutzer und Nutzerinnen schreiben darüber, dass ihr ganzes Leben ein Coming-out ist, weil sie sich immer wieder selbst erklären müssen. Und dass sie manchen Menschen bis heute nicht die Wahrheit erzählen können. Wir haben mit queeren Menschen über ihr Coming-out gesprochen und gefragt, vor wem sie sich immer noch verstellen.

Sam, 19

Sam geht offen damit um, dass sie asexuell ist. Trotzdem geht es nicht jeden etwas an | Foto: Privat

Wenn ich im Club angemacht werde, dann oute ich mich nicht als asexuell. Ich gehe auf Abstand und sage nur, dass im Club Rummachen nicht mein Ding ist. Ich finde nicht, dass jeden Menschen meine Sexualität angeht. Außerdem habe ich bei fremden Menschen schon heftige Reaktionen und Unverständnis erlebt. Einmal habe ich im Club einer Freundin beigestanden, die von einem Typ belästigt wurde, und mich als ihre Freundin ausgegeben. Der Typ ist komplett ausgerastet und hat uns mit Vergewaltigung gedroht. Wenn mir außerhalb eines Clubs jemand sagt, dass er auf mich steht, sage ich auch nicht immer sofort, dass ich asexuell bin. Oft mache ich erst einmal schwammige Andeutungen, sodass mein Gegenüber erstmal merkt, dass ich nicht hetero bin. Das Weitere muss sich dann im Gespräch ergeben oder es ergibt sich eben nicht. Da bin ich sehr offen. In meiner Familie bin ich geoutet, nur das Thema Sexualität wird generell vermieden. Hier will ich es eigentlich weniger geheim halten, sondern endlich mal zum Thema zu machen. Ich habe zwei kleine Cousins und bin die einzige, die ihnen erzählt, dass es auch noch etwas anderes gibt als Vater, Mutter, Kind.

Andy, 23

Andy ist Erzieher in einem Kindergarten. Er hat in seiner Pubertät auf Social Media festgestellt, dass er sich eher für Männer interessiert und ist heute offen homosexuell | Foto: Privat

Mit 16 war ich auf diversen Social-Media-Plattformen angemeldet und habe mich dort überwiegend auf Profilen von Jungs rumgetrieben. Anderen Leuten fiel auf, dass ich nur mit Typen öffentlich schreibe oder deren Sachen like und kein Interesse an Mädchen hatte. Das Gerede ging los. Zu der Zeit hatte ich eine Online-Beziehung mit einem Kerl und irgendjemand hat Wind davon bekommen. Ich fand die ganzen Gerüchte echt nervig und habe mich vor einem guten Freund geoutet, dem ich eigentlich vertrauen konnte. Aber der Buschfunk begann und plötzlich wusste an meiner kleinen Schule in Brandenburg jeder Bescheid. Das war einige Monate vor meinem Realschulabschluss. "Schwuchtel" oder "Nutella-Stecher" waren nur ein paar der homophoben Bemerkungen und meine Lehrer hat es nicht wirklich interessiert, was die anderen zu mir sagen. Um nicht gemobbt zu werden, hatte ich am Schluss sogar eine Alibi-Freundin. In der Schulzeit wollte ich kein Coming-out haben, weil ich genau wusste, wie die Leute in meinem Alter so ticken, dass es Leute gibt, die Hitler nachmachen und rechtspolitisch sind. Ich hatte am meisten Angst, dass mich diese Jungs angreifen. Da die Lehrer mir keine Sicherheit gegeben haben, habe ich dann versucht, mich einfach aus allem rauszuwinden, und das hat geklappt.

Nach der Schulzeit habe ich meinen Freund kennengelernt und mich meinen Eltern offenbart. So ganz freiwillig war das nicht, aber ich fühlte mich besser, dass sie es von mir erfahren. So konnte ich endlich offen damit umgehen und hatte Gewissheit, wie meine Familie reagiert. Die haben mich gefragt, ob ich mir sicher sei, auf Männer zu stehen, aber es dann relativ schnell hingenommen. Vor meiner Urgroßmutter hatte ich richtig Angst, mich zu outen. Ich wollte sie auf keinen Fall verlieren und wusste nicht, wie sie reagiert. Aber im Endeffekt habe ich mich überwunden und einfach meinen Freund zu ihrem Geburtstag mitgebracht. Sie war geschockt und hat meine Schwester gefragt, ob man mich nicht umstimmen kann, doch wieder auf Mädchen zu stehen. Mittlerweile akzeptieren es aber alle und es ist nichts Außergewöhnliches mehr.

Julian, 27

Julian ist homosexuell und arbeitet als Freelancer beim Kollektiv "stuhlkreis_revolte" in der sozialen Arbeit. Er möchte keine klassische Zweier-Beziehung, sondern wünscht sich eine queere Familie mit mehr als einem Partner | Foto: Flora Rüegg

Ich habe mit 15 für mich herausgefunden, dass ich auf Männer stehe, aber es außer ein paar engen Freunden niemandem gesagt. Meine Familie ist stark konservativ und katholisch. Meine Mam ist eine sehr liebevolle Person, aber konnte aufgrund ihrer christlichen Sozialisierung nicht viel mit Homosexualität anfangen. Wir haben mal etwas im Fernsehen geschaut und sie meinte abfällig: "Der Mann ist schwul … schau, wie er sich bewegt und redet, das ist doch nicht normal." Ihre homophoben Bemerkungen haben mir Angst gemacht, deshalb wollte ich mich frühestens outen, wenn ich zu Hause ausgezogen wäre. Aber dieser Plan ging leider nicht auf.

Ich war damals in der Landesschülervertretung in Rheinland-Pfalz. Wir haben zum Thema Sexualkunde eine Konferenz in Mainz veranstaltet, 200 Kilometer von meinem Dorf entfernt. Ich habe in Mainz einer Lokalzeitung ein Interview zur Veranstaltung gegeben und dachte, ich kann dort sagen, dass ich homosexuell bin. Leider wurde diese Geschichte dann aber verkauft und landete auf der Titelseite unserer Tageszeitung. Die Bildunterschrift: "Julian, 18 Jahre, offen homosexuell". Ich war am Tag des Erscheinens in Bayern bei meinem besten Freund und habe eine E-Mail von meiner Mutter bekommen. In der hat sie geschrieben, dass sie von der Arbeit nach Hause fahren musste, weil sie die Zeitung gelesen habe und sich frage, was das soll und wie das sein kann. Ich habe hinterher erfahren, dass sie sich in der Bücherei über Homosexualität informiert hatte und mehrere Tage sehr fertig war von der Enthüllung.


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Heute hat sich alles beruhigt, aber ich würde nicht mit meiner Mam über mein letztes Grindr-Date sprechen. In meiner restlichen Familie wird das Thema immer noch nicht angesprochen, obwohl alle Bescheid wissen. Ich bin der seltsame Kauz aus Berlin, der Nagellack und rosa Sachen trägt. In Berlin und bei meiner Arbeit verstelle ich mich nicht, weil ich es anstrengend finde, so zu tun, als sei ich heterosexuell. Es gibt aber Momente, wie nachts in der U-Bahn oder im Club, wenn sich Leute vor dir aufbauen und fragen, ob du schwul bist, da habe ich es schon geleugnet, aus Angst, dass mir etwas passiert. Ich wurde bereits angepöbelt und auch geschlagen oder geschubst, seitdem bin ich vorsichtiger – aber meine Identität zu leugnen, kommt für mich nicht mehr in Frage.

Nicolas, 22

Mit 12 sagt Nicolas seiner Mutter, dass er sich nicht fühlt wie ein Mädchen. Sie nennt es eine Phase. Erst acht Jahre später outet er sich als trans | Foto: Privat

Ich finde Männer schön, aber ich würde keinen Sex mit ihnen haben. Bis heute weiß ein großer Teil meiner Familie nicht, dass ich schwul, asexuell und ein Trans-Mann bin. Ich habe keine enge Verbindung zu ihnen und sie würden es nicht verstehen. Der einzige Mensch aus meiner Familie, der es weiß, ist meine Tante. Vor zwei Jahren habe ich erst den Mut gefunden, es ihr zu erzählen. Vor dem Gespräch hatte ich Herzrasen und wahnsinnige Angst: dass sie mich nicht ernstnehmen und versuchen würde, es mir auszureden. Zu Beginn hat sie das auch getan. Sie sagte: "Aber du hast als Kind doch immer Kleider angehabt." Inzwischen akzeptiert sie mich, wie ich bin. In meinem Freundes- und Bekanntenkreis habe ich mich mit einem Facebook-Post geoutet. Ich habe mir diesen Post gut überlegt und erklärt, dass ich von nun an Nicolas genannt werden möchte. Die meisten haben positiv darauf reagiert. Aber ich habe auch einen meiner besten Freunde verloren.

Von Schwulen werde ich häufig nicht als richtiges Mitglied oder auch gar nicht akzeptiert. Für viele stellt es ein Problem dar, dass ich asexuell und trans bin – und dennoch schwul. Viele sehen mich als "Schwulen zweiter Klasse". Einmal war ich auf einem CSD in einer Gruppe von schwulen Männern, von denen keiner trans war. Anfangs habe ich mich sehr wohl gefühlt, doch später kamen einige Leute mit Trans-Schildern dazu und die Männer haben transfeindliche Sprüche losgelassen. Sie meinten, trans sein wäre unnormal und krank. Leider geht das für viele nicht zusammen, ihnen ist wichtig zu sagen: wir Schwule, ihr Trans-Menschen. Als ob sich das gegenseitig ausschließen würde. Es macht mich traurig, dass ich mich ausgerechnet in der Schwulen-Community meistens nicht outen kann.

Christopher, 27

Christopher wohnt seit zwei Jahren in Hamburg. Dort hat er kein Problem, sich öffentlich mit seinem Freund zu zeigen. In Kassel hatte er seine Homosexualität noch oft verschwiegen | Foto: Privat

Mit etwa 18 Jahren war ich mir sicher, dass ich schwul bin. Trotzdem habe ich zwei Jahre lang mit niemandem darüber geredet. Meine Schwester hatte sich Jahre zuvor als lesbisch geoutet und die Reaktionen darauf waren heftig. Meine Eltern kamen gar nicht damit klar, es wurde so unerträglich, dass meine Schwester deswegen von zu Hause ausziehen musste und zeitweise keinen Kontakt mehr zu unseren Eltern hatte. Irgendwann haben sie sich wieder angenähert, doch auch nach zwei Jahren war es ein großes Problem, wenn ihre Freundin dabei war. Einmal sagte unser Vater zu ihr, wenn ich auch noch schwul wäre, wüsste er nicht, was er tun würde und sich wahrscheinlich umbringen. Darum habe ich mein Outing noch Jahre vor mir hergeschoben. Schließlich habe ich es meiner Schwester erzählt und als ich einen Freund hatte und mit ihm in den Urlaub gefahren bin, kamen meine Eltern auf mich zu und haben nachgefragt.

Jedes Outing ist auch eine Erleichterung. Man muss sich nicht mehr verstellen und keine Ausreden mehr suchen. In meinen ersten drei Studienjahren habe ich nebenbei gekellnert. Dort habe ich es bewusst verschwiegen. Gerade in der Gastronomie geht es noch etwas rauer zu. Bei den vielen Männern in der Küche fallen grobe Kommentare. Da überlegt man sich zweimal, ob man sich outet oder nicht. Schließlich weiß ich nie, wie die Leute reagieren werden, und ob die "lustigen" Kommentare nicht doch einmal umschlagen.

Maxi, 22

Maxi studiert Mediendesign in Köln und hat sich erst als schwul, dann als bi und dann als trans geoutet. Sie möchte vor allem neuen Menschen in der LGBTQ-Szene Mut machen, sich zu outen | Foto: Privat

In meiner Schulzeit habe ich verschwiegen, dass ich schwul war. Das war noch relativ einfach, denn ich konnte entscheiden, wem ich von meiner Sexualität erzähle oder nicht. Eine meiner Klassenkameradinnen war mit einem bisexuellen Jungen zusammen, dem nach der Schule andere Jungs auflauerten, um ihn zusammenzuschlagen. In der Stufe unter uns gab es ein Mädchen, das ihre Homosexualität offen ausgelebt hat und dafür gemobbt wurde. Das alles wollte ich mir nicht antun. Viel schwieriger war das aber bei meinem Outing als trans. Denn das ist per se ein Outing vor der ganzen Welt, sein Trans-Sein kann ein Mensch nicht verstecken. Meiner Oma habe ich es trotzdem verschwiegen, weil sie fundamental christlich war. Das wäre gar nicht gegangen. Das war aber auch nur möglich, weil ich sie in den letzten vier Jahren nicht mehr gesehen habe und sie die Phase, in der ich mich äußerlich am stärksten verändert habe, nicht mitbekommen hat. Da sie vor Kurzem verstorben ist, gibt es in meinem engen Freundes- und Bekanntenkreis nun niemanden mehr, der es nicht weiß.

Mit jedem Outing wird es etwas leichter. Das erste Mal habe ich Wochen zuvor gehadert und mir den Kopf zerbrochen. Es ist ein bisschen so, wie wenn man jemanden ansprechen möchte, auf den man steht, und zwar so richtig. Aber man traut sich nicht, nach einem Date zu fragen. Der Unterschied ist nur: Statt einen Korb zu kassieren, kann es sein, dass die andere Person nie wieder was mit dir zu tun haben will. Ich oute mich inzwischen aber trotzdem überall, auch wenn ich zum Beispiel in der Uni merke, dass ich von einigen Professoren anders behandelt werde. Letztlich ist ein Outing etwas, was ich für mich selbst mache und nicht, damit andere Personen mich verstehen.

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