Die Geschichte der mordenden Krankenschwestern im Geriatriezentrum am Wienerwald
Screenshots aus Der Spiegel, N. 16/1989 | Collage von VICE Media
Aus dem Kriminalarchiv

Die Geschichte der mordenden Krankenschwestern im Geriatriezentrum am Wienerwald

Mordlust und lasche Kontrollen sorgten für den bis heute größten Mordfall Österreichs seit Kriegsende – und brachten das österreichische Gesundheitswesen ins Wanken.
31.8.18

Als am 29. März 1991 nach insgesamt 17 Verhandlungstagen die Urteile im Prozess gegen die als "Todesengel von Lainz" titulierten Krankenschwestern verlesen werden, steht endlich die offizielle Opferzahl fest: insgesamt 20 Morde und 28 Mordversuche sind somit rechtskräftig verurteilt. Ob damit wirklich alle Taten abgedeckt sind, wird wohl nie ans Licht kommen.

Der Haupttäterin Waltraud Wagner werden 15 Morde und 17 Mordversuche nachgewiesen. Irene Leidolf wird in fünf Fällen des Mordes und in zwei Fällen des Mordversuches schuldig gesprochen. Die Mittäterinnen Stefanija Mayer und Maria Gruber werden wegen sieben beziehungsweise zwei Mordversuchen belangt. Wagner und Leidolf bekommen lebenslange Haftstrafen, ihre Mithelferinnen immerhin 20 und 15 Jahre Gefängnis.

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In der Urteilsbegründung ist von "besonderer Heimtücke und Grausamkeit" die Rede. Die Geständnisse der Angeklagten wirken sich kaum mildernd aus. Aber wie konnte es dazu kommen, dass vier Krankenschwestern im damaligen Pavillon V des Krankenhauses Lainz – heute ein Teil des Geriatriezentrums Am Wienerwald im Krankenhaus Hietzing – über Jahre unbehelligt und willkürlich hilflose Patienten töten konnten? Und das derart grausam und perfide, dass selbst erfahrene Fachleute bei den Details der Geständnisse fassungslos sind?

Im Nachhinein ist schwer zu rekonstruieren, wie die vier Frauen, die sich eigentlich der Rettung und dem Erhalt von Leben verschrieben hatten, zu selbsternannten Herrinnen über Leben und Tod wurden. Als treibende Kraft gilt heute Waltraud Wagner, die nach eigenen Angaben im Jahr 1983 einer schwerkranken Patientin den Wunsch nach Sterbehilfe erfüllte, und zwar mittels einer Überdosis Morphium. Dass eine Krankenschwester ohne ärztliche Aufsicht undokumentierten Zugang zu so schweren Medikamenten hat, ist heute unvorstellbar. In den 80ern sind die Kontrollen jedoch lax, vieles wird mit einem Augenzwinkern und österreichischer Lässigkeit geregelt. Und nicht zuletzt ist das österreichische Gesundheitswesen zu dieser Zeit gerade voll und ganz mit sich selbst und der Aufarbeitung des AKH-Bauskandals beschäftigt. Im Vergleich zu diesem wirken auch die aktuellen Turbulenzen rund um das Krankenhaus Nord richtig mickrig.

In den Tod gespritzt: Die Fahrlässigkeit der Ärztinnen und Ärzte

Die Sterbehilfe dürfte für Waltraud Wagner den Ausschlag gegeben haben. Durch die Tötung auf den Wunsch ihrer Patientin bemerkt die Krankenschwester, dass ein solcher Fall kaum auffällt – und bei der entsprechenden medizinischen Sachkenntnis auch nur schwer nachzuprüfen ist. Die Abteilung, in der ohnehin häufig alte Menschen sterben, wird für sie zur perfekten Spielwiese, auf der sie ihre Taten ausleben kann. Und das über mehrere Jahre. Im Lauf der Zeit variiert sie ihre Methoden, um unentdeckt zu bleiben: eine Überdosis Insulin da, etwas zu viel intravenös verabreichtes Rohypnol dort. Wagner mordet – immer in den Nachtdiensten – unbemerkt weiter.

Dabei wäre der eigentliche Skandal zu diesem Zeitpunkt bereits zu verhindern gewesen. Eigentlich dürfen die Krankenschwestern nämlich gar keine Spritzen verabreichen, doch die überlasteten Ärzte im Nachtdienst zeigen der jungen Schwester Wagner, wie es geht, damit sie selbst ungestört schlafen können. So ermöglichten die verantwortlichen Ärzte rückblickend aus reiner Bequemlichkeit einer Serienmörderin, unentdeckt weiter zu morden.

Dass solche Sicherheitsvorkehrungen alles andere als übertrieben sind, zeigt nicht nur dieser Fall. Serienmorde im Pflegebereich sind gängiger als man denken sollte. Der britische Hausarzt Harold Shipman etwa wurde wegen ähnlicher Tötungen zwischen den späten 70ern und dem Jahr 1998 verurteilt. Insgesamt 15 Morde konnten ihm die Behörden nachweisen; konservative Schätzungen gehen aber von weit über 200 Fällen aus. Charles Cullen, der als Krankenpfleger in New Jersey arbeitete, wurde für vergleichbare Morde wie die der Lainzer Todesengel zu 18 Mal lebenslänglich verurteilt. Und die kanadische Krankenschwester Elizabeth Wettlaufer ermordete, ebenfalls mit Insulinspritzen wie die Schwestern in Lainz, in einem Pflegeheim 8 alte Menschen.

Ebenso unklar ist auch die tatsächliche Zahl der Opfer, die direkt auf die vier Lainzer Krankenschwestern zurückzuführen sind. In den ersten Verhören gibt alleine Wagner detailliert 49 Morde zu, widerruft aber vor Prozessbeginn ihr unterschriebenes Geständnis. Die Ermittler und Ärzte sind angesichts der hohen Opferzahl geradezu ohnmächtig. Phasenweise ist von insgesamt bis zu 300 Morden die Rede.

Die perfiden Methoden der "Lainz Angels of Death"

Doch alleine der lange Tatzeitraum und die logistischen Limitierungen machen eine wirklich lückenlose Beweisaufnahme praktisch unmöglich. Die Polizei konzentriert sich auf kurz zurückliegenden Todesfälle und Zeugenaussagen, um zielgerichtet – teilweise mittels Exhumierungen – zumindest einzelne Verbrechen zweifelsfrei nachzuweisen. Dennoch: Waltraud Wagner ist, gemessen an der Zahl ihrer Opfer, ebenbürtig mit berüchtigten Killern wie Jack Unterweger oder Jeffrey Dahmer. Gemeinschaftlich und hochgerechnet auf die tatsächlich mögliche Opferzahl gehören die "Lainz Angels of Death", wie sie sogar international zu einigem Medienecho gekommen sind, zu den weltweit wohl tödlichsten gemeinschaftlichen Serienmörderinnen der Kriminalgeschichte.

Ein Detail der jahrelangen Mordserie bleibt, nicht zuletzt dank der ausführlichen und grafischen Berichterstattung im Boulevard, besonders in Erinnerung: das Töten mittels der von den Krankenschwestern zynisch "Mundpflege" genannten Methode. Dabei wurden gezielt Patienten ausgesucht, die laut ihrer Krankengeschichte bereits an einem Lungenödem – also einer Wasseransammlung in der Lunge – litten. Sie wurden mit Wasser qualvoll erstickt. Im Obduktionsbericht schien dabei jedes Mal eine plausible Todesursache auf.

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Es sind Details wie diese, die vor Gericht die schwachen Rechtfertigungen der Krankenschwestern zerbröckeln lassen. Im Verfahren behaupteten sie anfangs noch, ihre Patientinnen und Patienten erlöst oder die Tötungen auf Wunsch durchgeführt zu haben. Während des weiteren Prozesses belasten sich die vier dann aber gegenseitig. Dazu kommen die Aussagen einer weiteren, unbeteiligten Krankenschwester als Kronzeugin. Unterm Strich steht bald fest, dass Wagner als Haupttäterin die anderen drei Schwestern oft massiv unter Druck gesetzt hatte und diese großteils nur als Mitläuferinnen gehandelt hatten.

Die vor dem Richter eher kleinlauten Frauen hätten sich, so der Staatsanwalt, als "Herrinnen über Leben und Tod" gefühlt. Richter und Geschworene stimmen dem zu. So auch die Medien. Das Jahrhundertverbrechen ist über Monate Dauerbrenner in der Berichterstattung. Von der Aufdeckung im April 1989 durch ein zufällig mitgehörtes Gespräch im Schwesternzimmer bis zur rechtskräftigen Verurteilung der vier Täterinnen im März 1991 gibt es wenig andere Themen im Boulevard.

"Das Schweinchen, das alles macht" und andere Untergriffe im Boulevard

Und das, obwohl in der Welt durchaus ein paar nicht ganz unwesentliche Dinge passieren. Zum Vergleich: In direkter zeitgeschichtlicher Konkurrenz dazu stehen internationale Themen wie der Mauerfall, der Zusammenbruch des Ostblocks oder der Beginn des ersten Golfkriegs. Aber lokale News wie diese sind in einem kleinen Land wie Österreich nun mal der Quotenbringer Nummer Eins. Vor allem in der Kronen Zeitung. Titelseite um Titelseite füllt sich mit immer neuen Mutmaßungen, Erkenntnissen und Einblicken in diesen monströsen Kriminalfall. Heute undenkbare Grenzüberschreitungen im Journalismus finden statt – von der Veröffentlichung der privaten Wohnadressen der in U-Haft sitzenden Frauen bis zur Publikmachung äußerst untergriffiger Vernehmungsdetails. Zum Beispiel werden die "ausdruckslosen Fischaugen" der Hauptangeklagten erwähnt, die einer der Ermittler vor Gericht beschreibt

Aber das alles ist noch harmlos im Vergleich zu der los brechenden medialen Hysterie, als die Kronen Zeitung kurz nach Aufdeckung der Morde Waltraud Wagner einer Nebentätigkeit als Geheimprostituierte auf die Spur gekommen sein will. Ein "Informant" trägt der Zeitung zu, dass Wagner in einem Animierlokal "das Schweinchen, das alles macht" gewesen sei.

Andere Medien zögern noch, diese unglaublichen Vorwürfe zu übernehmen, während sich die Krone in einen Rausch schreibt. Zusätzlich zum Nebenjob als Animierdame in einem Nachtclub in Wien soll die "geile Trude" auch als Callgirl gearbeitet haben. Fieberhaft wird nach einem Adressbuch mit Kundendaten gesucht.

Doch nach vier Tagen äußerst geschmackloser Berichterstattung stellt sich heraus: Es gab eine Verwechslung. Tatsächlich waren die beiden Frauen wirklich Kolleginnen in Lainz, hießen ähnlich und sahen auch ähnlich aus – nur, dass sie zu verschiedenen Zeitpunkten im Krankenhaus gearbeitet haben. Kleinlaut räumt die Kronen Zeitung das Missverständnis ein, während Wagner aus der Haft heraus in die Gegenoffensive geht, das Boulevardblatt verklagt und gewinnt. Die Kronen Zeitung muss eine umfangreiche Entgegnung abdrucken. Über mehrere Seiten muss sich das Blatt ausführlich von der falschen Berichterstattung distanzieren. Nur, um dann mit einem nicht minder geschmacklosen Foto von einer frivolen Feier im Krankenhaus nochmals nachzutreten.

"Es ist das Wesen von Binsenweisheiten, stets den Kern der Sache zu treffen …" | Screenshot aus der 'Kronen Zeitung'

"Es muss erst was passieren, ehe was passiert"

Es wäre auch nicht Österreich, wenn ein Verbrechen dieser Dimension nicht auch wieder operettenhafte Züge annehmen würde. Eines der Opfer ist Julia Drapal, ehemalige Primaballerina der Wiener Staatsoper. Damit ist dem Bedürfnis des Boulevards nach dem gewissen Promifaktor genüge getan. Ohne Rücksicht auf Angehörige wird die Exhumierung der Toten medial ausgewalzt.

Gleichzeitig wird in einer Art Hexenjagd der Primar der betroffenen Station, Franz Pesendorfer, suspendiert. Er ist das Bauernopfer für den Super-GAU in einem durch Schlendrian und Personalknappheit marode gewordenen System. Erst viel später wird er rehabilitiert. Im Nachhall der Ereignisse findet eine umfassende Reform des Kranken- und Spitalswesens statt; streng nach dem österreichischen Credo "Es muss erst was passieren, ehe was passiert".

Fast 30 Jahre nach der Aufdeckung der Mordfälle erinnert in Lainz nichts mehr an die Vorfälle von damals. Das damals leitende Personal ist längst in Pension und nach einer grundsätzlichen Umstrukturierung heißt es jetzt "Krankenhaus Hietzing". Die vier Krankenschwestern befinden sich mittlerweile alle wieder auf freiem Fuß. Stefanija Meyer wurde nach 15 von 20 verhängten Jahren entlassen, Maria Gruber verbüßte 12 der verurteilten 15 Jahre. Die beiden Haupttäterinnen wurden nach 19 Jahren ihrer lebenslangen Haftstrafen – gemäß der üblichen österreichischen Justizpraxis – im Jahr 2008 auf Bewährung entlassen. Wie viele Menschen sie tatsächlich alleine oder gemeinschaftlich getötet haben, bleibt unklar.

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