Eine Tarock-Meisterin, ein Games-Entwickler und ein Kindergartenkind erklären, warum sie spielen

Wir haben uns mit Menschen aus drei Generationen über ihre Lieblingsspiele unterhalten.
30.8.18
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Ganze 4,9 Millionen Österreicherinnen und Österreicher spielen mittlerweile Videospiele, weitere 380.000 kauften alleine dieses Jahr Fußbälle und auch Gesellschaftsspiele sind nach wie vor so beliebt, dass der Hersteller Ravensburger 2017 im Alleingang einen Umsatz von 471 Millionen Euro erzielte. Menschen spielen gerne, und das nicht erst seit gestern. Genau genommen lässt sich die Kulturpraktik des Spielens mindestens bis 3000 vor Christus zurückverfolgen, als unsere Vorfahren bereits dieselbe Form von Backgammon gespielt haben wie unsere Großeltern es heute immer noch tun.

Der Homo Ludens – der "spielende Mensch" – ist also nicht neu, aber allgegenwärtig. Nur bei der Frage, wer was und aus welchem Grund spielt, wird es kompliziert. Wir wollten wissen, welche Unterschiede es bei der Spielauswahl über die Generationen-Gräben hinweg gibt und haben dafür mit drei Generationen über ihre jeweiligen Lieblingsspiele gesprochen; mit Ingrid Müller, einer 81-jährigen vielfachen Tarock-Meisterin, mit Michael Hartinger, einem österreichischen Indie-Games-Entwickler, und meinem Neffen Georg, einem Kindergartenkind – also einem echten Vollzeitspieler.

Ingrid Müller, 81 Jahre, Tarock-Meisterin

Bild freundlicherweise zur Verfügung gestellt von Ingrid Müller

VICE: Was spielst du am liebsten?
Ingrid Müller: Ich spiele am liebsten das Königrufen, die anspruchsvollere Version von Tarock. In Wien ist auch das 20er-Rufen sehr verbreitet, aber ich mag das andere viel lieber.

Was ist das und wie geht das?
Das ist ein Kartenspiel, das auf Stiche und einem Punktesysteme basiert, in dem man 35 und 2 Blatt erreichen muss, um zu gewinnen. Es wird eigentlich immer um Geld gespielt, weil es schließlich auch um etwas gehen muss. Es ist ein unheimlich vielseitiges Spiel mit gefühlt unendlich vielen möglichen Kombinationen.

Man "ruft" einen König und hat dann einen Partner am Tisch, mit der entsprechenden Karte, für den Verlauf eines Spiels, das im Durchschnitt 10 Minuten dauert. Aber es gibt auch ein Dreier-Spiel, bei dem man alleine gegen die drei Mitspieler am Tisch spielt. Dann gibt es da auch weitere Unterkategorien und unterschiedliche Spielweisen wie Bagat, Bettler, Piccolo oder Negativspiele, in denen man nur eine bestimmte Zahl an Stichen machen darf. Es gibt auch Kartentausch in Verbindung mit dem sogenannten Talon, der am Anfang ausgeteilt wird, und manchmal wird mit offenen Karten gespielt. Kurz gesagt, es ist ein strategisches und sehr kompliziertes Spiel, bei dem man viele Dinge im Blick haben muss.

Warum bist du gut in diesem Spiel?
Seit ich 10 war und die Erwachsenen es erlaubt haben, spiele ich Tarock. Das Spiel ist ja uralt, ich habe es schon mit meinem Großvater gespielt. Als Kind war ich bereits eine gute Spielerin und neben Sport, bei dem ich den Körper trainierte, ist Tarock schon immer mein geistiges Hobby.

Mit 81 gehöre ich schon zu den älteren Spielerinnen, aber ich mache mit, wo es nur geht. Es gibt fünf verschiedene Tarock-Cups, zwei in Oberösterreich, in Wien, Graz und den Tiroler Cup, mit insgesamt hunderten Turnieren. Ich habe schon dreimal den Wiener Cup gewonnen – ebenso zweite, dritte Plätze in verschiedensten dieser Cups. In Oberösterreich ist das Spiel viel mehr verbreitet als in Wien. Ich spiele mit bei jeder Gelegenheit und bin dadurch schon sehr gut geworden.

Warum spielst du es?
Weil es mich geistig fordert. Man muss im Kopf mitzählen, wie viele Tarock-Karten gespielt wurden und sich eine Übersicht bewahren. Das ist in meinem Alter sehr wichtig, im Kopf aktiv zu bleiben. Das ist gutes Hirn-Training. Außerdem ist das Spiel natürlich gesellig. Bei den Cups spielen Junge und Alte, auch alle sozialen Schichten sind vertreten. Vom Arbeiter bis zum Mitterlehner Django oder dem Molterer bis zur Kabarettistin und Ö1-Radiomoderatorin Lore Krainer, alle spielen Tarock.

Donnerstags spielen wir abseits der Turniere im Cafe Heine oder Cafe Ritter in kleineren Gruppen Da können gerne Leute kommen, wir freuen uns über junge Spieler, die mitmachen.

Besiegst du gerne andere oder geht es um mehr als nur gewinnen?
Ja, es geht um's Gewinnen. Es geht immer um die vorderen Plätze. Ich will andere nicht schädigen, aber ich will gewinnen, das will jeder – und das geht eben nur, wenn ein anderer verliert. Ich war immer schon ehrgeizig und Turniere haben mir deshalb immer viel Spaß gemacht. Es ist schon auch ein gewisser Ernst beim Tarock, nicht wie beim Schnapsen oder so. Turniere, wenn es um Preise geht, und der Wettstreit sind besonders spannend.

Beschreibe kurz eine perfekte Partie des Spiels?
Wenn ich einen Dreier spiele, also auf mich alleine gestellt bin und ich muss den allerletzten Stich machen. Dann werde ich "kontriert", also ein Spieler am Tisch macht eine Konteraktion, versucht die Punkte zu machen, und zieht die anderen Spieler dabei mit hinein. Und dann gewinne ich es trotzdem ganz knapp! Das ist eine perfekte Partie und ein tolles Erfolgserlebnis. Es gibt Leute, die übereilt schnell "kontrieren", die tun mir dann fast schon ein bisschen Leid. Da muss man auch schon mal doppelt zahlen, wenn der Plan nicht aufgeht. Aber das gehört dazu.

Michael Hartinger, 40 Jahre, Games-Entwickler

Bild freundlicherweise zur Verfügung gestellt von Michael Hartinger

VICE: Was spielst du am liebsten?
Michael: Mein absolutes Lieblingsspiel nach ungefähr 30 Jahren mit Games ist Super Mario Galaxy.

Was ist das und wie geht das?
Das ist ein 3D-Jump and Run und Platformer aus 2007 mit Mario von Nintendo – der sagt einem vielleicht was. Das war das erste Mal, dass Nintendo-Chef Miyamoto den Entwicklern freie Hand gelassen hat. Einer von ihnen hatte die Idee mit den Planeten und er hat gesagt: "Passt, macht es so." Es wurde ein echt würdiger Nachfolger und sie haben alles genau richtig gemacht. Es ist schnell und dynamisch, wie die alten Mario-Games. Das Design der Levels ist einfach genial, ein Kugelsystem aus Planeten, die Oberwelt ist auch ein Planet, und auf allen kann man frei herumlaufen. In einer Minute hast du den Planeten umrundet.

Warum bist du gut in diesem Spiel?
Ich würde sagen, in Super Mario Galaxy bin ich gut, weil ich es immer wieder spiele. Obwohl ich wirklich kein "Completionist" bin; also ich spiele nie so, dass ich 100 Prozent der Levels abschließen und alle Sammlerstücke in einem Spiel einsammeln muss. Insofern bin ich für eingefleischte Gamer wahrscheinlich auch nicht gut. Aber ich spiele lieber die ersten 70 Prozent dreimal hintereinander und genieße das geile Gameplay, als mich mit den letzten 30 Prozent zu quälen.

Warum spielst du es?
Ich liebe diese Bewegungsfreiheit in diesen kugelförmigen Spielwelten. Das ist so ein cooles Spielkonzept. Super Mario 64 hatte überall unsichtbare Wände und hier in Galaxy gibt es keine solchen Abgrenzungen. Du kannst als Spieler immer in Bewegung bleiben und stehst nie vor irgendwelchen Barrieren. Das war damals ein komplett neu.

Ich spiele es auch so gerne, weil das Game-Design einen so hochgradig qualitativen Feinschliff hat. Es ist auf der Nintendo Wii erschienen und da gab es noch kein HD-Format. Trotzdem ist Galaxy immer noch eines der wunderschönsten Videospiele aller Zeiten. Die Macher wussten exakt, wie Animationen und Farben aussehen müssen.

Besiegst du gerne andere oder geht es um mehr als nur gewinnen?
Überhaupt nicht, mir geht es nur um das Spielerlebnis. Der Weg ist das Ziel. Wenn ich bei dem letzten Bowser-Endgegner bin und den fünf Mal nicht schaffe, ist mir das egal. Da schaue ich lieber auf anderen Planeten, welche Welten ich dort noch erforschen könnte als unbedingt Gegner zu besiegen. Auch auf Gumbas und die ganzen Gegner habe ich noch keinen Hass entwickelt, da gibt es andere Spiele, wie Donkey Kong Country, bei denen man schon ziemlich verärgert werden kann.

Beschreibe kurz eine perfekte Partie des Spiels?
Bienen-Mario! Es gibt Instanzen in Super Mario Galaxy, in denen man kann Mario als Biene spielt. Den Boss, eine Bienenmama, muss man von den Einzelteilen eines Sterns befreien und dann klebt man plötzlich in den Bienenwaben. Optisch hat das einen leichten LSD-Vibe.

Jedenfalls ist es immer cool, wenn du beim Spielen plötzlich unerwartet das Bienenkostüm bekommst, da du damit herumflattern und auch bisschen schweben kannst. Dadurch verändern sich die Lösungswege der Levels. Es ist auch ein grandioser Moment, wenn du im Spiel so weit gekommen bist, dass plötzlich die Bowser-Musik einsetzt und vor dir das 3D-Bowser-Schloss steht. Aber es ist eben auf kugelförmigen Planeten aufgeteilt, die gegnerischen Geschosse kommen von allen Seiten – links und rechts und oben und unten – und dann schafft man es gerade noch allem auszuweichen. Perfekt.

Georg Zorn, 3 Jahre, Fangen-Spieler

VICE: Was spielst du am liebsten?
Georg: Fangen spielen … oder Dino. Aber vor allem Fangen.

Was ist das und wie geht das?
So laufen, ganz schnell. Uff, uff. Und du fängst mich … nicht! Und es können sehr viele mitspielen. So viele wie Finger an der Hand.

Warum bist du gut in diesem Spiel?
Gut! Ich bin gut, weil man muss schnell sein.

Warum spielst du es?
Weil es ist lustig. Ich mag auch "Gras ausreißen". Das ist auch lustig.

Besiegst du gerne andere oder geht es um mehr als nur gewinnen?
Ich fange oder die anderen … und ich laufe. Lieber fange ich, aber … ja, beides.

Beschreibe kurz eine perfekte Partie des Spiels?
Nicht mit dem Opa. Mit dem Papa auch nicht. Am liebsten spiele ich Fangen mit dem Jakob im Kindergarten. Drinnen. Aber da dürfen wir nicht so laut sein. Ich fang den Jakob. Ich fang ihn immer. Jakob ist groß und ganz weiß. Seine Haare sind weiß wie Eis, Vanille-Eis.

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