Paragraf 175

Queere Geistliche erzählen, wie sie mit ihrer Homosexualität umgehen

"Homosexuelle dürfen nicht gesegnet werden. Aber Panzer?", fragt Bernd Mönkebüscher, 53, schwuler Pfarrer aus Hamm.

von Sebastian Goddemeier
13 Juni 2019, 2:54pm

Jörg Zabka und Alexander Brodt-Zabka – Pfarrer und Lebenspartner | Foto: Shirin Siebert

Stell dir vor, du lebst in einem Land, in dem du nicht lieben darfst, wen du willst. Bis vor 25 Jahren ging es homosexuellen Menschen in Deutschland so. Mindestens 64.000 Personen wurden wegen des sogenannten Schwulenparagrafen, § 175 des Strafgesetzbuchs, verurteilt, unzählige diskriminiert. Erst am 11. Juni 1994 wurde das Verbot abgeschafft. VICE und i-D feiern dieses Jubiläum in einer Themenwoche. Mit Geschichten von queeren Menschen, die damals wie heute für ihr Recht kämpfen, zu lieben, wen sie wollen. Alle findest du hier.

Die Katholiken verachten Homosexualität. In der Bibel, 3. Mose, 20:13, heißt es: "Wenn jemand beim Knaben schläft wie beim Weibe, die haben einen Gräuel getan und sollen beide des Todes sterben." Homosexualität ist damit in der katholischen Kirche Sünde, die den Tod verdient.

Die evangelische Kirche sieht das etwas lockerer. Die Protestanten führen das Problem mit der Homosexualität ad absurdum und vergleichen es mit einem Frutti di Mare Teller. Und mit Blutwurst. Denn der Verzehr beider Lebensmittel ist laut Bibel ebenfalls eine Sünde, verspeist werden sie dennoch massenweise und das wurde noch von keinem Papst in Frage gestellt. Was die Protestanten damit sagen wollen: Wenn sich zwei Menschen des gleichen Geschlechts lieben, ist daran nichts verkehrt.

Homosexuelle Geistliche gibt es allerdings in beiden Kirchen, unter Protestanten genau wie unter Katholiken. Wir haben sechs von ihnen gefragt: Wie läuft so ein Coming-out in der Kirche ab? Wie reagieren die Gemeinden? Und ganz wichtig: Wieso ist offener Umgang mit Homosexualität wichtiger denn je?

Spoiler: Es gibt sowohl in der evangelischen als auch in der katholischen Kirche Verbesserungsbedarf.

Lars Müller-Marienburg, 42, Superintendent von Niederösterreich: "Es war von Anfang an selbstverständlich, dass ich schwul und Christ bin"

Pfarrer Lars Müller-Marienburg
Pfarrer Lars Müller-Marienburg | Foto: Michael Windisch

Es war von Anfang an selbstverständlich, dass ich schwul und Christ bin. Mein Coming-out und das, was ich "religiöse Erweckung" nenne, sind gleichzeitig passiert. In der Schule und im Studium war ich offen schwul. Nach einem Jurastudium wechselte ich zur Theologie. Da habe ich kurz überlegt, ob ich lieber verschweigen soll, dass ich schwul bin, weil dann manches leichter geht. Aber es war schnell klar: Ich würde all die Freiheit wieder verlieren, die mir geschenkt wurde und die ich mir erarbeitet habe. Darum war ich von Anfang an ehrlich.

Gemeinden, die keinen schwulen Pfarrer wollten, haben im Vorhinein dankend abgewinkt. Die anderen haben es von Anfang an gewusst und haben mich mit offenen Armen empfangen. Und es gab dann auch nie Probleme. Etwas anders war es, als ich zum Superintendenten gewählt wurde. Obwohl ich mit klarer Mehrheit gewählt wurde, vier Ja-Stimmen gegen zwei Familienväter, ist es eben für manche Leute schwer zu akzeptieren, dass nun ein Schwuler "Oberer" oder "Bischof" ist. Es ist eine Minderheit, aber sie sind relativ laut.

Diversität in der Kirche ist wichtig, weil Homosexualität und die vielen anderen sexuellen Orientierungen Teil des Lebens sind. Und in der Kirche soll es um das Leben gehen, wie es ist. Nicht um irgendwelche normierten Biografien. Über Homosexualität soll genauso geredet werden wie über Heterosexualität, die bei Hochzeiten, Familienfreizeiten und so weiter ständig Thema ist. Es wird nicht gesagt: Hier geht es um Heterosexualität. Aber es ist klar und gewollt, dass Heterosexualität ausgelebt wird.

Bernd Mönkebüscher, 53, Pfarrer der katholischen St. Agnes-Gemeinde in Hamm: "Homosexuelle dürfen nicht gesegnet werden. Aber Panzer?"

Pfarrer Bernd Mönkebüscher
Bernd Mönkebüscher | Foto: Robert Szkudlarek

Der Umgang der Kirche mit Homosexualität kann einem das Leben sehr schwer machen: das Stillschweigen, das Nicht-wahrhaben-Wollen, die Scham, die damit verbundene Einsamkeit, die Angst vor Denunziation. Und das alles, während man sich doch nur wünscht, Priester zu werden. Noch 2018 bekräftigte Papst Franziskus, dass Männer mit einer "tiefsitzenden homosexuellen Tendenz" nicht zu Priestern geweiht werden können.

Es ist kein Geheimnis, dass der Anteil schwuler Männer im Priesteramt deutlich höher ist als die geschätzten fünf Prozent der Bevölkerung. Warum gibt es dafür keine Gesichter, keine Lebensgeschichten, keine Beispiele? Als ich mich geoutet habe, hat es andere Menschen ermutigt, ihre eigene Geschichte zu erzählen. Menschen können nichts für ihre sexuelle Identität. Die Kirche hat Menschen lange Zeit Unrecht getan und tut dies auch heute noch, wenn sie Homosexualität als untergeordnet ansieht. Die wenigen Stellen in der Bibel, an denen von homosexuellen Akten berichtet wird, stehen nicht die homosexuelle Beziehungen im Fokus, sondern die Sicherung von Nachkommenschaft und die vermeintliche Demütigung.

Auch auf VICE: Hinter den Kulissen der sogenannten Reparativtherapie:

Warum haben wir kirchenseits immer noch diese seltsame Ansicht, dass ein Homosexueller, für seine Sexualität zwar nichts kann, sie aber nicht ausleben darf? Homosexuelle dürfen nicht gesegnet werden. Man würde nicht segnen, was vor Gott nicht gut ist, heißt es. Aber Panzer können gesegnet werden?

Was wir erleben ist, dass viele Schwule sich von der Kirche abgewandt haben. Sie erwarten von der Kirche nichts mehr, denn sie wollen nicht nur geduldet werden, sie wollen anerkannt und geschätzt werden.

Ellen Radtke, 34, Pfarrerin der evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannover: "Wenn ich mich in der queeren Community als Pfarrerin oute, treffe ich oft auf Unverständnis"

Pfarrerin Ellen Radtke
Pfarrerin Ellen Radtke | Foto: Stefanie Köller

Ich bin verheiratet, ich kann mich gar nicht nicht outen. Doch auch schon vor der Ehe und vor der eingetragenen Lebenspartnerschaft ist es mir nicht in den Sinn gekommen, aus meiner sexuellen Identität ein Geheimnis zu machen. Ich bin mit meiner ganzen Person Pfarrerin geworden.

Gleichzeitig habe ich schon Menschen erlebt, die sich nicht outen wollten. Frauen, die zwar homosexuell empfinden, aber das niemanden wissen lassen wollen. Männer, die im Studium am Wochenende angeblich zu ihrer Familie fuhren, aber in Wirklichkeit bei ihrem Freund waren. Dahinter stecken Ängste, die mich eher darin bestärkt haben, mich nicht zu verstecken.

Meine bisherigen Gemeinden wussten, dass ich mit meiner Ehefrau ins Pfarrhaus ziehe, schon bevor sie mich kennengelernt haben. Alles, was es brauchte, war eine Zeit des Kennenlernens, damit sich die Menschen trauen, offen alles anzusprechen, was sie an Unsicherheiten haben. Ich habe immer fern der großen CSD-Zentren auf dem Land gearbeitet, da fehlte es einfach an Sicherheit im sprachlichen Umgang, aber das war auch fast schon der einzige Unterschied. Ich wüsste nicht, wann eine meiner Gemeinden mich mal anders behandelt hätte, wäre ich mit einem Mann verheiratet gewesen.

"Ich erinnere mich an einen Theologie-Professor, der mal in Bierlaune sagte, solange 'die Schwulen' ihn nicht anbaggern würden, sei es ihm egal, was die machen."

Wenn ich mich in der queeren Community als Pfarrerin oute, treffe ich oft auf Unverständnis. 'Wie kannst du für den Verein nur arbeiten?' Ich verstehe diese Frage, weil dahinter oft tiefe Verletzungen stehen. Kirchliche Verlautbarungen, angeblich seelsorgerliche Ratschläge und der Umgang mit dem eigenen queeren Personal haben es für viele unmöglich gemacht, in der Kirche eine Heimat zu finden. Und wir sind ja noch längst nicht durch mit diesen Themen. Erst kürzlich erfuhr ich von einem Kollegen, der ein Kind nicht taufen wollte, weil es zwei Mütter hat. Das war schmerzhaft, für die Familie, wie auch für mich. Aber das sind absolute Ausnahmen. Die Institution hat sich verändert. Natürlich können meine Frau und ich offen und stolz im Pfarrhaus leben, hier in Niedersachsen auch kirchlich heiraten. Aber darüber muss geredet werden, damit wir glaubwürdig bleiben.

Nach meiner Erfahrung ist so, dass homosexuelle Frauen anders behandelt werden als homosexuelle Männer, auch in der Kirche.

Ich erinnere mich an einen Theologie-Professor, der mal in Bierlaune sagte, solange 'die Schwulen' ihn nicht anbaggern würden, sei es ihm egal, was die machen. Wir sind eine Männerkirche, darüber kann auch ein wachsender Frauenanteil nicht hinwegtäuschen. Das bedeutet, in der Leitung sitzen vorwiegend Männer, meist heterosexuelle, weiße Familienväter. Wer weiß, wie viele so denken wie der Professor. Als Frau fällt man aus bestimmten Schulter-Klopf-Riten und dem gemeinsamen Habitus eh schon raus. Schwule Männer aber haben da eine merkwürdige Zwischenstellung, manchmal wird das sichtbar, wenn sich Männer untereinander begrüßen. Das sind aber nur ganz persönliche Beobachtungen, die ich nicht empirisch belegen kann.

Eric Haußmann, 36, Pfarrer der evangelischen Kirchengemeinde St. Petri-St. Marien in Berlin: "Glaube und Homosexualität schließen sich nicht aus"

Pfarrer Eric haußmann
Pfarrer Eric Haußmann | Foto: privat

So weit ich es sehe, hat es nicht wirklich jemanden in meiner Gemeinde interessiert, dass ich schwul bin. Was für ein Glück. Mir gegenüber anders verhalten hat sich daher keiner. Ich stelle mir vor, dass das nicht überall so ist. In meiner Gemeinde durfte ich erleben, dass der Mensch als Ganzes zählt und wertgeschätzt wird, auch wenn er eine besondere Aufgabe wie die einer Pfarrperson übernimmt.

Von Anfang an war in meiner Gemeinde klar, wer ich bin und mit wem ich zusammenlebe. Wichtig war nicht meine Sexualität, sondern wer ich als Mensch bin. Wichtig war, dass ich meinen Dienst mit Freude und Zugewandtheit versehe. Meine sexuelle Identität war nicht mehr als eine Information bei der Vorstellung und kein Mensch fand es besonders. Dafür bin ich dankbar.

Offener Umgang mit Homosexualität in der Kirche ist so wichtig, weil das Thema Menschen bewegt und weil immer noch ein Missverständnis vorliegt. Glaube und Homosexualität schließen sich nicht aus. Wer aus einer christlichen Sicht behauptet, Homosexualität sei falsch, der irrt gewaltig. Ich glaube fest daran, dass Menschen sehr vielfältig und einzigartig geschaffen sind. Dazu gehört auch die Sexualität. Wer anderes behauptet oder Menschen aufgrund ihrer geschlechtlichen oder sexuellen Identität ausgrenzt, hat eine andere Auffassung von Gottes Liebe als ich. Für mich ist sie bedingungslos.

Jörg Zabka und Alexander Brodt-Zabka, beide 50, Pfarrer der Martin-Luther-Gemeinde in Berlin-Lichterfelde und seit 2006 Lebenspartner: "Es gibt Menschen, die sich mich gezielt als Seelsorger aussuchen haben, weil mein Vorbild sie ermutigt, zu sich selber zu stehen."

Jörg und Alexander Zabka
Jörg Zabka und Alexander Brodt-Zabka (links) | Foto: Shirin Siebert

Alexander Brodt-Zabka: So, wie ich bin, bin ich von Gott geschaffen, als sein geliebtes Ebenbild. Es ist unsere Aufgabe als Kirche, das allen Menschen zuzusprechen – bedingungslos. In einer Gesellschaft, in der Leistung und Selbstoptimierung einen immer höheren Stellenwert bekommen, braucht es ganz besonders diesen Zuspruch von 'ganz oben': Du bist gut. Du bist ganz. Du bist schön. Genau so, wie du bist.

Je selbstverständlicher ich in meiner Umgebung lebe, desto selbstverständlicher und natürlicher begegnen mir die Menschen. Ich habe meine Identität zwar nie explizit zum Thema gemacht und auch nicht machen lassen. Wer aber mit mir darüber reden möchte, trifft auf ein offenes Ohr. Aber das gilt auch für andere Themen.

Kirche ist ein Ort, wo alles, was Menschen und ihre Existenz ausmacht, vor Gott gebracht wird. Dazu gehören auch die unterschiedlichen Aspekte menschlicher Identität.

Jörg Zabka: Es gibt keine Lebensbereiche, in denen ich nicht schwul bin – und es gibt auch keine Lebensbereiche, in denen ich nicht Christ bin. Ich bin zu Zeiten der DDR aufgewachsen. Kirche war dort eine Gemeinschaft von Menschen, die einander Halt und Unterstützung geben. Dazu gehörten auch aktive, emanzipatorische Gruppen von Schwulen und Lesben. Aber natürlich gab es auch einzelne Verantwortliche in Leitungsämtern, die mich aufgrund meiner Lebensweise nicht als Pfarrer haben wollten. Letztlich konnten sie sich nicht durchsetzen.


Vor fünfzehn, zwanzig Jahren waren viele noch verunsichert. Inzwischen ist es für die meisten Menschen in meiner Kirche ganz selbstverständlich, mit Schwulen und Lesben umzugehen. Für einige war die Begegnung mit mir etwas Neues, sie haben dazugelernt. Manchmal wurde ich, innerhalb und außerhalb der Gemeinden, auch abgelehnt. Aber es gibt Menschen, die sich mich gezielt als Seelsorger aussuchen, weil mein Vorbild sie ermutigt, zu sich selber zu stehen.

Überall dort, wo Menschen zusammenkommen, müssen sie lernen, einander in der Vielfalt zu akzeptieren – das gilt im Fußballverein und in der Nachbarschaft und ebenso in der Kirche.

Der Kirche wird in unserem Land oft mit dem Vorurteil begegnet, besonders ablehnend gegenüber LGBTQ* zu sein. Immer wieder erleben wir, wie bestimmte Kreise dieses Vorurteil nähren, um daraus politisches Kapital zu schlagen. Dieses Vorurteil haben auch viele Lesben und Schwule verinnerlicht und finden daher nicht mehr den Weg in die Kirchengemeinden. Sie haben Angst vor Ablehnung. Als Kirche müssen wir etwas gegen diese Vorurteile tun. Nächstenliebe schließt niemanden aus.

Folge VICE auf Facebook, Instagram und Snapchat.