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Axel Voss auf der Gamescom: Vom Internet-Dulli zum Meme-Meister

Kloppt ruhig eure Witze, aber sie machen Axel Voss zum Gewinner.

von Sebastian Meineck
31 Juli 2019, 9:23am

Collage: Axel Voss: Flickr | Marcus Harzem | CC BY 2.0 | Hintergrund: imago images | CHROMORANGE

In einer perfekt getimten Sitcom kann es schon brüllend komisch sein, wenn eine Figur einfach den Raum betritt. Axel Voss ist so eine Figur. Tür auf, Voss kommt rein, johlendes Gelächter. Das muss man erstmal hinkriegen.

Der CDU-Politiker, der maßgeblich die verschriene Reform des Urheberrechts durchs EU-Parlament geboxt hat, will auf der Gamescom auftreten, und schon die bloße Ankündigung provoziert Journalistinnen, Satire-Redaktionen, Meme-Macher, Influencerinnen, Power-Twitterer und Aktivistinnen. Das Ergebnis war ein Platz in den Twitter-Trends und eine Flut an Witzen.

Es ist ja auch bemerkenswert, wie Axel Voss weiterhin voll motiviert ist, selbst nach monatelangen Nackenschellen. Immer wieder findet er Gelegenheiten, möglichst medienwirksam möglichst vielen Menschen gegenüberzutreten, die ihn für eine Katastrophe halten. 7. Mai: Streitgespräch auf Europas größter Digitalmesse Republica. 9. Mai: Streitgespräch mit YouTube-Anwalt Solmecke in einem Hörsaal voll Studierender. Immer mit Kamera.

Und jetzt die Gamescom, der Ort mit der wohl größten Masse an internetliebenden, jungen Menschen, die sich in Europa überhaupt erzeugen lässt. 370.000 Gäste kamen 2018, jedes Jahr werden es mehr. Wenn Axel Voss auf Hassliebe stünde, könnte er auf der Gamescom an multiplen Orgasmen sterben.

Wenn die Nachbarn klopfen, die Musik so richtig aufdrehen

Selbst einige YouTuber meiden die Gamescom inzwischen, weil dort einfach zu viele Fans sind. Und wann gibt es für YouTuber schon zu viele Fans?! Dass Axel Voss nach dem Uploadfilter-Debakel zur Gamescom will, grenzt an Perversion, es ist nicht einmal Wahlkampf, und die öffentliche Wirkung ist enorm. Kann das noch Zufall sein?

Auch 2018 war Axel Voss auf der Gamescom, hatte damals aber noch nicht so viel Meme-Potenzial. Spielt Voss mit der Aufmerksamkeit in sozialen Medien – oder bekommt er davon so radikal wenig mit, dass er seine Auftritte weiterhin für alltägliche Sacharbeit hält?


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Andere Politiker hätten nach der Wahl wohl eine Skandalpause eingelegt und sich erstmal mit was betont Unauffälligem befasst. Kennzeichnungspflicht für Salzverpackungen oder so, bloß Ruhe in die Sache bringen. Nicht so Voss, der die Wellen der Empörung zu genießen scheint. Wenn die Nachbarn klopfen, die Musik so richtig aufdrehen.

Ob bewusst oder nicht, die Bekanntheit von Voss ist ein politisches Kapital, und durch Aktionen wie den Gamescom-Besuch 2019 wird es noch größer. YouTuber wie Drachenlord, Thi Lan oder Lil Lano zeigen, dass auch Hater-Communitys einen mächtigen Hype erzeugen. Und Politiker wie Trump, Johnson oder Bolsonaro leben vor, dass Realitätsverweigerung belohnt werden kann, wenn man sie nur beharrlich genug ausübt.

Der Hans-Entertainment-Moment, wenn ihr einfach nur eskalieren wollt

Bei einer Straßenumfrage in Deutschland, "Welche EU-Parlamentarier kennen Sie?", würde Voss wohl zu den meist genannten zählen, vielleicht neben Martin Sonneborn und Katharina Barley. Axel Voss, dem nachgesagt wird, das Internet nicht verstanden zu haben, betätigt gerade erschreckend gezielt Knöpfe, um Menschen im Internet zu triggern.

Stimmen lassen sich dadurch wohl eher nicht gewinnen, aber der Platz im EU-Parlament ist durch die Wahl im Mai gesichert, und eben auch die öffentliche Aufmerksamkeit für alles, was Voss in den nächsten Jahren vorzeigen möchte. Wer will, kann sich auch Reminder setzen für die Medienberichte: "Zwei/ fünf/ zehn Jahre danach: Was wurde aus Axel Voss"? Anti-Fame ist auch Kapital, sogar über eine Karriere im EU-Parlament hinaus, denn ein Gesicht, das jeder kennt, ist wertvoll.

Das Phänomen Voss hat erstaunliche Gemeinsamkeiten mit dem Phänomen Hans Entertainment entwickelt. Hans war weder ein guter Sänger noch ein guter Tänzer, und der Typ für den Malle-Partyhit war er auch nicht. So wie Axel Voss eigentlich nicht der Typ für Netzkultur ist. Aber Hans hat durchgezogen, Hoch die Hände, Wochenende, und auch Axel Voss zieht ohne Rücksicht durch. Fuck auf die Hater, Voss ist da.

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