Anzeige
Tech

Was passieren würde, wenn Nordkorea eine Wasserstoffbombe zündet

Ein nordkoreanischer Nukleartest im Pazifik wird immer wahrscheinlicher. Drei Experten haben für uns analysiert, worauf wir uns in einem solchen Fall einstellen müssen.

von Caroline Haskins
27 September 2017, 2:05pm

Atomare Explosion im Rahmen der "Operation Crossroads" des US-Militärs im Juli 1946 | Bild: U.S. Army | Gemeinfrei

Die Lage zwischen den USA und Nordkorea hat sich in den letzten Wochen massiv zugespitzt. Befeuert werden die politischen Spannungen durch die kämpferischen Äußerungen von Kim Jong-un und US-Präsident Trump. Nachdem Trump bei der UN-Vollversammlung drohte, Nordkorea "völlig zu zerstören", konterte Nordkorea mit drastischen Worten. Der nordkoreanische Außenminister erklärte am vergangenen Donnerstag gegenüber der südkoreanischen Nachrichtenagentur Yonhap, dass Kim Jong-un den Test einer Wasserstoffbombe im Pazifik in Erwägung ziehe.

"Das könnte die stärkste Detonation einer Wasserstoffbombe im Pazifik werden", wird Außenminister Ri Yong-ho zitiert. Die Formulierung "im Pazifik" suggeriert, dass die Zündung unter Wasser und nicht in der Luft stattfinden würde.

Folgt Motherboard auf Facebook, Instagram, Snapchat und Twitter

Seitdem scheint sich die Situation täglich weiter zuzuspitzen. Als Machtdemonstration lässt die USA momentan Bomber in der Nähe von Nordkorea fliegen.

Am Samstag gab Ri an, dass ein Raketenangriff auf die USA "unvermeidlich" sei und in der Nacht vom Samstag auf Sonntag ließ Trump eine weitere Drohung gegen Nordkorea via Twitter los: "Habe gerade die Rede des nordkoreanischen Außenministers vor der U.N. gehört. Wenn er die Gedanken des 'kleinen Raketenmannes' nachplappert, wird es sie nicht mehr lange geben!"

Was würde also passieren, wenn diesem verbalen Kräftemessen tatsächlich Taten folgen? Sollte Nordkorea eine Wasserstoffbombe im Pazifik zünden, müssten Hawaii, Kalifornien und Japan sich dann auf Tsunamis oder radioaktive Stürme gefasst machen? Würden die Tiere und Pflanzen im Meer vernichtet oder verstrahlt werden? Wir haben uns von Experten erklären lassen, welche Auswirkungen die Zündung einer Wasserstoffbombe tatsächlich hätte.

Wettervorhersage: Strahlender Wellengang in Sicht

Der Professor für angewandte Mathematik Oliver Bühler, der Strömungsdynamiken an der NYU erforscht, erklärt uns, dass die Detonation einer Wasserstoffbombe unter Wasser definitiv starke Wellen verursachen würde.

Diese Wellen wurden bereits beifrüheren nuklearen Tests beobachtet. Obwohl die Kernwaffen in diesen Tests nur einen Bruchteil so mächtig waren wie Nordkoreas Wasserstoffbombe, waren die Versuche trotzdem extrem gefährlich. Während der zweiten Phase von Kernwaffentests der US-Armee, der Operation Crossroads im Jahre 1946, kamen US-amerikanische Soldaten beispielsweise mit radioaktivem Wasser in Kontakt, weil der Sicherheitsabstand vorher falsch berechnet worden war. Die Strahlung hatte die Lebenserwartung der Beobachter damals um schätzungsweise drei Monate verkürzt.

Durch eine mathematische Analyse lässt sich noch viel genauer vorhersagen, was bei einer Explosion unter Wasser passiert. Eine der umfassendsten Analysen ist ein 400-seitiger Militärbericht, der 1996 von Bernard Le Mehaute und Shen Wang verfasst wurde.

Nach einer Detonation müssen wir laut Bericht damit rechnen, dass sich eine Druckwelle mit mehr als 140 Kilotonnen ausbreitet. So viel Energie gab US-Informationen zufolge auch Nordkoreas jüngster Wasserstoffbomben-Test am 3. September ab. Zum Vergleich: Die Atombomben, die 1945 über Hiroshima und Nagasaki abgeworfen wurden, verfügten über eine Sprengkraft von 15 beziehungsweise 21 Kilotonnen.

Durch die Druckwellen wird Plasma ins Wasser freigesetzt, wodurch riesige Mengen an Wasserdampf und verschiedene Schmutzpartikel in die Luft geschleudert werden.

Die Abbildung einer Blase, die sich unter Wasser bildet aus dem Militärbericht von 1996 "Water Waves Generated by Underwater Explosions"

Durch die Ausdehnung nach dem Aufprall bildet sich im Wasser eine Blase, die zur Wasseroberfläche aufsteigt. Aufgrund ihrer kolossalen Größe bricht diese Blase jedoch in sich selbst zusammen. Wenn die Blase auf der Wasseroberfläche aufschlägt, schießt eine Wassersäule in die Luft empor, die in mehrere Wellen zerfällt.

Abbildung der Wellen, die von der kollabierten Blase aus aus dem Militärbericht von 1996 "Water Waves Generated by Underwater Explosions".

Die Druckwelle und die radioaktive Energie würden alle Meereslebewesen in der unmittelbaren Umgebung vernichten. Nach einem Atombombentest von 1946 zogen Wissenschaftler beispielsweise 38.000 tote Fische aus dem Meer.

Druckwellen würden jedoch nicht ausreichen, um einen Tsunami zu erzeugen, meint Bühler. Denn die Wellen aus dem Militärbericht besitzen nur einen Bruchteil der Kraft eines Tsunamis.

"Eine solche Bombe würde sich eher wie ein Sturm verhalten", erklärt Bühler. "Sie würde massenweise Wellen erzeugen, aber diese würden sich zerstreuen. Die Energie würde nicht wie bei einem Tsunami mit voller Wucht irgendwo aufprallen. Stattdessen würden die Wellen über Stunden, Tage oder sogar Wochen ankommen."

Das Problem mit den Meeresströmungen

Wenn eine Explosion also Wellen und Stürme verursacht, müssen wir uns dann vor radioaktivem Regen über pazifischen Inseln fürchten? Der Ozeanograf Matthew Charette, der die Auswirkung von radioaktiver Strahlung im Meer erforscht, meint, dass solche Stürme nach einem Atomtest eher nicht zu erwarten sind.

Wenn Nuklearenergie sich im Salzwasser mit Spurenelementen wie Natrium und Chlorid vermischt, erklärt er uns, werden diese Elemente radioaktiv. Wie viel Schaden diese Elemente jedoch anrichten können, hängt ganz von ihrem chemischen Verhalten ab.

"Einige Elemente sind unlöslich – sie bleiben an Elementen und Partikeln in der Wassersäule haften und setzen sich am Boden vor Ort ab", meint Charette. "Andere Elemente lösen sich besser in Salzwasser auf, wie Caesium 137 aus der Fukushima-Katastrophe. Das setzt sich nicht vor Ort ab und kann sich durch die Meeresströmungen ausbreiten."

Charette meint jedoch, dass die radioaktiven Teilchen im Vergleich mit dem riesigen Volumen des Ozeans zu schwach konzentriert wären, um eine radioaktive Unwettergefahr darzustellen.

"Bei einem Unterwasser-Test würde ich mir keine großen Sorgen machen", meint er. "Die radioaktive Strahlung würde sehr stark verdünnt werden."


Ebenfalls auf Motherboard: Zu Besuch im explosivsten Labor der USA


Der Ozeanograf Ken Buesseler ist da weniger entspannt. Er meint, dass eine Unterwasser-Detonation auch dann Auswirkungen auf Festlandbewohner haben könnte, wenn sie weit entfernt vom der Küste stattfindet. Denn Buesseler meint, dass es nur sehr schwer vorherzusagen sei, wohin das radioaktive Wasser durch die Meeresströmung verteilt wird. Meeresströmungen verändern sich über Wochen oder sogar Jahrtausende hinweg, daher ist es fast unmöglich vorherzusagen, wann das Wasser von einer bestimmten Explosion auf das Festland treffen würde.

"Die Strahlung würde nicht wie bei einem Reaktor-Unglück an einer Stelle bleiben – sie würde sich mit der Meeresströmung fortbewegen", erklärt Buesseler. "Wenn du eine Bombe nahe einer Insel zündest, könnte die Strömung die Strahlung schnell aufs Meer treiben. Du könntest aber auch eine Bombe weiter draußen zünden, und die Strömung treibt die Strahlung an die Küste. Es lässt sich nur sehr schwer vorhersagen, inwiefern eine Detonation eine bewohnte Insel betreffen würde."

Nachhaltige Folgen für das Ökosystem

Charette und Buesseler haben Anfang des Jahren das Bikini-Atoll besucht, eine Inselkette, die zwischen 1946 und 1958 Schauplatz zahlreicher Atomtests wurde.

Auch 70 Jahre später haben sich die Inseln noch nicht vollständig von den Detonationen erholt. Die Strahlenbelastung auf einer der Inseln übersteigt nach wie vor den Richtwert, der von den USA als unbedenklich festgesetzt wurde.

Die beiden Ozeanographen maßen den radioaktiven Gehalt von Salzwasser, Grundwasser und dem Meeresboden. Ihre Studie ist zwar noch nicht veröffentlicht, aber Charette verrät schon so viel: Er war von den Ergebnissen positiv überrascht.

"Es hat mich beeindruckt, wie gut sich die Inseln erholt haben", sagt er. "Zumindest was die Flora und Fauna angeht."

Auch andere Wissenschaftler haben festgestellt, dass sich der Bestand der Meereslebewesen nach dem nuklearen Niederschlag wieder erholt haben. Stephen Palumbi und Elora López von der Stanford University fanden sogar heraus, dass Korallen sich an die hohe Strahlung angepasst haben.

Allerdings muss man bedenken, dass es mehrere Jahrzehnte dauerte, bis die Korallenpopulation sich wieder erholt hatte und dass eine so hohe Erholungsrate unter heutigen Konditionen nicht sehr wahrscheinlich ist. Das liegt an zusätzlichen Faktoren wie dem Klimawandel und dem Einfluss, den die menschliche Besiedlung in den letzten Jahrzehnten auf das Gebiet hatte, so die Forscher.

Auch Charette meint, dass man die biologischen Auswirkungen einer Kernwaffendetonation nicht unterschätzen dürfe – denn auch 70 Jahre nach den Tests hat sich das Bikini-Atoll nicht vollständig regeneriert.

Die Angst vor dem verstrahlten Fisch

Charette und Buesseler sind der Meinung, dass vor allem die Fische und Meeresfrüchte, die aus der Umgebung von möglichen Testgebieten stammen, Anlass zur Sorge sind.

"Mit dem Fisch könnten wir radioaktive Isotope zu uns nehmen", erklärt Buesseler. "In diesem Fall kommt es auf den Ort der Detonation an. Darum könnte es nötig sein, ein Fanggebiet aus Angst vor einer Verseuchung zu sperren."

Buesseler meint jedoch, dass das größte Risiko für den Menschen psychologischer Natur sei. "Wenn radioaktive Strahlung im Spiel ist, werden Menschen sofort ihr Verhalten ändern – vom Fisch, den sie essen, bis zu den Gegenden, in denen sie schwimmen", meint er. "Dieses Verhalten lässt sich dann vielleicht nicht wissenschaftlich begründen, aber durch die verursachte Panik. Denn die Menschen haben Angst, dass die nächste Detonation in einem bewohnten Gebiet stattfinden könnte."

Spätfolgen ungewiss

In einem Punkt waren sich alle Experten einig: Die langfristigen Folgen von Atomtests sind sehr schwer vorherzusagen.

Bühler meint, dass in der Zeit des Kalten Krieges viele Analysen über die Folgen von atomaren Explosionen verfasst wurden. "In der heißen Phase der US-Atomtests haben wir uns um alle möglichen Dinge Sorgen gemacht", erklärt er. "Können durch die Detonation Tsunamis entstehen oder könnte die Atmosphäre Feuer fangen? Im Endeffekt zeigen alle diese Studien, dass so etwas nicht passieren wird. Das hat aber einige Leute auf gewisse Weise ermutigt, es einfach drauf ankommen zu lassen und die Bombe abzuwerfen."

Bühler meint, dass viele Leute den Atomtests gleichgültiger gegenüberstanden, nachdem die wissenschaftlichen Untersuchungen nahelegten, dass sie keine unmittelbare Gefahr darstellten. Somit wurden Atomtests in den USA auch erst 1992 eingestellt – Jahrzehnte, nachdem die Verhandlungen für das Verbot begonnen hatten.

"Wir haben nur langsam gemerkt, dass wir nicht kontrollieren können, was viele Jahre nach den Tests geschieht", sagt Bühler. "Das ist der Hauptgrund, warum diese Tests unverantwortlich sind. Die kurzfristigen Folgen können wir abschätzen. Aber was nächstes Jahr und in den Jahren danach passiert – das kann niemand kontrollieren."