Warum wir aufhören sollten, uns über Postboten aufzuregen

Ich habe drei Monate bei der Deutschen Post gearbeitet und kann euch sagen: Es war der stressigste Job, den ich je hatte.

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07 Dezember 2018, 2:32pm

Collage bestehend aus: Lieferwagen: imago | Ralph Peters || Space:PublicDomainPictures | Dawn Hudson

"Sehr geehrter Kunde, leider konnten wir Ihre Sendung heute nicht zustellen". Diese Nachricht im Briefkasten nervt vor allem in der Weihnachtszeit, in der wir auf die Geschenke für unsere Liebsten warten. Dabei gibt es gute Gründe für die Verzögerung: Zwischen Anfang November und Ende Dezember liefern die Zusteller deutschlandweit knapp 15 Millionen Pakete aus – pro Tag! Das sind bis zu 50 Prozent mehr als sonst.

Aber nicht nur vor Weihnachten solltet ihr euch nicht aufregen, wenn ihr mal zwei oder drei Tage länger auf eure Bestellung warten müsst. Die Arbeit eines Postboten oder einer Postbotin ist nämlich auch im Rest des Jahres extrem stressig und wird zu wenig wertgeschätzt.

Diese Erfahrung musste ich selbst machen.

Der Arbeitstag einer Postbotin beginnt morgens um 6 Uhr

Nach dem Abi brauchte ich erstmal eine Pause vom Schulbankdrücken und kam auf die Idee, ein halbes Jahr bei der örtlichen Post zu arbeiten. Gutes Geld verdienen, in Bewegung bleiben und unter Menschen sein. Das hörte sich für mich nach dem perfekten Aushilfsjob an. Die Realität sah anders aus.


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Schon um 6 Uhr morgens stand ich im Halbschlaf vor dem Regal im Verteilzentrum und sortierte die Briefe für den Tag. Ja, auch die ganze Vorarbeit müssen die Postboten selbst machen. Hatte ich die Hunderte Briefe endlich in die gelben Postkisten gepackt, widmete ich mich den Paketen – Vorfreude! Die 80 bis 150 Pakete musste ich erstmal alle einscannen und anschließend in den Transporter laden. Dass sich Leute inzwischen ganze Fitnessstudios liefern lassen, machte die Angelegenheit nicht leichter.

Damit man während dem Zustellen keine Zeit verliert, ist es sinnvoll, die Pakete in der richtigen Reihenfolge zu sortieren. Also schnappte ich mir die Liste mit Adressen, nach deren Reihenfolge die Zustellung stattfinden sollte. Und versuchte verzweifelt, irgendein System in das Paket-Chaos zu bekommen. Hatte ich die Pakete einigermaßen logisch verstaut, sprang ich ins Auto und düste etwas zu schnell los. Verlor ich den Wettlauf gegen die Ampel und musste ruckartig bremsen, war mein tolles System dann auch schon wieder zerstört und ich hörte die Pakete umherfliegen.

Für manche Menschen ist die Paketannahme eine Qual

Das eigentliche Zustellen war dann aber die größte Herausforderung. Eilig hastete ich von Haus zu zu Haus, stopfte Briefe in teilweise monatelang nicht geleerte Briefkästen und versuchte, die Pakete loszuwerden. Ja, ich gab mir tatsächlich Mühe und klingelte sogar mehrmals! Viele Empfänger und Empfängerinnen brauchten dann erstmal eine gefühlte Ewigkeit, die Tür zu öffnen, um dann genervt etwas wie "och nee, schon wieder ein Paket" zu grummeln.

Ich merkte schnell: Die Freude über Pakete wie in der Zalando-Werbung ist eine Illusion. Für viele Menschen ist selbst die Paketannahme eine Qual, es reicht ihnen offenbar nicht, dass sie die Einkäufe schon bis an die Tür geliefert bekommen. Es kam auch schon vor, dass mir Leute wütend hinterher gerannt sind, weil sie sich sicher waren, dass ich ein Paket für sie vergessen habe. Dann sollte ich in ihrer Anwesenheit nochmal das Auto durchsuchen, um ganz sicherzugehen, dass da nichts ist. Andersrum verweigerten manche aber auch die Annahme eines Paketes, weil sie "definitiv nichts bestellt hatten".

Pausen machte ich während meiner 9-Stunden-Schichten selten, sonst wäre ich noch später fertig geworden. Hätte ich für die Überstunden das normale Gehalt (circa 12 Euro die Stunde für Aushilfen) bekommen, wäre das nur halb so schlimm gewesen. Nach der Einarbeitungszeit bekam ich jedoch für jede weitere Stunde nur drei Euro. Das ist übrigens auch der Grund, weshalb es Postbotinnen so wahnsinnig eilig haben. Bei den Planungen der Touren wird nicht berücksichtigt, dass die Zusteller manchmal etwas länger warten müssen, bis jemand die Tür aufmacht. Somit ist es völlig unmöglich, ohne Sprints und einem zu schnellen Fahrstil rechtzeitig fertig zu werden.

Vor allem in der Weihnachtszeit kann es dann schon mal vorkommen, dass ein Postbote seine Tour abbricht und die übrig gebliebenen Briefe und Pakete am nächsten Tag zustellen muss. Wenn ihr nun denkt "aber dann hast du am nächsten Tag ja noch mehr zu tun!", habt ihr Recht. Aber irgendwann knickst du einfach ein. Ich selbst musste das auch mehrmals machen, da ich einfach nicht fertig wurde und keine Lust und Kraft hatte, für drei Euro die Stunde zu schuften.

Unfälle sind Teil des Jobs

Ist man erstmal eine zeitlang in demselben Bezirk unterwegs, kennt man die Straßen und Namen der Bewohner und man wird schneller. Immerhin. Wegen des chronischen Personalmangels bei der Post muss man jedoch ständig neue Touren fahren und woanders aushelfen, sodass der Stress kaum nachlässt. Selbst ich als Aushilfe musste in kürzester Zeit verschiedene Touren lernen und immer, wenn ich mich endlich gut auskannte, wurde ich woanders hingeschickt. So stellt sich keine Routine ein, sondern ständig neuer Stress.

Der ständige Zeitdruck und die Beschwerden von Leuten, die behaupteten, sie würden ihre Pakete nicht bekommen, machten mich auf Dauer fertig. Ich wurde immer unkonzentrierter und übersah beim Ausparken gerne mal den einen oder anderen Zaun. Die Dellen gehören bei einem Postauto aber dazu. Wann immer ich eine neue Beule reinfuhr, musste ich den Unfall aufmalen und kurz beschreiben, das war's. Ärger bekam ich deshalb nie. Ich hatte Glück, dass es immer nur das Postauto betroffen hat und keine anderen Autos oder gar Menschen beschädigt wurden.

Nach drei Monaten bei der Post kam es dann zu einem größeren Unfall, wenn auch nicht mit dem Auto. Auf dem Weg zu einem Briefkasten rutschte ich auf Kieselsteinen aus und zerfetzte mir dabei mein Knie so übel, dass ich in die Notaufnahme musste und Kunsthaut auf die Wunde geklebt wurde. Ich war daraufhin zwei Wochen krankgeschrieben, aber ich kam nicht mehr zurück. Für mich war das ein Zeichen, meine kurze Karriere bei der Post zu beenden.

Trotzdem bin ich froh, die Erfahrung gemacht zu haben. Denn jetzt weiß ich, wie sehr dieser Job unterschätzt wird und dass wir viel nachsichtiger sein sollten. Die meisten Postboten geben ihr Bestes, damit ihr eure Bestellungen rechtzeitig bekommt, stehen verdammt früh auf und verzichten auf Pausen und eine anständige Bezahlung. Nachdem meine Mutter gesehen hat, wie gestresst ich in dieser Zeit war, bekommt unser Postbote jetzt immer einen Coffee to go von ihr.

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