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Freiwilligenarbeit

Ich habe in einem Tierpark gearbeitet und es war die Hölle

Eigentlich wollte ich mich nur um Tiere kümmern. Aber dann habe ich viele Kadaver gesehen und fast eine Fingerkuppe verloren.

von Teresa Toth
18 Februar 2019, 5:00am

Ein Ziegenbock, der im Wildpark erschossen wurde, als Teresa dort arbeitete | Foto: Privat

Jeder Morgen begann damit, dass ich in einer Hand ein großes Messer hielt und in der anderen ein lebloses Küken. In meiner verdreckten Arbeitskleidung stand ich um neun Uhr morgens in der kleinen muffigen Futterküche des Wildparks und legte los. Ich setzte das Messer an und innerhalb von wenigen Sekunden floss Blut über das Schneidebrett. So hatte ich mir die "Arbeit mit Tieren" nicht vorgestellt.

Nach dem Abi wollte ich nicht direkt an die Uni, sondern erst mal etwas Praktisches machen. Weil es schon immer mein Traum war, mit Tieren zu arbeiten, dachte ich mir: Warum nicht ein Freiwilliges Ökologisches Jahr in einem Wildpark machen? Beim Vorstellungsgespräch in dem hessischen Wildpark erklärte mir eine Mitarbeiterin , dass ich nur 180 Euro im Monat bekommen würde, aber das störte mich nicht. Bei einem Freiwilligen Jahr geht es ja nicht darum, fett Kohle zu machen. Mir ging es eher darum, mehr über Tiere zu lernen und die Arbeitsabläufe in einem Tierpark mitzubekommen. Wie abartig diese Abläufe tatsächlich sind, hatte ich nicht erwartet.


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An meinem ersten Tag erklärte mir eine Tierpflegerin, dass ich für die Fütterungen und das Saubermachen der Gehege verantwortlich sei. Sie drückte mir eine Liste in die Hand, auf der stand, welches Tier welches Futter bekam. Da ich Wildkatzen, Füchse, Waschbären und Frettchen versorgen sollte, bestand das Futter hauptsächlich aus Ratten, Küken und anderem Fleisch. "Die Küken für das Frettchen musst du immer mindestens in drei Teile zerschneiden, weil es nicht mehr richtig kauen kann", sagte die Tierpflegerin.

Ich würde mich nicht als zimperlich beschreiben, aber ein niedliches kleines Küken in drei Teile zu zerhacken, war wirklich grausam. Wenn ich die Küken zerteilte, spritzten oft alle Innereien heraus. Das fühlte sich ungefähr so an, wie eine weiche Tomate mit einem stumpfen Messer zu schneiden. Nur, dass auf dem Schneidebrett dann kein Tomatensaft klebte, sondern rotbraune Gedärme und Blut.

Schüsse im Park und Verwesungsgeruch – so hatte ich mir den Job nicht vorgestellt

Um mein schlechtes Gewissen zu beruhigen, redete ich mir ein, dass ich das nur mache, weil das arme Frettchen sonst verhungern würde – manche Wildtiere fressen nun mal Fleisch und keinen Grünkohl. Aber als ich mitbekam, dass die Tierpfleger und Tierpflegerinnen sogar die eigenen Tiere töten, wenn sie nicht richtig "funktionieren", stellte ich die Arbeit im Park infrage. Was das Personal unter "funktionieren" verstand, sollte ich ziemlich bald erfahren.

Ein Ziegenbock lauerte mir und den anderen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen immer auf, wenn wir in das Gehege kamen, um sauber zu machen. Wenn wir nicht aufpassten, rannte er geradewegs auf uns zu und versuchte, uns mit seinen Hörnern umzuwerfen. Das machte er aber nicht aus Bosheit: Ehemalige FÖJler hatten ihn mit der Flasche großgezogen und mit ihm gerangelt, als er noch klein war. Das hatte er sich nie wieder abgewöhnt.

Eines Morgens kam ich in die Arbeit und hörte mehrere Schüsse. Sie hallten durch den gesamten Park. Kurz darauf fuhr ein Kollege mit seinem Traktor zum Futterhaus – in der Schaufel lag der Bock. Auf seinem braun-weiß-gescheckten Brustkorb entdeckte ich mehrere blutige Löcher und an seiner Nase klebten Blut und weißer Schaum. Die Augen waren weit aufgerissen. Als ich entsetzt fragte, was denn passiert sei, meinte der Kollege: "Ach, das war uns zu heikel mit dem Vieh, deshalb habe ich ihn erschossen." Das Bild des toten Bocks verfolgte mich mehrere Wochen.

Als ich diese Erfahrung endlich verdrängt hatte, entdeckte eine Tierpflegerin den Kadaver eines der beiden Marderhunde des Wildparks. Der Anblick ekelte mich an: Ich konnte den Marderhund gar nicht mehr richtig erkennen, weil er schon extrem vergammelt und von Maden zerfressen war. Er musste schon seit mehreren Wochen tot sein. Und niemand hatte es bemerkt. Zusammen mit einem anderen FÖJler sollte ich den Kadaver auf dem Gelände des Wildparks vergraben.

Wir warfen den Marderhund samt den Hunderten krabbelnden Maden in einen blauen Müllsack und dann auf eine kleine Schubkarre. Während wir damit durch den Park liefen, um einen geeigneten Platz zu finden, kämpften wir dagegen an, wegen des abartig beißenden Geruchs nicht zu kotzen oder ohnmächtig zu werden. Es roch nach einer Mischung aus Schwefel und vergammeltem Fleisch – nur schlimmer.

Nach meiner Abmahnung machte ich Schluss

Das Parkpersonal verhielt sich aber nicht nur den Tieren gegenüber emotionslos. Der Umgang untereinander war ziemlich unterkühlt und ich wurde regelmäßig grundlos angeschnauzt. Eine FÖJlerin heulte wegen dem Gestresse regelmäßig. Deshalb war ich ganz froh, wenn ich Wochenenddienst hatte: Dann war ich Samstag- und Sonntagvormittag für etwa vier Stunden alleine im Park.

An einem Samstagmorgen stand ich übermüdet vor einem Eisbergsalat, den ich für die Kaninchen zerkleinern musste. Ich setzte das kleine rote Gemüsemesser schwungvoll an und wunderte mich, wie geschmeidig sich der Salat schneiden ließ – eigentlich war das Messer immer so stumpf, dass man ziemlich kräftig drücken musste. Ein paar Sekunden später bemerkte ich die hellroten Blutstropfen auf dem Salat.

Ich inspizierte meine Hand und stellte geschockt fest, dass die Fingerkuppe an meinem Daumen halb abgetrennt war. Ich rief einen Krankenwagen und ließ mir im Krankenhaus den Finger mit mehreren Stichen wieder zusammennähen. Als ich den anderen im Park von meinem Unfall erzählte, sagte ein Tierpfleger, dass er das Messer einen Tag zuvor geschärft hatte. Aber anstatt ihn darauf hinzuweisen, dass er mir hätte Bescheid geben sollen, mahnte mich die Parkleitung ab – total angemessene Reaktion.

"Wir haben dir gesagt, dass du zum Futterschneiden immer Kettenhandschuhe anziehen musst. Daran hast du dich nicht gehalten", schimpfte meine Vorgesetzte. Ich war sauer: Erstens hatte mir niemand gesagt, dass ich solche Handschuhe zum Gemüseschneiden anziehen sollte, und zweitens trug sie auch sonst niemand im Wildpark.

Ein paar Wochen später kündigte ich, obwohl ich erst seit einem halben Jahr im Wildpark arbeitete. Laut Vertrag hätte ich zwar ein ganzes Jahr bleiben sollen, aber ich wollte keinen Tag länger dort sein und hatte inzwischen die Zusage für ein Tiermedizinstudium. Ich hoffte, dass ich dadurch das machen konnte, was ich mir auch von dem FÖJ erhofft hatte: Mich um Tiere sorgen und sie nicht wie Dreck behandeln.

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