Das ist nicht Nick, Symbolfoto: Mateus Lucena | Flickr | CC BY-SA 2.0

Wie Nick lernt, mit seiner Depression zu leben

Dabei kämpft er nicht nur gegen die Krankheit, sondern auch gegen Vorurteile.

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26 Juli 2017, 10:41am

Das ist nicht Nick, Symbolfoto: Mateus Lucena | Flickr | CC BY-SA 2.0

An dem Tag, an dem sich seine Eltern scheiden lassen, fängt Nicks* Leben an zu bröckeln. "Ich kann mich genau an den Tag erinnern. Ich hatte ein rot-weiß-kariertes Hemd und blaue Shorts an, ich stand noch in der Haustür, als meine Mutter zu mir kam." Nick ist wie überrollt von der Nachricht, es geht alles zu schnell. "Ab diesem Moment begann ich zu stottern." Plötzlich, nachdem er sein ganzes Leben klar und deutlich gesprochen hatte. Nick ist damals 14 Jahre alt, fühlt sich rat- und machtlos. Dieser Tag wird zum Omen seiner Depression.

Heute ist Nick 22 und erzählt seine Geschichte nüchtern; erst nach dem vierten Satz fällt sein Stottern auf. Sein Lächeln steckt an, sein Zimmer ist groß und gemütlich mit Couches eingerichtet – als sei er immer bereit, Leute zu empfangen.


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Nick fällt es schwer zu beschreiben, wie es ihm geht. Er zeigt lieber seinen WhatsApp-Status: Grau. Ein grauer Schleier, der über seinem Kopf liegt und die Aussicht verdunkelt. Dann beginnt er doch zu erzählen.

Bloß kein Kontakt zu anderen Menschen

Als seine Krankheit beginnt, hat er wenige enge Freunde, die meiste Zeit verbringt er in seinem Zimmer, seinem Zufluchtsort. Er liegt im Bett, hört viel Musik und verliert sich in Videospielen; so kann er mit den Menschen schreiben und muss nicht sprechen.

Eine soziale Phobie ist wie eine kaputte Batterie der sozialen Fähigkeiten, bei Menschen wie Nick ist sie sehr schnell leer.

Immer häufiger meidet er Menschen. Einmal steht er extra früh auf, um einen Staubsauger zu kaufen. Nur, damit er niemandem begegnen muss. Nie wieder, denkt Nick damals, will er sich in einer Situation finden, in der ihn andere beobachten, vielleicht sogar schlecht über ihn denken. Allein, um ein wenig Zeit mit seinem besten Freund zu verbringen, geht er nach draußen.

Nick fühlt sich nicht mehr wie vorher. Sein ohnehin fragiles Selbstbewusstsein ist nahezu komplett verschwunden. Er ist verunsichert, reagiert empfindlich auf die Meinung anderer über ihn. Eine entspannte Unterhaltung mit Frauen ist komplett undenkbar. Mit 16 geht Nick das erste Mal zum Hausarzt.

Endlich eine Diagnose

Nick hat Depressionen, lautet die Diagnose, Citalopram, eine Tablette, soll ihm helfen. Die Medikamente schlagen an, Nick beginnt eine Sprachtherapie, entspannt sich langsam und verlässt wieder mehr sein Zimmer. Er setzt sich kleine Ziele.

Seinen Problemen entflieht er durch Gras. Er raucht alleine in seinem Zimmer, er raucht unter Freunden, er raucht grundsätzlich, um seine soziale Phobie auszuschalten. Nur um kurz glauben zu können, dass er ein junger Mann sei, der in der Gesellschaft funktionieren kann. Kurzfristig hilft ihm die Droge scheinbar, langfristig verstärkt sie die Dunkelheit in ihm nur. Nick fühlt sich einsam, wird paranoid und verliert die Kontrolle, über den Konsum und sein Leben. Unter Drogen ist es noch einfacher, sich auf die grauen Gedanken einzulassen.

Eine Freundin hatte er nicht. Heute noch ist es das heikelste Thema in seinem Leben. Obwohl Nick sich Mühe gibt, gelingt es ihm nicht, Frauen an sich heranzulassen, seine wahre Persönlichkeit zu zeigen. Dabei gibt es vielleicht nichts, das er sich mehr wünscht. Häufig stellt er sich selbst auf die Probe und trifft Leute, obwohl es ihm Angst macht. Er atmet tief durch, versucht sich klar auszudrücken und, so gut es geht, ihre Gesellschaft sorgenfrei zu genießen. "Es tut gut, wenn es einmal klappt, dass ich mich nicht nur um mich selbst kümmere." Aber oft klappt es nicht. Nick hat gelernt, mit jeder weiteren Niederlage umzugehen.

Die anderen sollen nichts davon erfahren

Seine Familie weiß nichts von seiner Depression, bis heute nicht. Nick hat Angst vor ihrer Reaktion. Er ist im Ruhrpott geboren, seine Familie hat Wurzeln in Ghana. Seine Eltern haben Ghana mit dem Herzen nie verlassen, sagt er, und Nick, seine ältere Schwester und seinen jüngeren Bruder traditionell erzogen. Seine Schwester ist immer vorbildlich, sein Bruder jung und unschuldig, Nick niemals angepasst. Als Kind fühlt er sich immer kontrolliert, darf keine Fehler machen, sonst wird er nicht nur bestraft, sondern auch geschlagen. "Einmal habe ich 'blöde Kuh' zu meiner Schwester gesagt und meine Mutter hat es meinem Vater erzählt. Abends saßen wir uns gegenüber. Als ich seine Kopfdrehung sah und er mir sein Gesicht zeigte, wusste ich, ich bin tot."

Nick fühlt sich immer im Unrecht, ist ständig verunsichert, als würden seine Eltern nur auf seinen nächsten Fehler warten. Seine Mutter weiß seit seiner Geburt, dass Nick anders ist, sagt sie. Eine bedingungslose Verbindung zwischen Eltern und Kind ist nie entstanden, diese hätte es ihm vielleicht ermöglicht, mit seiner Familie über seine Depression zu reden. Stattdessen wartete Nick nur auf den Moment, ausziehen zu können und den Kontakt zu seinen Eltern so weit es geht abzubrechen.

Mit 17, kurz nach seiner Diagnose, geht Nick in eine psychiatrische Klinik. Seiner Mutter erzählt er, dass er an seinem Stottern arbeiten will. In der Psychiatrie aber ist Nick bloß verwirrt, bemerkt auch nach sechs Wochen keine Verbesserung, keinen Wendepunkt.

Freunde sind schließlich Nicks Rettung. Sie bemerken früh, dass sein Inneres beschädigt ist. Seinem besten Freund erzählt er davon, wie durcheinander sein Leben ist. Obwohl der Nicks Probleme kaum nachvollziehen kann, ermutigt er ihn mit seiner Nähe.

Wer kann mir eine Waffe besorgen?

Für seine Depression findet er heute ein weiteres Bild: Es ist wie ein Gewicht, das an seinen Fuß gebunden ist und ihn beim Schwimmen immer weiter nach unten zieht.

In den zwei Jahren nach der Diagnose ist Nick suizidgefährdet. Er denkt damals immer wieder an Selbstmord, scheinbar der einfachste, ja der einzige Ausweg aus seiner Hölle. Dieses kontinuierliche Auf und Ab, die vielen Höhen und Tiefen sind unerträglich für ihn. Er versucht, glücklich auszusehen, aber es ist unmöglich. Dann versucht er, sich eine Waffe zu besorgen. Über einen Freund nimmt er Kontakt zu jemanden auf, der das organisieren kann. Das sei ganz einfach gewesen, sagt Nick heute.

Doch er macht plötzlich einen Schritt zurück. Nick geht nicht zu dem Treffen mit dem Mann, die Waffe will er dann doch lieber gar nicht erst sehen. Plötzlich ist er sich sicher, dass sein Leben mehr zu bieten hat, dass er trotz seiner Krankheit einen Wert hat und ihn seine Freunde lieben. Nick will für sein Leben kämpfen, lernt zu genießen und über seine Krankheit zu siegen.

Es geht bergauf

Nick steckt bald viel Energie in die Schule und sein Abitur. Durch die Universität kommt er endlich raus aus dem Pott und in eine andere Stadt, wo sein Leben einen neuen Weg finden kann. In Bielefeld findet er Motivation, neue Freunde und einen Therapieplatz. Die Verbindung zu seiner Therapeutin wird ein Fixpunkt in seinem Kampf gegen die Depression. Sie ist da, nicht nur wenn er erschöpft oder verunsichert ist, sondern auch dann, wenn er von Siegen erzählen kann. Das Stottern beherrscht er zunehmend besser, viele Leute merken es nicht mal mehr.

Nick macht sich auf die Suche nach seinem Wert und beginnt, sich mit Schönem zu umgeben. Er kauft viel ein, Kleidung, Videospiele, einen Laptop – oberflächliche Verzierungen eines noch immer verunsicherten jungen Mannes. Er verlässt das Haus nur noch, wenn er schön und cool angezogen ist, selbst um den Müll runterzubringen. Nick legt sich sogar einen Blog zu, auf dem er viel über Mode postet. So kann er mit Menschen in Kontakt treten, ohne direkt mit ihnen zu sprechen. Der Blog, die Kleidung: Sie bieten ihm die Möglichkeit, seine Krankheit zu verstecken, um sich auf etwas Schönes zu fokussieren, um sich besser und normaler zu fühlen.

Die Universität bringt frischen Wind in sein Leben. Er ist motiviert und hat wieder Spaß an etwas. Die Depression lässt sich aber nicht einpacken und zur Seite stellen. Manchmal kann Nick überhaupt nicht aufstehen, das Studium hat in solchen Momenten keine Priorität mehr. "Wenn es mir so schlecht geht, dann muss ich alles liegen lassen und mich um mich selbst kümmern", sagt er. Es passiert oft, dass er eine Abgabe verpasst, weil er nicht im Stande ist, sich auf das Lernen zu konzentrieren. Das Studium schafft er nur, wenn er entspannt und fokussiert bleibt. Was ihn schon wieder unter Druck setzt.

Nick hat auch Angst davor, dass er im Beruf nicht standhalten wird. Im Studium hat er noch die Freiheit, Termine und Abgaben relativ flexibel zu halten, notfalls zu verschieben. Im schlechtesten Fall studiert er ein oder zwei Semester länger, keine Katastrophe. In der Arbeitswelt ist weniger Raum für Fehler und Zerbrechlichkeit.

Jeder Tag eine neue Herausforderung

Hinzu kommen die vielen Vorurteile gegenüber Menschen mit Depressionen. Es ist eine unsichtbare Krankheit, vielen nicht bekannt, sie wissen nicht, wie sie damit umgehen sollen. "Sei mal glücklich, lenk dich ab!" hat Nick schon oft gehört.

Nick hat einen kleinen Job als Verkäufer gefunden. Ständig im Kontakt mit neuen Menschen zu sein, ist eine enorme Herausforderung für ihn. Er kann da nicht einfach nach Hause gehen, wenn seine "Batterie für soziale Fähigkeit" leer wird und er nicht mehr unter Menschen sein kann. Er will lernen, damit umzugehen, für sich selbst zu sorgen. Er will nicht mehr von der Unterstützung seines Vaters abhängig sein.

Nick stellt sich immer wieder von Neuem auf die Probe. Wie beim Sport. Nicks Fitnessstudio liegt in einem anderen Viertel der Stadt und bei schlechtem Wetter ist er schnell demotiviert. Gras zu rauchen und ins Bett zu gehen, wirkt dann verlockender, als zum Sport zu gehen. Aber er zwingt sich, denn danach fühlt er sich besser und ist stolz auf sich.

Nick ist heute 22, er lebt schon mehr als ein Viertel seines Lebens mit der Depression. Er weiß, dass er auch in Zukunft immer wieder gegen Tiefen kämpfen müssen wird. So richtig bereit dafür fühlt er sich nicht, sagt er. Er hat Angst davor, er weiß, es wird schwer. Manchmal wacht er um vier Uhr nachts auf und muss einen Joint rauchen, damit er sich beruhigen kann. Auch die Suizidgedanken tauchen dann wieder auf. Alles ist anstrengend, immer muss er kämpfen und er kann die Berg- und Talfahrt nicht kontrollieren, dieses Gefühl laugt ihn manchmal aus. Er fällt immer wieder in dieses graue Loch zurück, klettert immer wieder raus. Aber der Aufstieg ist manchmal sehr schwer.

Notrufnummern bieten Hilfe für Personen, die an Suizid denken – oder sich Sorgen um einen nahestehenden Menschen machen. Die Nummer der Telefonseelsorge in Deutschland ist: 0800 111 0 111. Hier gibt es auch einen Chat.

* Name geändert