Rätsel

Warum riechen alle Vintage-Klamotten-Läden so muffig?

Wir haben einen Geruchsexperten um Erklärung gebeten.
30.6.17
Alle Fotos: Ruchira Sharma

Immer wenn man einen Second-Hand-Laden betritt, ist es so, als würde man gegen eine Wand laufen. Eine dicke, aufdringliche und muffige Wand. Und dieser Muff erinnert uns daran, dass die vorherigen Besitzer der Klamotten jetzt entweder sehr alt oder schon tot sind.

Aber woher kommt dieser modrige Geruch eigentlich? Und warum findet man ihn in wirklich jedem Vintage-Klamotten-Laden dieser Welt? Um Antworten auf diese Fragen zu finden, haben wir uns mit Simon Harrop unterhalten. Harrop ist nicht nur Geruchsexperte, sondern hat auch das Unternehmen Aromaco gegründet, das Düfte für italienische Kreuzfahrtlinien, japanische Autohersteller und kolumbianische Banken herstellt.

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VICE: Hey Simon. Wie lange bist du jetzt schon im Duftgeschäft unterwegs?
Simon Harrop: Ich habe mein Unternehmen 1993 gegründet, es sind jetzt also fast 25 Jahre. Wir sind bisher aber noch nicht damit beauftragt worden, den Geruch von Vintage-Klamottenläden nachzubilden.

Ist das überhaupt möglich?
Es gibt die sogenannte Gas-Flüssigkeits-Chromatografie, bei der man die chemischen Bestandteile von Luft mithilfe eines Analyseverfahrens aufschlüsseln kann. Diese Bestandteile mischt man dann zusammen, um den gleichen Geruch zu erhalten. Es kann allerdings sein, dass einige der chemischen Bestandteile aus Gründen der Gesundheit oder der Sicherheit nicht verwendet werden dürfen.

Die meisten ausgebildeten Parfümhersteller sind zum Glück in der Lage, die meisten Duftnoten auch ohne Gas-Flüssigkeits-Chromatografie zu identifizieren. Das Verfahren kann nämlich extrem zeitaufwendig und teuer sein.


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Wenn ich also mit einem ausgebildeten Parfümeur in einen Vintage-Klamotten-Laden gehe, dann kann er mir sagen, aus was sich die Luft dort zusammensetzt?
Ja, der könnte das ziemlich genau bestimmen. Eigentlich besteht der einzige Unterschied zwischen neuer und alter Kleidung darin, dass alte Kleidung halt schon getragen wurde – und wenn man sie nicht komplett gereinigt hat, dann haften daran immer noch natürliche menschliche Gerüche.

Es sind also nicht die Reinigungschemikalien, die den markanten Geruch in den Läden verursachen?
Wenn die Klamotten chemisch gereinigt wurden, dann können die Lösemittel den Geruch tatsächlich mitverursachen. Ich habe jedoch den Eindruck, dass es in Second-Hand-Läden nicht nach Reinigungschemikalien oder Weichspüler riecht, sondern nach diesem leicht modrigen Schweißaroma.

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Der Hauptgrund sind also menschliche Körperflüssigkeiten?
Ja. Oder anders gesagt: die Körpergerüche der Menschen, die die Klamotten vorher getragen haben. Eine große Rolle spielt auch der nicht wahrnehmbare Flüssigkeitsverlust. Durchschnittlich scheidet der Mensch pro Tag ungefähr einen Liter Wasser über die Haut und die Atmung aus. Dazu kommt dann noch der Flüssigkeitsverlust durch Schweiß und Urin. Ein Großteil dieser Feuchtigkeit setzt sich in unserer Kleidung fest.

Gibt es einen Grund, warum man diesen Geruch in jedem Vintage-Laden findet?
Wahrscheinlich gibt es schon minimale Unterschiede, aber die sind für die durchschnittliche menschliche Nase und auch für eine trainierte Nase nicht "erriechbar". Es kommen einfach zu viele verschiedene Duftnoten zusammen.

OK. Wieso dauert es so lange, bis der Geruch rausgewaschen ist?
Viele der Klamotten – wie etwa Mäntel oder Jacken – können lediglich chemisch gereinigt werden. Und das macht man ja nicht regelmäßig. Deswegen setzen sich die Duftstoffe über einen längeren Zeitraum hinweg fest. Ich glaube, dass es genau solche Kleidungsstücke sind, die für den speziellen Geruch in den Vintage-Läden sorgen.

Kann ich krank werden, wenn ich ständig alten Schweiß einatme?
Wenn sich der Duft zum Großteil aus Reinigungschemikalien zusammensetzen würde, dann wäre das eine andere Geschichte. So ist das Ganze aber kein Problem. Es handelt sich ja um natürliche menschliche Gerüche.

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