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Doppelmoral

Hannover 96 will Meinungsfreiheit – und sperrt kritische Fans aus

Vereinsboss Kind will die 50+1-Regel kicken, einige Fans wollen das verhindern. Jetzt hat der Verein 119 (vermeintlich) kritischen Personen eine Abfuhr erteilt. Und dadurch sich und seinen offenen Brief an Mitglieder lächerlich gemacht.

von Markus Hofmann
06 Juli 2017, 9:40am

Foto: imago

Dass es bei Hannover 96 zwischen der Vereinsführung und Teilen der Fans und Mitglieder schon seit geraumer Zeit rumort, ist wahrlich kein Geheimnis. Stein des Anstoßes ist Vereinsboss Martin Kind, der auf Biegen und Brechen die Mehrheit der Lizenzfußball-Abteilung der 96er übernehmen will. Das lässt viele Fans frustriert aufstöhnen. Wahrscheinlich auch die 119 Seelen, deren Antrag auf Vereinsmitgliedschaft gerade erst abgelehnt wurde. Das Pikante daran: Sie sind gegen eine 50+1-Übernahme von Kind. Noch pikanter: Der Verein hat gerade erst lauthals verkündet, unbedingt "eine faire, respektvolle Diskussionskultur" schaffen zu wollen. Hannover 96, was ist da los?

Hörgeräte-Riese Martin Kind will bei Hannover noch mehr zu sagen haben. Um das zu erreichen, könnte man sich bei den Mitgliedern mit guten Vorschlägen Gehör verschaffen und den basisdemokratischen Weg gehen – oder einfach seine Macht ausbauen und den Laden flapsig gesagt endgültig übernehmen. Letzteres ist das Ziel Kinds. Er wird schon in naher Zukunft – man munkelt Ende September – beim DFL eine Ausnahmeregelung von der 50+1-Regel beantragen, die einst ins Leben gerufen wurde, um die Macht von Investoren einzudämmen. Nun muss man sagen, dass Herr Kind kein dahergelaufener Spekulant ist, sondern schon seit 20 Jahren Hannover 96 die Stange hält – und etliche Millionen in den Verein gepumpt hat. Dennoch gibt es genug Hannover-Fans, denen die Idee so gar nicht schmeckt, dass Kind die Stimmenmehrheit der ausgegliederten Profiabteilung innehaben könnte. Besonders lautstark trägt die Initiative „Pro Verein 1896" ihre Kritik vor und hat erst jüngst eine Kampagne gestartet, um neue (möglichst kritische) Vereinsmitglieder zu gewinnen. 119 Personen bissen an und ein Sammelantrag auf Mitgliedschaft wurde dem Verein im Mai überreicht.

Neue Mitglieder, die sich gegen eine 50+1-Übernahme stellen würden, könnten noch spielentscheidend werden. Denn bei der 96-Mitgliederversammlung Ende April wurde ein Antrag angenommen, der Mitgliedern das Recht einräumen soll, über Kinds Pläne separat abzustimmen. Auch wenn Kind betont, dass der Antrag für ihn nur empfehlenden Charakter habe, wie das Portal sportbuzzer berichtet.

Oder Kind weiß, dass er an dieser Abstimmung nicht herumkommen wird. Was uns zu den 119 nicht im Verein erwünschten Fans zurückbringt. Deren Anträge, so Martin Kind gegenüber sportbuzzer, seien "im Interesse des Vereins Hannover 96" abgelehnt worden. Wow. Schon vorher, berichtet fanzeit, sei es zu ungewöhnlichen Verzögerungen bei der Bearbeitung just dieser 119 Anträge gekommen, während andere Anträge in derselben Zeit angenommen wurden. Wir halten also fest: Erst wurden die 119 Personen hingehalten, jetzt haben sie eine Abfuhr erhalten. Und das alles nur, weil sie von "Pro Verein 1896" zusammengetrommelt wurden und deswegen vermeintlich übernahmekritisch sind. Pluralismus sieht irgendwie anders aus. Stichwort Pluralismus: Der Verein hatte erst vor wenigen Wochen einen offenen Brief an seine Mitglieder geschickt und darin betont, dass man auf Meinungsvielfalt setze. Im Wortlaut hieß es:

Meinungsvielfalt ist für Hannover 96 belebend und von zentraler Bedeutung - und von uns ausdrücklich erwünscht, nicht nur bei einer Versammlung, sondern zu jeder Zeit. Wir möchten Sie, liebe Mitglieder, deshalb an dieser Stelle zum Austausch mit uns ermuntern, egal, welches Thema Ihnen am Herzen liegt.

Also liebe Mitglieder und Möchtern-Mitglieder: Bitte sprecht mit Herrn Kind über alles, wirklich alles, was euch am Herzen liegt – außer natürlich über diese eine Sache, die eben Herrn Kind am Herzen liegt.

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