Mutterschaft

Was wir über Sex nach der Schwangerschaft glauben – und was wahr ist

Ist Sex nach einer vaginalen Geburt so, als würde man "einen Hotdog in einen Flur werfen"? Die Antwort ist nicht so einfach, sagen Experten.

von Kimberly Lawson
08 Dezember 2017, 10:04am

Foto: imago | Westend61

Wenn mein Freund sich daran erinnert, wie unser Kind auf die Welt gekommen ist, muss er immer lachen. Er erzählt dann, wie ich mit dem trockenen Humor eines Modern Family-Charakters zu der Geburtshelferin sagte, dass es jetzt losgehen muss. Ich persönlich erinnere mich aber vor allem daran, dass ich ihm danach das Versprechen abringen wollte, meinem Intimbereich nicht näher als unbedingt nötig zu kommen. Er sollte nicht sehen, was die Strapazen der Geburt bei mir "angerichtet" hatten.

Die Vorstellung, dass eine vaginale Geburt das weitere Sexleben negativ beeinflusst, ist sehr weit verbreitet. Zwei Wissenschaftlerinnen der Queen's University in Ontario, Kanada, wollten herausfinden, wie hartnäckig sich diese Annahme hält, und veröffentlichten dazu eine Studie in der Fachzeitschrift Birth. Es ist die erste große Befragung von Frauen zu diesem Thema. Die Autorinnen der Studie befragten 1.428 erwachsene Frauen, die alle angaben, irgendwann Kinder haben zu wollen, bisher allerdings noch keines bekommen hatten. Sie sollten ihre bevorzugte Geburtsart angeben und bewerten, wie sehr sie mit Aussagen wie "Mein Partner wird den Anblick meiner Vulva nach einer vaginalen Geburt nicht mögen" oder "Meine Vagina wird nach einer vaginalen Geburt 'lose' sein" übereinstimmen.

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Während mit 85 Prozent die allermeisten angaben, eine vaginale Geburt zu bevorzugen, befürchtete etwa ein Viertel der Befragten, dass ihr Sexleben nach einer natürlichen Geburt nicht mehr das gleiche sein würde. Fast die Hälfte, 48 Prozent, war der Meinung, dass ihre Vagina dadurch 'lose' werden würde, und 21 Prozent gingen davon aus, dass ein Kaiserschnitt zukünftige Sexualprobleme vermeiden würde

Dr. Caroline Pukall ist Psychologiedozentin an der Queen's University und eine der beiden Studienautorinnen. Sexualität sei ein so wichtiger Aspekt im Leben vieler Menschen, dass sie auch bei der Planung der Geburt eine Rolle spiele, erklärt sie gegenüber Broadly. "Manche Personen sind in ihrer Entscheidungsfindung vielleicht von Medien beeinflusst. Die suggerieren tendenziell, dass sich vaginale Geburten eher schädlich auf das zukünftige Sexleben auswirken, wohingegen ein Kaiserschnitt die Sexualität eines Paares bewahren soll." Auch wenn es keinerlei Forschungsergebnisse gibt, die diese Annahme stützen.


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Zur Veranschaulichung bemühten Pukall und die Hauptautorin der Studie, Promotionsstudentin Jaclyn Cappell, unter anderem die Serie Keeping Up with the Kardashians. In einer Folge fragt Kim, ob Sex nach einer vaginalen Entbindung tatsächlich sei, als würde man "einen Hotdog in einen Flur werfen". In einem anderen Beispiel aus der Serie Life in Pieces warnt ein Arzt junge Eltern nach einer natürlichen Geburt davor, nicht 'da runter zu schauen'. Als die junge Mutter es schließlich doch tut, kommentiert sie das mit den Worten, ihre Vulva würde aussehen 'wie der Predator ohne seine Maske' und sinniert, ob sie und ihr Mann 'je wieder Sex haben können.'"

Wie das Sexualleben sich nach der Geburt gestaltet, kommt laut Pukall auf die jeweilige Person an. "Bei manchen wird der Sex ähnlich sein wie vor dem Kinderkriegen. Bei anderen wird er sich verändern – manchmal zum Besseren, manchmal zum Schlechteren." Mit großen Veränderungen ginge auch einher, dass sich andere Dinge im Leben weiterentwickeln, und dazu gehöre eben auch unsere Sexualität. "Insbesondere diejenigen, die natürliche Geburten mit erheblichen Verletzungen oder unter Einsatz Hilfsinstrumenten erlebt haben können, wie Studien zeigen, Schmerzen während der Penetration haben", erklärt sie. "Diese Schmerzen verschwinden bei den meisten aber innerhalb der ersten sechs Monate nach der Geburt."

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Das Ziel ihrer Studie sei es gewesen, aufzuzeigen, welche falschen Vorstellungen viele immer noch über die langfristigen Auswirkungen einer vaginalen Geburt haben, sagt Pukall. Außerdem wollten sie Menschen dazu zu ermutigen, "kritisch über das nachzudenken, was sie vielleicht in den Medien sehen – insbesondere, wenn es um die Darstellung von Sex und Sexualität geht." Sie fügt allerdings hinzu, dass diese Fehlannahmen definitiv einige Bedenken über die "weitreichendere Narrative um weibliche Genitalien" aufwerfen.

"Es kursiert diese hartnäckige Vorstellung, dass weibliche Genitalien eng und jugendlich sein müssen, um überhaupt für die männliche Penetration infrage zu kommen. Und diese Vorstellung lässt sich auf patriarchale Ideologien zur weiblichen Sexualität zurückführen, die leider offensichtlich auch heute noch existieren."

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