Dieser YouTuber hat seinen Krebstod gevloggt – und zeigt, wie man mutig lebt

Mit seiner Ehrlichkeit und seinem Humor hat Dan Thomas unzählige Menschen bewegt und vermutlich sogar Leben gerettet. Selbst auf dem Sterbebett teilte er noch seine Gedanken.

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31 Oktober 2018, 5:00am

Screenshot von dem YouTube-Channel PeeWeeToms

"Ich habe viel Blödsinn gemacht", sagt Dan Thomas. Er sitzt auf einer Bank im Freien und sieht dabei aus wie unzählige andere Vlogger, die ihre Videos auf YouTube stellen. Aber Dan erzählt nicht von einer neuen Fitness-Challenge oder seinem bevorstehenden Urlaub. Dan ist 32 und spricht über den Krebs, der ihn töten wird.

Das Video auf der Bank im Grünen ist vom 11. Januar, vor wenigen Wochen ist Dan gestorben. In den Monaten, die dazwischen lagen, hat er unzählige Leben zum Besseren verändert. Auf den "Blödsinn", den er gemacht hat, geht er Wochen nach seinem ersten Upload ein: Im August 2017 habe er Suizid begehen wollen. Nach einem Abend in einer Bar fuhr er betrunken zurück zu seinem Hotel, wo er sich töten wollte. Stattdessen baute er unterwegs einen Unfall und wachte in einer Zelle auf. "Ich hatte diesen Entschluss gefasst, weil ich mich alleingelassen fühlte", erklärt er. "Ich fühlte mich ignoriert." Dass er sich betrunken hinters Steuer setzte, nennt er "abscheulich".

Dan war ein Software-Entwickler aus Weston-super-Mare an der englischen Westküste. 2015 bekam er die Diagnose "sarkomatoides Karzinom", eine relative seltene Krebsart. Das erste Google-Ergebnis für die englische Bezeichnung ist ein Foreneintrag von Dan, der nach Leidensgenossen sucht – vergebens.


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Die Videos, die Dan auf seinen YouTube-Channel "PeeWeeToms" lädt, sind anfangs noch unbeholfen und bedienen sich bei YouTuber-Klischees – Greenscreen-Hintergrund, zu viele Schnitte, teils liest er seinen Text offensichtlich ab. Doch die Realität seines Lebens bricht immer mehr durch die Social-Media-Oberfläche. Er stellt der Welt seine Familie vor, zeigt Aufnahmen aus OP-Sälen und Krankenzimmern. Und Dan teilt seinen Schmerz und seine Angst.

Verständlicherweise schwankt die Stimmung des 32-Jährigen im Laufe der Vlogs. Mal ist er energiegeladen und fröhlich, mal entmutigt und beklemmt. Dann starrt er mit geröteten Augen in die Kamera, bevor er wegschaut, um die Tränen zurückzuhalten. In den fast 200 Videos häufen sich herzzerreißende Augenblicke: In einem entdeckt er während des Filmens eine Beule an seinem Rücken. In einem anderen sehen wir, wie er und seine Mutter Panik bekommen, als sie erfahren, dass Dans Krebs nicht mehr operabel ist. Dieses Video ist eines der belastendsten und hat mit 2,5 Millionen Views die meisten Klicks. "Niemand weiß, wie lange ich jetzt noch habe", sagt Dan. "Und das war's dann."

Zwischen all diesen aufwühlenden Szenen gibt es eine, die vielleicht weniger dramatisch ist, aber sehr viel offenbart: "Ich will so gern mein Leben zurück haben", sagt Dan. "Es fühlt sich so weit weg an." Plötzlich wird klar, dass es nicht nur der Krebs ist, der ihn fertigmacht. Es ist auch sein eigener Unwillen, Frieden mit der Krankheit zu schließen. Sein erklärtes Ziel ist es, anderen Leidenden mit den Vlogs zu helfen. Doch Dan versucht mit dem Projekt auch, den Krebs an sich ranzulassen, damit er ihn loslassen kann.

Dabei bleibt er insgesamt beeindruckend optimistisch. Dans humorvolle Art macht den Channel zu einem Denkmal für seinen starken Geist, statt den Verfall seines Körpers zu dokumentieren. "Ich werde nicht zulassen, dass mich das hier erdrückt", sagt er – und hält Wort. Im Mai vloggt er aus Disneyland Paris, im August vom Reading Festival in England, nur sechs Wochen bevor seine Behandlung komplett eingestellt wird. Er ist schon sichtlich abgemagert, als er seiner Freundin einen Heiratsantrag macht. Bei der Hochzeit am 12. September strahlt das Paar, trotz des Schmerzes, den beide zweifellos durchmachen.

Und dann, am 28. September, stirbt Dan. In seinem letzten Video, das er vier Tage davor hochlädt, sieht er älter und zusammengeschrumpft aus. Seine Stimme ist nur noch ein dünnes Krächzen, als er erklärt, dass er nie wieder essen kann. Er hat einen Sauerstoffschlauch in der Nase und schließt vor Erschöpfung immer wieder die Augen, die tief in den Höhlen liegen. Die Tragik eines Menschenlebens flimmert über fremde Handy- und Laptopbildschirme. Dan zeigt auf einen rosa Knubbel auf seiner Brust: "Ich denke immer wieder, das wäre meine Brustwarze, aber es ist Krebs", sagt er und stößt ein schwaches Lachen hervor. Die Szene fasst zusammen, was seine Videos inzwischen symbolisieren: die Überwindung des Unüberwindbaren, ein Lachen im Angesicht des Todes.

Es ist fast unmöglich, Dans Videos zu schauen, ohne dabei irgendwann zu weinen. Gerade für alle, die einen geliebten Menschen an Krebs verloren haben. Manche von uns weinen dabei nicht nur aus Trauer, sondern auch vor Dankbarkeit, weil wir durch diese schmerzhaften Erfahrungen stärker geworden sind und das Leben mehr schätzen. Das Leben ist wertvoll – genau diese Botschaft vermittelt auch Dan. Wer ihn von der Parkbank zum Sterbebett begleitet, ist danach ein veränderter Mensch.

Beweise dafür gibt es viele. Dans YouTube-Kanal hat nur rund 165.000 Abonnenten, viele Videos sind weit von 100.000 Klicks entfernt. Dafür hat Dan eine unglaubliche Flut an aufrichtig dankbaren Rückmeldungen erhalten. Allein unter seinem letzten Video stehen fast 16.000 Kommentare, genau wie unter dem Video, in dem seine Familie seinen Tod bekanntgibt.

Unzählige Menschen verkünden, dass Dan ihr Leben drastisch verändert hat. Eine 58 Jahre alte Amerikanerin entscheidet sich, ihre Einsamkeit zu überwinden, und reist nach North Carolina, um Betroffenen des Hurrikans Florence zu helfen. "Mir ist jetzt klar, dass wir unser Leben niemals allein verbringen sollten", schreibt sie.

"Dan hat mich erkennen lassen, dass es so viel gibt, wofür es sich zu leben lohnt."

Viele sagen, Dan habe ihnen geholfen, ihre Depressionen zu überwinden. Eine Frau hat erkannt, dass Suizid keine Lösung ist: "Zu sehen, wie stark er mit seiner eigenen Sterblichkeit umgegangen ist, hat mich für immer verändert."

Andere fühlen sich von Dan inspiriert, aus der Drogensucht zu entkommen. Ein Belgier blickt auf zehn Jahre Abhängigkeit zurück: "Dan hat mich erkennen lassen, dass es so viel gibt, wofür es sich zu leben lohnt."

Dan wollte mit seinem Channel anderen Krebskranken helfen. Die Kommentare zeigen, dass ihm das mehr als gelungen ist. Doch er hat noch mehr erreicht. Seine Videos liefern ein Vorbild, um mutig durchs Leben zu gehen. Er mag sich allein gefühlt haben, als er im August 2017 über Suizid nachdachte, doch bis zu seinem Tod erschuf er eine der lebensbejahendsten Communitys im Internet, mit Männern und Frauen aller Altersgruppen, aus aller Welt.

In dem Video, das Dans Angehörige nach seinem Tod posteten, versprechen sie weiterzukämpfen. Weil sein Channel so vielen Menschen Halt gab, wollen sie weiter Vlogs drehen, in denen sie zeigen, wie das Leben ohne Dan ist. Wenige Tage nach diesem ersten Video postete seine Witwe Becca eines mit einer offenen Einladung zur Bestattung. Unzählige Zuschauerinnen und Zuschauer sagten zu, selbst aus den USA wollten Menschen anreisen.

Becca und Dans Mutter Lin haben außerdem verkündet, dass sie die restlichen Punkte auf Dans "Bucket List" abhaken und darüber vloggen werden. Zu den Erlebnissen, für die Dans Zeit nicht reichte, gehören Seilrutschen, eine Fahrt mit dem Rennboot und ein Hubschrauberflug. Am 8. Oktober postete Becca ein Video: Sie geht allein an den Hafen, wo Dan ihr den Heiratsantrag machte. "Ich bin froh, dass ich ihn meinen Ehemann nennen durfte", sagt sie und lächelt, der Wind peitscht ihr das rote Haar ums Gesicht. "Durch ihn habe ich so viele großartige Menschen kennengelernt." Dann bebt ihre Stimme, die Augen füllen sich mit Tränen. "Und jetzt fühle ich mich nie einsam, selbst wenn ich allein bin. Weil es sich anfühlt, als wäre da immer jemand."

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