Warum wir ein Autoverbot in allen Städten brauchen

Die Rechnung "zwei Tonnen Stahl für achtzig Kilo Mensch" geht einfach nicht auf.

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Okt. 10 2018, 4:00am

Foto: imago | Jürgen Ritter

Hach, wir Deutschen sind schon ein lustiges Völkchen. Wir sind wie der Safari-Tourist, der in der Badewanne seiner Luxus-Lodge in Kenia liegt und die Wasserverschwendung auf der Rosenfarm nebenan beklagt. Nirgendwo lässt sich unsere zugeparkte Perspektive auf die Wirklichkeit besser erleben als am Verhältnis zum Auto.

Am Dienstag diskutierten die Umweltminister der EU-Staaten über eine Verschärfung der Emissionsvorschriften für neue Autos und Lkw. Erst am Montag hat der Weltklimarat einen Sonderbericht veröffentlicht, der eindrucksvoll belegt, was auf dem Spiel steht: Entweder macht die Menschheit bald Schluss mit dem Verbrennen fossiler Energien – oder der Planet macht irgendwann Schluss mit der Menschheit. "Die nächsten Jahre sind wahrscheinlich die wichtigsten in unserer Geschichte", sagte die südafrikanische Wissenschaftlerin Debra Roberts bei der Vorstellung des Berichts.

Stimmt ja, scheinen wir Deutschen zu sagen, wir müssen uns wirklich mehr anstrengen. Aber wir dürfen ja wohl bitte weiter Auto fahren.

Am Dienstagabend verkündete die EU-Kommission ihre Entscheidung: Der Kohlendioxid-Ausstoß von Neuwagen soll zwischen 2020 und 2030 um 35 Prozent sinken. Damit folgte die EU-Umweltminister dem Kompromissvorschlag der österreichischen Regierung, die derzeit die EU-Ratspräsidentschaft innehat. Ein Kreis von 17 bis 18 EU-Staaten – darunter Frankreich, Schweden, Spanien – forderte sogar 45 Prozent Einsparung. Für Deutschland dagegen verkündet die Umweltministerin Svenja Schulze: 30 Prozent müssen reichen. Dabei sagte Schulze selbst noch im Sommer, 45 Prozent "seien technisch machbar und klimapolitisch geboten". Doch dann wurde sie vom Wirtschaftsminister Peter Altmaier, vom Verkehrsminister Andreas Scheuer und von den Gewerkschaften zurückgepfiffen. Grund: mal wieder die Arbeitsplätze.

So geht das jetzt schon seit Jahrzehnten: Wann immer die Autoindustrie zu grundsätzlichen Veränderungen gezwungen werden soll, hagelt es Verweise darauf, dass die wichtigste Industrie unseres Landes mehr Zeit braucht, weil sonst Hunderttausende ihren Job verlieren. Dass der Wohlstand Deutschlands am Tropf der Autoindustrie hängt, ist so richtig für die Vergangenheit, wie es falsch für die Zukunft ist. Wenn sich die Autoindustrie nicht bald bewegt, kommen die Autos der Zukunft aus China und Kalifornien.

Und wenn sich die Autofahrer nicht bald bewegen, können die Umweltminister verhandeln, so viel sie wollen: Der Klimawandel wird immer schneller sein. Jeden Morgen und jeden Abend stehen sich im deutschen Berufsverkehr Autos die Reifen in die Karosserie. Und in jedem einzelnen sitzt jemand, die oder der nicht wahrhaben möchte, dass die Rechnung – zwei Tonnen Stahl transportieren 80 Kilo Mensch – nicht aufgeht, zumindest in den Städten. Man muss inzwischen nicht mehr in Megacitys wie Sao Pãulo oder Peking wohnen, um einen irre gewordenen Verkehr zu erleben, der mehr hupt als rollt. Eine durchschnittliche Kreuzung einer deutschen Großstadt reicht völlig – angesichts von 46 Millionen Fahrzeugen, die bei uns inzwischen auf den Straßen sind. Die Luftverschmutzung hat, auch dank der Betrügereien der Automobilindustrie, Ausmaße angenommen, dass praktisch in jeder Großstadt Richter Fahrverbote verhängen. Jüngstes Beispiel: Berlin.

Für die effektivste Reduktion von Treibhausgasen im Straßenverkehr müssen wir weder die Umweltministerin nach Brüssel schicken noch auf entscheidungsfreudige Richter setzen – wir müssten nur einfach das Auto stehen lassen. Und weil man uns zu unserem Glück manchmal erst zwingen muss, gibt es nur eine Lösung: Autos müssen per Verbot raus aus den Städten und zwar aus allen. Davon hätten alle etwas. Deutschland spart CO2 und die Städte würden wieder zu Räumen, die uns die Freiheit zurückgeben, die uns das Auto immer öfter nimmt, statt gibt. Damit diejenigen, die sich ein Leben ohne Auto nicht vorstellen können, wissen, dass wir sie nicht allein lassen, können wir gern ein Ausstiegsprogramm starten. Exit Autodeutschland – es gibt immer einen anderen Weg.

Man gilt in Deutschland ja schnell als Autohasser, wenn man so etwas fordert. Dabei ist der Klimawandel zum einen keine Erfindung einer militanten Radfahr-Guerilla. Er ist vielmehr die Folge einer alles niederwalzenden Fossil-Armee. Zum anderen gibt es Beispiele aus dem Ausland, die zeigen: Eine autofreie Stadt ist nicht das Ende aller Zeiten. Sie ist der Anfang. Im Norden Spaniens liegt die Stadt Pontevedra. Deren Bürgermeister begann vor zwanzig Jahren, die Stadt nach den Bedürfnissen der Menschen auszurichten, nicht nach denen der Autos. Das Ergebnis: Die meisten Menschen sind geflohen und die, die noch geblieben sind, haben ihren Bürgermeister gelyncht. Könnte man meinen, wenn man liest, wie hierzulande die Reaktionen ausfallen, wenn man "Auto" und "frei" hintereinander schreibt. Tatsächlich hat Ponteverda 12.000 neue Einwohner hinzugewonnen.

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