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Kampf um CDU-Vorsitz

Warum Friedrich Merz der Pharrell Williams der deutschen Politik ist

Der CDU-Mann will Angela Merkel beerben und könnte laut der 'Bild-Zeitung' Kanzler werden. Aber er hat ein Geheimnis.

von VICE Staff
31 Oktober 2018, 3:05pm

Fotos: imago | Merz: Christian Thiel | Pharrell: Media Punch

Da stinken die Trump-Leaks gegen ab. Mehrere US-amerikanische Journalistinnen und Journalisten haben in den letzten Jahren unabhängig voneinander und in mühsamer Kleinstarbeit Unglaubliches zutage gefördert: Musiker, Star-Produzent und Über-Charismatiker Pharrell Williams altert nicht, der Mann sieht seit Jahrzehnten auf praktisch jedem Foto gleich aus. Dieses Schicksal teilt er sich mit einem 62-jährigen Hoffnungsträger aus dem Sauerland, der Angela Merkel als CDU-Vorsitzende beerben will: Friedrich Merz.

Die jüngeren Menschen, die in diesen Tagen zum ersten Mal das Gesicht von Friedrich Merz sehen, werden sich an den Anblick gewöhnen müssen. Merz werden von Medien wie der Bild-Zeitung realistische Chancen eingeräumt für die Vorsitzenden-Wahl im Dezember. Manche glauben sogar, dass er dann schon im nächsten Jahr Kanzler werden könnte. Dabei ist er aktuell nur einfaches CDU-Mitglied. Was allerdings noch beängstigender ist: Friedrich Merz sieht auf jedem Foto, das wir von ihm kennen, nicht älter aus als 40. Kein bisschen. Im Gegenteil, Merz wirkt wie ein zeitreisender Insolvenzverwalter.

Wichtiger als die Frage, wer dieser Menschen überhaupt ist, ist es deshalb zu wissen: Was ist das Beauty-Geheimnis von Friedrich Merz? Wir haben beide Anliegen in einer hochgradig aufwendigen Recherche zu klären versucht.

2018

Friedrich Merz 2018
Merz checkt die Lage | Foto: imago | IPON

Das Foto oben zeigt Friedrich Merz im Juni 2018. Merz war früher mal ein Politiker aus der ersten Reihe der Union (dazu später mehr), heute ist er aber vor allem in der Wirtschaft tätig. Die weltweit agierende Kanzlei Mayer Brown listet Merz als einen Berater und "häufig empfohlenen Anwalt für den Bereich Gesellschaftsrecht". Er saß schon in den Aufsichtsräten der Deutschen Börse, der Geschäftsbank HSBC Trinkaus und von Borussia Dortmund. Aktuell ist er Vorsitzender Aufsichtsrats des Flughafens Köln/Bonn und deutscher Aufsichtsratschef des US-amerikanischen Vermögensverwalters BlackRock.

In Deutschland hält BlackRock unter anderem Aktien an Daimler, der Deutschen Bank und der Post. Immer wieder sollen die Vermögensverwalter Einfluss auf die laufenden Geschäfte nehmen, etwa bei der Vereinigung von Bayer mit dem skandalträchtigen Monsanto. Merz war bislang dafür zuständig, die Kontakte in die Politik zu pflegen.

2014

Friedrich Merz diskutiert auf einer Veranstaltung im Jahr 2017
Merz frühstückt | Foto: imago | Wiegand Wagner

Die zwei Trademark-Zeichen des Friedrich Merz: eine stets maximal bedeutungsschwere Fingergymnastik und eine Stirn, die Falten wirft, als würde der Kopf dahinter zur selben Zeit sehr angestrengt darüber nachdenken, wie die verdammte Kaffeemaschine im Großraumbüro richtig zu bedienen ist. Bei der Veranstaltung auf dem Foto wurde ihm der Kaffee allerdings gebracht, es war ein "wirtschaftspolitisches Frühstück" der IHK anno 2014. Merz saß dort als Vorsitzender der Atlantik-Brücke, einem hochrangigen deutsch-amerikanischen Netzwerk aus Politik-Leuten, Medienschaffenden und Industriellen.

2012

Friedrich Merz bei Maybrit Illner im Jahr 2012
Merz eskaliert | Foto: imago | Metodi Popow

Nur weil er bis heute keinen eigenen Twitter-Account oder eine Website besitzt, heißt das nicht, dass Merz sich nicht seit Jahren bereits auf die Kanzlerschaft vorbereitet hat. Die Denkerstirn kommt tatsächlich nicht von ungefähr. Hält ihn das angestrengte Denken so frisch? Ist das sein Geheimnis? Immer wieder mal sitzt er in Talkshows, wie hier 2012 bei Maybrit Illner, und noch regelmäßiger schreibt er Bücher, die dozierende Titel tragen wie Was jetzt zu tun ist, Mut zur Wahrheit oder Nur wer sich ändert, wird bestehen.


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2011

Friedrich Merz kratzt sich am Kopf
Merz sinniert | Foto: imago | Reiner Zensen

Wenn Friedrich Merz, hier bei einer Veranstaltung vor sieben Jahren, so richtig ins Kopfkratzen kommt, dann sagt er laut Spiegel Sätze wie: "Ich habe nichts gegen Schwule, solange ich da nicht mitmachen muss."

2008

Friedrich Merz auf der Frankfurter Buchmesse
Merz signiert | Foto: imago | Sven Simon

Es hat einen Vorteil, Friedrich Merz zu sein: die Autogrammkarten, die er hier auf der Frankfurter Buchmesse 2008 unterschreibt, halten ewig. Weniger eindeutig ist, was Merz umgetrieben hat, bevor er am Montag, wenige Stunden nach Merkels Pressekonferenz, seine Kandidatur für den Parteivorsitz durchblicken ließ. "Nach BILD-Information" sei Merz in den vergangenen Wochen "massiv von Parteifreunden gedrängt worden, für das Amt des CDU-Chefs zu kandidieren". Bei Spiegel Online heißt es, er habe bei denselben Leuten "immer wieder die Erfolgschancen für eine Kandidatur abgeklopft". Im Bundestag sitzt er seit 2009 nicht mehr.

2003

Friedrich Merz kratzt sich schon wieder am Kopf
Merz sinniert, reloaded | Foto: imago | photothek

Dass Merz überhaupt Chancen eingeräumt werden, CDU-Vorsitzender zu werden, liegt an seinen ehemaligen Ämtern. Von 1998 bis 2000 sowie von 2002 bis 2004 war er Stellvertretender Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, in den Jahren dazwischen saß er der Fraktion sogar vor.

2002

Friedrich Merz und Edmund Stoiber
Merz paktiert | Foto: imago | phototek

Wie Roland Koch, Christian Wulff und Edmund Stoiber gehört Merz zu den Männern, die Angela Merkel politisch überlebt zu haben schien. Von ihrem Schicksal ahnten Stoiber und Merz beim CDU-Parteitag in Frankfurt, 2002, noch nichts. Drei Monate später unterlag Stoiber als Kanzlerkandidat gegen Gerhard Schröder und Angela Merkel löste Merz als Fraktionsvorsitzenden ab.

2001

Friedrich Merz und Angela Merkel
Merz fokussiert | Foto: imago | Phototek

Ein Foto aus glücklicheren Zeiten. Merz schien stets bis in die nie weit entwachsenen Haarspitzen motiviert zu sein, als wäre er ein Alpecin-Model.

2000

Friedrich Merz ist müde
Merz döst | Foto: imago | Winkelmann

Manchmal hat Merz die Hand auch einfach nur im Gesicht, um nicht mit dem Kopf auf den Tisch zu knallen. In seinen wacheren Momenten gehörte er 2000 mit zu den Ersten, die uns eine Debatte über eine "deutsche Leitkultur" aufdrängen wollten. Unter anderem wollte Merz nicht, dass muslimische Lehrerinnen Kopftücher tragen dürfen.

Friedrich Merz und Angela Merkel im Bundestag
Merz merkelt | Foto: imago | phototek

2000 hatte Friedrich Merz, hier noch als Mann der zweiten Reihe, seine bis heute mächtigste politische Position erreicht: Er wurde zum Fraktionsvorsitzenden der Union gewählt und war damit als Oppositionsführer der Gegenspieler von Bundeskanzler Schröder. Am meisten schien sich darüber die damalige CDU-Generalsekretärin Merkel zu freuen.

1999

Friedrich Merz anno 1999
Merz pointiert | Foto: imago | Bonn Sequenz

Wenn das mal nicht derselbe Merz wie oben ist! Das hier ist das erste Bild von vielen Bildern mit einem erhobenen Zeigefinger, die wir von Merz in der Bilddatenbank unserer Agentur finden konnten. Es stammt aus dem Jahr 1999, als der CDU-Politiker gerade ein Jahr lang stellvertretender Vorsitzender seiner Bundestagsfraktion war und bereits zehn Jahre lang im Europäischen Parlament und im Bundestags gesessen hatte.

Zwei Journalisten vom Tagesspiegel hat er mal erzählt, er habe in seiner Jugend "schulterlanges Haar getragen" und wäre Motorrad gefahren. Kurze Zeit später meldete sich ein angeblicher Schulfreund bei Die Zeit, Merz hätte als Jugendlicher bereits Kurzhaarschnitt gehabt – und ein Motorrad gab es auch nicht. So oder so, spätestens seit den späten 90ern können wir zweifelsfrei sagen: Friedrich Merz’ Friseur zu sein, muss der langweiligste Job der Welt sein, noch langweiliger als Sicherheitsmann in einem Krankenhaus.

Ist das Beauty-Geheimnis von Friedrich Merz also nur seine festsitzende Haarlinie? Nein. Es ist seine ganz persönliche Anti-Merkel-Kur: Während draußen die SPD kaputtkoaliert wurde und Wutbürger begannen, "Merkel muss weg!" zu rufen, hat sich Merz überwiegend in den Hinterzimmern der Republik frischgehalten. Bis zu diesem Montag.

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