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Was die Wahlkampfplakate der Parteien über ihre Wähler verraten

Zwischen Gottkomplex und "glückliche Stockfoto-Familie": Die Plakate von SPD, Union, AfD und Co. sind aufschlussreicher als jede Psychotherapie.

von Lisa Ludwig und Niclas Seydack
02 August 2017, 3:46pm

Foto: AfD

Dass die heiße Wahlkampfphase begonnen hat, merkt man immer spätestens dann, wenn einem auf einmal von allen Straßenecken Politiker entgegenstrahlen. Sorgfältig geübtes Lächeln oder bewusst ernster Blick in die Zukunft. Weichgezeichneter Hintergrund oder irgendetwas Fabrikähnliches, was zeigen soll: Partei XY ist auch auf der Seite des kleinen Mannes oder der kleinen Frau. Wahlkampfplakate geben einen Einblick in die Seele einer Partei und ihrer Vertreter und zeigen auch, wen Merkel, Schulz, Petry und Co. eigentlich ansprechen wollen.

Wir haben uns durch die gerade veröffentlichten Plakate von SPD, Union, FDP, Grüne und AfD gearbeitet und dabei viel über Deutschland und seine Wähler gelernt.

Alternative für Deutschland

Foto: AfD

Der sanfte Farbverlauf im Hintergrund erzeugt einen Heiligenschein um Frauke Petry. Das charmant-matschige rechte Auge zeugt von den schlaflosen Nächten als Mutter. Rührend! Das Kind in ihren Händen: die personifizierte Unschuld! Man muss das Plakat quasi niedlich finden – wäre da bloß nicht dieser Slogan: "Trau dich, Deutschland". Der wirkt in der Kombination mit dem Bild so, als habe Mama Petry den Kleinen nach seinem Zeugungsort benannt: Deutschland.

Die AfD versucht, aus der "dämonenhaften Schönheit" Petry die Schutzpatronin der deutschen Eltern und ihrer Kinder zu machen. Auf einem anderen Plakat ermutigt die AfD ihre Wähler deshalb, die "neuen Deutschen" lieber selbst zu machen.

Frauke Petry, die Neunfach-Mutter, geht als strahlendes Vorbild voran, indem sie ihren Sohn nach ihrem Vaterland tauft – noch schöner wird diese Vorstellung, wenn man den Nebenslogan des Plakats auf das Kind münzt: "Was ist Ihr Grund für Deutschland zu kämpfen?" Da wir von dem Kleinen ja bisher leider keine politische Grundsatzprogramme gehört haben, antworten wir: Deutschland, du bist wirklich ein süßer Fratz. Bleib doch einfach so, wie du bist. Und lass diesen völkischen Blödsinn, den deine Mutter und ihre Partei verzapfen.

FDP

Foto: FDP

Irgendwann vor nicht allzu langer Zeit muss es ein Meeting gegeben haben, in dem darüber gesprochen wurde, wie man sich als wiedererstarkte FDP auch visuell im kommenden Wahlkampf behaupten möchte. Wahrscheinlich lief es ungefähr so: Die Fotos von Christian Lindner hatte die extra mit der Rettung der Partei beauftragte Werbeagentur bereits ausgesucht, die Sättigung rausgedreht – fehlte nur noch ein markiger Spruch. Da meldete sich plötzlich die zaghafte Stimme des Praktikanten: "Leute, wollen wir das wirklich machen mit den Lindner-Fotos? Warum nicht mal was anderes versuchen?" Der Raum brach in gröhlendes Gelächter aus. Absurd! Was soll denn sonst auf diese Plakate?

"Wird uns dann nicht wieder vorgeworfen, dass wir keine wirklichen Inhalte haben und unseren kompletten Appeal als Partei an einer einzigen Person festmachen?", setzte der Praktikant wacker nach, wurde aber direkt unterbrochen. "Dann machen wir eben einfach sehr viel Text drauf!", lautete die schnippische Antwort. Und so geschah es.

Die FDP zeigt einen Mann gegen den Rest der Politikwelt. Den Helden des engagierten Mittelstands-Mitarbeiters, für den das Internet kein Neuland ist. Einen Mann, der – schnittig, smart, immer gut angezogen – zeigt: Manchmal muss man gar keine Lösung für ein Problem haben. Manchmal reicht es, eine geschmackvolle PowerPoint-Präsentation an die Wand zu werfen und Dinge zu sagen, die irgendwie gewaltig und gehaltvoll klingen, weil einem ja sowieso niemand zuhört. "Manchmal muss ein ganzes Land vom 10er springen!", zum Beispiel und irgendwo klatscht irgendjemand, ohne zu verstehen, was das eigentlich heißt.

Neben dem frustrierten, mittelständischen Steuerzahler mit großen Ambitionen, könnte die FDP mit ihren neuen Wahlkampfplakaten aber auch eine ganz neue Zielgruppe erschließen: Menschen, die sehr lange auf den Bus warten und kein Buch dabei haben.

CDU/CSU

Foto: imago | Karina Hessland

Die Botschaft der Union lautet: Angela Merkel. Ein schön klingender wie nichtssagender Spruch verspricht, dass sich nichts ändern wird. Der Stammwähler mag keine Überraschungen. Er will verlässliche Kost und die schenkt niemand verlässlicher aus als die Kanzlerin.

Doch natürlich will die CDU auch Wechselwähler abfischen. Der Wechselwähler ist ein scheues Wesen. Man muss ihn mit unterbewussten Tricks ködern. Um die zu verstehen, hilft nur ein Blick auf die Details des Plakats. Merkels Frisur zum Beispiel. Sie symbolisiert ihre Fähigkeit, sich anzupassen. Wer gleichzeitig einen Pony UND einen Scheitel trägt, kann auch heute gegen Atomkraftwerke sein und morgen für die Energiewende. Selten versprach eine Frisur deutlicher: Realpolitik und Kompromisse.

Außerdem strahlt Merkel eine fast verspielte Menschlichkeit aus. Die Falten in der Augenpartie und die vereinzelt grauen Härchen beweisen, dass sie Schwäche zeigen kann. Wenn man sich ihr Lächeln lange genug ansieht, wirkt es, als hätte der Fotograf ihr einen Witz erzählt. Vielleicht: "Was trägt Martin Schulz im Schwimmbad? Seine Wahlschlappen!" Merkel würde so gern losprusten – aber sie darf nicht. Sie muss uns ja noch vor Russland beschützen, Erdoğan mäßigen und den Rest der Welt retten.

Und dann diese Kette aus schwarz-türkis-violetten Quarzsteinen! Klar, Schwarz, das ist die Union, Türkis steht vielleicht für die CSU. Aber Violett? Wer Farbmystiker konsultiert, lernt: "Für Schamanen bildet Violett die Brücke vom Diesseits zum Jenseits, vom Normalzustand zur Trance. Sein Chakra ist die Vorstufe der göttlichen Erleuchtung." Als wolle Merkel fragen: SO, MARTIN, WER IST JETZT HIER GOTTKANZLER?

SPD

Foto: imago | Emmanuelle Contini

Kinder, die lustige Grimassen ziehen, selig lächelnde Rentner, Twenty-Somethings, die herausfordernd bis nachdenklich Richtung Kamera gucken – die Wahlkampfplakate der SPD sehen nicht nur frappierend nach Sparkassen-Werbung aus, die Partei möchte auch inhaltlich vor allem eins vermitteln: eine positive Grundstimmung mit Aussagen, an denen sich eigentlich niemand stören kann. Bildung darf nicht arm machen? Wir sollten mehr in die Förderung innovativer Geschäftsideen investieren? Renten müssen gesichert sein? Wer könnte dem schon widersprechen! Packt einen Song von Andreas Bourani dahinter, tauscht das Gesicht von Martin Schulz mit dem von David Hasselhoff aus und ihr holt nahezu jeden Deutschen ab.

Die Sozialdemokraten sind die Partei für jene Deutschen, die sich schon so ein klitzekleines bisschen mehr "soziale Gerechtigkeit" wünschen – sie darf halt nur nicht weh tun. Deswegen wird man auf dem einzigen Plakat, auf dem von "Forderungen", die "durchgesetzt" werden müssen, die Rede ist, auch von Kindern angeschrien. Denen kann man auch einen Lolli in die Hand drücken und dann beruhigen sie sich erstmal wieder und vergessen ihre Forderungen für die nächsten vier Jahre.

SPD-Anhänger wissen, was sie bei ihrer Partei bekommen: den Status-Quo. Am Schluss haben sowieso wieder Merkel und die Union das Zepter in der Hand. Man selbst kann sich aber zumindest sagen: Ich selbst war ja bereit für eine weniger konservative Welt und kann auch weiterhin feministische und antirassistische Statements auf Twitter retweeten, während ich über meinen Bausparvertrag nachsinne. Ich habe alles in meiner Macht stehende getan. Vielleicht reicht's ja beim nächsten Mal.

Die Linke

Foto: imago | Jens Jeske

Die Linke präsentiert auf ihren Plakaten eine Welt, die sich niemand von uns wünscht. Ohne Fantasie, ohne Schönheit, dafür voll mit Clip-Art-Schrift aus dem Typografie-Folterkabinett der 90er.

Damit die Bilderwelt der Linken-Plakate nicht zur Lebenswelt von uns allen wird, bellen die Imperative: Abrüsten! Millionäre besteuern! Vor Armut schützen!

Halten die Plakatdesigner ihr Publikum für Masochisten, die diesen Befehlston mögen? "Nein", schreit der Linke-Wähler zurück, "das klingt kämpferisch!" Klar, aber wie wollt ihr das ... – "ABRÜSTEN! BESTEUERN!", grätscht der Linke ins Wort.

Die Linke beweist mit den Plakaten, dass sie nicht regieren will. Sie will die polternde Radikalopposition von links bleiben. Auch wenn sie ständig etwas anderes behauptet. Und radikal reduzierter Wille zur Verantwortung braucht eben auch radikal reduzierte Wahlplakate mit maximal markigen Sprüchen. Die Linke bedient so den Wunsch ihrer Wähler nach Protest. Protest gegen Kriege, gegen Reiche. Und gegen Altersarmut. Davor fürchten sich Linken-Wähler nämlich am meisten.

Bündnis '90/Die Grünen

Foto: Grüne

Rein optisch muss man den Grünen ein klares Kompliment für ihre neuen Wahlkampfplakate aussprechen. Während das Design der AfD beispielsweise auch von einem ambitionierten Paint-Nutzer aus Oberschöneweide stammen könnte, erinnert das klare, bunte Design der selbsternannten Naturschützer an die Hausarbeit eines peppigen Grafikdesign-Studenten. Aufgabenstellung: Wenn du ein trauriges Haiku über Klimawandel schreiben müsstest – wie würdest du es illustrieren?

Auch textlich schaffen die Grünen den Spagat zwischen betroffen und poetisch und treffen damit mitten ins Herz der twitteraffinen Zielgruppe. Die möchte entgegen gemeiner Hippie-Klischees nämlich gar nicht kiffend im Wald leben und freie Liebe praktizieren, sondern lieber in Altbau-WG-Küchen und mit iPhone in der Hand diskutieren über Cannabis-Legalisierung, Tinder und Genderfragen (was wir, ganz nebenbei, womöglich alle mehr tun sollten).

Wenn die heiße Phase des Wahlkampfs vorbei ist und die Neonfarben der Plakate verblasst sind, passen Phrasen wie "Umwelt ist nicht alles. Aber ohne Umwelt ist alles nichts" auch ganz ausgezeichnet an die Flurwand – neben die auf alt gemachte Weltkarte und das Poster mit dem amerikanischen Ureinwohner, das man schon während der weltverbesserischen Jugendphase im Kinderzimmer hängen hatte: "Erst wenn der letzte Baum gerodet, der letzte Fluss vergiftet, der letzte Fisch gefangen ist, werdet ihr merken, dass man Geld nicht essen kann."

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