Alle Fotos: Hanko Ye

Wir haben Kinder gefragt, wie es ist, arm zu sein

"Seit drei Jahren suchen wir eine Wohnung. Wenn meine Mutter sagt, dass wir acht Kinder sind, flippen die Vermieter total aus und legen auf."

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17 November 2017, 11:00am

Alle Fotos: Hanko Ye

Es sieht aus wie ein riesiges Kinderzimmer: Plastikautos, die über einen Straßenteppich verteilt sind, ein Tischkicker, zerknülltes Süßigkeitenpapier. An einer Wand hängen Kleiderhaken aus alten, verbogenen Gabeln.

Die Kinder zum Kinderzimmer sitzen unten, im Speisesaal der "Arche" in Berlin-Friedrichshain, einem von 20 Standorten des christlichen Kinderhilfe-Vereins. Durch die hohen Fenster strömt Licht, der Raum ist hell, wirkt einladend.

Um 15:30 Uhr haben sich 20 Kinder um eine Tafel aus zusammengestellten Tischen versammelt und warten auf ihr Mittagessen. Gestern gab es Fischstäbchen mit Kartoffelpüree, heute haben die Küchenhelfer Blumenkohl mit Käse überbacken. Für sieben der Kinder ist es die erste Mahlzeit des Tages. Weil Mama und Papa arbeiten und keine Zeit haben. Weil die Kinder selbst noch kein Frühstück zubereiten können. Oder weil einfach kein Geld für dreimal Essen am Tag da ist.

"80 Prozent der Kinder hier kommen aus sozial schwachen Verhältnissen", sagt Julia Büning, die als Pädagogin bei der Arche arbeitet.

Neben dem Tagesplan hängen noch Preise für den "Toilettenkönig" aus

Adrian* ist zehn und kam aus Rumänien nach Berlin. Als wir ihn fragen, ob er Lust hätte, mit uns zu sprechen, ist er gerade im Toberaum, von den Kindern auch "Gummizelle" genannt.

VICE: Als was arbeiten deine Eltern?
Adrian: Mein Papa arbeitet auf einer Baustelle und meine Mama in der Reinigung. Wir haben nicht so viel Geld. Zwei Brüder und eine Schwester von mir sind noch in Rumänien. Wir haben dort in einem kleinen Dorf gewohnt, wo es keine Arbeit für meine Eltern gab, deshalb sind wir 2014 nach Deutschland gezogen. Hier in Berlin lebe ich mit meinen Eltern und einem Bruder. Er ist 13 Jahre alt, geht aber oft zu meinem Onkel. Deshalb bin ich nach der Schule meistens in der Arche, sonst wäre ich alleine zu Hause.

Woran denkst du bei Armut?
An Menschen, die nicht respektiert oder gemocht werden. Leute, die auf der Straße leben. Andere Menschen ignorieren oder schlagen sie. Das finde ich traurig. Ich würde ihnen gerne helfen, damit sie Geld und ein Haus und einen Job bekommen. Man sagt: Wenn man arm ist, wird man reich, aber wenn man reich ist, wird man arm. In Rumänien hatte meine Familie mehr Geld als jetzt, dann haben wir immer mehr verloren. Das ist wie ein Kreislauf.

Bekommst du Taschengeld?
Ich kriege alle paar Tage einen Euro. Das ist nicht so viel, aber dafür kann ich mir Schokolade kaufen, am liebsten von Milka.

Kennst du Kinder mit Eltern, die mehr Geld haben?
Mein Freund Marcel kommt aus einer reichen Familie. Das sieht man, weil ihm sein Vater vier Handys, viele Spielsachen, Lego und eine PlayStation 4 gekauft hat. Meistens gehe ich zu ihm zum Spielen. Manchmal fahren wir Fahrrad, aber meine Bremsen gehen langsam kaputt.

Was wünschst du dir zu Weihnachten?
Ich hätte gerne auch eine PS4. Aber meine Eltern können sie mir nicht kaufen. Probleme mit der Miete, mit dem Jobcenter und alles.

Erzählen sie dir das?
Nein, aber wenn sie darüber reden, höre ich es nebenan. Das macht mich traurig. Mir bedeutet Geld nicht so viel. Ich bin trotzdem glücklich, weil ich eine Familie habe. An meiner Familie liebe ich, dass wir glücklich miteinander sind und zusammenhalten. Wenn wir uns streiten, vertragen wir uns wieder. Das ist wichtiger als Geld.


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Die Arche gibt es seit 1995, damals gründete der Pastor Bernd Siggelkow den Verein in Berlin-Hellersdorf. Heute betreuen Mitarbeiter 4000 Kinder in ganz Deutschland.

Mit einer Unterschrift ihrer Eltern bekommen die Kinder kostenloses Essen und Hilfe bei den Hausaufgaben. Jeden Mittwoch dürfen sie sich fünf Kleidungsstücke aus der "Schatzkammer" nehmen. Für erledigte Hausaufgaben und gute Noten gibt es Punkte, von denen können sie sich Spielzeuge "kaufen". Zwei Punkte für Süßigkeiten, zehn für ein ferngesteuertes Auto.

Die Arche Friedrichshain organisiert auch Ausflüge, zum Beispiel ins Schwimmbad. Für Fiona* (10) war der Besuch auf einem Bauernhof in Brandenburg ihr erster "richtiger" Urlaub. Vorher hatte sie nur ihre Großeltern besucht, das zähle aber nicht, findet sie. Seit 2014 kommt sie fast jeden Tag in die Arche.

"Jede Neueröffnung einer Arche ist ein Misserfolg der Gesellschaft", sagt der Pressesprecher des Vereins.

VICE: Wie sieht ein armer Mensch für dich aus?
Fiona: Arme Menschen müssen auf der Straße leben. Für mich ist es schwer, ihnen immer Geld zu geben, weil ich ja selbst nicht so viel habe. Trotzdem gebe ich ihnen manchmal einen oder zwei Euro. Manche Leute tragen jeden Tag die gleichen Kleider, die sind schon ganz schwarz. Andere wurden aber aus ihrer Wohnung geschmissen, weil sie ganz viel Alkohol getrunken haben und deswegen verpeilt wurden. Oder Drogen gemacht haben. Deswegen vergessen sie, Miete zu zahlen, und müssen auf die Straße. Die brauchen natürlich auch Geld, aber denen gebe ich ungern was.

Und ein reicher Mensch?
Reiche Menschen wollen immer mehr Geld und denken nur an sich selbst. Ich finde das nicht gut. Ich kümmere mich lieber um die Armen, weil ihnen das mehr bringt. Ein Reicher hat ja schon viel Geld. Wenn ich Chefin wäre und ein Reicher zu mir kommen und nach Arbeit fragen würde, dürfte er nicht bei mir arbeiten.

Fühlst du dich arm?
Nein, weil in meiner Sparbüchse immer etwas Geld ist. Das muss ich nicht sparen, sondern kann es ausgeben, wie ich will. Ich fühle mich nur arm, wenn meine Familie sich arm fühlt. Dann bin ich besorgt.

Was wünscht du dir?
Dass meine Mama eine Glücksfee hätte, die ihre Arbeit erleichtert und das Geld vermehrt. Meine Mama arbeitet im Büro. Wenn sie arbeitet, komme ich in die Arche, weil niemand zu Hause ist.

Und dein Papa?
Meine Eltern sind getrennt, deshalb ist alles sehr schwierig. Meinen richtigen Papa habe ich nie kennengelernt. Er hat mich sitzen gelassen, weil meine Mutter mich mit 17 gekriegt hat und er nicht bereit war, mich zu bekommen. Aber jetzt möchte er mich kennenlernen.

"Wir sind dankbar für das, was wir bekommen", lautet eine der Regeln im Freizeitraum

Laut einer Studie der Bertelsmann-Stiftung ist jedes fünfte Kind in Deutschland von Armut betroffen. Nach ihrer Definition gilt eine Familie als arm, wenn sie weniger als 60 Prozent des Durchschnittseinkommens (3000 Euro) verdient oder Hartz IV bezieht. Kinderarmut definiert sich auch durch alltäglichen Mangel: Wenn eine Familie zum Beispiel keine Kinobesuche, passende Kleidung oder Klassenfahrten bezahlen kann.

Für die Arche-Pädagogin Julia Büning ist der Unterschied zwischen relativer und absoluter Armut entscheidend. Absolute Armut, das heißt für sie: Leben am äußersten Rand der Existenz. "Relative Armut ist, wenn die Lebenschancen beschränkt werden und man kein Geld für Kleidung hat oder man von Hartz IV leben muss", sagt Büning. Dazu gehöre auch emotionale Armut, wenn die Eltern keine Zeit für die Bedürfnisse des Kindes hätten, für so vermeintlich einfache Dinge wie Zuhören. "Wer in einen Hartz-IV-Haushalt geboren wird, kommt da nur durch Bildung raus", sagt Büning. Wenn die Eltern den Unterrichtsstoff allerdings nicht beherrschten, könnten sie dem Kind auch nichts erklären.

Julia* (12) und Aisa* (10) sind Schwestern. Jeweils mit sechs gingen sie zum ersten Mal in die Arche, seitdem sind sie täglich hier.

In vielen Räumen sind Handys nur in der "Handyzone" erlaubt. Viele der Kinder besitzen gar keins.

VICE: Habt ihr eigene Zimmer?
Julia: Normalerweise schlafen wir mit Oma, Opa und unserer Schwester Laura in einem Zimmer. Die zwei ältesten Geschwister schlafen im zweiten Schlafzimmer und unsere beiden jüngsten Brüder mit Mama und Papa im Wohnzimmer.
Aisa: Wir suchen schon seit mehr als drei Jahren eine größere Wohnung. Aber immer, wenn meine Mutter sagt, dass wir acht Kinder sind, flippen die Vermieter total aus und legen einfach auf.

Wie viel Geld habt Ihr?
Julia: Unser Papa macht Wohnungsauflösungen. Manchmal kaufen wir etwas aus den Wohnungen – Gläser, Teller oder Bilder – und verkaufen es auf dem Flohmarkt. Mama hat jeden Sonntag einen Stand in Friedrichshain. Da verkaufen wir auch manchmal Spielsachen oder Kleidung, die wir nicht mehr mögen oder die zu klein ist. Wir bekommen kein Taschengeld, dürfen aber das Geld, das wir auf dem Flohmarkt verdienen, behalten.

In der "Gummizelle" gibt es gelbe und rote Karten. Gelb für Beschimpfungen, Rot für Gewalt.

Wann war euer letzter Urlaub?
Aisa: In den Urlaub können wir nicht fahren, weil das für unsere Mama mit acht Kindern nicht geht. Manchmal fahren wir nach Bosnien, wo wir noch Familie haben. Aber unser Auto hat nur fünf Sitze, deshalb fahren meistens nur die älteren Geschwister mit und wir Jüngeren bleiben hier.

Was wünscht ihr euch?
Julia: Zu Weihnachten weiß ich es noch nicht. Letztes Jahr wollte ich ein paar Schuhe und eine neue Winterjacke. Ich wünsche mir, dass wir eine größere Wohnung und ein größeres Auto hätten, einen Achtsitzer. Und dass wir nicht bis um 16 Uhr Unterricht haben. Sonst ist alles in Ordnung.

Aisa: Ich würde gerne in ein anderes Land reisen, weil ich noch nie weg war, nach Kroatien, in die Türkei und nach Amerika. Überall dahin, wo es keinen Krieg gibt. Aber meine Mutter kann uns nirgendwo mitnehmen, weil wir zu viele Kinder sind und Opa im Krankenhaus liegt. Deshalb muss sie hierbleiben.

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*Die Namen der Kinder sind alle geändert