Alle Fotos: Hanko Ye

Eine Kosmetikmesse hat mir gezeigt, wie grausam wir wirklich zu Frauen sind

Ich war auf der Cosmetica und alles, was ich bekommen habe, war eine Panikattacke.

von Lisa Ludwig; Fotos von Hanko Ye
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23 November 2017, 9:41am

Alle Fotos: Hanko Ye

Mascara mit Falsche-Wimpern-Effekt, 24-Stunden-Foundation, Nagellack, der je nach Lichteinfall die Farbe wechselt – man kann mir nahezu alles andrehen. Auch wenn es nach wie vor Menschen gibt, die glauben, dass Frauen sich nur schminken, um andere geil zu machen, hat Make-up für mich auch immer etwas mit Empowerment zu tun. Ich mag es außerdem, mein Äußeres meiner aktuellen Stimmung anpassen zu können. Und oft genug ist Schminken auch ein Versuch, mich abzuschotten und eine Art Mauer zwischen mir und der Außenwelt zu errichten. Niemand soll sehen, dass ich müde bin, weil ich keine Fragen dazu beantworten will, warum ich müde bin. Deswegen trage ich Concealer auf.

Allgemein ist Kosmetik in Deutschland ein großes Thema wie nie. Nirgendwo in Europa ist der Markt größer. Das mag gerade auch für junge Menschen daran liegen, dass sich Make-up-Tutorials auf YouTube nach wie vor großer Beliebtheit erfreuen. Für mich hat es vor allem damit zu tun, dass es Instagram-Filter noch nicht als Maske gibt, die man sich einfach über das Gesicht legen kann. Deswegen habe ich mich auch auf die Cosmetica gefreut, eine Fachmesse für Menschen, die sich über die neuesten Trends und Möglichkeiten im Bereich Beauty informieren wollten. Weil ich herausfinden wollte, was es neues Geiles in Sachen optischer Selbstoptimierung gibt.


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Nach wenigen Minuten fühle ich mich aber plötzlich gar nicht mehr so frei und selbstbestimmt. Ich habe das Gefühl, mich in einer riesigen Fabrik zu befinden, in der Teile (falsche Wimpern, falsche Nägel, porenlose Haut) hergestellt werden, aus denen sich dann die perfekte Frau zusammensetzen lässt. Oder in der Real-Life-Version eines Homeshopping-Kanals – nur ohne Aufputschmittel und falsche Euphorie. Niemand hier scheint euphorisch. Da wird ungeduldig geschnaubt, wenn die Dame vor einem ein bisschen zu lange das Peeling in der Hand hat, das man sich selbst gerade ansehen wollte. Da werden abschätzige Blicke auf offensichtlich geliftete Frauen geworfen, während man selbst seit mehreren Minuten auf den Stand mit den Laserbehandlungen schielt. Eine ältere Frau zischt ihrer Begleitung "Ach, diese dicken Mädels!" ins Ohr und wirft zwei Mittzwanzigerinnen bei den Glätteisen einen beinahe triumphalen Blick zu. Hauptsache sich selbst irgendwie besser fühlen, obwohl doch jeder hier ist, weil er sich selbst nicht genug ist – oder Dinge für Kunden besorgen muss, die sich selbst nicht genug sind.

Statt Ständen, an denen Foundations für alle Hauttypen angeboten werden, gibt es an jeder Ecke Anbieter, die einem das Make-up direkt auf die Haut tätowieren. Statt Produkten, die die Vielseitigkeit moderner Schönheitsideale abfeiern, schreit es auch hier von jedem Werbebanner: Dünner, schmaler, straffer ist besser. Eines der Produkte, das von den Besucherinnen am neugierigsten beäugt wird, ist ein vibrierendes Brett, das einem fast ohne jegliche Anstrengung zur Traumfigur verhelfen soll. Dass das natürlich gar nicht funktionieren kann, ist egal. Die Angst davor, unattraktiv zu sein, ist stärker als der Verstand. Nicht immer, aber oft.

Alle Fotos: Hanko Ye

Natürlich ZWINGT einen die Gesellschaft nicht direkt dazu, sich Lippen auf- und Falten wegspritzen zu lassen. In den seltensten Fällen dürfte eine Frau im Beruf vor die Wahl gestellt werden: "Entweder Sie konturieren sich jeden Morgen das Gesicht oder wir schmeißen Sie raus!" Tatsächlich ist Attraktivität aber etwas, das von Frauen mehr erwartet wird als von Männern. Gleichzeitig ist (sichtbares) Altern für Frauen ein Faktor, der sie stigmatisiert. Frauen, die sich von Haarspitzen bis Zehennägeln selbst optimieren, tun das zum Teil eben auch, weil sie es so gelernt haben. Weil es von ihnen erwartet wird. Wer da nicht mithalten kann, wird eben unsichtbar – oder ständig mit dem vermeintlichen Scheitern an sich selbst konfrontiert. Sei es nun von Medien, die Cellulite als "Schenkelschande" verunglimpfen, oder Menschen, die einem jegliche Sexualität absprechen, weil man keinem erotischen Ideal entspricht.

Was also, wenn man die Schatten unter den Augen nicht mehr so einfach überschminken kann? Was, wenn ich eines morgens aufstehe und feststelle: Meine Haut hat keine Rücksicht darauf genommen, dass ich nach wie vor keine private Altersvorsorge abgeschlossen habe. Meinem Bindegewebe ist es egal, dass ich immer noch allein lebe. Meine grauen Haare warten nicht mehr länger darauf, dass ich irgendwann meine Playstation verkaufe und stattdessen ins Museum gehe. Was, wenn ich plötzlich nicht mehr "jung" bin?

All das trifft mich ziemlich plötzlich. Die Angst davor, irgendwann auch pailettenbesetzte "VIP"-Mützen und funkelnde Glassteinketten tragen zu müssen, um nicht komplett aus der öffentlichen Wahrnehmung zu verschwinden, raubt mir den Atem. Ich war mit Pornostars auf der Venus, habe als frustrierter Single auf einer Hochzeitsmesse Hochzeitskleider anprobiert – und bin aus beiden Erfahrungen als stärkerer Mensch hervorgegangen. Aber irgendetwas an gestresst aussehenden Frauen mittleren Alters, die sich mit toten Augen Glitzerpartikel auf die Lippen kleben lassen, gibt mir komplett den Rest.

Ich denke an meine Zeit in der Schule, als mir beinahe täglich an den Kopf geworfen wurde, wie hässlich ich sei – und damit bei Weitem nicht die Einzige war. An die Zeit, als es besser geworden ist und ich gelernt habe, mich mit mir selbst wohlzufühlen. Und an jetzt, wo es mich immer noch komplett aus der Bahn werfen kann, wenn ich ein unvorteilhaftes Foto von mir sehe. Wie abschätzig sich hier angestarrt wird, wie aufwendig zurechtgemacht die meisten hier sind und wie gierig sie trotzdem noch nach jeder Möglichkeit greifen, noch ein bisschen schöner, noch ein bisschen altersloser zu sein, triggert mich. Ich muss hier raus, denke ich mir, irgendwohin, wo ich atmen kann. Während mir selbst bewusst ist, wie absolut irrational dieses plötzliche Panikgefühl ist, blicke ich mich hektisch um. Rechts von mir Echtfellwesten in Braun bis Pink, links Messebesucherinnen, die auf Behandlungsstühlen liegen und ein bisschen so aussehen, als befänden sie sich im Koma – oder in der Matrix.

Gerade bin ich fest entschlossen, einfach den Ausgang zu nehmen, vor dem sich mehrere, primär männliche Messebesucher zum Currywurstessen verschanzt haben, da bekomme ich von unserem Fotografen eine SMS: "Die Schmink-Show geht los." Mein Puls beruhigt sich augenblicklich. Mit absurden Wettbewerben kann ich umgehen. Ironische Distanz hilft. Ich begebe mich ruhig und tief durchatmend zu der Bühne, auf der über die zwei Ausstellungstage verteilt verschiedene Programmpunkte stattfinden. Mal ist es ein Vortrag, mal singt eine fantastisch geschminkte Dragqueen Hits von Coldplay, mal konkurrieren drei Nachwuchsvisagisten um einen Sachpreis in Höhe von mehreren tausend Euro.

Unter dem Thema "Romantic Glow" werden drei Models in florale Sommerkleider gepackt und mit möglichst viel Highlighter und Glitzer-Lidschatten zu lebenden Discokugeln geschminkt. Was trotz verzweifelt herbeigeredeter Wettbewerbsatmosphäre ein äußerst unspannendes Unterfangen ist. Kurze Irritation kommt nur auf, als der Moderator erklärt, dass der einzige männliche Wettbewerbsteilnehmer seinem Model gerade "Haarsträhnen" ins Gesicht kleben würde. Die Verwirrung lässt sich schnell auflösen: Es handelt sich nicht um Haare, sondern die Stromzufuhr für den LED-Eyeliner. So habe ich heute zumindest eine Sache gelernt: Es gibt Menschen, die sich Stromkabel im Gesicht verlegen lassen, um anschließend auszusehen wie eine Mischung aus Stimmungsring und Tankstellenbeleuchtung. Meine Stimmung mag kurzfristig gerettet sein, so richtig glücklich werde ich auf der Messe trotzdem nicht mehr. Statt begeistert unnützen Ramsch zu kaufen, der mein Bad noch mehr aussehen lässt wie das begehbare Schminktäschchen eines egomanen Messis, schlurfe ich nachdenklich von Stand zu Stand.

Nach rund drei Stunden auf der Cosmetica bin ich mir nicht mehr ganz so sicher, wo die Grenze zwischen "Ich tue es für mich" und "Ich tue es, weil ich verzweifelt an einem Bild von mir festhalte, das so nicht existiert" verläuft. Die überfüllten Stände mit ihren metallenen Kosmetikutensilien wirken wie riesige Werkzeugkästen, die einem versprechen, dem "Verfall" entgegenwirken zu können. Wenn es um Frauen in unserer Gesellschaft geht, scheint niemand Lust auf Oldtimer zu haben. So unfair und unmenschlich das auch sein mag – an diesem Tag, in diesen Messehallen, ist es die Wahrheit.

Als wir uns Richtung Ausgang bewegen, kommen wir wieder an dem Stand mit den vibrierenden Abnehmbrettern vorbei. Ein einzelner Mann steht bewegungslos auf einem der Geräte und starrt mit sehr konzentriertem Gesichtsausdruck ins Nichts. Fast wirkt es wie eine Szene aus einer Tragikkomödie, wie er sich da ausbalanciert und gar nicht mitzubekommen scheint, wie sich wenige Meter von ihm entfernt Messebesucherinnen um Gelnagellack prügeln. Wäre er eine Frau, denke ich, müsste er sich jetzt wahrscheinlich auch noch Sorgen um seine Stirnfalten machen.

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