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Fanartikel, Friseure, Fehlinformationen: Die absurden Ausmaße der DSGVO

Kissen tragen ihren Namen, auf Amazon ist sie Top-Seller und sogar euer Friseur will mit euch über sie reden: Die Datenschutzgrundverordnung kommt und das Internet flippt aus.
24 Mai 2018, 6:00am
Bild: Screenshot | Amazon

Wahrscheinlich habt auch ihr schon die gefühlt viertausendreihundertfünfundzwanzigste Mail zur Datenschutzgrundverordnung gelöscht und verdreht nur noch die Augen über die Aufregung in den sozialen Netzwerken, die den drohenden Untergang des Internets beschwören, wenn es am Freitag heißt: Ab jetzt gilt die DSGVO.

Für viele Menschen sind die Folgen der DSGVO noch unklar, es gibt Verunsicherung über die Zukunft von Blogs und Diensten – und weniges zeigt das so deutlich, wie die Absurditäten, die es aktuell im Netz zur DSGVO gibt. Wir haben hier die merkwürdigsten DSGVO-Phänomene gesammelt. Welche Folgen das DSGVO wirklich für euer Leben haben wird, erklären wir euch in einem Interview mit einem Datenschützer.

Ein Erste-Hilfe-Buch zur DSGVO ist auf Platz 1 der deutschen Amazon-Bestseller

Ein Buch zur DSGVO als Amazon-Bestseller | Bild: Screenshot | Amazon

Das Sofortmaßnahmen-Paket für Unternehmen und Vereine scheint bei der aktuellen Verunsicherung und Abmahnangst genau das richtige Produkt zu sein! Damit ist das Bayerische Landesamt für Datenschutz wohl die erste Behörde mit einem Ratgeber auf Platz 1 der nationalen Bestsellerliste – und schlägt ganz nebenbei Ernährungsberater und Frank Schätzing.

Die meisten Rezensenten sind begeistert, viele wünschen sich aber etwas mehr Internet zum toten Holz:

"Erst mal was zum schnellen Überblick über die EU-DSGVO ... Auch Vorlagen sind in das Heft gedruckt. Hier würde ich mir noch einen Download wünschen, da würde ich auch gerne Geld dafür bezahlen."

Amazon-Rezensent Galandril bringt das Erfolgsrezept des Bayerischen Landesamts für Datenschutz auf den Punkt:

"Keiner will es…aber wir müssen uns leider alle darum kümmern. Dabei hilft dieses Heft perfekt zu einem spitzen Preis! 5 Sterne"

"So opt-In if you love us too": Menschen schreiben Lieder über eine Datenschutzverordnung

In der englischsprachigen Welt begegnet uns die DSGVO eher als GDPR, die General Dataprotection Regulation. Und zu ihr gibt es mittlerweile sogar einen Song, den ein Musikmarketing-Unternehmen wohl als PR-Gag aufgenommen hat.

"Stick around and see who rocks, we promise not to spam your inbox!"

Natürlich hat nicht jeder die Zeit (und das Talent) mit Gitarre und wackeligen Reimen das Vertrauen seiner Kunden, Partner und Webseitenbesucher in den eigenen Datenschutz zu stärken. Für gestresste Unternehmer und Selbstständige, die bis Freitag fieberhaft versuchen, auch ohne Musikvideo alles richtig zu machen, gibt es die passende Playlist. Natürlich dabei: "The Final Countdown" und "Age of Consent" von New Order.

Wochenende! SAUFEN! Nicht nach DSGVO googlen!

Suchanfragen bei Google zu "DSGVO" und "Datenschutz" über die vergangenen drei Monate | Bild: Screenshot | trends.google.de

Seit Wochen steigt in Deutschland die Zahl der Suchanfragen zur DSGVO und Datenschutz im Allgemeinen. Aufschlussreich: Vor allem an Werktagen ist die Suchmaschine gefragt, privat beschäftigen sich wohl doch noch nicht alle mit den neuen Regeln. Aber auch hier lässt sich ein Anstieg erkennen, die Verunsicherung von Bloggern und Hobbyfotografen dürfte dazu beigetragen haben.

Funfact am Rande: Sogar der Erste Mai, der Vatertag und der Pfingstmontag lassen sich als deutliche Knicke in der Suchstatistik ablesen. Wer frei hat, will endlich in Ruhe gelassen werden mit der Datenschutzgrundverordnung.

Menschen fallen darauf rein, dass sie der DSGVO mit einem Facebook-Bild widersprechen können

Der Widerspruch sollte nur ein Fake sein, aber manche haben ihn ernst genommen | Bild: Facebook | Robert Kneschke

Insgesamt 7.300 Shares hat der als Scherz gemeinte Fake-Widerspruch auf Facebook mittlerweile. Dass es nur ein Witz sein sollte, haben offenbar nicht alle verstanden – die Verwirrung war dann wohl so groß, dass der Urheber des Bilds, ein Kölner Fotograf, sein Witzbild erklären musste: "Checkt die Fakten, glaubt nicht jeden Scheiß", so der Fotograf Kneschke im eigenen (bereits DSGVO-konformen) Blog. Klar, gegen eine EU-Verordnung lässt sich nunmal nicht einfach widersprechen. Dafür bald umso einfacher dagegen, dass eure Daten für Werbezwecke genutzt werden.

Es gibt eine neue Phishing-Disziplin

Sieht aus wie eine Mail von der Bank, ist aber keine | Bild: Screenshot | mimikama.at

Phishing mit gefakten Mails von der Bank kennen alle. "Bitte hier TANs eingeben" und das Geld ist weg. Phishing mit der Datenschutzgrundverordnung ist neu. Betrüger haben erkannt, dass Unternehmen jetzt massenweise Einwilligungsaufforderungen verschicken und versuchen sich unauffällig in die Mailflut einzureihen und sich über Fake-Websites in ihre Accounts einzuloggen.

#gdprjokes – Eine EU-Verordnung hat einen eigenen Hashtag für Witze

Wer über die neue Datenschutzverordnung spotten will, hat unter #gdprjokes einen passenden Platz auf Twitter. Seinen Ruf als Spaßbremse wird die EU-Verordnung aber auch hier nicht so richtig los: Besonders stark vertreten sind Unternehmen, die augenzwinkernd ihre Dienste für DSGVO-konforme Webseiten anbieten und Leute, die nur sehr genervt sind von den vielen Emails von Diensten, die man schon längst nicht mehr nutzt. Aber manche Witze sind einfach so platt, dass sie schon fast wieder gut sind:

Es gibt DSGVO-Kissen – Liefertermin: Juli

Das Kissen ist leider erst ab Juli lieferbar | Bild: Screenshot | Amazon

Wer sich als Datenschutz-Nerd zu erkennen geben will, kann in Zukunft auf einem GDPR-Kissen schlafen. Das hat wohl noch kein Gesetz geschafft. Ideen wären reichlich vorhanden, deutsche Gesetze mit schönen Abkürzungen gibt es genug. Vom Flecktarnunterwäsche mit dem Kürzel BwAttraktStG – Bundeswehr-Attraktivitätssteigerungsgesetz – bis hin zu Schnapsgläsern mit der Aufschrift BranntwMonAbschaffG, oder lang: Branntweinmonopolabschaffungsgesetz. Einzig schlechte Nachricht: Der Kissenversand erfolgt aus den USA. Bis zur ersten, entspannten Nacht auf einem Datenschutzgrundverordnungskissen kann es bis Juli dauern.

Auch Friseure bitten jetzt darum, dass sie eure Daten verarbeiten dürfen

So wirklich erforderlich ist das nicht. Daten, die der Friseur unbedingt erheben muss, um euch die Haare zu schneiden, darf er auch ohne eure explizite Einwilligung verarbeiten. Er darf also euren nächsten Termin notieren, damit ihr nicht umsonst vorbeikommt. Falls er jedoch eine Datenbank mit Gesichtsbildern aller Kunden anlegen will oder eure Locken sammelt, um DNA-Analysen anzufertigen, dürfte das eher nicht angebracht sein. Ihr könnt euch dann dank DSGVO bei einer Datenschutzbehörde eurer Wahl beschweren. Oder vielleicht aber auch über einen Friseurwechsel nachdenken.

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