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WoW-Spieler erzählen im Chat von ihren schönsten und krassesten Erlebnissen im Spiel

Skelettpferde, Geert Wilders und wahre Freundschaft in der Community: Eine Ode an das ganz eigene Leben von World of Warcraft in vier Chatprotokollen.

von Joe Köller
22 Juni 2017, 11:25am

Bild: Screenshot, Blizzard

Die spannendsten Geschichten über Spiele sind die Geschichten ihrer Spieler. Stories über zufällige Alien-Entdecker, über Community-Polizisten und interplanetare Codeknacker. Aber nur die wenigsten dieser Geschichten werden erzählt. Das wollen wir ändern. Und darum geben wir Gamern die Gelegenheit ihre Geschichte zu erzählen – und zwar direkt im Spiel.

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Kein Titel bietet sich hierbei besser an als World of Warcraft. Blizzards Online-Rollenspiel hat 2004 nicht nur das Genre wieder in Mode gebracht, zahlreiche Nachahmer inspiriert und Popkultur von den Simpsons bis How I Met Your Mother geprägt, sondern hatte am Zenit seiner mittlerweile 13-jährigen Laufzeit über zwölf Millionen aktive Spieler, was ungefähr der Einwohnerzahl von Belgien entspricht. Jeder dieser zwölf Millionen Spieler erlebt dabei seine ganz eigene Geschichte und verbindet andere Dinge mit einer Welt, die ständig im Wandel ist.

Auch wenn die Spielerzahlen seit ihrem Höhepunkt 2012 gesunken sind und inzwischen nicht einmal mehr veröffentlicht werden, gilt World of Warcraft nach wie vor als das mit Abstand größte aktive Online-Rollenspiel. Wir nehmen den nächsten Greifen nach Stormwind, der Hauptstadt der Menschen, und sprechen mit den Einheimischen über Veränderungen in der Community, über spielende Tanten, chronische Krankheiten und den Unterschied zwischen Allianz und Horde.

Der Pandaren-Mönch
Bob, Whistleblower

Bild: Screenshot, Blizzard

Hättest du Zeit ein paar Fragen zu beantworten?

Meiner Erfahrung nach bist du wahrscheinlich ein Troll, ich sag also nein, weil das wahrscheinlich irgendein Blödsinn ist. Wenn nicht, dann sollte dir das alles über das Spiel sagen, was du wissen musst.

Doch, doch, das ist echt! Hier ist meine Email-Adresse und das bin ich auf Twitter .

Ich hab mir jetzt deinen Twitter-Account angeschaut (voll von feministischem Zeugs Anmerkung der Redaktion) und eins kann ich dir gleich sagen: Wenn du hier was verändern willst, das wird nichts. Ich hab' im offiziellen Forum schon oft über den Sexismus und Rassismus in diesem Spiel geschrieben und Blizzard hat das immer gelöscht. Sie haben meinen Account sogar für eine Weile gesperrt.

Bild: Collage: Motherboard, Blizzard

Darüber würde ich gerne mehr hören.

Ich sag nur eins, du musst das wirklich selber erleben. Mach's so wie ich und sag den Leuten mal für eine Woche, dass du eine Frau bist, dann wirst du sehen, was für Beleidigungen du hier abbekommst. Das beschreibst du dann im Blizzard-Forum, dort wirst du jede Menge Antworten von Frauen erhalten, die dir zustimmen und innerhalb einer Stunde wird das Thema dann gelöscht. Blizzard ignoriert Sexismus, Rassismus, alles was in diesem Spiel ordentlich schief läuft. Sie lassen es einfach verschwinden und tun so, als ob das alles nur harmlose Witze von ein paar Teenagern wären.

Auch wenn du das Interview nicht machen willst, habe ich deine Erlaubnis das zu verwenden, was du bis jetzt gesagt hast?

Ja, aber bitte verwende nicht meinen Namen. Sag einfach ich heiß' Bob oder so.

Die Nachtelfen-Priesterin
Mark, 20, Informatikstudent, Montenegro

Bild: Screenshot, Blizzard

Was würdest du sagen, war dein liebster Moment mit dem Spiel?

Vermutlich die Zeit mit meiner alten Gilde zur Zeit der Cataclysm-Erweiterung. Ich hab' damals auf einem privaten Server angefangen, weil ich mir das monatliche Abo nicht leisten konnte. Die Community dort war klein, aber sehr aktiv und freundlich, es gab sogar eine montenegrinische Gilde, der ich mich dann angeschlossen hab'. Dafür funktionieren auf privaten Servern viele Quests, Dungeons und Achievements nicht.

Gegen Ende von Catacylsm bin ich dann auf die offizielle Version umgestiegen, da kriegt man erst so richtig mit, wie viel vorher nicht funktioniert hat. Dafür war es da aber viel anonymer, ich habe lange Zeit überhaupt niemanden kennengelernt.

Bild: Collage: Motherboard, Blizzard

Wie lange spielst du schon World of Warcraft?

Seit ungefähr zehn Jahren. Anfangs war es vor allem die fantasievolle Welt, die mich begeistert hat, mittlerweile sind es eher die Freundschaften, die hier mit der Zeit entstanden sind. Ich hab' einige der nettesten Menschen in meinem Leben hier kennengelernt, mittlerweile geht das auch über WoW hinaus, wir spielen gemeinsam Dota oder Battlefield.

Hast du schon mal jemanden aus dem Spiel persönlich getroffen?

Noch nicht, aber hoffentlich bald mal auf irgendeinem Event. Wir schmieden derzeit Pläne, sind uns aber noch nicht ganz sicher zu welchem Event wir am ehesten wollen: Gamescom, Dreamhack, etc.

Gibt es ein Feature, das du dir noch wünschen würdest?

Mir würde es gefallen, wenn Blizzard einige der Rollenspiel-Features aufnehmen würde, die es zum Teil in Mods schon gibt, zum Beispiel damit man eine Hintergrundgeschichte für seine Figur schreiben kann oder Familienverhältnisse festlegen, wenn zwei Figuren etwa als Geschwister gedacht sind. Es wäre auch gut, wenn es so etwas wie Downvotes für andere Spieler gäbe, damit man sehen kann, ob sie unfreundlich sind, bevor man sie in die Gruppe einlädt.

Die Draenei Schamanin
Jur, 18, Barkeeper und Informatikstudent, Niederlande

Bild: Screenshot, Blizzard

Wie lange spielst du schon World of Warcraft?

Seit ich acht Jahre alt bin, also seit ungefähr zehn Jahren. Ich hab' kurz nach dem Erscheinen der Burning Crusade Erweiterung angefangen.

Was war in dieser langen Zeit dein schönster Moment mit dem Spiel?

Puh, mal überlegen. Ich denke, das war als ich das Skelett-Pferd Invincible bekommen habe. Man hat damals einmal pro Woche bloß eine einprozentige Chance gehabt, es zu kriegen, und der zugehörige Raid hat über zwei Stunden gedauert. Insgesamt hat es zwei bis drei Jahre gedauert, bis ich es endlich hatte, das gibt dem Ganzen schon einen sentimentalen Wert.

Ich hab die Bücher mit der Hintergrundgeschichte zum Spiel gelesen, da kommt Invincible auch vor, es für mich selber zu haben war dementsprechend ein großartiges Gefühl. Invincible war das Pferd von Arthas aus der Kampagne von Warcraft 3. Eines Tages hat es sich bei einem Sturz schwer verletzt und er war gezwungen es zu töten. Als er dann zum untoten Lichkönig wurde, hat er sein treues Pferd als Skelett wiederbelebt, so findet man es dann auch im Spiel.

Bild: Collage: Motherboard, Blizzard

Was hält dich nach all dieser Zeit am Spielen?

Ich spiele schon so lange, das ist mittlerweile einfach ein Teil von mir. Ich könnte nicht mit mir leben, wenn ich meinen Charakter aufgeben würde.

"Hordenspieler sind ehrgeiziger, fast schon getrieben"

Es gibt aber auch immer noch Neues, ich hab' zum Beispiel erst heute so richtig angefangen Player-versus-Player zu spielen. Ein Freund von mir aus Spanien hat mir dafür einen Coach empfohlen, der spielt professionell Matches, Zwei-gegen-Zwei und Drei-gegen-Drei. Im Prinzip, analysiert er, wie ich spiele und testet wie schnell ich auf seine Anweisungen reagiere, dann sagt er mir was ich machen muss, um besser zu werden.

Wie sind deine Erfahrungen mit der Community?

Im Allgemeinen sehr gut, aber es gibt so viele Spieler, da besteht leider ein großes Risiko, dass sich mal wer daneben benimmt. Das ist halt ein Spiel, da kann man sich leicht taff geben.

Du solltest aber auf jeden Fall noch Spieler auf der Seite der Horde befragen, du wirst sehen, es gibt da große Unterschiede.

Inwiefern?

Hordenspieler sind ehrgeiziger, fast schon getrieben.

Die Allianz ist eine Märchenwelt mit Elfen, Zwergen und Menschen, deswegen spielen hier mehr Kinder, zum Teil auch zusammen mit ihren Eltern. Bei der Horde ist alles schwarz und rot, überall Blut und Monster, das zieht andere Spieler an. Die halten die Allianz für Kinderkram, machen sich über uns lustig und reden uns klein. Ironischerweise sind es so wieder die Hordenspieler, die sich total kindisch benehmen, man sieht das oft auf Facebook oder im Forum.

Das wird ihnen aber auch vom Spiel so eingetrichtert. Das Motto der Horde ist "Lok'tar Ogar": Sieg oder Tod [auf Orkisch]. Da geht es schon fast nationalistisch zu. Mir gefällt einfach nicht, dass sie so tun als wären sie was Besseres. Naja, bei der Allianz gibt es dafür viele Leute, die schnell beleidigt sind und sich immer beschweren.


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Wie würdest du denn deine eigene politische Überzeugung beschreiben?

Ich weiß nicht genau, ich glaube ich tendiere eher nach rechts.

Wem hast du zuletzt deine Stimme gegeben?

Ich habe für Geert Wilders gestimmt, der ist schon eher weit rechts. Er hat mich überzeugt, weil er so klingt, als würde er wirklich an das glauben, was er sagt, dass er die Dinge verändern will. Es gibt hier Problem von denen ich wirklich die Nase voll habe, vor allem illegale Immigration.

Redest du im Spiel auch mit anderen über Politik?

Nicht so wirklich, wir reden schon über unsere Ansichten aber nie so wirklich direkt über Politik. Die meisten Leute kommen hierher um dem echten Leben zu entkommen, sie reden nicht oft darüber, das wäre schon eher ungewöhnlich. Es interessiert uns einfach nicht so wirklich.

Der Menschen-Paladin
Sebastian, 23, Schweden

Bild: Screenshot, Blizzard

Darf ich fragen was du beruflich machst?

Ich leide am Ehlers-Danlos-Syndrom und kann daher nicht wirklich arbeiten, nur Kleinigkeiten in einer geförderten Werkstätte in der Nähe. In letzter Zeit falte ich hauptsächlich Schachteln, Firmen aus der Umgebung lassen dort zum Beispiel Schokolade verpacken. Ansonsten spiele ich quasi hauptberuflich Computerspiele.

Wie äußert sich die Krankheit?

Damit zu leben ist die Hölle. Ich habe chronische Gelenksschmerzen und sie werden umso schlimmer, je mehr ich mich bewege und anstrenge. Je nachdem, wie stark die Schmerzen sind, schaffe ich es manchmal gar nicht aus dem Bett. Ich bemühe mich aber, trotzdem spazieren zu gehen und sowas.

Ich hab seit meiner Geburt EDS, aber bemerkbar hat es sich erst gemacht, als ich 18 war. Damals hab ich die Ausbildung zum Schweißer gemacht. Ich war gerade in der Werkstatt und hab Stahlstangen geschliffen und von einem Moment auf den anderen waren diese Schmerzen da, der Augenblick ist mir gut im Gedächtnis geblieben. Die Krankheit ist kaum erforscht und eher unbekannt, der erste Arzt hat also nicht gewusst, was es ist. Der Zweite hat gemeint, ich würde mir das alles nur einbilden. Erst der Dritte hat herausgefunden, was los ist.

"Ich glaube schon, dass es mit der Community abwärts geht, das ist heute eine andere Generation von Spielern"

Dann hieß es mögliche Therapien testen: Training, Akupunktur, Medikamente. Ich bin schon alles durch, nichts hilft. Nicht einmal die puren Morphin-Tabletten, die du nach Operationen bekommst. Wenn ich rausgehe, sagen mir die Leute oft: "Du musst einfach mehr Sport machen, dann wirst du dich besser fühlen". Stimmt nicht, aber sie hören ja nicht auf mich. Deswegen verstecke ich die Schmerzen so gut es geht, wenn ich vor die Tür gehe. Es ist viel leichter, Leute kennenzulernen wenn du "normal" bist. So sollte es zwar nicht sein, aber so ist es. Bloß diese Maske der Normalität aufrechtzuerhalten, kostet auch viel Energie. Im Spiel brauche ich keine Maske.

Bild: Kollage: Motherboard, Blizzard

Wie lange spielst du schon World of Warcraft?

Seit ungefähr zehn Jahren. Meine Tante hat mir damals das Spiel gezeigt, als ich bei ihr zu Besuch war, mit ihr und ihrem Mann war ich später gemeinsam in der Gilde, da hab ich gelernt, wie das Spiel funktioniert. Als sie wieder aufgehört hat, hab' ich sogar meine Mutter für eine Weile überzeugen können zu spielen und die hat früher höchstens auf dem NES gespielt. Das war ihr erstes Online-Rollenspiel.

Gibt es ein Feature, das du dir noch wünschen würdest?

Spielerhäuser. Ich hab mal eine Weile lang ein anderes Online-Rollenspiel namens RIFT gespielt, da gab es das. Man kauft sich ein Haus, richtet es ein und dann kannst du andere Spieler zu dir einladen, das war super. Außerdem konnte man die Dinge platzieren, wo immer man wollte. Stühle auf dem Dach? Kein Problem. Ich mag diese kreative Freiheit, deswegen habe ich früher auch viel Minecraft gespielt.

Was ist für dich das Beste an World of Warcraft?

Der soziale Aspekt, der Teil der Community, die keine Arschlöcher sind. Mit etwas Glück trifft man hier tolle Leute, mit denen man dann gemeinsam Abenteuer erlebt.

Gibt es viele Arschlöcher in der Community?

Ich glaube schon, dass es mit der Community abwärts geht, das ist heute eine andere Generation von Spielern. Früher waren die Leute freundlicher und mehr bei der Sache, wenn man im Chat nach etwas gefragt hat, hat man meistens die richtige Antwort bekommen. Heute geht das nicht mehr. Natürlich gab es schon immer Trolle, aber jetzt gibt es sehr viel mehr.

"Es ist ein Teufelskreis, irgendwer stellt etwas an, dann werfen engstirnige Leute gleich die ganze Gruppe in einen Topf"

Zum Teil ist Blizzard daran Schuld. Das automatische Matchmaking für Dungeons ist zwar sehr, sehr praktisch, aber dafür muss man jetzt nicht mal mehr mit Leuten reden, wenn man eine Gruppe sucht. Außerdem haben sie das Spiel so viel leichter gemacht, dass es jetzt mehr Leute anzieht, die sich gar nicht richtig dafür interessieren, sondern sich einfach nur unausstehlich benehmen. Die jüngere Generationen sind viel zu verwöhnt, zum Teil interessieren sie sich überhaupt nicht mehr für andere, sondern nur für sich selbst.

Erzählst du den Leuten, mit denen du spielst, von deiner Krankheit?

Zum Teil. Es gibt ein paar Leute, denen ich es anvertraut habe, die haben sich dann total verändert. Nicht, dass sie direkt schlecht reagiert hätten, sie wurden dann nur mit der Zeit seltsam und haben sich nicht mehr so oft gemeldet. Aber die Leute in meiner Gilde wissen zum Beispiel auch davon und gehen sehr locker damit um.

Es gibt da gute und schlechte Seiten. Die Leute, die du online triffst, sind zum Teil noch voreingenommener als im echten Leben, weil sie leichter damit davonkommen. Andererseits ist es auch leichter, die eigene Behinderung zu verbergen.

Redest du im Spiel mit Anderen darüber, was in der Welt vorgeht?

Wenn gerade etwas groß in den Nachrichten ist, kommt es meistens zur Sprache. Von dem Anschlag auf die London Bridge habe ich etwa so erfahren, jemand hat es im Spiel erwähnt und ich habe gegoogelt, was los war.

Ich weiß nicht ganz, was ich davon halten soll. Diese Dinge scheinen immer öfter zu passieren, seit das mit der Flüchtlingswelle angefangen hat. In Schweden haben wir auch viele Flüchtlinge aufgenommen und natürlich ist es gut, neue Leute ins Land zu bekommen, aber da sind immer auch schwarze Schafe dabei. Es ist schade, weil das den unschuldigen Menschen zur Last gelegt wird. Es ist ein Teufelskreis, irgendwer stellt etwas an, dann werfen engstirnige Leute gleich die ganze Gruppe in einen Topf, die fühlen sich dann zurecht ausgegrenzt und werden anfälliger für Propaganda.