Been There Done That

Diese nervigen Fragen stellen mir Leute, weil ich mit Poker mein Geld verdiene

Weil unser Autor sein Studium nicht mit stumpfen Promo-Jobs finanzieren wollte, spielte er beim Poker um Geld. Das brachte ihm neben Adrenalin und schwankenden Einnahmen viele Fragen ein. Einige dämlich, eine existentiell.
22.6.17
Symbolfoto: Imago

Man kann Online-Poker auch in Boxershorts spielen. Geld zu machen, während man Boxershorts trägt, finde ich die beste Variante. Und es gibt meiner Meinung nach noch mehr gute Gründe, mit Poker sein Geld zu verdienen.

Es ist nicht gerade einfach, über einen langen Zeitraum beim Pokern schwarze Zahlen zu schreiben. Aber die Herausforderung finde ich um einiges reizvoller als Studentenjobs, bei denen man irgendwelche stumpfen Aufgaben abrackert. Und die Bezahlung ist im Gegensatz zu vielen anderen Jobs super fair. Bei den meisten Nebenjobs kriegt man Mindestlohn, egal wie gut man es macht. Ob du dem Abonnenten seine Zeitung mitsamt einer frischen Tasse Kaffee an die Tür lieferst oder sie einfach nur in den Garten pfefferst – Mindestlohn. Spielst du Poker wie von einem anderen Stern (einem, auf dem extrem gut gespielt wird), dann kriegst du mehr Geld, als wenn du nur so ganz OK bist. Bist du schlecht, machst du Miese. Hart, aber fair, finde ich. Und zu guter Letzt: Man ist sein eigener Chef und kann sich seine "Arbeitszeiten" selbst aussuchen.

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Es ist jetzt rund zehn Jahre her, dass ich zum ersten Mal online Poker mit echten Geldeinsätzen gespielt habe. Seitdem habe ich damit mal mehr, mal weniger meinen Kontostand in meiner Schul- und Studienzeit aufgebessert. Für mich ist es die normalste Sache der Welt, dass ich um Geld spiele. Aber wenn ich Leuten davon erzähle, merke ich, dass Poker als Geldquelle wohl doch nicht komplett etabliert ist. Diese fünf Gespräche musste ich unter anderem führen, teils ein, teils tausend Mal:

Krass, damit kann man Geld verdienen? Kannst du mir das beibringen?

Geschätzte Häufigkeit: 20 Mal

Ja, kann man. Und ja, könnte ich. Allerdings würde das aberhunderte Stunden dauern. Viele scheinen zu glauben, dass man einfach nur die Regeln lernen und eine Menge Karten daddeln muss und dadurch auf einmal ein Haufen Geld reinkommt. Das ist ungefähr so realistisch wie die Annahme, dass man reif für die Formel 1 ist, nur weil man 5.000 Kilometer mit einem Auto gefahren ist. Klar gibt es durch die Praxiserfahrung auch eine Lernkurve. Die ist am Anfang sogar ziemlich steil, aber irgendwann stoppt sie. Dann führt kein Weg mehr am Pauken von Strategien und Theorien vorbei. Und wer sich nicht stets weiterentwickelt, der fällt zurück, da sich immer mehr Spieler durch Bücher und Online-Artikel über Poker verbessern. Ich persönlich glaube, dass man für erfolgreiches Pokern entweder ein Naturtalent oder mittelschwer obsessiv und lernwütig sein muss. Es ist also echt nichts für jeden.

Ich kannte mal einen, der hat auch Poker gespielt. Der hat alles verzockt, was er hatte…

Geschätzte Häufigkeit: 35 Mal

Einige Leute kennen da so einen Typen. Das ist auch gerne mal der Mann der Schwester vom Schwager, den ein Kumpel ihm auf einer WG-Party vorgestellt hat. Naja, der ist auf jeden Fall pleite gegangen. Da schwingt dann immer die Befürchtung oder Prophezeiung mit, dass mir das unweigerlich auch passieren muss. Ich tue das dann immer mit einer Beileidsbekundung à la "Oh, Mist…" ab und beteuere, dass ich sehr vorsichtig mit meinen Einsätzen umgehe. Tatsächlich ist die Bankroll, also das vom "Lebensgeld" abgetrennte Kapital fürs Pokern, absolut heilig und muss entsprechend gut behütet werden.

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Auch der beste Spieler der Welt kann alles verlieren, wenn er zu viel auf einmal riskiert. Ein gutes Beispiel für ein solches (Fast-)Fiasko seht ihr im Video unten, in dem der Profi David Benyamine viel zu viel in einem Cashgame riskiert und nur dadurch gerettet wird, dass der milliardenschwere Cirque du Soleil-Gründer Guy Laliberte seine Situation erkennt und ihn vom Haken lässt. Deshalb sollte man immer gutes Bankroll-Management betreiben und seine Einsätze so wählen, dass auch die schlimmste Pechsträhne überlebt werden kann. Wenn ich ein Pokerturnier spiele, dann macht die Startgebühr nie mehr als 1 Prozent meiner Bankroll aus. Gut Poker spielen ist nur die halbe Miete, wenn überhaupt – sein Kapital vernünftig zu verwalten, ist mindestens genauso wichtig.

Kann ich dir 50 Euro geben und du verdoppelst das für mich?

Geschätzte Häufigkeit: puh …

Der Klassiker. Ich antworte meistens, dass ich schon alle Hände voll damit zu tun habe, mein eigenes Geld zu verdoppeln, und dass das deswegen leider nichts wird. Viele meinen das wohl scherzhaft. Aber es gibt auch genug Leute, die mir das als ernsthaftes "Angebot" unterbreiten. Ich habe nie wirklich nachgefragt, wie das genau aussehen soll. Aber schätzungsweise stellen sich meine Gegenüber das so vor, dass ich ein paar Tage später mit einem 100-Euro-Schein wedelnd vor ihrer Haustür auftauche.

Tatsächlich ist das Prinzip aber absolut verbreitet im Pokergeschäft. Sehr gute Pokerspieler, die entweder ihre Varianz, also die Auswirkungen des Glücksfaktors beim Poker, mindern wollen oder einfach kein eigenes Kapital besitzen, bekommen von sogenannten Stakern eine Bankroll gestellt. Verluste werden vom Staker übernommen, der Gewinn wird geteilt. Wer wie viel vom Kuchen abbekommt, wird vorher abgemacht und hängt in erster Linie davon ab, wie fähig der Pokerspieler ist. Für den Spieler sind die Gewinne damit zwar niedriger als beim Einsatz des eigenen Geldes, dafür kann er aber auch nie Verlust machen.


Ebenfalls bei VICE Sports erschienen: SlamBalls Renaissance in China


Was war dein bisher größter Gewinn? / Was war dein bisher größter Verlust?

Geschätzte Häufigkeit: 100 Mal

Das Interessanteste an diesen Fragen ist, dass immer nur eine gestellt wird, nie aber beide. Ich glaube, das hat etwas mit der "Glas halb voll oder halb leer"-Philosophie zu tun. Die Pessimisten fragen gleich nach dem Super-GAU, die Optimisten nach dem Höhepunkt. Die Frage wird selten auf einen Zeitraum eingegrenzt, was eine Antwort unmöglich macht. Ich nenne dann meistens die jeweilige Zahl für meinen besten und schlechtesten Tag, direkt darauf relativiere ich die Werte aber auch. Der schlechteste Tag lässt mich aussehen, als müsste ich jeden Monat meine Identität wechseln, der beste wiederum könnte meinen Gegenüber glauben lassen, dass ich ziemlich viel Asche habe. Beides entspricht keineswegs der Wahrheit.

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Wenn ich meinem Gesprächspartner nicht traue, gebe ich lieber keine Antwort und sage, dass ich darüber generell ungern rede. Was auch prinzipiell stimmt! Ich habe zwar kein Problem damit, auch über die finanzielle Seite des Pokerspielens zu reden, aber viele Menschen reduzieren es komplett darauf und wollen gar nicht weiter wissen, wie das denn so ist und was genau ich überhaupt mache. Ich finde das schade. Wenn mir jemand erzählt, dass er Astronaut ist, dann frage ich doch auch nicht nur nach der Kohle.

Wenn du Geld gewinnst, dann verlieren andere Spieler, oder?

Bekannte Häufigkeit: 1 Mal

Das klingt fürs Erste ziemlich redundant. Dachte ich auch bis vor wenigen Monaten. Dann hat meine Freundin mir diese Frage gestellt und damit eine Diskussion über Moral und Ethik beim Pokern angestoßen. Es ist zwar keine typische Frage (zumindest meiner Erfahrung nach nicht), aber auf jeden Fall eine mit Gesprächspotenzial. Ist es vertretbar, sein Geld ohne gesellschaftlichen Mehrwert aus dem in normalen Berufen verdienten Einkommen anderer Menschen zu beziehen? Für mich war es das immer.

Mehr lesen: Bekenntnisse eines Organisators illegaler Pokerspiele

Mittlerweile beschäftigt mich der Punkt regelmäßig. Klar, man kann darauf antworten, dass die Gegner sich der Entscheidung bewusst sind, dass sie Geld verlieren können. Und niemand wird gezwungen. Man kann ja selbst auch pleite gehen. Wer nicht professionell spielt, spielt zumindest zum Spaß – und da ist es doch okay, wenn derjenige Geld verliert? Zumindest die letzte Aussage kann man kritisieren, da die Gegenspieler ebenso gut zwanghafte Spielsüchtige sein können, deren Abwärtsspirale man nur beschleunigt, indem man Geld von ihnen nimmt.

Ist Poker nicht nur Glück?

Geschätzte Häufigkeit: 72 Mal

Nein. Nein, nein, nein. Die Annahme, dass Glück der größte Faktor beim Pokern ist, ist leider ziemlich weit verbreitet. Und das ist sicher auch einer der Gründe dafür, warum Poker weder als Berufsangabe bei der Wohnungssuche noch als bisherige Tätigkeit im Lebenslauf sonderlich gerne gesehen wird.

Ich will gar nicht sagen, dass Glück keine Rolle spielt – lediglich eine deutlich geringere, als viele vermuten. Klar kann es passieren, dass du mal eine Serie hast, in der du verlierst. Das ist der Glücksfaktor. Aber wenn du besser spielst als deine Gegner, kannst du zwar kurzfristig mal verlieren, langfristig wird sich dein Können aber durchsetzen. Das ist eine Frage der Wahrscheinlichkeit.

Abgesehen davon hat Glück doch bei vielen richtigen Berufen einen gewissen Einfluss. Oder denkst du, dass ein Eisverkäufer in einem verregneten Sommer so viel Eis verkauft wie in einem sonnigen?

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Falls du selbst oder einer deiner Freunde Probleme mit Spielsucht hat, kannst du hier einen Selbsttest machen und eine Beratungsstelle finden.