Anzeige
Broadly

10 Männer, die trotz Vergewaltigungsvorwürfen noch eine Karriere haben

Eines der beliebtesten Argumente gegen #MeToo lautet, dass öffentliche Anschuldigungen Leben zerstören würden. Die Realität zeigt: Das stimmt nicht.

von Kimberly Lawson
26 Januar 2018, 7:00am

Woody Allen: Wikimedia | CC BY 3.0; Bill Cosby: Wikimedia | CC BY 2.0; Donald Trump: Wikimedia | Public Domain

Am 22. Januar stand Bill Cosby in einem Jazz-Club in Philadelphia und riss eine Stunde lang vor einem kleinen Publikum Witze. Und das, obwohl bis dato mehr als 60 Frauen aussagten, der Entertainer habe sie unter Drogen gesetzt und vergewaltigt – oder andere Übergriffe gegen sie verübt.

Cosby erzählte beim Auftritt in Philadelphia von seiner Kindheit, über seinen Sehbehinderten-Status und scherzte sogar: "Ich war mal Comedian." Laut AP protestierte an jenem Abend nur eine Frau gegen seinen Auftritt. Ansonsten war das Publikum empfänglich und lachte mit dem mutmaßlichen Vergewaltiger – der bereits unter Eid ausgesagt hat, er habe jungen Frauen tatsächlich starke Beruhigungsmittel verabreicht, um Sex mit ihnen zu haben. Und der danach endlos darüber sprach, ob sie seiner Meinung nach in diesem Zustand noch zu Einvernehmen fähig waren. Im April startet der zweite Prozess gegen ihn. Der Erste war ergebnislos, weil sich die Jury nicht einig wurde.

Mehr lesen: Wir haben Männer gefragt, warum sie Frauen ungefragt an den Arsch fassen

Das Lieblingsargument vieler #Metoo-Kritiker ist, dass die Bewegung die Karrieren und Leben der beschuldigten Männer unwiderruflich ruinieren würde. Ein Argument, dass auch bei den neuesten, von mehreren Quellen verifizierten Anschuldigungen gegen den deutschen Regisseur Dieter Wedel immer wieder genannt wird. Der Schauspieler Jeremy Pivens (Entourage), dem drei Frauen sexuelle Übergriffe vorwerfen, twitterte: "Dunkle Zeiten scheinen angebrochen zu sein – Vorwürfe werden als Fakten abgedruckt und Leben gefährdet, ohne Prozess oder Beweise. Sich gegenseitig fertigmachen und Karrieren zerstören, basierend auf nichts als Vorwürfen, ist in keiner Weise produktiv."

Das klingt natürlich dramatisch, aber: Wie viele Karrieren wurden denn bisher tatsächlich durch öffentliche Vorwürfe ruiniert? Für die Männer, deren mutmaßlichen Opfer in den vergangenen Monaten an die Öffentlichkeit gegangen sind, wird sich das noch zeigen. In der Zwischenzeit werfen wir einen Blick auf die Karrieren zehn prominenter Männer, die trotz Vorwürfen oder Verurteilungen wegen sexualisierter Verbrechen weiterhin im Rampenlicht stehen.

Woody Allen, Regisseur

In den 1990ern verübte der Filmemacher mutmaßlich sexualisierte Übergriffe gegen seine Adoptivtochter, die damals siebenjährige Dylan Farrow. Laut Dylan fanden die Übergriffe auf dem Dachboden statt, während Mutter Mia Farrow einkaufen war. Monate bevor Dylan ihrer Mutter von den mutmaßlichen Vorfällen erzählte, hatte Mia Farrow sich von Allen getrennt, weil er eine Affäre mit der gemeinsamen Adoptivtochter Soon Yi hatte. Allen stritt Dylans Missbrauchsvorwürfe ab und sagte, Mia Farrow stecke dahinter – sie sei wütend, dass er Soon Yi schließlich sogar geheiratet habe. Er zog vor Gericht, um das Sorgerecht für seinen leiblichen Sohn Ronan sowie für Dylan und den Adoptivsohn Moses zu erstreiten. Der Richter lehnte Allens Antrag ab und schrieb in seinem Urteil, das Verhalten des Regisseurs sei "extrem unangebracht", und man müsse Schritte unternehmen, um Dylan zu schützen. Die Staatsanwaltschaft sah dennoch von einer Anzeige ab. Die Begründung: man wolle Dylan einen Prozess ersparen.

Woody Allens Position als Kultregisseur tat all das keinen Abbruch. Hollywood-Größen rissen sich weiterhin um Rollen in seinen Filmen, in denen Männer übrigens häufig Beziehungen mit viel jüngeren Frauen führen. Er gewann viele Preise, darunter den Cecil B. DeMille Award bei den Golden Globes 2014. Ein weiterer Allen-Film soll dieses Jahr in die Kinos kommen.

Bill Clinton, ehemaliger US-Präsident

Gegen Clinton wurden während seiner Amtszeit diverse Vorwürfe im Zusammenhang mit sexualisierten Verbrechen laut. Einer davon: Vergewaltigung. 1999 sagte die ehrenamtliche Wahlkampfhelferin Juanita Broderick in der Sendung Dateline NBC, Clinton habe sie 1978 als angehender Gouverneur in einem Hotelzimmer gebissen und vergewaltigt. Sie habe sich erst 1994 zu Wort gemeldet, weil eine Beamtin aus Arkansas Präsident Clinton in diesem Jahr wegen sexueller Belästigung anzeigte.

Trotz diesen Vorwürfen bekam Clinton nach seiner Zeit im Weißen Haus reichlich lukrative Aufträge als Gastredner, mischte 2016 in Hillary Clintons Präsidentschaftswahlkampf mit und arbeitet weiter mit seiner Clinton Foundation. Vergangenes Jahr hat er angekündigt, gemeinsam mit dem Schriftsteller James Patterson einen politischen Thriller zu veröffentlichen. Auch für ihn läuft es also weiterhin.


Mehr von Broadly: Der qualvolle Kampf gegen Rachepornos


Kobe Bryant, ehemaliger NBA-Spieler

2003 warf eine 19-jährige Hotelangestellte aus Colorado dem ehemaligen Spieler der LA Lakers vor, er habe sie in seinem Hotelzimmer vergewaltigt. Bryant sagte, er habe die Begegnung für einvernehmlich gehalten. Der Basketball-Star verlor ein paar Sponsoren, die Anklage gegen ihn wurde allerdings fallengelassen – sein mutmaßliches Opfer hatte sich geweigert, vor Gericht auszusagen, und stattdessen eine Zivilklage eingereicht. Später entschuldigte sich Bryant öffentlich. "Auch wenn dieses Jahr für mich persönlich unheimlich schwer war, kann ich nur erahnen, welchen Schmerz sie hat durchmachen müssen", schrieb er.

Damit war der Fall für Bryant abgeschlossen. 2015 bezeichnete ihn der aktuelle Commissioner der NBA als "einen der größten Spieler der Basketballgeschichte". Nicht nur hat er olympische Goldmedaillen und mit seinem Team Meisterschaften gewonnen, ein Film, der auf Bryants "Liebesbrief" an den Basketball basiert, ist aktuell für einen Oscar nominiert.

Cee Lo Green, Sänger/Rapper

Green ist bekannt als Mitglied der Bands Goodie Mob und Gnarls Barkley. 2014 bekam er drei Jahre Bewährung wegen Bereitstellung einer verbotenen Substanz – Ecstasy. Er legte kein Geständnis ab, bestritt den Vorwurf allerdings auch nicht. Eine Frau sagte aus, Green habe ihr etwas ins Getränk gemischt und sie vergewaltigt. Sie sagte, sie könne sich an die Stunden nach dem gemeinsamen Dinner mit Green nicht mehr erinnern. Die Staatsanwaltschaft entschied sich dagegen, den Übergriff zu verfolgen.

Trotz dieser Verurteilung bekam Green 2015 eine Sonderauszeichnung bei den Music of Black Origin (MOBO) Awards. Er will demnächst ein neues Mixtape veröffentlichen, außerdem erklärte er in einem Interview, dass das nächste Gnarls-Barkley-Album etwa zur Hälfte fertiggestellt sei.

R. Kelly, Sänger

Auch gegen R. Kelly gibt es zahlreiche Vorwürfe wegen sexualisierter Verbrechen gegen minderjährige Mädchen. Darunter zwei geheime Sex-Videos, eine heimliche Hochzeit und mehrere Zivilklagen. 2002 wurde er in einem Kinderpornografie-Fall freigesprochen: Es gab Videos, die ihn mutmaßlich beim Sex mit Minderjährigen zeigten – darin unter anderem eine berüchtigte Szene, in der er mutmaßlich einem Mädchen in den Mund urinierte. Weitere mutmaßliche Opfer meldeten sich nach dieser Zeit zu Wort. Vergangenes Jahr hat eine Frau eine Stillschweigevereinbarung gebrochen, um öffentlich zu machen, sie habe mit R. Kelly ein sexuelles Verhältnis gehabt. Damals war sie nach eigener Aussage erst 15.

Trotzdem gibt es nach wie vor genug Menschen, die zu seinem Hit "Ignition" tanzen. Seine Karriere scheint kaum gelitten zu haben, seit seinem Prozess hat er zahlreiche Awards gewonnen. Bereits 2004, als noch Anklagen gegen ihn vorlagen, war er sogar für einen Image Award der schwarzen Bürgerrechtsorganisation NAACP nominiert, 2013 gewann er den Preis tatsächlich. Er macht weiterhin Musik und ist Konzert-Headliner. Kommendes Wochenende steht ein Auftritt in New York an.

Roman Polanski, Regisseur

1977 bekannte sich der Filmemacher schuldig, Geschlechtsverkehr mit einer 13-Jährigen gehabt zu haben. Der damals 44-Jährige heuerte Samantha Gailey als Model an, verabreichte ihr Champagner und das starke Betäubungsmittel Methaqualon und vergewaltigte sie (dem Straftatbestand und eigenen Geständnis zufolge) in Jack Nicholsons Haus. In den USA lautete der Straftatbestand "statutory rape", also etwa "Vergewaltigung nach dem Gesetz". Am Tag vor seiner Urteilsverkündung, bei der man mit einer 50-jährigen Haftstrafe rechnete, floh Polanski nach Europa, wo er seither lebt. In den vergangenen Jahren haben einige weitere Frauen Polanski sexualisierte Übergriffe vorgeworfen, die stattgefunden haben sollen, als sie noch jünger waren. Eine der Frauen sagte, sie sei zum Tatzeitpunkt gerade einmal 10 Jahre alt gewesen.

Obwohl er sich schuldig bekannt hatte, drehte Polanski weiterhin Filme und erhielt zahlreiche Auszeichnungen, darunter 2003 einen Oscar als bester Regisseur für Der Pianist. Er ist bis heute Mitglied der Academy of Motion Picture Arts and Sciences – die Organisation, die den Oscar vergibt. Erst im Mai 2017 zeigte er seinen jüngsten Film Nach einer wahren Geschichte auf dem Filmfestival in Cannes. Wir lernen also: Selbst wenn der Täter die Vergewaltigung gestanden hat, bedeutet das noch lange nicht, dass Hollywood ihm den Rücken zukehrt.

Ben Roethlisberger, Footballspieler

Dem Quarterback der Pittsburgh Steelers werfen zwei Frauen Vergewaltigung vor. 2009 reichte eine Casino-Angestellte eine Zivilklage gegen ihn ein; er habe sie im Vorjahr in seinem Hotelzimmer vergewaltigt. In ihrer Klage schrieb sie, sie habe "ihren Widerspruch und Mangel an Einvernehmen mitgeteilt" und gefleht: "Bitte nicht." In dem Fall kam es schließlich zu einer außergerichtlichen Einigung, die National Football League leitete keinerlei Maßnahmen gegen Roethlisberger ein.

2010 erzählte eine Studentin aus dem US-Bundesstaat Georgia der Polizei, Roethlisberger habe sie auf der Toilette eines Nachtclubs vergewaltigt. Der Beamte, der sich des Falls annahm, hatte am selben Abend ein Foto mit dem Quarterback geschossen. Später sagte er Roethlisbergers Bodyguard: "Wir haben ein Problem, so eine sturzbetrunkene [zensiertes Schimpfwort] wirft Ben Vergewaltigung vor." Die Studentin wollte selbst nicht vor Gericht gehen, weil sie den Medienrummel fürchtete. Der Bezirksstaatsanwalt entschied sich gegen eine Anklage. Roethlisberger wurde von der NFL für vier Spiele suspendiert.

Trotzdem spielt Roethlisberger weiter für die Steelers, bei denen er seine gesamte Profi-Footballkarriere verbracht hat. In der nächsten Saison will er ebenfalls wieder spielen. Laut Sports Illustrated läuft sein Vertrag bei Pittsburgh bis einschließlich 2019, jede Saison soll ihm 23 Millionen Dollar einbringen.

Derrick Rose, Basketballspieler

2016 reichte eine 30-jährige Frau Zivilklage gegen den NBA-Spieler Derrick Rose (damals noch bei den New York Knicks) sowie gegen zwei seiner Freunde ein. Sie warf den drei Männern vor, sie 2013 nach einer Party gemeinsam vergewaltigt zu haben. Die Frau, die vor dem Übergriff mehrere Jahre mit Rose zusammen gewesen war, hatte den Fall nicht sofort gemeldet. Als sie die mutmaßliche Gruppenvergewaltigung nach zwei Jahren anzeigte, hätten Roses Anwälte eine "Hetzkampagne" gegen sie geführt und gedroht, ihre Identität öffentlich bekannt zu geben sowie ihre Eltern mit einzubeziehen, sagte ihr Anwalt gegenüber AP. Der NBA-Spieler bestritt den Vorwurf und bezeichnete den Geschlechtsverkehr als einvernehmlich. Während des Prozesses entschuldigte der Richter Rose für die Geschworenenauswahl und die Eröffnungsplädoyers, damit er zu einem Spiel antreten konnte. Die Geschworenen entschieden gegen das mutmaßliche Opfer, ihre Vorwürfe seien nicht glaubwürdig. Nach der Urteilsverkündung machten alle acht Geschworenen Fotos mit Rose.

Heute ist von den Vergewaltigungs-Vorwürfen gegen Rose nur noch ein Satz im Wikipedia-Eintrag übrig. Seiner Karriere haben sie nicht geschadet. Nachdem er wegen einer Sprunggelenkverletzung zwei Monate nicht spielen durfte, ist er am 18. Januar zur Begeisterung der Fans wieder als Point Guard bei den Cleveland Cavaliers angetreten.

Donald Trump, Präsident der Vereinigten Staaten

Bisher haben sich mindestens 16 Frauen zu Wort gemeldet, die dem US-Präsidenten Belästigungen und sexualisierte Übergriffen vorwerfen. Auch Trumps Ex-Frau, Ivana Trump, hat ausgesagt, er habe sie 1989 in einem Wutanfall vergewaltigt. 1993 beschrieb sie das mutmaßliche Verbrechen in dem Buch Lost Tycoon: The Many Lives of Donald J. Trump, doch auf Drängen von Donald Trumps Anwälten ergänzte sie, das Wort Vergewaltigung nicht "im buchstäblichen oder rechtlichen Sinne" zu meinen.

2016 hat eine unbekannte Frau Klage gegen Trump eingereicht, weil dieser sie 1994 im Alter von 13 Jahren vergewaltigt habe. Nur vier Tage vor der Präsidentschaftswahl wurde die Anklage fallen gelassen – aufgrund von "zahlreichen Drohungen", wie ihr Anwalt sagte.

Viele dieser Vorwürfe waren bereits vor den US-Wahlen 2016 bekannt. Donald Trump wurde trotzdem zum Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt – und somit zum mächtigsten Mann der Welt.

Mehr lesen: Was ihr über Gewalt gegen Frauen in Deutschland wissen solltet

Mike Tyson, ehemaliger Boxer

1992 wurde Mike Tyson zu sechs Jahren Haft verurteilt, weil er Desiree Washington, eine 18-jährige Kandidatin beim Schönheitswettbewerb Miss Black America, in seinem Hotelzimmer vergewaltigt hatte – so das Urteil. Vor Gericht sagte Washington aus, Tyson habe während der Vergewaltigung gelacht, während sie weinte. Bei der Urteilsverkündung sagte Tyson zur Richterin: "Ich bin nicht hier, um um Gnade zu bitten. Das würde sowieso nichts bringen. Ich bin auf das Schlimmste gefasst. Ich wurde vor der ganzen Welt gedemütigt." Nach der Hälfte seiner sechsjährigen Haftstrafe wurde er auf Bewährung entlassen.

Tysons Karriere hat kaum darunter gelitten, dass er ein verurteilter Vergewaltiger ist. Er bekam seine Boxlizenz zurück und wurde sogar in die International Boxing Hall of Fame aufgenommen. Seit dem Ende seiner Box-Karriere hat er in diversen TV-Serien und Filmen mitgespielt. Adult Swim, der Untersender von Cartoon Network, bot ihm eine animierte Serie an und produzierte drei Staffeln davon. Vor Kurzem ist er zum Gesicht eines australischen Auto-Dienstleisters geworden, in der Werbekampagne ist Tyson neben leicht bekleideten Frauen zu sehen. Karriereende? Wohl kaum.

Folgt Broadly auf Facebook, Twitter und Instagram.

Tagged:
Bill Cosby
R. Kelly
Mike Tyson
woody allen
Vergewaltigung
Missbrauch
Politik
Sexualisierte Gewalt
#metoo