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Ich wurde während meines Studiums mehrfach vergewaltigt – und habe geschwiegen

Schweigen ist nicht immer Gold.

von Haley Potiker
03 November 2016, 8:05am

Foto: splitshire.com | Pexels | CC0

Ich wurde vergewaltigt—nicht nur einmal und nicht erst vor Kurzem. Ich habe bisher noch nie darüber gesprochen, aber jetzt, wo ich bereit bin, meine Geschichte zu erzählen, weiß ich, wie es ablaufen wird. Ich weiß, dass meinem Körper der Prozess gemacht werden wird. Männer werden fragen: Was hatte sie an? Wie ist sie gelaufen? Hat sie es provoziert? Ist es überhaupt möglich, dass sie jemand wollte? Ist sie glaubwürdig?

Immer, wenn ich geschwiegen habe, habe ich meine Vergewaltiger in Schutz genommen—nicht mich selbst und auch nicht Frauen generell. Immer, wenn ich versucht habe, es zu vergessen, habe ich niemandem einen Gefallen getan außer den Männern, die mir Schmerzen und Leid zugefügt haben. Immer, wenn ich geglaubt habe, dass es nur mir so geht und niemand sonst diese Erfahrung kennt, habe ich mich selbst davon abgehalten, mich an einem Dialog zu beteiligen, in dem es um sehr viel mehr geht als uns selbst.

Unser kollektives Schweigen fordert Opfer und zwar die Frauen und Männer, die unter ihrem selbst auferlegten Schweigen leiden und von unseren Geschichten erfahren müssen, um überleben zu können. Hier ist meine.

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Eins

Als mir Stephen* erzählte, dass er wegen Vergewaltigung angeklagt worden war, war der Prozess schon längst vorbei. Alle Beteiligten—Stephen, mit dem ich während der Schule zusammen war, sein bester Freund und mutmaßlicher Mittäter Alec und meine Kindergartenfreundin Mary, die die beiden des Missbrauchs beschuldigt hatte—wurden zum Schweigen verpflichtet und durften nicht über den laufenden Prozess sprechen. So hat es mir Stephen zumindest gesagt.

Es war ein sonniger Nachmittag im August vor ungefähr zehn Jahren. Wir fuhren von San Francisco zurück nach Hause, nach Orange County. Meine Eltern saßen vorne im Wagen, Stephen und ich auf dem Rücksitz. Stephen hatte mich schon zuvor betrogen, deswegen machte es mich misstrauisch, dass er das ganze Wochenende über so launisch gewesen war und mir immer auswich. Ich verbrachte den Großteil der Fahrt damit, ihn durch stichelnde Kommentare dazu zu bringen, mir endlich zu verraten, was er verschwieg—ein typischer Teenager-Move eben. Stephen hatte sich schon die Wochen zuvor ziemlich rätselhaft verhalten. Als ein gemeinsamer Freund beiläufig erwähnt hatte, dass Stephen nicht mehr im Basketballteam mitspielte, brachte mich das vollkommen aus dem Konzept—schließlich packte er noch immer an fünf Tagen die Woche morgens seine Nike-Sporttasche für das „Basketballtraining." Auf der Heimfahrt starrten wir beide 50 Minuten lang schweigend aus dem Fenster. Ein Streit war unvermeidbar, sobald wir einen Moment allein hatten.

Der Prozess war vorbei. Die Jungs hatten gewonnen.

Die Aussprache, wenn man sie so nennen will, war ziemlich verworren. Doch was ich aus ihm herausbekam—ohne eine Geschichte zu erzählen, die nicht meine ist—war Folgendes: Mary, die ich schon seit dem Kindergarten kannte, beschuldigte Stephen und Alec, sie an Silvester vergewaltigt zu haben. Das war vor sechs Monaten. Der Prozess war vorbei. Die Jungs hatten gewonnen.

Es war nicht so, dass ich Mary von vornherein mehr vertraute oder dass ich ihrer Geschichte von den Vorfällen dieser Nacht mehr Glauben schenkte als Stephens Version der Geschichte—ich hatte einfach nur genug davon, eine Beziehung mit jemandem zu führen, dem ich nicht vertrauen konnte und machte kurz danach zum allerletzten Mal mit Stephen Schluss. Ich dachte darüber nach, Mary anzurufen, tat es aber nicht. Ein halbes Jahr war seither vergangen—was hätte ich sagen sollen? Dachte sie, ich hätte von dem Prozess gewusst und wäre trotzdem bei Stephen geblieben? Oder hielt sie mich vielleicht für komplett bescheuert, weil ich nichts mitbekommen hatte?

Heute—zehn Jahre später—verspüre ich manchmal noch immer dieses stechende Gefühl von Schuld angesichts der Rolle, die ich bei dem Übergriff meines Freunds gespielt habe. Vor dem Vorfall hatte ich einmal mehr mit ihm Schluss gemacht, weil ich einen „Neuanfang" bräuchte. Er war außer sich vor Wut und in diesem Zustand entließ ich ihn in die Welt. Wenn ich nur nicht ganz so kalt und gefühllos am Telefon gewesen wäre. Wenn ich nur zugehört hätte, anstatt einfach ungehalten zu werden und aufzulegen. Wenn ich von vornherein nur kein solches Drama gemacht hätte, dann wäre all das vielleicht gar nicht erst passiert. Drei Tage später waren Stephen und ich schließlich wieder zusammen.

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Ich musste Marys „Version" der Geschichte nicht erst hören, um zu wissen, dass ich ihr glaubte. Welcher normale Mensch würde freiwillig einen Vergewaltigungsprozess mitmachen wollen? Ich kannte dieses Mädchen schon, bevor ich lesen konnte. Wir hatten uns zwar aus den Augen verloren, aber ich konnte einfach nicht glauben, dass sie sich sehenden Auges in einen Prozess stürzen würde, um sich eine Lügnerin nennen zu lassen und immer wieder von Männern ins Kreuzverhör genommen zu werden, bis sie ihr schließlich beweisen konnten, dass sie es eigentlich „doch wollte". Ich war sicher, dass sie ihren Ruf, ihre psychische Gesundheit, ihre Freundschaften und ihre Noten nicht für eine Lüge aufs Spiel setzen Warum hatte das Gericht anders entschieden? Was hatte das zu bedeuten? Diese Frage verfolgte mich mein ganzes Studium über und brachte mich selbst zum Schweigen—jedes Mal, wenn ich missbraucht wurde.

Aus einer Studie des Bundesverband Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe aus dem Jahr 2004 ging hervor, dass allein in Deutschland jede siebte Frau seit ihrem 16. Lebensjahr bereits strafrechtlich relevante Formen sexueller Gewalt erlebt hat. Zwischen 2001 und 2006 wurden jährlich 8.000 Vergewaltigungen zur Anzeige gebracht, allerdings gab es im selben Zeitraum nur etwa 1.000 Verurteilungen. Das entspricht einer Verurteilungsquote von 13 Prozent. Angesichts solcher Zahlen (und unserer eigenen persönlichen Erfahrungen) wirkt es nicht überraschend, dass schätzungsweise 47 Prozent der Frauen über das Erlebte schweigen.

Oft wird Frauen gesagt, dass der Prozess eine noch viel traumatischere Erfahrung werden wird als der Vorfall selbst. Vielen wird gesagt, dass es das Erlebte nur noch schmerzhafter machen wird, wenn sie es immer und immer wieder durchleben müssen. Uns wird gesagt, dass wir nur noch mehr leiden werden und es doch fast nie zu einer Verurteilung kommt. Es war ein gefährlicher Ratschlag und ich habe ihn befolgt. Wir lernen unsere Erfahrungen hinunterzuschlucken und zu unterdrücken. Wir sagen uns selbst immer wieder, dass es keinen anderen Ausweg gibt, dass es das Beste ist, es einfach zu vergessen und nach vorne zu schauen und so können schließlich auch unsere Vergewaltiger nach vorne schauen.

Zwei

Ich erinnere mich noch an den Anfang des Abends. Ich war wieder zurück in San Francisco. Es war mein erstes Semester an der Uni. Gemeinsam mit ein paar neuen Freunden ging ich auf eine Party des Fußballteams der University of San Francisco. Ich erinnere mich noch, dass ich an diesem Abend nicht trinken wollte, weil ich damals penibel auf mein Gewicht geachtet habe. Alkohol stellte nicht nur „leere Kalorien" dar, sondern hielt mich auch davon ab, morgens zum Sport zu gehen. Gerade weil ich so stocknüchtern war, kann ich mich noch ziemlich genau daran erinnern, dass ich verlassen irgendwo auf dem Gang rumstand, als einer der Jungs vom Team zu mir kam und mir anbot, mir einen Drink zu mischen. Er wollte einfach nicht einsehen, dass ich nüchtern bleiben wollte. Er war sehr nett und ich wurde weich. Ich weiß noch, wie ich dachte: „Ein Drink wird schon nicht schaden." Er brachte mir einen roten Plastikbecher voll Orangenlimo mit irgendetwas Alkoholischem gemischt— vielleicht Rum. Danach hört meine Erinnerung auf.

Am nächsten Morgen wurde ich vollkommen durchnässt auf dem Boden meines Zimmers im Studentenwohnheim wach. Meine Matratze, die eigentlich oben auf mein Stockbett gehörte, lag auf dem Boden und ich bewegungslos darauf. Ich hatte keine Ahnung, welchen Wochentag wir hatten, welchen Monat, nichts. Das war mit Abstand der unwirklichste und beängstigendste Moment meines Lebens. Erst als ich mich aufsetzte, bemerkte ich, was für Schmerzen ich hatte. Als mir klar wurde, woher der Schmerz kam, bekam ich Angst, in den Spiegel zu schauen. Mein Anblick war es noch viel schlimmer als erwartet: Ich hatte zwei blaue Augen und mein ganzes Gesicht war mit getrocknetem Blut bedeckt. Ich hatte eine dicke Lippe, eine Platzwunde am Kinn und eine gebrochene Nase, die vor Schmerzen pulsierte. Ich war wie gelähmt. Ich machte mich einige Minuten lang sauber. Ich weinte nicht.

Ich hatte Angst, meine Freunde zu fragen, was am Abend zuvor passiert war, also beschloss ich, es einfach aufzuschieben. Ich krabbelte in mein Bett und begann mir die erste Staffel von Gossip Girl herunterzuladen. Ich sah mir Folge für Folge an, während der Laptop meine Lacken wärmte und ich einfach nur versuchte, all das zu vergessen. Nach der ersten Hälfte der Staffel schrieb ich meiner Kommilitonin von nebenan und fragte sie, ob sie mir was zu essen bringen könnte.

Ich hatte so viele K.O.-Tropfen intus, dass ich kaum gerade stehen oder ganze Sätze bilden konnte.

Sie brachte mir Haferflocken und erzählte mir, was vergangene Nacht passiert war. Ich war mir sicher, dass ich nicht vergewaltigt worden war—das hätte ich gemerkt, sagte ich mir. Ich hatte allerdings so viele K.O.-Tropfen intus, dass ich kaum gerade stehen oder ganze Sätze bilden konnte. Sie meinte, ich wäre die Treppe vor dem Eingang zum Haus des Fußballteams runtergefallen wie eine Stoffpuppe und wäre dabei auf dem Gesicht gelandet. Meine Freunde nahmen mich mit nach Hause, machten aber vorher noch bei einem 24-Stunden-Restaurant Halt. Dort bin ich mit dem Oberkörper vornüber auf den Tisch gefallen und habe Wassergläser, schmutzige Teller und was sonst noch auf dem Tisch stand in die Luft katapultiert. Das erklärte die blauen Flecken, die Schnitte, die Essensreste und warum ich so durchnässt war. Wir wurden aus dem Restaurant geworfen. Irgendwer rief ein Taxi. Als ich aus dem Taxi stieg, fiel ich zum dritten Mal auf mein Gesicht und auf dem kurzen Weg zu meinem Zimmer noch ein viertes Mal.

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Meine Freunde legten mich in die Dusche. Sie versuchten mich sauber zu machen und aufzuwecken. Irgendwann waren sie allerdings so frustriert, dass sie meine Matratze auf den Boden warfen, mich darauf wälzten und schlafen ließen. Rückblickend waren sie auch nur naive, betrunkene 18-jährige Erstsemester, die ihr Bestes taten, um einer Freundin, die sie erst seit wenigen Wochen kannten, zu helfen. Damals fühlte ich mich verraten. Warum haben sie mich in die Dusche gelegt? Warum hat mich niemand beim Laufen gestützt, nachdem ich schon so oft hingefallen war? Warum hat keiner die Polizei gerufen oder mich ins Krankenhaus gebracht? Ich beschloss, mein Zimmer nie wieder zu verlassen und habe auch nie wieder einen Fuß in das Haus eines Fußballers gesetzt.

Die Reaktionen auf das, was geschehen war, machten alles nur noch schlimmer. Fast jeder, mit dem ich darüber sprach—darunter auch die mit Abstand wichtigsten Frauen in meinem Leben—, meinte, dass ich Glück gehabt hätte, dass „nicht wirklich was passiert war", womit sie meinten, dass ihre Vorstellung von meiner Unschuld intakt geblieben war. Ich schwänzte zwei Wochen lang die Uni, weil ich mich zu sehr schämte mit all den Prellungen und Verletzungen in meinem Gesicht gesehen zu werden. Ich hing meinen Spiegel mit einem Handtuch ab, weil ich mich selbst kaum wiedererkannte und meinen Anblick nicht ertragen konnte. Gegen die Langweile, in meinem Zimmer eingesperrt zu sein, begann ich täglich Gras zu rauchen, was paradox wirken mag, weil ich mich ja schließlich selbst eingeschlossen hatte, aber ich war wie gelähmt. In den Unterricht oder in die Mensa zu gehen, wirkte undenkbar. Als ich eines Tages doch in die Mensa ging, begegnete ich einer Mutter aus meiner Heimatstadt und ihrer Tochter, einer zukünftigen Studentin. Ich erzählte ihr, dass ich die Treppe runtergefallen wäre. Irgendwann wurde ich exmatrikuliert.

Drei

Ich bekam einen Job als Kundenwerber bei Greenpeace und war komplett eingenommen von meiner Arbeit. Nach kurzer Zeit zog ich mit drei Kollegen zusammen in eine Wohnung mit einem Schlafzimmer im vierten Stock. LSD war für meine Mitbewohner mehr ein Lifestyle als eine Droge: Einmal schlief der 19-jährige weiße Typ mit Dreadlocks, der unseren Dachboden gemietet hat, fünf Tage und fünf Nächste lang und keiner von uns war sicher, ob wir ihn aufwecken sollten. Am Anfang war das ganze Chaos eine willkommene Abwechslung: Janis Joplin auf Vinyl, dicke Grasschwaden, ein Stoffsofa, auf das unsere Gäste mit einem Edding malen konnten und ein Alltag, der nicht allzu real wirkte. Irgendwann wurde mir dann allerdings bewusst, dass mein Leben ganz allmählich außer Kontrolle geriet. Ich verließ San Francisco und kehrte reumütig zurück zu meinen Eltern. Ich fühlte mich wie ein elender Versager.

Nachdem ich ein Jahr zu Hause verbracht hatte—mehr oder weniger—, hatte ich die Zeit durch die Kurse am Community College wieder aufgeholt und war bereit, zur Uni zurückzukehren. Ich hatte seit meinem „Zusammenbruch" viel erreicht: Ich hatte einige beeindruckende Praktika in meinem Lebenslauf, hatte einen ziemlich guten Abschluss und wurde am Occidental College in Los Angeles angenommen. Ich hatte sogar ein Empfehlungsschreiben der Senatorin Barbara Boxer, die kurz zuvor die Wiederwahl für ein nationales Amt gewonnen hatte und der ich unermüdlich als Nachwuchsredenschreiberin bei ihrer Kampagne geholfen hatte.

Am Oxy schloss ich mich einer Studentinnenverbindung an, um Freundinnen zu finden. Nach meiner kurzen Zeit an der USF hatten Frauenfreundschaften bei mir oberste Priorität. In meiner Jugend wollte ich immer ein Mädchen sein, dass den Jungs gefällt—mittlerweile war es mir wichtiger unter Frauen zu sein. Verbrüderungen mit Bruderschaften und Sportmannschaften interessierten mich nicht groß. Ich bin sogar in das Haus der Verbindungsschwestern gezogen. Als eine meiner Mitbewohnerinnen im letzten Jahr auf dem College auf einer Party der USC vergewaltigt wurde, saß ich stundenlang neben ihr auf dem Sofa, während sie mir ihre Geschichte erzählte. Ich war die Einzige, die ihr glaubte.

Dann war da noch Dan. Er war der erste Junge, den ich in der achten Klasse geküsst habe und in der neunten Klasse hat er Stephen verprügelt, weil er eifersüchtig war. Dan war schon seit der Grundschule auffällig gewalttätig: Ich kann mich noch daran erinnern, wie er sein Fenster mit einem Baseball zertrümmert hat, weil ich ihm gesagt hatte, dass er aufhören sollte, seine Katze bekifft zu machen. Er schmiss die Schule (weil er Kokain liebte), machte einen Entzug und zog an den Strand (weil er Speerfischen liebte). Ein Jahr nach meinem Einzug in das Verbindungshaus, rief Dan mich an und fragte, ob wir zusammen Mittagessen gehen wollten. Wir hatten eigentlich nicht groß Kontakt, aber er war mein erster Schwarm und auf gewisse Weise war ich auch ein wenig stolz auf ihn, weil er wieder clean war, also stimmte ich einem Treffen zu.

Ich hatte unglaubliche Angst vor Dan und befürchtete, dass niemand kommen würde, wenn ich schreie.

Dass er am Ende doch nicht auftauchte, überraschte mich nicht sonderlich. Ehrlich gesagt, war es mir auch ganz recht. Ich wollte mein altes Leben sowieso hinter mir lassen. Außerdem würde ich es verkraften, mir keine Geschichten von Dans NA Meetings anhören zu müssen oder so tun zu müssen, als würde ich mich für Fische interessieren. Dass ich mich mit ihm treffen wollte, sollte eigentlich sowieso nur eine „nette Geste" von mir sein. Ich hatte nie die Absicht, die Beziehung zwischen uns wieder aufleben zu lassen.

Gegen 9 Uhr abends rief er mich dann doch nochmal an. Er wollte vorbeikommen. Ich war gerade in der Drogerie am Ende der Straße und konnte ihn einfach nicht davon abbringen, sich gleich auf den Weg zu machen. Als wir uns zum Mittagessen verabredet haben, habe ich ihm schon gesagt, wo ich wohne und nichts, was ich sagte, konnte ihn davon abhalten vorbeizukommen. Ich hatte eigentlich mehrmals Nein gesagt. Als ich nach Hause kam, lungerte er träge auf den Stufen vor meinem Haus herum. An den Rest der Nacht erinnere ich mich nur noch verschwommen.

Ich versuchte, Dan ins Wohnzimmer unseres Verbindungshauses zu verfrachten, aber er wollte unbedingt mein Zimmer sehen. Er bestand auch darauf, sich einen Film anzusehen und von einem Moment auf den anderen fing er an, „sich an mich ranzumachen." (Ich kann es nicht anders ausdrücken.) Ich benutzte die übliche Ausrede: „Ich habe meine Periode." (Aus irgendeinem Grund, erschien es mir zu schroff, einfach zu sagen, dass ich nicht will.) Ich war nicht in der Lage zu schreien, während er mir mit Gewalt seine Zunge in den Hals steckte. Ich war nicht in der Lage zuzubeißen, obwohl ich darüber nachdachte. Ich wollte einfach nicht, dass er mir mit seinen Fäusten den Schädel einschlug. Da sollte er mir lieber seinen Schwanz in den Mund stecken. Wenn ich heute darüber nachdenke, wirkt die ganze Geschichte dumm und absolut vermeidbar, doch damals ging es vor allem um eins: Ich hatte unglaubliche Angst vor Dan und befürchtete, dass niemand kommen würde, wenn ich schreie.

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Irgendwann war es vorbei. Er schlendert ohne ein Wort zu sagen die Treppe hinunter und verschwand aus dem Haus. Ich blieb in meinem Zimmer, lag flach auf dem Rücken und war wie gelähmt. Ich starrte die ganze Zeit über an die Decke und stand nur kurz auf, um mir die Zähne zu putzen. Eine Stunde verging, dann löschte und blockierte ich Dan auf Facebook, damit er mich nie wieder anschreiben konnte. Ich beschloss, es einfach zu vergessen, aber mein Zimmer war kein sicherer Ort mehr für mich. Ich litt unter wiederkehrenden Albträumen, in denen mich der Abend, an dem Dan bei mir war, immer wieder heimsuchte. Ich fand eine Wohnung in Silver Lake und blieb gleich dort, nachdem ich den Mietvertrag unterschrieben hatte. Da ich noch keine Möbel hatte, schlief ich auf einem Stapel Handtücher in der Ecke meines neuen Zimmers—trotzdem schlief ich so gut wie schon seit Monaten nicht mehr.

Vier

Eine meiner Verbindungsschwestern, Karissa, zog mit mir in die neue Wohnung. Während es früher nur ein paar Schritte bis zur Uni waren, brauchte ich jetzt 15 Minuten. Ich verbrachte die meiste Zeit in der Bibliothek statt im Haus der Verbindungsschwestern. Ich schämte mich, dass ich im Herbst ohne Vorwarnung von einem Tag auf den anderen ausgezogen war. Also versuchte ich, ihnen so gut es ging aus dem Weg zu gehen.

Meine Erinnerungen sind wie in einem Traum. Irgendwann im Oktober verbrachten wir den Nachmittag in der Sonne von Los Angeles, tranken und sahen uns ein Footballspiel des Occidental an. Ich ging mit einem netten Typen, mit dem ich mit ab und zu traf, zu mir nach Hause und wir hatten Sex. Ein paar Stunden später kam Karissa in mein Zimmer getorkelt und flehte mich an, sie zu einer Party zu begleiten, die bei diesem Typ zu Hause stattfand, auf den sie stand. „Ich kann da allein nicht hingehen", jammerte sie aufgeregt. Sie ließ mir einfach keine Ruhe und begann, mir ein Outfit rauszusuchen. Wiederwillig stand ich aus dem Bett auf. Mein neuer Typ war zu müde. Ich meinte zu ihm, dass ich in einer Stunde wieder zurück wäre, so wie Karissa es versprochen hatte.

Wir waren kaum auf der Party angekommen, da wurde mir schon der erste Shot Tequila entgegengestreckt, der nächste folgte wenig später. Es war ein langer Tag, ich war dehydriert und irgendwann wurde mir ein wenig schwindelig. Roy, der auch in dem Haus wohnte, schlug vor, dass ich mich kurz in seinem Zimmer hinlegen und wieder kommen könnte, wenn ich mich wieder besser fühlte. Ich nahm sein Angebot bereitwillig an.Er nahm mich am Arm und führte mich die schiefen Stufen hinunter in ein Kellerzimmer, dessen Decke ganz schräge war. Sein Bett mit den dunkelblauen Laken war nicht gemacht. Glücklicherweise ging er gleich wieder. Nach kurzer Zeit schlief ich ein.

Im Morgenlicht wirkte Roys Zimmer noch ominöser als am Abend zuvor. Das einzige Fenster, das dieser Raum hatte, befand sich ziemlich weit oben, auf Höhe des Bodens draußen. Es hielt unerwünschte Blicke draußen und Hilferufe drinnen. Die schiefe Decke warf einen langen Schatten. Würde eine junge Familie in diesem Haus wohnen, wäre dieser Keller voll mit harmlosem Krimskrams, Weihnachtsdekoration und vergessenen Pokalen und der Ursprung unzähliger Gruselgeschichten.

Meine Vagina pochte. Als ich sie berührte, merkte ich, dass ich nackt war. Ich zuckte vor Scham zusammen, war aber beruhigt, als ich merkte, dass dem Rest meines Körper nichts zu fehlen schien. Ich seufzte deprimiert und griff nach meinen Klamotten. Dabei stieß meine Hand auf Roys leicht verschwitzten, noch immer schlafenden Körper, wodurch er wach wurde. Er lächelte verschlafen, streckt sich und blinzelt gegen das Licht. Sein zufriedenes Seufzen ließ das Blut in meinen Adern gefrieren. Sein Anblick war abstoßend. Ich wollte ihn anschreien, tat es aber nicht.

Ich versuchte, meinen schlaftrunkenen Vergewaltiger durch mein passiv-aggressives Verhalten dazu zu bringen, sein Verbrechen zu gestehen.

„Was ist letzte Nacht passiert?" Ich versuchte, meinen schlaftrunkenen Vergewaltiger durch mein passiv-aggressives Verhalten dazu zu bringen, sein Verbrechen zu gestehen. Allerdings war es, als würde man spontane Reue aus einer Schildkröte herausbekommen wollen. Roy versuchte mich zu umarmen, mich zu küssen, meinen nackten Körper an sich zu ziehen. Er versuchte so zu tun, als hätte er überhaupt nicht gemerkt, dass ich vollkommen weggetreten war. Seine Geschichte war allerdings nicht besonders überzeugend und ich glaubte ihm nicht, was er da erzählte. „Du wolltest es", meinte er voller Überzeugung. „Du hast darum gebettelt. Ich kann nicht glauben, dass du dich nicht mehr daran erinnerst." Ich frage ihn direkt heraus, warum sich auf meinen Armen und meinem Oberkörper riesige blaue Flecken abzuzeichnen begannen. Seine Erklärung war äußerst schwammig. Ich sei vom Bett gefallen, meinte er, aber ich sei wieder aufgestanden und wollte weitermachen. Irgendwann hörte ich ihm gar nicht mehr zu, sondern starrte nur noch auf Roys scharfkantigen Nachttisch aus massivem Eichenholz. Ich bin mit meinem vollen Gewicht auf massives Holz geknallt und dabei nicht wach geworden?

Ein Gedanke kam mir dabei immer wieder: Wie konnte ich zulassen, dass mir so etwas passiert—schon wieder?

Ich musste bleiben, bis Karissa bereit war zu gehen. Sie nahm sich ziemlich viel Zeit. Bei einem One-Night-Stand wäre es einfach nur nervig gewesen, doch ich spürte in diesem Moment, wie die Wände immer näher kamen. Als wir endlich wieder zurück in unsere Wohnung kamen, war mein neuer Typ verschwunden. Er hatte mir eine Nachricht da gelassen und meinte, dass er ein Taxi genommen hätte, um nach Hause zu fahren. Ich rief ihn nicht an, weil ich keine Lust hatte, ihm zu erklären, was passiert war. Ich sah ihn erst Monate später wieder.

Karissa weigerte sich, mir zu glauben, dass Roy mich vergewaltigt hatte. Sie meinte, ich könnte mich wahrscheinlich nur nicht daran erinnern, dass ich zugestimmt hatte und dass „er so etwas nie tun würde." Man würde vermuten, dass ich deshalb wütend oder aufgebracht war, aber das war ich nicht—das war das Verrückteste daran. Ich wollte einer Meinung mit ihr sein. Ich versuchte verzweifelt, mir selbst einzureden, dass ich es war, die Sex mit Roy haben wollte und Ja gesagt hatte—doch ich glaubte mir selbst nicht. Nachdem ich Fotos gesehen hatte, die zeigten, dass Karissa Roy in unsere Wohnung eingeladen hatte, während ich nicht zu Hause war, suchte ich einen Untermieter und zog zum zweiten Mal innerhalb eines Jahres um.

Vor zwei Jahren bin ich in meine aktuelle Wohnung gezogen. Es ist ein friedlicher Ort, ganz für mich allein. Zum ersten Mal seit Jahren fühle ich mich zu Hause. Ich parke mein Auto in einer abgeschlossenen Garage, fahre mit dem Fahrstuhl, der nur mit meinem Haustürschlüssel erreichbar ist, bis zu meiner Wohnung und verriegle immer sorgfältig die Tür. Ich bin vorsichtig, lasse mich aber nicht zu sehr von all dem, was passiert ist, verrückt machen. Ich achte auf meine Gesundheit und meinen Körper, habe einen engen Freundeskreis und meide Situationen, in denen ich niemanden habe, dem ich vertrauen kann. Ich habe eine liebevolle Familie und kann sie als Rückzugsort nutzen, um mich vor Bedrohungen abzuschirmen. Ich habe einen großartigen Freund, der mich so sehr liebt und respektiert, dass ich manchmal kaum glauben kann, dass er real ist.

Ich bin dankbar für all die Unterstützung, die viele Frauen so nicht haben. Ich bin glücklich, dass ich in der Lage war, mich aus negativen Situationen zu befreien und wieder auf die Füße zu kommen. Lange Zeit über hatte ich das Gefühl, dass ich all das aufs Spiel setzen würde, wenn ich von meiner Geschichte erzähle. Warum alte Wunden wieder aufreißen, wenn es mir doch gut geht?

Dan hat mir über all die Jahre immer wieder Freundschaftsanfragen über Facebook geschickt, die ich konsequent ignoriert habe. Vor ungefähr einem Jahr beschloss ich dann, mir anzuhören was er zu sagen hatte. Ich war überrascht, als ich eine Nachricht von ihm bekam, in der er nicht nur sein Fehlverhalten eingestand, sondern sich auch entschuldigte. Ich war immer der festen Überzeugung gewesen, dass er niemals einsehen würde, dass er etwas falsch gemacht hatte—vor allem, weil ich nicht dachte, dass er überhaupt in der Lage war, sich selbst Fehler einzugestehen. Wortwörtlich meinte er: „Du hast mich nach dieser Nacht auf FB gelöscht. Es tut mir leid, wie ich dich behandelt habe. Du warst eine gute Freundin, die ich länger kenne als die meisten anderen Menschen. Ich habe mich vielen Frauen gegenüber falsch verhalten. Du hast es nicht verdient, eine von ihnen zu sein und das tut mir wirklich leid."

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Der letzte Teil traf mich am härtesten. Mir brannten die Tränen in den Augen, während ich seine Nachricht laß. Ich hatte noch nie über die anderen Frauen nachgedacht, aber natürlich gab es noch andere Frauen. Wie viele Frauen hatte er missbraucht? Warum hat er sich ausgerechnet bei mir entschuldigt? Ich zitterte vor Wut. Ich hatte jahrelang nichts unternommen. Ich hatte nur versucht zu vergessen, was in dieser Nacht passiert war. Mein Schweigen hat das Problem aber nur verstärkt und hat anderen Frauen geschadet, weil all diese Männer weiter auf freiem Fuß waren. In diesem Augenblick wurde mir klar: Ich sollte meine Geschichte nicht verschwiegen.

Ich wurde bereits von meiner Mitbewohnerin und Freundin eine Lügnerin genannt, als ich ihr erzählte, was Roy mir angetan hat. Mir wurde bereits gesagt, dass man mir das mit Dan nicht glauben wird, weil ich mal mehrere Monate mit ihm zusammen war und dachte, dass ich ihm vertrauen konnte. Mein engster Familienkreis hat mir bereits gesagt, dass ich einfach aufpassen sollte, dass man mir keine Drogen ins Glas tut. Ich weiß auch, dass es mir nicht besser geht, wenn Fremde im Netz meine Geschichte kommentieren, doch dumme Kommentare sind nichts gegen die Kraft, die es mich gekostet hat, meine Erinnerungen zu verdrängen und wieder auszugraben und es ist ganz sicher nicht schwerer als die Bürde, die Verbrechen anderer zu vertuschen. Ich beuge mich nicht länger der Erwartung, dass ich mich dafür schämen sollte, missbraucht worden zu sein. Es ist schwierig, sich immer wieder daran zu erinnern, aber es ist noch viel schwieriger, all das zu vergessen.


*Alle Namen wurden geändert.

Titelfoto: splitshire.com | Pexels | CC0 [Symbolfoto]