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Wenn Männer Frauen dafür bezahlen, ihnen Anweisungen beim Masturbieren zu geben

In der bunten Welt der JOI (der „jerk off instructions”) gibt es nichts, was die Männer mehr anmacht, als von einer Frau gesagt zu bekommen, wann, wie und ob sie sich selbst berühren dürfen.

von Gareth May
30 September 2016, 7:00am

Photo courtesy of Mistress T

„Wir sagen dir, wie du wichst, wann du wichst und ob du wichst." Was für die meisten Menschen nach einer grausamen Dystopie klingen mag—oder nach dem Plot einer Pornoparodie zu 1984—, verschafft manchen Männern genau die Art von sexueller Erregung, die sie suchen. Willkommen in der Welt der JOI—einer stetig wachsenden Pornokategorie und Fetischnische.

JOI steht für „jerk off instructions", was frei übersetzt so viel heißt wie „Wichsanleitung" und genau darum geht es auch in einem klassischen JOI-Video: eine Frau, die vor ihrer Webcam sitzt und ihren männlichen Zuschauern eine detaillierte und ausführliche Anleitung zum Masturbieren gibt.

Manchmal ist das Ganze in ein Rollenspiel verpackt—zum Beispiel eine Stiefmutter, die ihren „ungehorsamen kleinen Stiefsohn" bestraft—und manchmal wird das Wichsen auch einfach gamifiziert, zum Beispiel indem einem „grünes Licht" für Go oder „rotes Licht" für Stop gegeben wird. Beim Großteil der kostenlosen Online-Videos handelt es sich um Billigproduktionen, die von irgendwem vom seinem Sofa zu Hause aus mit der Videokamera gedreht wurden. Entsprechend findet man auf kostenlosen Online-Pornoportalen auch JOIs in Hülle und Fülle. Auf vielen Seiten wird JOI sogar als eigene Kategorie neben Mainstreamgenres wie „anal" oder „Amateur" aufgeführt.

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Obwohl es eine sehr spezielle Nische ist, hat JOI eine breite Fanbase im Internet. Die Reddit-Community /r/JOI hat mehr als 28.000 Subscriber und strotzt nur so vor hungrigen Typen, die ganz spezielle Videos suchen—von „JOIs, in denen sie sagt, dass man seine Eier/seinen Schaft hochbinden soll?" bis hin zu „JOI mit einem Kaktus und/oder einer Käsereibe?". Es gibt sogar so eine Art JOI-Bibel: ein Arbeitsblatt in Google Docs, das sämtliche online verfügbaren JOI-Videos auflistet.

Wenn man tiefer in die Reddit-Community eintaucht, merkt man schnell, dass sich die Subreddits, Tumblr-Accounts und verschiedene Themen immer wieder wiederholen—von Sissification bis hin zur Dominierung mit einem Umschnalldildo—, aber es gibt einen roten Faden, der sich durch sämtliche JOI-Video zieht: Erniedrigung.

Die beiden beliebtesten Subgenres von JOI werden meist nur mit ihren Abkürzungen genannt: SPH („small penis humiliation") und CEI („cum eating instructions").

Der Redditor jamekey1 postet regelmäßig auf /r/JOI. Wenn er Lust auf Blümchensex hat, erklärt er gegenüber Broadly, dann reicht ihm ein normales JOI-Video mit einem Abspritz-Countdown am Ende, aber am meisten steht er auf CEI, die zum Teil auch miteinschließen, dass er sich selbst ins Gesicht spritzen soll.

„Man könnte wahrscheinlich sagen, dass das auch etwas mit Sissification zu tun hat. Ich finde den Dirty Talk extrem antörnend—eine Schlampe genannt zu werden oder dass ich mir selbst eine riesige Ladung verpassen soll usw.", sagt er. „Es gibt aber ein Problem bei CEI, das JEDER Mann kennt, der das schon mal ausprobiert hat: In dem Moment, wenn man kommt, verliert man KOMPLETT die Lust, sein Sperma zu essen. Deswegen mache ich CEI hauptsächlich vor der Webcam mit einem Cam-Girl. Wenn ich eine reale Person vor mir habe, dann hilft mir das dabei, es wirklich zu tun, weil ich sie nicht enttäuschen möchte."

Foto: Mistress T

Das ist ein entscheidender Aspekt am JOI-Fetisch: die Interaktion. Es kommt nicht darauf an, was du tust, sondern darauf, dass dir gesagt wird, dass du es tun sollst.

Dr. Chauntelle Tibbals, Soziologin und Autorin von Exposure: A Sociologist Explores Sex, Society, and Adult Entertainment, sagt, dass „man eine solche Machtdynamik, die dadurch zustande kommt, dass die eine Person die Kontrolle hat und der andere gehorcht, auch bei vielen anderen Fetischen zu finden ist." Das Einzigartige an diesem Fetisch ist vielmehr „das Anleitungsprinzip" und dass „Schuld zu einem Tabu verkehrt wird."

„Sein eigenes Sperma zu essen, mag für einen eher ‚ungewöhnlich' sein, aber wenn man dazu aufgefordert wird, es zu tun, dann geht es dabei um Fantasien, die damit zu tun haben, dass man die Kontrolle abgibt. Zeitgleich bekommt man aber eben auch implizit die Erlaubnis, sich Wünsche zu erfüllen, die womöglich nicht nur bei herkömmlichem Sex, sondern auch in Fetisch-Communities als ‚zu abartig' gelten könnten", sagt sie.

Wenn jamekey1 erniedrigt werden möchte, während er dominiert wird, warum zahlt er dann nicht für einen Besuch bei einer professionellen Domina?

So funktionieren JOI nicht. Der Fetisch gewinnt seinen Reiz nicht nur aus der geringen Interaktion, sondern auch dadurch, dass er allein durch eine funktionierende Internetverbindung zugänglich ist. Es geht darum eine gemeinsame, geführte Erfahrung zu machen—und zwar eine, die online stattfindet.

Wie bei jeder Anleitung kommt es auch hier immer darauf an, aus welchem Mund sie kommt. Jamekey1 sagt: Was JOI-Fetischisten wirklich wollen, ist eine spezielle und persönliche Erfahrung mit jemandem, der „in deinen Kopf schauen kann und weiß, wie man die Interaktion steuern kann, indem man verschiedene Techniken und visuelle Signale einsetzt"—und hierfür müssen sie Femdoms und Cam-Girls für Sessions bezahlen, die entweder in Live-Videochats stattfinden oder Videos produzieren, die eigens auf die Wünsche des Kunden zugeschnitten sind.

Foto: Miss Kelle Martina

Miss Kelle Marina arbeitet als professionelle Switch. Sie hat mit JOI-Videos angefangen, als sie eine alternative Einkommensquelle zu privaten Sessions und Webcam-Auftritten gesucht hat. Sie sagt, es ist einfach, „ein bisschen gemein" zu sein und deswegen ist das Internet auch voll von solchen Videos. Sie spricht nicht so gerne von JOI, sondern nennt das Ganze lieber „Erschaffung einer Fantasie mithilfe einer Kamera." Sie sieht darin eine Art „persönlichen Dialog" mit ihrem Klienten. Ein privater Clip, der speziell auf die Wünsche des Kunden zugeschnitten ist, kostet bei Miss Kelle ungefähr 55 Euro.

Fühlt sie sich auch manchmal schlecht, wenn sie die Spitze der Demütigung erreicht? „Nein, niemals. Als Switch kann ich mit gut in sie hineinversetzen", sagt sie. „Es wäre grausamer, wenn ich es nicht tun würde."

Mistress T, die seit sieben Jahren in JOI-Videos auftritt, ist eine der führenden Produzentinnen des Genres und ein echter Internetstar. Sie sagt, JOI-Videos zu drehen sei eines der Dinge, die sie vor der Kamera am liebsten macht. „Es soll sich intimer und interaktiver anfühlen als traditionelle Pornos, wo die Leute Sex haben, ohne in die Kamera zu schauen", sagt sie. „Das wirkt besonders gut bei Männern, die einsam sind, da es ihnen einen Eindruck von menschlichem Kontakt vermittelt."

Abgesehen von dem sexuellen Reiz, den es hat, vollkommen die Kontrolle abzugeben, sagt jamekey1, sind JOI für ihn insbesondere deshalb so anziehend, weil einem von den persönlichen Darstellern eine gewisse „Intimität" geboten wird. Ich frage ihn, ob er auch manchmal den Eindruck hat, dass dieses Gefühl der Verbundenheit auf Gegenseitig beruht.

Ich mache mir oft Sorgen, dass junge Männer anfangen könnten, nur noch zu solchen Videos zu masturbieren und gar keine echten sexuellen Erfahrungen mit realen Frauen mehr sammeln.

„Das kann ich so pauschal überhaupt nicht sagen. Ich hatte definitiv schon Sitzungen mit Frauen, denen es nur ums Geld ging. Ich hatte aber auch schon Sitzungen mit Frauen, die sich wirklich aufrichtig um einen zu kümmern schienen. In den meisten Fällen wirken die Frauen so, als gingen sie sehr offen mit ihrer Sexualität um und als hätten sie eine Nische gefunden, die ihnen wirklich Spaß macht—also ja, ich denke, dass sie in diesem Moment auch emotional involviert sind", sagt er.

Bei Mistress T scheint es auf jeden Fall so zu sein. Diesen Monat hat sie eine kostenlose Videoreihe auf ihrem Blog T-Time Sex Ed veröffentlicht—„um Männern zu helfen, ihre Sexleben aufzubessern." Dabei geht es unter anderem um Themen wie „Etikette im Internet und Dick Pics" (beziehungsweise darum, dass man diese nicht unaufgefordert verschicken sollte) und „Tipps zum Muschilecken."

In einer E-Mail, die sie mir schickt, äußert sie sich sogar besorgt darüber, dass ihren Fans die JOIs zu sehr gefallen könnten. „Ich glaube, dass diese Form von Pornografie potenziell schädlich sein könnte. Ich mache mir oft Sorgen, dass junge Männer anfangen könnten, nur noch zu solchen Videos zu masturbieren und gar keine echten sexuellen Erfahrungen mit realen Frauen mehr sammeln, sodass sie sich letztendlich selbst eine sexuelle Funktionsstörung anerziehen—diese Erfahrung unterscheidet sich einfach sehr stark von richtigem Sex."

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Eine normale Session mit einer professionellen Domina ist zeitlich und örtlich begrenzt und findet in einem entsprechenden Rahmen wie einem Dungeon, einem Hotelzimmer oder einem Fetischclub statt. Bei JOI gibt es solche Grenzen nicht. Frei von den normalen Anforderungen des wirklichen Lebens wie Organisation, Logistik und der erforderlichen körperlichen Hygiene, ist das Einzige, was zwischen einer Domina und ihrem Klienten steht, plötzlich nur noch die funktionierende Internetverbindung—und das reicht manchmal schon aus.

yayareaballer ist ebenfalls ein Mitglied aus dem Reddit-Forum. Er sagt, der Reiz von JOI bestehe für ihn nicht in „dem männlichen Unterwerfungskram" wie Sissification, SPH oder CEI.

„Ehrlich gesagt, meide ich solche Videos", sagt er. „Ich stehe auf JOI, weil es das ist, was interaktiven Pornos bisher am nächsten kommt. Viele Videos, die von Frauen für Männer produziert wurden, legen einen starken Fokus auf die persönliche Aufmerksamkeit und das Vortäuschen von Intimität. Neue Medienformen machen diese Erfahrung noch beeindruckender und überzeugender. Bei VR [virtual reality], ASMR [Autonomous Sensory Meridian Response] und zu einem gewissen Grad auch bei JOI geht es einzig und allein darum, eine virtuelle erotische Erfahrung zu machen, die persönlicher ist und sich realer anfühlt als zwei Schauspielern dabei zuzusehen, wie sie es machen."

„Und letztlich ist das doch alles, was Männer wollen: Sex und eine emotionale Verbindung."

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