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Warum ist die Casual-Kultur im Fußball und der Mode nach wie vor relevant?

Egal ob in den sozialen Medien oder in speziellen Online-Shops, der Casual-Lifestyle übt selbst nach mehreren Jahrzehnten immer noch einen gewissen Reiz aus. Wir haben untersucht, woran das liegt.

von Will Magee
17 August 2017, 1:16pm

Foto: PA Images

Wenn man bei Twitter nach Accounts mit Fußballbezug sucht, stößt man schnell auf Profile, die sich ganz der Casual-Kultur verschrieben haben – egal ob nun mit Fokus auf Fotos und Nostalgie, Fashion, Musik und Choreos oder Schlägereien und Hooligan-Ikonografie. Da die Casual-Szene Großbritanniens vor allem in den 70er und 80er Jahren ihre Hochzeit hatte, finden es Außenstehende oft komisch, dass sich auch heute noch Leute für diese vor allem mit Gewalt verbundene Bewegung interessieren – eine Bewegung, die dank diversen Filmen und aufregenden Geschichten ins öffentliche Bewusstsein rückte. Für die Anhänger der Casual-Kultur hat das Ganze aber immer noch so viel Relevanz wie damals.

Casuals kamen in den späten 70er Jahren auf. Junge Menschen aus der britischen Arbeiterklasse konnten sich so für neue Modetrends und Designerklamotten interessieren, obwohl genau das damals gegen das traditionelle Männerbild verstieß. Die Casual-Ästhetik war so gesehen eine Rebellion gegen die biedere Mode der älteren Generationen. Gleichzeitig identifizierten sie sich so mit dem Fan- und Kameradschaftsgedanken des Fußballs.

Der internationale Erfolg der englischen Vereine – allen voran des FC Liverpool – während der 70er sorgte dafür, dass europäische Designer-Label wie CP Company, L'Alpina oder Lacoste bei den Casuals immer beliebter wurden. Gepaart mit Adidas-Sneakern setzten die jungen Männer am Spieltag so ein Zeichen und untermauerten ihren Status als Fußballfans. Das war nicht immer eine gute Sache, weil die Casual-Kultur oftmals mit gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Fan-Gruppierungen einherging. So konnten Brands wie Stone Island, Fila und Diadora in den 80er Jahren zwar große Erfolge feiern, hatten (zumindest in Großbritannien) aber auch schnell einen gewissen Ruf weg.

Diese gewalttätige Seite der Casual-Kultur war gefundenes Fressen für Filmemacher, die das Ganze Mitte der 2000er ausschlachteten. Das prägte die öffentliche Wahrnehmung natürlich nachhaltig. Zwar ging es für eine Minderheit der Casuals tatsächlich nur ums Prügeln, aber für den modernen Casual sind andere Dinge – Fußball, Fashion, Musik und die soziale Komponente – viel wichtiger.

Elijah Wood bei einem tatsächlichen West-Ham-Spiel während der Dreharbeiten zu "Green Street Hooligans" – umringt von Stone-Island-Logos. Foto: PA Images

Obwohl es nach dem Erfolg des Films Hooligans ein kurzes Casual-Revival gab, verlor die Bewegung ab der Jahrtausendwende herum immer mehr an Relevanz. Dennoch ist sie in einigen Teilen der britischen Fußball- und Fashion-Szene auch heute noch präsent. Inzwischen spielt sich ein großer Teil des Casual-Alltags jedoch im Internet ab: Fan-Foren, spezielle Online-Stores und die sozialen Medien ermöglichen es den Casuals, Style-Tipps und verschiedene Ansichten zu ihrem Lebensstil auszutauschen.

Interessant ist hier die Tatsache, dass viele Casual-Accounts von Fußballfans aus Nordamerika oder dem Festland Europas betrieben werden. Ein Paradebeispiel für kulturellen Austausch, denn die jungen Briten, die damals die europäische Mode abfeierten, werden nun wiederum von jungen Europäern abgefeiert. Casual Ultra ist der Twitter-Account eines Fans des niederländischen Fußballvereins SC Cambuur. Warum er sich so für die Casual-Kultur interessiert und seine Gedanken zur Szene fleißig mit der Welt teilt? "Als Casual kann man sich durch Kleidung und Lifestyle von den normalen Fans abgrenzen", schreibt er in einer E-Mail. "In Europa wird die ganze Bewegung jeden Tag beliebter. Bei meinem Verein, dem SC Cambuur, und auch im Rest der niederländischen Fußballszene sind viele Casuals unterwegs. Nach England sind wir definitiv auf dem zweiten Platz."

Neben Fotos von Pyrotechnik, Auswärtsfahrten und den üblichen Fashion-Brands findet man auf Casual Ultra auch Videos von Schlägereien sowie Bilder von maskierten Fans. Diese Seite des Hooli­ga­nis­mus ist leider auch Teil von vielen Casual-Accounts und einige Follower sind nur für den Kick der Gewalt da. Da stellt sich die Frage, ob eine solche Verbreitung von einschlägigen Videos nicht auch dazu geführt hat, dass die Casual-Szene immer weiter an den Rand gedrängt wurde. Aber solche Inhalte bringen eben Follower, obwohl sie nicht typisch für die Casual-Szene im Allgemeinen sind.

Casual zu sein, bedeutet für jeden Anhänger der Szene etwas anderes. Was jedoch alle Casuals dieser Welt gemeinsam haben, ist die Treue zu den Brands der 70er und 80er Jahre – und das kann laut dem Betreiber von Casual Ultra zu einem "sehr teuren Lebensstil" führen. Daniel Wilson kennt sich hier besonders gut aus, denn ihm gehört im englischen Derby ein Klamottenladen namens Casual Cultures. Seit der denken kann, ist er Anhänger von Derby County, und laut eigener Aussage kam er durch den Verein und seine Familie mit der Casual-Szene in Berührung.

"Mein Vater hat mich schon mit ins Stadion genommen, als ich noch ein kleiner Junge war. Er liebte aber nicht nur den Fußball, sondern auch schicke Kleidung und gute Musik. Das hat mich natürlich geprägt. Auf dem Weg zu den Spielen hörte ich immer Oasis, Black Grape, The Charlatans oder The Verve und ich trug schon im jungen Alter Marken wie Stone Island, Henri Lloyd oder CP Company. Als ich mir mit 14 meine erste Dauerkarte holte, ging es auch mit den Klamotten so richtig los. Ich wollte wie die älteren Typen sein, die im Stadion Burberry-Mützen und Aquascutum-Schals trugen. Ich stibitzte mir immer ein paar Klamotten von meinem Vater und bei den Auswärtsfahrten sah man ständig neue Sachen bei den anderen Fans. So entwickelte ich meinen eigenen Geschmack."

Für Daniel geht es bei der Casual-Kultur vor allem um Spaß bei den Spielen, Fashion und Musik. Er weiß aber auch, dass das nicht bei jedem Casual so ist: "Ich kenne auch Typen, die nur dann Spaß haben, wenn sie sich prügeln können oder mit ihrer Firm unterwegs sind." Zwar haben es diverse Verbote und unerbittliche Strafverfolgung fast unmöglich gemacht, eine Schlägerei bei Premier League-Spielen anzuzetteln, aber es gibt Anzeichen dafür, dass die Gewalt in den unterklassigen Ligen immer noch vorherrscht. Als Besitzer eines Klamottenladens ist Daniel jedoch mehr damit beschäftigt, neue Brands zu entdecken. Er hat mit Lombes inzwischen sogar seine eigene Marke an den Start gebracht.

Es scheint, als ob innerhalb der Casual-Kultur ein gewisser Konkurrenzgedanke existiert. Das spiegelt sich auch darin wieder, wie Dan seine Produkte verkauft und welche Marken er bevorzugt. Nachdem er anfangs einige Monate lang bekannte Brands wie Lyle & Scott, Fila und so weiter gepusht hatte, entschied er sich dazu, nur noch kleinere Marken zu verkaufen. Er wollte den anderen immer eine Nasenlänge voraus sein und Dinge an den Mann bringen, die nicht massengefertigt sind: "Ich nahm Brands wie Casual Connoisseur, Basläger, The Beautiful North oder Stand ins Sortiment auf. Die kommen alle selbst aus der britischen Fußballkultur und mir gefiel es, Klamotten zu verkaufen, die nicht auch in einem Luxus-Einkaufszentrum zu finden sind." Auch bei seiner eigenen Marke limitiert Dan alles auf 50 Stück. In anderen Worten: Die Kunden bekommen bei Lombes immer etwas exklusives, auf das sie laut Dan "verdammt stolz" sein können. Dieser Exklusivitätsgedanke zieht sich sowieso wie ein roter Faden durch die Gleichmäßigkeit des Casual-Dresscodes. Der ganzen Kultur haftet ein brüderlicher Charakter an, der sowohl Zusammenhalt als auch das eben erwähnte Konkurrenzdenken mit sich bringt. Zusammen mit der Frauenfeindlichkeit einiger Casuals führt das dazu, dass sich in der Szene quasi ausschließlich Männer tummeln. Aber selbst da finden einige die alles durchdringende Kain-und-Abel-Atmosphäre letztendlich etwas albern.

Auf die Frage, warum die Casual-Kultur auch heute noch Bestand hat, antwortet Dan, dass jeder junge Mensch eben eine Identität bräuchte, mit der er sich identifizieren kann: "Ich glaube, dass die Casual-Bewegung eine Identität ist, die von Generation zu Generation weitergegeben wird." In eine ähnliche Kerbe schlägt auch Vaios, der Sprecher für den Online-Store Casual Factory. In einer E-Mail schreibt er: "Natürlich hat das Casual-Dasein für jeden eine persönliche Bedeutung, aber ich denke, dass da immer ein gewisser Wunsch da ist, nicht nach den Regeln der Gesellschaft zu spielen." Dieses Gruppensystem unter jungen Männern ist jedoch etwas, das über den Fußball hinausgeht. "Inzwischen eignen sich nicht mehr nur Fußballfans diesen Style an", fügt Vaios hinzu. "Casual-Kleidung findet man heutzutage zum Beispiel genauso häufig auf gewissen Konzerten oder in Clubs."

Foto: bereitgestellt von 'Real Clobber Magazine'/Tomod Photography

Luke Taylor ist der Chefredakteur des Real Clobber Magazines, einem Online-Magazin zum Thema Fashion. Das Ganze soll dabei eine Reaktion auf die ganzen Unternehmen sein, die "in einer Fantasiewelt leben, in der die Leute völlig egal sind, die ihre Produkte kaufen und tragen". In Bezug auf den Konkurrenzgedanken in der Casual-Szene meint Taylor: "Anfangs trugen die Casuals vor allem deswegen teure Klamotten, um bei der Polizeifahndung durchs Raster zu fallen. Mit der Zeit entwickelte sich jedoch eine Art Casual-Überlegenheitsgefühl: Wer sieht am besten aus und wer trägt die teuersten Klamotten? So nach dem Motto 'Meine Stone Island-Jacke kostet mehr als deine'." Der zeitgenössische Casual-Look sei eine Möglichkeit für die Mitglieder der Arbeiterklasse, aus dem Trott der Maloche auszubrechen, etwas Dampf abzulassen. Das Bier mit Freunden in der Kneipe um die Ecke schmecke in einem teuren Outfit eben noch besser.

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Dieses Casual-Überlegenheitsgefühl wirkt im Kontext einer Bewegung mit Wurzeln in der Arbeiterklasse schon fast ironisch. Dazu kommt noch, dass es selbst innerhalb der Casual-Bewegung eine Hierarchie gibt. Sich in einer solchen Hierarchie nach oben zu arbeiten, sich beim sozialen Umfeld Bestätigung zu holen und zu dominieren, ist ein Wunsch, den es schon viel länger gibt als die Casual-Szene selbst. In der Bewegung herrscht eine Art Selbstdarstellung vor, mit der man aus der banalen Realität flüchten will – und damit kann sich fast jeder auf irgendeine Art und Weise identifizieren. Genau das ist auch der Grund, warum die Casual-Kultur trotz der Gewalt und der anderen eher unschönen Aspekte für viele Menschen auch heute noch so relevant ist wie damals.

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Dieser Artikel ist ursprünglich bei VICE Sports UK erschienen.

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