Drogen

So verändern synthetische Drogen den Drogenhandel

Die Pablo Escobars und El Chapos der Zukunft müssen keine Tunnel mehr bauen, sie bestellen sich den Stoff bequem per Post.

von Max Daly
23 August 2019, 9:51am

Illustrationen: Xavier Lalanne-Tauzia

Im Juni wurde in Florida der Anführer eines Drogenrings zu 30 Jahren Gefängnis verurteilt. Er und seine Komplizen hatten im großen Stil Oxycodon-Pillen gefälscht. Als Wirkstoff verwendeten sie das hochpotente synthetische Opioid Fentanyl. Die Bande verdiente damit so viel Geld, dass sich der Anführer davon eine ganze Armada Luxuskarossen kaufte. Für ihr Geschäft brauchte sie keine ausgeklügelten Schmuggelrouten, keine Drogentunnel oder Unterseeboote, sie mussten keine Politiker oder Grenzbeamten bestechen. Die Drogen und das Equipment bestellten sie bequem über das Internet aus China.

Das ist die Zukunft des Drogenhandels. Die Denkfabrik Brookings Institution schreibt über den Handel mit synthetischen Opioiden: "Dafür braucht es keine ausgeklügelte kriminelle Vereinigung mit der nötigen Infrastruktur, um sperriges Material über internationale Grenzen zu schaffen – etwas, das oft mit Gewalt und Korruption einhergeht." Chemiker müssten zwar ausgebildet und chemische Ausgangsstoffe beschafft werden, aber "das Wissen und die Technologie sind nicht teuer und werden vor allem nicht mit schweren Waffen ausgeführt". Für den Handel mit synthetischen Drogen brauche man nur wenig Personal und minimale territoriale Kontrolle.


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Synthetische Drogen sind billiger und einfacher herzustellen als Kokain und Heroin. Chemielabore funktionieren überall, nicht nur in den südamerikanischen Anden oder afghanischen Mohnfeldern. Sie können ihre Produktion von einer Substanz zur anderen wechseln und sich schnell den Bedürfnissen des Marktes anpassen. Synthetische Drogen sind einfacher zu produzieren und damit für Händler und Konsumierende billiger.

Thomas Pietschmann vom Büro für Drogen- und Verbrechensbekämpfung der Vereinten Nationen sagt: "Der größte Zuwachs bei sichergestellten Drogen im Laufe der vergangenen zwei Jahrzehnte ist eindeutig bei synthetischen Drogen zu verzeichnen." Zwar zeige die globale Popularität von Cannabis, dass pflanzliche Drogen immer noch verbreiteter seien als synthetische, anteilsmäßig seien Letztere jedoch extrem gewachsen. Auch für Peter Andreas, Experte für internationale Beziehung an der Brown University und Autor von Border Games: Policing the U.S.-Mexico Divide, ist die Sache klar: "Die Zukunft ist synthetisch."

Für Grenzkontrollen werde das verschiedene Folgen haben, sagt Andreas weiter: "Es ist jetzt schon außerordentlich schwer, Produkte wie Heroin oder Kokain abzufangen, die transportabel, widerstandsfähig und profitabel sind. Die ungleich potenteren synthetischen Drogen machen es noch unsinniger, Grenzkontrollen als Grundpfeiler der Drogenbekämpfung zu betrachten. Es wird dringender denn je, sich auf die Nachfrage und nicht das Angebot zu konzentrieren."

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Synthetische Drogen für die Armen

Vor allem in den ärmsten Bevölkerungsschichten werden immer mehr billige Dogen mit unvorhersehbaren Nebenwirkungen konsumiert. In Griechenland ist es das methartige Sisa, in Russland das heroinartige Krokodil und in Serbien das heroinartige Pajdo. Und Mephedron, auch bekannt als Badesalz, war eine Zeitlang legal und vor allem in Großbritannien beliebt. Inzwischen wird es zunehmend in Russland, Georgien, Ungarn und in Rumänien als billiger Koksersatz konsumiert. Über die Langzeitfolgen der Droge ist kaum etwas bekannt.

Es sind auch überwiegend die Armen, die synthetische Cannabinoide wie Spice konsumieren. Durch die zahlreichen Veränderungen der chemischen Zusammensetzung im Wettlauf mit dem Gesetz ist die Droge immer stärker geworden. In Großbritannien verwenden vor allem Wohnungslose Spice als billige Alternative zu Heroin. Wie alle synthetischen Drogen ist Spice extrem profitabel.

Auch in den USA sind es die Armen und Abgehängten, die unwissentlich mit Fentanyl versorgt werden. Auf dem Land konsumieren diese das meiste Methamphetamin. Crystal ist auch deswegen in den USA so weit verbreitet, weil es vor Ort hergestellt werden kann – notfalls auch in einem Wohnwagen wie von Walter White in Breaking Bad. Du musst dafür nicht zum Koksdealer in die Stadt fahren.

In Asien ist Methamphetamin extrem weit verbreitet. Es wird vor allem als Yaba konsumiert. Das sind Pillen, die 20 Prozent Meth und 80 Prozent Koffeinpulver enthalten. Menschen nehmen sie, um länger und härter arbeiten zu können. Für jüngere ist Yaba ein billiger Rausch.

Auf den Philippinen war die Verbreitung von Meth der Grund für Präsident Rodrigo Dutertes blutigen Krieg gegen Drogen. In China sei die Zahl der Meth-User in den vergangenen fünf Jahren extrem gestiegen, sagten Analysten gegenüber VICE. Die Droge hat sich in Bangladesch in den Westen ausgebreitet, nach Japan im Osten, sowie in den Süden nach Korean und Ozeanien. Auch in Europa nimmt die Zahl der Meth-Konsumierenden zu. Insbesondere in Deutschland, Griechenland, Norwegen, Tschechien und der Slowakei.

Die Vereinten Nationen schreiben, dass der Markt für Methamphetamin in den vergangenen Jahren beachtliche Veränderungen durchlaufen habe. Die weltweit sichergestellte Menge sei sechsmal so hoch wie 2008. Warum? Meth macht einerseits schnell süchtig, harte, körperliche Arbeit erträglicher – und es lässt sich relativ einfach in einem Labor herstellen.

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Synthetische Drogen verdrängen ihre pflanzlichen Cousins

In Myanmar werden Schlafmohnfelder zunehmend durch Methamphetamin-Labore verdrängt. Traditionell ist der rechtsfreie Raum im sogenannten Goldenen Dreieck zwischen Thailand, Laos und Myanmar seit Jahrzehnten ein Hotspot der Heroinproduktion.

Im Januar vergangenen Jahres fand die Polizei in einem verlassenen Haus in Myanmars Shan-Staat 30 Millionen Methamphetamin-Pillen, über 1,5 Tonnen Crystal Meth und dazu noch etwas Heroin und Koffeinpulver. Für die Wa, die im Shan-Staat für einen unabhängigen Staat kämpfen, ist die synthetische Droge lukrativer als Heroin und lässt sich in größeren Mengen herstellen. Den Vereinten Nationen zufolge ist Myanmar auch deswegen zu einem der größten Meth-Produzenten der Welt geworden. 2018 wurden in der Region insgesamt 745 Millionen Meth-Pillen sichergestellt, mehr als doppelt so viel wie 2016. Aufgrund des Überangebots bereitet Methamphetamin den meisten Ländern Südostasiens momentan die größten Sorgen.

In Nordamerika bleibt das größte Problem weiterhin Fentanyl mit mehreren zehntausend Toten jährlich. Auch wenn mexikanische Kartelle definitiv eine Rolle bei der Verbreitung des hochpotenten Opioids spielen, lohnt sich hier ein Blick auf den größten Hersteller psychoaktiver Chemikalien: China.

Am 3. Januar 2015 starb der 18-jährige Bailey Henke, nachdem er mit Freunden Fentanyl geraucht hatte. Es war der zweite derartige Todesfall in der Kleinstadt Grand Forks, North Dakota, innerhalb von sechs Monaten. Das wahre Ausmaß der Fentanylkrise begann sich gerade erst zu zeigen. Eine intensive zweijährige Suche nach den Dealern und Hintermännern führte örtliche Ermittler über das Darknet zu einem internationalen Drogenring – mit Sitz in China.

Die Ermittler konnten das Fentanyl, das Henke umgebracht hatte, zu der Firma Zaron Bio-Tech aus Shanghai zurückverfolgen, durch das "enorme Mengen" Fentanyl über den Postweg von China nach Kanada und von dort in die USA gelangt waren. Der US-Regierung zufolge sei die Droge in vier chinesischen Laboren hergestellt und über das Internet an Zwischenhändler verkauft worden. Um die Geldströme zu verschleiern, kamen Offshore-Konten und Mittelsmänner zum Einsatz. Die Kommunikation lief über verschlüsselte Apps. Es war Drogenschmuggel, bei dem Landesgrenzen kaum eine Rolle spielte.

Für die US-Regierung ist China eindeutig die Hauptquelle von Fentanyl, aber auch von Ausgangsstoffen, die mexikanische Gangs zur Herstellung von Methamphetamin verwenden. Die Meth-Labore im Goldenen Dreieck sind ebenfalls alle mit Chemikalien aus chinesischer Produktion ausgestattet, die anschließend als fertige Droge zurückgehen.

Die USA haben kein Auslieferungsabkommen mit China und üben nicht ansatzweise so viel Einfluss auf Peking aus wie in den 80ern auf Kolumbien. Und angesichts des zunehmend schwierigen Verhältnisses zwischen beiden Ländern sieht es nicht so aus, als würde China in Zukunft etwas dagegen unternehmen. Angesichts der Lage wäre ein gutes Verhältnis zu China effektiver als eine Mauer an der Grenze zu Mexiko, um die USA vor Drogen zu schützen.

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Die zweitgrößte Wirtschaftsmacht könnte bald der größte Exporteur illegaler Drogen werden

"In China gibt es eine der größten und am schlechtesten regulierten Chemieindustrien der Welt", heißt es in einem aktuellen Bericht der US-Denkfabrik RAND über die Drogenpolitik in China. "Das Fehlen von regulatorischer Aufsicht erlaubt skrupellosen Unternehmen, potente synthetische Drogen wie Fentanyl zu vermarkten und zu exportieren. Es ist das ideale Umfeld, um die Produktion und den Export synthetischer Drogen zu verschleiern."

In dem Bericht heißt es weiter, dass Chinas Chemie-Exporte ein Drittel aller weltweiten Warenlieferungen ausmachen. Der US-Regierung zufolge gibt es 400.000 Chemie-Hersteller und Vertriebe in China, "von denen einige illegal operieren und eine ganze Reihe von Chemikalien herstellen, inklusive Vorläuferstoffe für Drogen". Jeremy Douglas von UNODOC sagt, dass die weitverbreitete Industriekorruption in China zu der Situation beitrage.

Ein Teil des Booms synthetischer Drogen lässt sich mit den hohen Gewinnspannen erklären. Der US-amerikanischen Drogenbehörde DEA zufolge "kann ein Kilogramm Fentanyl, nachdem es zu Pillen gepresst wurde, zwischen 10 und 20 Millionen US-Dollar generieren". Den Stoff gibt es schon für 3.500 US-Dollar das Kilo. "Zum Vergleich: Heroin kostet 50.000 bis 80.000 US-Dollar das Kilogramm und ist nur ein Bruchteil so potent. Mit Heroin lässt sich ein Profit von vielleicht 200.000 US-Dollar erzielen."

Und im Gegensatz zu den Opiumbauern in Afghanistan preisen chinesische Chemieunternehmen ihre Produkte offen in englischer Sprache im Internet an – mit Mengenrabatt. Sie verkaufen sogar Starterkits für Fentanylpillen inklusive Pillenpresse, Binde- und Färbemitteln.

"Es ist ein ziemlicher Albtraum, wie einfach es für eine Einzelperson ist, so viel Fentanyl in einen Markt einzuführen", schreibt Bryce Pardo von der RAND Corporation bei Twitter. "Wenn die Lebenserwartung in den USA weiter so sinkt, kann man das als Massenvergiftung bezeichnen."

Bei pflanzlichen Drogen gibt es zwar auch Verunreinigungen und Unterschiede in der Qualität, aber in der Regel bekommen Konsumierende, wonach sie gefragt haben. Bei synthetischen Drogen wissen Durchschnittskonsumenten nicht, was sie genau vor sich haben, wenn sie die Substanz nicht in einem professionellen Labor testen lassen.

Erschwerend kommt hinzu, dass die Substanzen im Wettrüsten zwischen Behörden und Händlern immer wieder verändert werden. Das Resultat sind in der Regel potentere und unvorhersehbarere Produkte. Diese Entwicklung ist eine direkte Folge der Prohibition und ließ sich schon in den 1920ern in den USA beobachten. Die Mafia schmuggelte vor allem Whiskey und nicht etwa Bier. Je potenter die Droge desto mehr Geld lässt sich mit der gleichen Menge verdienen.

Fentanyl und seine chemischen Verwandten sind einige der potentesten Substanzen, die je entwickelt wurden – bereits wirksam im Zehntel-Mikrogramm-Bereich. Deswegen lassen sie sich auch so einfach per Post verschicken. Selbst mit kleinen Mengen lässt sich viel Geld verdienen.

Für die Behörden ein Albtraum

"Die synthetische Revolution ist keine Veränderung, die von den Konsumierenden ausgeht – ganz im Gegenteil", sagt Mike Power, Autor von Dein Crack ist in der Post – Wie das Internet die Welt der Drogen revolutioniert. "Die meisten Heroinkonsumierenden würden nicht freiwillig zu Fentanyl greifen. Die Wirkung hält kürzer an, ist weniger angenehm und das Risiko zu sterben ungleich größer. Eine Droge, die die Wirkung von Kokain reproduzieren kann, gibt es bislang nicht. Synthetische Cannabinoide haben nur bei den Ärmsten fußgefasst, während in den USA schick eingerichtete Boutiquen horrende Preise für ausgefallene Gras-Sorten verlangen."

Auch für Strafverfolgungsbehörden ist die Entwicklung ein Albtraum. Durch die Fragmentierung des Drogenhandels in Einzelakteure ist dieser auch schwerer zu greifen. Schon beim klassischen Drogenhandel haben die Behörden kläglich versagt, die neue Ära hat ihren Kampf noch aussichtsloser gemacht.

Wenn der aktuelle Trend andauert, werden synthetische Drogen ihre pflanzlichen Pendants früher oder später in Produktion und Konsum überragen. Grenzen würden zunehmend irrelevant für Händler und ihre Profite, die Behörden immer machtloser und die neuen Substanzen im Zweifelsfall tödlicher.

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