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Wie Hofer-Fans im Internet den großen Wahlbetrug wittern

Wie redet man sich ein Wahlergebnis schön, das nicht der eigenen Meinung entspricht? Man stellt es in Frage—und sieht das Problem bei den USA, Nordkorea und Zaubertinte.

Screenshots: VICE Media

Der österreichische Wahlabend am Sonntag war wohl für uns alle ziemlich spannend und überraschend. Dass es zu einem so knappen Ergebnis kommt und Van der Bellen bis zur Stichwahl Norbert Hofers großen Vorsprung aus dem ersten Durchgang beachtlich aufholen konnte—und sich am Sonntagabend beide Kandidaten als Underdogs des Wahlkampfs präsentierten—, ist an sich schon ein faszinierender Twist. Vor Auszählung der Briefwahlstimmen liegt Norbert Hofer am Montag 144.006 Stimmen vor Van der Bellen. Doch die Prognosen sagen, dass Van der Bellen bei der Briefwahl sehr viel besser abschneiden wird als Hofer und es noch sehr viel knapper werden kann. Gegen Abend wird dann feststehen, wer Österreichs nächster Bundespräsident sein wird.

Vor allem die Wähler von Norbert Hofer dürften mit dem aktuellen Stand der Dinge nicht besonders zufrieden sein. In den sozialen Netzwerken wird geschimpft und nach Erklärungen gesucht, wie es zum Aufholen Van der Bellens kommen konnte. Und weil rationale Erklärungen häufig zu komplex und selten wirklich zufriedenstellend sind, fallen immer öfter die Schlagworte Wahlbetrug, geschobene Partie, Manipulation. Wer ist also schuld? Der Rotfunk? Die Gutmenschen? Zaubertinte? Amerika? Oder gar Nordkorea?

In der Sozialpsychologie gibt es ein Phänomen, das sich kognitive Dissonanz nennt. Kognitive Dissonanz tritt verkürzt gesagt dann auf, wenn eine Person mehrere Wahrnehmungen hat, die nicht zusammenpassen und im Widerspruch zueinander stehen. Um eine solche Dissonanz aufzulösen, versucht man in der Regel, die konkurrierenden Wahrnehmungen in Einklang zu bringen—zum Beispiel durch die Suche von Erklärungen und Ausreden sowie dem Herabspielen und Leugnen von bestimmten Informationen.

Das Phänomen der kognitiven Dissonanz könnte eine mögliche Erklärung für das aktuelle Verhalten sein, das die Fans von Norbert Hofer in den sozialen Medien an den Tag legen. Sie suchen nach einer Erklärung, warum ihr "Schutzherr" für Österreich nicht haushoch gegen den "senilen Professor" gewonnen hat und es jetzt auf verhältnismäßig wenige Stimmen ankommt. Sie wollen eine befriedigende Antwort auf die Frage, wie es sein kann, dass eine Wahl genau 50:50 ausgeht, bei aller angeblichen Unwahrscheinlichkeit—erst recht angesichts des Vorsprungs aus dem ersten Wahlgang.

Denn genauso wie ich vielleicht in einer behüteten Filterblase aus sogenannten Gutmenschen lebe, leben Hofer-Wähler häufig in einer Filterblase aus Hofer-Wählern—und können nur schwer rationalisieren, dass sich gut die Hälfte Österreichs nun gegen Nobert Hofer entschieden hat.

Schon nach der Wien-Wahl im vergangenen Oktober haben manche FPÖ-Wähler Wahlbetrug vermutet. Dieser Mythos unter FPÖ-Wählern kommt wahrscheinlich nicht von ungefähr. Die FPÖ ist mittlerweile geübt darin, sich als Opfer und Feind des Establishments zu inszenieren—vor allem im Wahlkampf spielen die anderen Parteien dieses Spiel oftmals mit, indem sie das Verhindern von Strache oder Hofer und deren Ansichten zu einem der Schwerpunkte in ihrem Wahlkampf machen. Auch die Vermutung des Wahlbetruges schließt an diese Tradition an. Zwischen den Zeilen steht: "Wir sind die Underdogs, die unterdrückte Mehrheit und die Eliten wollen verhindern, dass wir gehört werden." Strache selbst verfasste in der Nacht von Sonntag auf Montag um etwa 03:00 Uhr ein Facebook-Posting, das mit "Sehr fragwürdige Dinge passieren!" beginnt. Einer der Top-Kommentare unter dem Posting ist der folgende:

Auch Norbert Hofer soll sich gestern Abend dahingehend geäußert und gesagt haben, dass bei "Wahlkarten [der Briefwahl] immer ein bisschen eigenartig ausgezählt wird", wie unter anderem Ö1 berichtete.

Dass Hofer-Wähler enttäuscht darüber sind, dass sie nicht das erwartete und versprochene Wahlergebnis bekommen haben, kann man wohl irgendwie verstehen. Sie haben auf eine Veränderung gehofft, von der wir bis heute Nachmittag nicht wissen, ob sie sie tatsächlich bekommen. Dass Strache und Hofer auch selbst auf diesen Zug aufspringen und die Wut der Menschen ohne faktische Grundlage mit Meinungspostings untermauern, ist da schon eine andere Sache.

Ein Sujet aus Norbert Hofers Kampagne sagt "Das Recht geht vom Volk aus". Das ist gut und wichtig so—aber man sollte nicht vergessen, dass dieser Grundsatz auch dann noch gilt, wenn nicht der bevorzugte Kandidat gewinnt. Nur bei einem von zwei möglichen Ergebnissen vom Volkswillen und beim anderen von Verschwörungen zu sprechen, entspricht nicht dem Demokratieverständnis, das eine volksnahe Partei in einer Republik vertreten sollte. Oder um es mit den Worten von Armin Wolf zu sagen: "Aluhüte wieder absetzen!"

Verena auf Twitter: @verenabgnr