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Ich habe für einen Tag wie Deutschlands erfolgreichste YouTuberin gelebt

Wessen Leben ist beschissener? Das von BibisBeautyPalace oder meins?

Mit blonder Perücke und dem Expedit-Regal voller Kosmetika kann es losgehen: 24 Stunden leben wie Bibi von BibisBeautyPalace

Bianca Heinicke ist erst 22 Jahre alt und hat mit ihrem YouTube-Kanal bereits alles erreicht, was du, ich und deine Mama uns je erträumt haben: Sie muss nicht arbeiten gehen, trägt jeden Tag Wellness-Masken und lässt sich ihre Miete von dem hart ersparten Taschengeld fanatischer Teenie-Fans bezahlen. Das heißt: Falls Bibi überhaupt noch Miete zahlt und nicht bereits den Gebäudekomplex gekauft hat, in dem sie lebt—leisten könnte sie es sich bestimmt. Dabei verhält es sich mit dem krass cutem Girl Next Door ähnlich wie mit den Kardashians: Sie sind super berühmt und erfolgreich, aber keiner weiß, wieso eigentlich.

Drei Jahre ist es jetzt her, als Bianca ihr erstes Video im Netz veröffentlicht hat. Seitdem ist viel passiert. Mehrere hundert Video-Clips, etliche Filmrollen, Produktplatzierungen, gewonnene Preise und 2,5 Millionen Abonnenten später hat sie ihr Studium abgebrochen—und führt endlich den Lifestyle, den sie als dauerstrahlende Lifestyle-Vloggerin längst führen sollte. Je länger ich darüber nachdenke, desto erbärmlicher kommt mir dabei nicht nur mein Kontostand, sondern meine eigene Existenz vor. Ich habe studiert und morgens keine Zeit für Gesichtsmasken, weil ich mich auf den Weg zu einem Job machen muss, bei dem ich weniger verdiene, als ich gerne kiffen würde. Außerdem sind meine Haare nicht so lang, blond und glänzend wie die von Bibi. Deswegen habe ich mir eine Perücke besorgt und dankend die Herausforderung angenommen, für einen Tag in die Haut von Bibi zu schlüpfen.

Wie der Großteil ihrer postpubertären Abonnenten bereits weiß, gibt Bianca auf ihrem Kanal „Bibi's Beauty Palace" vor allem Instruktionen zu den wirklich komplizierten Dingen im Leben: Wie man sich die Haare flechtet, selber Pfannkuchen macht und den süßesten Boy der Klasse beim Knutschen beeindruckt. Ihren Bildungsauftrag nimmt sie dabei sehr ernst! Da ich mein Experiment so originalgetreu wie möglich gestalten möchte, versuche ich, mich hier an einer peinlich genauen Auflistung aller Aktivitäten, die für normale Menschen gar nicht erst erwähnenswert wären, für mein neues Bibi-Ich aber schon. Morgens zum Beispiel: Da wache ich, Bibi, erst mal auf. Weil ein Zahnpasta-Lächeln zur Berufsausrüstung einer modernen Werbe-Fee gehört, putze ich mir als Erstes die Zähne und halte mich auch sonst ziemlich genau an die Morning Routine.

Gesichtsmasken gehören ebenfalls zu der umfangreichen, peniblen Körperpflege einer jeden Beauty-YouTuberin. Wer online in HD zu begutachten ist und nicht möchte, dass andere wissen, dass er oder sie auch nur ein Mensch ist, der Poren hat, muss sich eben an einen straffen Behandlungsplan halten. Außerdem lässt sich so nach dem Duschen viel besser Schminke auftragen.

Die Produkte meines typischen Bibi-Looks habe ich euch in der Infobox meiner „Daily Make Up Routine" verlinkt. So könnt ihr per Klick alles ganz easy nachkaufen und meine Kasse dafür klingeln lassen, dass ich euch mit absolut durchschnittlichen Schmink-Skills vorgeführt habe, worauf ihr wahrscheinlich eh selbst gekommen wärt.

Mittlerweile ist es schon halb zwölf und ich hatte noch immer kein Frühstück. Das liegt zum einen daran, dass ich jeden meiner bisherigen Schritte so peinlich genau dokumentieren musste, als wärt ihr dumm, und zum anderen daran, dass ich jeden dieser Schritte mehrfach wiederholen musste, weil er beim ersten Mal noch nicht im Kasten war. Viele da draußen denken sich jetzt bestimmt: Halt die Fresse und heul nicht so rum, Bianca. Aber mein Frühstück war ein Obstteller. Ein verdammter Obstteller—um halb zwölf. Und bevor ihr fragt: In meinem Glas Wasser sind gefrorene Beeren. Das sieht total gut aus, ist erfrischend und überhaupt nicht inszeniert!

Während ich frühstücke, bin ich gerne am Laptop und checke im Netz popkulturelle Phänomene, die meine Zielgruppe interessieren—zum Beispiel Taschen von Michael Kors. Nach der Stärkung geht es dann endlich ab in die Stadt.

Als Meinungsführerin, deren zweites zu Hause das Cover der BRAVO ist, muss ich immer Up-to-Date sein, was die neusten Fashion- und Beauty-Trends angeht—deswegen mache ich mich gezielt auf den Weg zu einem Fast-Fashion-Giganten, bei dem es nach Plastik und Kinderarbeit riecht. Fair produzierte Designermode könnte ich mir mittlerweile zwar leisten, aber dafür sind mein Geschmack und ich zu bodenständig. Etwas, wofür meine Fans mich lieben: Ich bin Eine von ihnen geblieben.

Malls und Textilketten waren schon immer ein Mekka für Pubertierende und prinzipiell ein Ort, an dem ich mich mit meiner Zielgruppe verbunden fühlen konnte, weil wir unser Geld für die gleichen Dinge ausgeben. Heute scheint aber irgendetwas nicht zu stimmen. Vielleicht liegt es an meinem Bad Hair Day, aber sowohl Kinder als auch Jugendliche lachen mich völlig hemmungslos in Gruppen aus, als ich sie frage, ob sie ein Autogramm von mir haben wollen. Meine Stimmung ist schlecht und ich bin irritiert und peinlich berührt—also beschließe ich, an einen Ort zu gehen, der sich für eine Beauty-Vloggerin so wohlig warm und geborgen anfühlt wie das eigene Badezimmer: zur Drogerie meines Vertrauens.

Kaum betrete ich das Geschäft, fällt alle Anspannung von mir ab. Endlich sehe ich ein bekanntes Gesicht: mein eigenes. Über ein Jahr lang habe ich mit einem Team an meinem Duschschaum „Bilou" und dem dazugehörigen, lebensgroßen Pappaufsteller gearbeitet—jetzt verkaufe ich das Zeug für rund vier Euro die Flasche und bezeichne es nicht umsonst als „die größte Sache in meiner YouTube-Karriere". Den gemeinen Hashtag #bibilovesyourmoney ignoriere ich einfach. Viele von euch denken jetzt sicherlich, dass durch meine Einnahmen auch meine Ausgaben tendenziell gestiegen sind. Dem ist aber nicht so und wenn, dann würde ich es bestimmt für mich behalten! Genau wie damals—bei meinem ersten Beauty-Haul—schlägt mein Herz auch heute noch für die günstige Eigenmarke meiner Lieblingsdrogerie. Für Duschschaum gebe ich wahrscheinlich weniger Geld aus, als meine Fans es mittlerweile tun.

Inspiriert von der Herbst-Winter-Saison und all ihren tollen, bestimmt noch nie dagewesenen Düften und Farben, komme ich richtig in Shopping-Laune. Ob Wasch-Peeling, Body Spray, Haarlack, Make-up oder Bleaching-Streifen: wie hypnotisiert gehe ich durch die Gänge, lasse mich von Werbeslogans in den Bann ziehen, rieche an neuen Produkten, packe Sachen ein und kann mich vor Euphorie darüber kaum beherrschen. Eins ist sicher: Wenn es in meinem Leben einen Kryptoniten gibt, dann ist es dieser Ort. Nach einer dreiviertel Stunde begebe ich mich auf den Weg zur Kasse. Als ich dem Kassierer sage, wer ich bin, schmunzelt er und will komischerweise trotzdem Geld von mir haben. Heute ist einfach nicht mein Tag.

Weil das aber keine Rolle spielt, wenn man ein Star ist, reiße ich mich zusammen, setze ein Lächeln auf und mache ein Selfie—immerhin haben meine Fans heute noch nichts von mir gehört. Bis ich den richtigen Winkel und das richtige Licht gefunden habe, sind schon wieder ein paar Stunden vergangen.

Es wird Zeit für meine nächste Station der Inspiration: ein britisches Bistro. Auf meinem YouTube-Kanal bediene ich nämlich nicht nur das Genre Beauty, sondern mache auch Comedy. Food-Videos wie die „Asia Candy Challenge" sind auf meinem Kanal zum Beispiel sehr sehr beliebt. Ich denke, es liegt daran, dass ich in jedem der Clips mindestens ein Mal mein halb zerkautes Essen ausspucke und mich darüber lustig mache, dass doch kein Mensch weiß, was da überhaupt draufsteht. Ich kann schließlich genauso wenig Asiatisch (sic) wie mein Freund Julian. Zum Glück ist es nicht so schwierig, 12-Jährige zum Lachen zu bringen—da reicht schon das altbewährte „Jackass"-Prinzip.

Nach dem Essen zu Hause angekommen ziehe ich mich in mein Video-Zimmer zurück, lasse die Eindrücke des Tages Revue passieren und beginne zu brainstormen. Als weiblicher Mario Barth der digitalen Generation funktionieren auch Videos über Geschlechter-Klischees immer sehr gut—allerdings brauche ich dazu jemanden, der bereit ist, sich mit mir zu verkleiden und die Sketche gemeinsam darzustellen. Ich lade mir also die Dating-App „Lovoo" runter. Als Mädchen von nebenan gehe ich davon aus, schnell einen Boy mit Schwiegersohn-Potenzial zu finden, der mich bei meinen Videos schauspielerisch unterstützt—leider zeigt mir die App nur anabolika-abhängige Muskelprotze an, die aussehen, als wären sie schon Mal im Knast gewesen. Das passt nicht zu meinem Image.

Ein Typ schreibt mich an—ich sähe „interessant" aus. Dabei wissen wir alle, dass „interessant" die insgeheime Beschreibung für „irgendwas stimmt mit dem Essen nicht" ist. Das einzige, das hier nicht stimmt, ist das Gesicht des Typen: Es ist nämlich gar nicht YouTube-tauglich. Ich finde mich mit meinem Single-Dasein ab und beschließe, stattdessen am nächsten Tag ein neues Schmink-Tutorial zu drehen. Zum Glück habe ich in der Drogerie eine riesige Ausbeute an Sachen gemacht, die auf meinem Kanal vorgestellt werden wollen.

Wie es sich für eine professionelle Beauty-Vloggerin gehört, teste ich die Produkte an meinem Unterarm und mache mir einen Eindruck davon, welche am besten zueinander passen. Leider sind einige davon wasserdicht, sodass ich sie vor dem Zubettgehen nicht mehr ordentlich abgewaschen bekomme. Sind das die kleinen Probleme, die das Leben als YouTube-Star hart machen? Ich tippe eher darauf, dass Dinge wie Teenager-Massenpaniken, in der Öffentlichkeit breitgetretene Beziehungen oder Fans, die einem spontan vor der Haustür auflauern, einem das Leben zur Hölle machen. Ich glaube, mein Leben ist dagegen eigentlich ganz OK.

Suzie beschäftigt sich lieber mit Weed anstatt mit Schminke. Abonniere sie auf YouTube.