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​Ich habe nur noch über Dating-Apps Sex

Vielleicht bin ich ein oberflächliches Arschloch, aber ich kann mir nicht mehr vorstellen, Frauen im echten Leben kennenzulernen.

Nicht der Autor. Foto: Emily Flores | Flickr | CC BY-ND 2.0

Wahrscheinlich haben die meisten von euch schon mal ein Date übers Internet gehabt. Einige suchen dabei wirklich die große Liebe, andere nur den schnellen Sex. Einige haben es nach ein paar Malen wieder aufgegeben, andere sind drangeblieben. So wie ich. Ich habe seit Jahren ausschließlich Dates übers Internet. Während andere Typen versuchen, mit schlechten Sprüchen und Dutzenden Drinks die Frauen an der Bar rumzukriegen, suche ich mir meine Sexpartnerinnen ganz entspannt im Internet aus.

Angefangen hat alles mit der mittlerweile zur Geisterstadt des Internet verkommenen Online-Plattform Studi-VZ. Ich durchstöberte die lokalen Gruppen und entdeckte einige Frauen, die ich zwar vom Sehen her kannte, aber noch nie angesprochen hatte. Weil ich es mich auch gar nicht getraut hätte. Doch hier, in der vermeintlichen Anonymität des Internets, überlegte ich mir für meinen Standard-Anmachspruch einen Text und schickte ihn an alle Frauen, die ich interessant fand. Die Hemmschwelle, eine Frau online „anzusprechen", ist—verglichen mit dem echten Leben—gleich Null. Schließlich musste ich den Objekten meiner Begierde weder in die Augen schauen, noch ihre Reaktion unmittelbar miterleben.

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Und ich hatte Erfolg. Nach kurzer Zeit war mein Postfach gefüllt mit Nachrichten von hübschen Mädels. Die ersten Dates folgten, ich hatte plötzlich ziemlich viel Sex—und ich wurde süchtig. Diese Online-Dating-Sache war einfach ZU einfach, um sie nicht auszureizen, und bestimmt, wenn ich ehrlich bin, mittlerweile mein halbes Leben. Wenn ich morgens aufwache, checke ich als Erstes mein Handy, um zu sehen, ob sich vielleicht ein neues Mädchen gemeldet hat. Ich besitze jede Dating-App, die es gibt. Kein Single-Portal, auf dem ich nicht vertreten bin. Wenn ihr eine attraktive Frau seid und schon mal auf irgendeiner dieser Plattformen unterwegs wart—wahrscheinlich habt ihr schon meine virtuelle Bekanntschaft gemacht.

Bei meinem ersten Online-Date war ich noch ziemlich aufgeregt. Ich hatte jederzeit damit gerechnet, dass gleich drei starke Männer um die Ecke kommen und mich ausrauben. So was soll ja vorkommen. Ich wollte auch nicht von einem Bekannten erwischt werden, weil ich mich damals noch schämte, Mädels aus dem Internet zu treffen. Heutzutage gehe ich viel lockerer damit um. Es ist so cool, dass man nie weiß, auf was für eine Person man trifft. Rein theroretisch könnte es ja auch die Liebe meines Lebens sein. Wer weiß das schon?

Foto: Guian Bolisay | Flickr | CC BY-SA 2.0

Tinder finde ich eigentlich am besten. Hier habe ich die höchste Erfolgsquote, weil die wenigsten Frauen dafür angemeldet sind, lange rumzuquatschen. So einfach und unkompliziert die App zu bedienen ist, so einfach und unkompliziert trifft man sich auch. Meistens switche ich mich auf der Weg zur Arbeit durch die verschiedenen Profile. Mit dem Daumen im Anschlag und Musik auf den Ohren. Wenn die Matches reinkommen, kopiere ich einfach nur meinen Standard-Text ins Nachrichtenfenster und warte. So sollten alle Dating-Seiten funktionieren.

Sowas wie Adoptaguy hingegen ist da schon etwas nerviger, weil man ewig irgendwelche Profile ausfüllen muss. Dafür haben die Mädels ein bisschen mehr Klasse. Für mich ist das, als würde ich mir einmal die Woche ein Mehrgänge-Menü kochen. Ist zwar aufwendig, irgendwann kann man aber einfach keine Pasta mehr sehen. Die eine Seite, die man aber komplett vergessen kann, ist Im Gegenteil. Absoluter Horror. Diese ganzen geschniegelten Irgendwas-mit-Medien-Menschen nehmen sich viel zu ernst und sind auf der Suche nach einer richtigen, erwachsenen Beziehung. Wenn ihr mit Mitte 20 schon den perfekten Partner für ironische Flohmarktbesuche finden wollt—bitte. Ich finde es aber einfach nur peinlich, wie die sich da inszenieren. Als wären sie alle perfekte Menschen, mit ihren durchgestylten Buden und den fancy Jobs.

Viele Leute haben immer noch eine Aversion gegen Online-Dating. Das kann ich absolut nicht nachvollziehen. Im Grunde haben sich doch sämtliche Aspekte des Lebens digitalisiert. Ich bestelle meine Klamotten beim Internet-Versandhändler, auf Jobs wird sich per E-Mail beworben und meine Wohnung teile ich mit einem Menschen, den ich auf der Mitbewohner-Börse Nummer Eins kennengelernt habe. Auch wenn ich beim Abendessen mit Freunden über ein Thema diskutiere, werden offene Fragen nicht mehr mühevoll im schweren Brockhaus nachgeschlagen, sondern in Sekundenschnelle vom Smartphone beantwortet. Man kann also sagen, dass für nahezu jeden Aspekt des Lebens eine digitale Übersetzung vorhanden ist. Warum also nicht auch für die Partnersuche?

Ich will euch nicht anlügen: Natürlich lässt mich dieser Umgang mit Zwischenmenschlichkeit und meine Emotionslosigkeit, die man beinahe schon als Wegwerf-Intimität bezeichnen könnte, abstumpfen. Andererseits habe ich mich durch das zweifelhafte Online-Selektionsverfahren, bei dem man sich schnell mal durch geschönte Profilangaben und vorteilhafte Instagram-Selfies täuschen lässt, auch schon mit Frauen getroffen, die mir in einer Bar nicht einmal aufgefallen wären. Das kann zwar Enttäuschungen mit sich bringen, birgt aber auch schöne Überraschungen, weil man Menschen begegnet, denen man sonst vielleicht keine Chance gegeben hätte. Haltet mich also nicht für ein oberflächliches Arschloch, manchmal ist Reden auch ganz schön. Ehrlich!

Foto: Jaime González | Flickr | CC BY 2.0

Trotzdem frage ich mich manchmal, ob ich es nicht ein bisschen übertreibe. Mit diesem „Lieferservice" für meinen Penis. Ich verschicke am Tag locker 50 Nachrichten an Frauen, weil sich so die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass eine dabei ist, die sich mit mir treffen will. Das hat nicht viel mit dem zu tun, was einem in den warm ausgeleuchteten Werbespots von Elitepartner oder Parship suggeriert wird. Ich suche nicht nach der großen Liebe, ich will einfach nur Sex haben.

Viele meiner Freunde sind zum Beispiel süchtig nach Candy Crush. Die zocken wirklich ununterbrochen. An der Haltestelle, in der U-Bahn, in der Vorlesung. Einfach immer. Ich bin süchtig nach meinen Dating-Apps. Im Prinzip habe ich 24/7 mein Handy in der Hand und klicke mich durch Profile oder überlege mir, wie ich mein eigenes Profil noch ansprechender gestalten kann, um meine Chancen auf ein Date zu verbessern. Und meine Chancen stehen ziemlich gut, seitdem ich Frauen nur noch virtuell aufreiße.

Als ich kürzlich die Wohnung eines Mädchens verlassen habe, nachdem wir eine gute Zeit zusammen hatten, checkte ich wie immer mein Handy und pling, schon hatte ich die nächste Einladung im Kasten. Ich bin also direkt im Anschluss zum nächsten Date gefahren. Auf dem Weg habe ich mich wie ein kleiner Junge gefreut, der Weihnachten und Geburtstag auf einmal feiern darf. Allerdings muss ich gestehen, dass ich ziemlich verkackt habe. Muss ich es wirklich ausschreiben? Ich habe keinen hochgekriegt. Und das bei all meiner One-Night-Stand-Erfahrung der vergangenen Jahre. Ich habe mich ernsthaft geschämt. Seitdem versuche ich, meine Dates nie auf denselben Tag zu legen.

Deshalb hat mich ein Freund letztens auch gefragt, ob dieser Zwang nicht auch eine Qual für mich sei. In meinem Freundeskreis hat nur eine Person seinen Partner übers Internet gefunden, alle anderen sind da eher klassisch unterwegs. Deshalb können viele auch nicht nachvollziehen, was ich da die ganze Zeit treibe, tolerieren es aber. Meine Kumpels glauben mir auch oft nicht, dass es so einfach ist, sich über Apps zum Sex zu verabreden, und probieren es dann selber aus. Meistens jedoch geben sie es schon nach kurzer Zeit wieder auf, weil die sich zu doof dabei vorkommen oder es eben nicht mit der nötigen Hingabe betreiben. Anfänger.

Foto: Jhaymesisviphotography | Flickr | CC BY-SA 2.0

Den Frauen gegenüber erwähne ich meine Neigung nicht mehr, nachdem mich mal eine Freundin ziemlich zur Sau gemacht hat. Sie findet mein Verhalten frauenverachtend—als hätte ich all diese Mädels dazu gezwungen, mit mir zu schlafen! Ich glaube, die Hauptschuld, dass ich mich so sehr meinem Trieb hingebe, trägt tatsächlich das Internet und der Fakt, dass ich gerne viel Sex habe. Auf fünfzig Nachrichten bekomme ich vielleicht zehn Antworten und mit dreien davon lande ich im Bett. Und da ich ständig auf allen Portalen aktiv bin, verteilen sich diese drei Sex-Dates immer auf 5 bis 7 Tage. Ungefähr. Eigentlich ist es fast schon so, als hätte ich einen zweiten Job.

Ich würde sagen, der Siegeszug des Smartphones ist auch der Siegeszug meines Sexlebens. Ich habe keine Ahnung, ob ich jemals wieder eine normale Beziehung eingehen kann oder irgendwann keine Lust mehr darauf habe, alle paar Tage mit einer anderen Frau zu schlafen. Ich habe auch keine Ahnung, ob ich mich überhaupt trauen würde, eine Frau im echten Leben anzusprechen. Auf die Gefahr hin, dass das jetzt ziemlich nach Klischee-Internetjunkie klingt: Im echten Leben bin ich eigentlich ziemlich schüchtern. Es muss Jahre zurückliegen, dass ich das letzte Mal in einem Club auf eine Frau zugegangen bin, die mir gefallen hat. Ganz ohne vorher zurechtgelegte Sprüche und sorgsam ausgewähltes Profilbild. Ich glaube, es ist nicht gut ausgegangen.