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Ich war bis 31 Jungfrau und ungeküsst

"Kein Sex war nicht das Problem. Viel schlimmer war es, nach Hause in die leere Wohnung zu kommen. Und zu denken, dass es sich niemals ändert."

Titelbild: Das ist Wolfram | Foto: privat

Um eines vorweg zu nehmen: Wolfram Huke ist keine Jungfrau mehr. Er ist inzwischen 35 und hat eine Freundin. Er ist auch kein Freak und kein introvertierter Bauer auf der Suche nach einer Frau. Er ist ein offener, grundsympathischer Kerl, der gerne quatscht. Trotzdem blieb er lange Zeit alleine, ungeküsst und Jungfrau.

In Deutschland haben Männer im Schnitt mit 16 Jahren ihr erstes Mal, Frauen mit 15. Alles, was krass davon abweicht, erzeugt in unserer Gesellschaft erhobene Augenbrauen. Erwachsene Jungfrauen versuchen deshalb oft zu vertuschen, dass sie noch nie Sex hatten und trauen sich irgendwann nicht mehr, auf mögliche Sexpartner zuzugehen.

Vor drei Jahren erschien Wolframs Tagebuch-Dokumentation Love Alien, in der er sich ein Jahr lang auf der Suche nach einer Beziehung filmte.


Eigentlich wollte er in dem Jahr eine Freundin finden, aber das funktionierte nicht. Sein Buch Love Alien. Warum ich erst mit 31 Sex hatte... und warum das mit der Liebe verdammt kompliziert ist erzählt seine Geschichte jetzt mit Happy End.

VICE: Wie hast du dir dein erstes Mal vorgestellt, als du mit 31 noch Jungfrau und ungeküsst warst?
Ehrlich gesagt, mit 31 glaubte ich nicht mehr daran, dass es noch ein erstes Mal geben würde. Mit 16 oder 18 hatte ich noch große Erwartungen, und viel Druck, Sex zu haben. Später habe ich kaum noch auf Sex mit einer Frau gehofft. Aber nur weil man keine Sexpartnerin hat, ist man ja nicht kastriert. Ich lebte meine Sexualität alleine aus—mit Pornos und Masturbation. Viel schlimmer war es, nach Hause in die leere Wohnung zu kommen. Und zu denken, dass es sich niemals ändert.

Warum hat es bei dir so lange gedauert, bis du eine Freundin hattest?

Heute würde ich sagen, dass ich einfach mehr Pech hatte als andere. Ich habe mich mit 13 oder 14 zum ersten Mal verknallt. Mit 15 war ich dann das erste Mal sehr lange in ein Mädchen verliebt, aber sie wollte nichts von mir. Das hat mich damals stark verunsichert. Und sobald die Zweifel da waren, war ich nicht mehr so unbeschwert und locker wie andere Jungs. Der Teufelskreis hat begonnen.

Ab wann wurde deine Jungfräulichkeit zum Problem?
So eine richtig schwere Phase hatte ich zwischen 21 und 25. Ich war sehr niedergeschlagen, aber meine Freunde haben das damals nicht mitbekommen. Ich habe meine Jungfräulichkeit sehr lange für mich behalten, und mich stattdessen in Aktivitäten gestürzt. Ich war immer ein sehr aktiver Typ, habe tausend Sachen gemacht. Meine Freunde haben zwar mitbekommen, dass aus meinen Verliebtheiten nie etwas wurde. Aber das passiert ja jedem mal. Niemand hat gedacht, dass ich Schwierigkeiten mit Mädchen habe. Aber für mich war das Thema jahrelang mein großes Problem im Leben.

Was war für dich besonders schlimm?
Als ich anfing zu studieren, war alles noch recht unkompliziert. Aber spätestens mit Mitte zwanzig hatten viele meiner Freunde Beziehungen. Irgendwann habe ich sie nur noch alle paar Wochen gesehen, weil sie eher etwas mit ihren Partnerinnen gemacht haben. Als ich in den Semesterferien oder übers Wochenende nach Hause fuhr, hatte ich nichts zu tun. Ich habe viel am Computer rumgehangen, gezockt oder Filme geguckt. Ich fühlte mich oft allein und schlug die Zeit tot. Besonders schlimm waren diese kleinen Momente im Alltag. Wenn ein Pärchen auf einer Party völlig enthemmt rumknutschte und ich daneben stand und dachte: Super, das habe ich noch nie gemacht, und ich bin 28.

Was hast du versucht, um deine Situation zu ändern?
Ich war aus Verzweiflung tatsächlich mal bei einer Prostituierten. Da ist dann aber nichts passiert. Ich konnte und wollte einfach nicht. Ich habe mein Leben lang versucht, mein Äußeres zu verändern. Außerdem war ich bei einer Psychotherapie, beim Speed-Dating und auf vielen Onlinedating-Seiten. Ich habe auch ein paar Frauen aus dem Netz getroffen, aber es ist nie etwas daraus geworden. Die Kontaktaufnahme war zwar einfach, aber am Ende saß man sich verkrampft gegenüber.

Was hat letztendlich geholfen?
Ich bin irgendwann entspannter geworden. Mit Ende zwanzig dachte ich mir: Leck mich am Arsch, es ist halt so, wie es ist. Ich habe einfach akzeptiert, dass es mit Beziehung und Sex nichts mehr wird. Zu dem Zeitpunkt habe ich auch angefangen, mit Leuten über mein Problem zu reden. Und dann habe ich sogar eine Tagebuch-Doku gedreht, bei der ich mich von meinem 29. bis zu meinem 30. Geburtstag bei der Suche nach einer Freundin gefilmt habe. Durch den Film habe ich mit vielen Fremden über das Thema reden müssen. Irgendwann habe ich festgestellt: Das Problem ist nicht gelöst, aber ich liege auch nicht mehr die ganze Nacht wach und zerbreche mir den Kopf.

Was hast du in dieser Zeit gelernt?
Ich habe mit dem Tanzen angefangen–Swing und Lindy Hop. Vorher war ich, was das Berühren von Frauen anging, nie über Händeschütteln hinausgekommen. Und plötzlich fasste ich eine Frau beim Tanzen drei Minuten lang an. Da habe ich gelernt, Nähe zuzulassen und die Berührungen als etwas ganz Natürliches zu empfinden, nicht als etwas sexuell Aufgeladenes. Früher hat es mich wahnsinnig gemacht, wenn eine Frau mich angefasst hat, weil ich immer versucht habe, alles zu deuten. Darf ich sie jetzt auch anfassen? Bedeutet ihr Blick etwas? Darf ich ihr näher rücken oder nicht? Ich habe immer verzweifelt versucht, diese Zeichen zu lesen.

Wolfram und seine Freundin | Foto: privat

Wie war denn dein erstes Mal?
Das erste Mal war schön, aber nicht der große Knall. Es war die Bekannte einer Freundin, die meine Geschichte kannte und dann die Initiative ergriff. Danach dachte ich nur: Achja, so ist das also. Aber ich bin jetzt nicht schreiend durch die Straßen gelaufen. Aber nach dem ersten Mal wurde alles irgendwie einfacher. In den nächsten zwei Jahren hatte ich noch zwei kürzere Beziehungen, dann bin ich mit meiner jetzigen Freundin zusammengekommen.

Es gibt viele Menschen, die sich in deiner Geschichte wiederfinden. Hast du irgendwelche Ratschläge für sie?
Fangt an zu reden! Die große Angst ist ja, von anderen Leuten als ein ganz armes Würstchen angesehen zu werden. Man kann in unserer Gesellschaft ja über alles sprechen, aber mit 30 noch keinen Sex gehabt zu haben? Das ist eine Schande. So denken viele. Aber am Ende habe ich seit meinem "Outing" nur positive Resonanz bekommen.

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