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Kaffeekränzchen mit Auspeitschen – zu Besuch im Neuköllner Fetisch Hof

Vom skandinavischen BDSM-Touristen bis hin zum ‚Fifty Shades of Grey'-Fan: In diesem Berliner Hinterhof kommen sie alle zusammen.

Der Neuköllner Fetisch Hof liegt etwas versteckt im zweiten Hinterhof eines Berliner Altbauhauses. Wäre nicht ein riesiges Transparent mit der Aufschrift „Peitschenhandel" zwischen den Häusern gespannt, könnte man denken, hier wollte jemand seinen Traum vom Haus verwirklichen, doch dann ist das Geld ausgegangen: Unverputzte graue Wände, schwere Stahltüren und verwitterte Gartenparty-Vorzelte. Ich frage mich, ob das mit Fifty Shades of Grey gemeint war.

Marco Simmat, der Geschäftsführer, begrüßt mich. Früher war der Hof mal eine Autowerkstatt. Jetzt sei es der einzige Ort seiner Art, an dem man alles rund ums Thema Fetisch bekäme: „Wir haben hier selbstgemachte Peitschen, Paddles und sonstiges Spielzeug, das man auch gleich nebenan in der BDSM-Lounge oder in einem der BDSM-Apartments ausprobieren kann. Das gibt's sonst nicht." In den letzten Jahren kämen vor allem skandinavische Touristen. „Die steigen in den Flieger nach Berlin und kommen extra zu uns. Die kaufen hier ihre Spielzeuge und mieten sich übers Wochenende in die Apartments ein", sagt der ehemalige Beamte, der eher zufällig zum Fetisch Hof kam. Privat habe Simmat auch nichts mit der BDSM-Szene zu tun, fügt er hinzu. „Das ist wichtig, wenn man so ein Geschäft führt. Man braucht Distanz", meint er.

Alle Fotos von Hanna Halfon

Gerade ist nicht viel los auf dem Hof. Nur ab und zu verlaufen sich ein paar Neugierige in den Laden und schauen sich zwischen Handfesseln, Nippelzwingen und Gag-Balls nach etwas Passendem fürs heimische Schlafzimmer um. Auch die BDSM-Lounge, in der es ein Spielzimmer und eine Bar gibt, ist leer. Nur Hans steht hinter dem rot erleuchteten, gefliesten Bartresen. Der 55-jährige EDV-Sachverständige ist hier der Barmann. Hans trägt ein schwarzes Kunstlederhemd über einem schwarzen T-Shirt und dazu einen langen schwarzen Wickelrock. Er soll mich herumführen. Um den Hals und an seiner rechten Hand trägt er den Ring des O. Ein Zeichen dafür, dass er auf BDSM steht und der passive Part im Spiel ist, der Sklave. Hans mag es, wenn die Domina, er nennt sie „Domse", ihm Schmerzen zufügt. Als aktiver Part gebe es von ihm höchstens mal einen Klaps auf den Po, aber das habe mit BDSM eigentlich nur wenig zu tun.

In der Lounge und auf dem Fetisch Hof finden regelmäßig BDSM-Veranstaltungen statt. Es gibt Spieleabende, BDSM-Treffen am Nachmittag und zum Wechsel der Jahreszeiten auch ganze Hoffeste, bei denen sich das Hinterhaus in eine große Fetisch-Party verwandelt. Dresscodes gibt es dann auch keine. Da könne jeder so kommen, wie er will. Der Vermieter des Hauses habe damit keine Probleme, meint der Geschäftsführer, und die Nachbarn auch nicht. Seit die Autowerkstatt weg ist, sei es ja viel ruhiger geworden. Marco Simmat vermietet auf dem Hof neben den Fetisch-Apartments auch normale Ferienwohnungen. Vielleicht ja was für gestresste Dorfbewohner: Ferien auf dem Fetisch Hof.

Auf dem Fetisch Hof scheint alles recht entspannt abzulaufen. BDSM-Freunde, die nichts gegen Kaffeetische und Spitzendeckchen haben, lädt Hans am Sonntagnachmittag auch zu „Kaffee und Kuchen" ein. Das mag sich spießig anhören, aber ein Stück Kuchen und einen Kaffee später kämen anstatt der neuesten Urlaubsfotos eben Peitsche und Schlagstock raus.

Das Stichwort. Meine Tour beginnt. Hans zeigt mir den Spielbereich in der Lounge: Pranger, Käfige, ein Arztzimmer mit Gynäkologenstuhl und einer Toilettenbrille ohne Schüssel für spezielle Spiele mit Natursekt und Kaviar. Weitere Nachfragen erübrigen sich in dem Moment für mich. Für ihn persönlich seien solche Spielarten allerdings ein Tabu, sagt Hans. Er stehe auf Schmerzen, nicht auf Erniedrigung.

Mein Abend beim Fetisch-Speed-Dating.

Viele Paare, die in die BDSM-Lounge kommen, sind schon lange in der Szene aktiv und haben sich gemeinsam in ihrem Fetisch gesteigert. Gegenseitige Beschimpfungen, Anspucken, sich gegenseitig die Haut einzukerben oder mit heißen Eisen zu versengen, käme auch schon vor. Bei einigen passiert es auch schon mal, dass der Sklave vor Schmerzen in Ohnmacht fällt oder die Peitschenhiebe so heftig sind, dass die Haut aufplatzt und Blut spritzt. Doch wichtig sei es in dem Moment, Ruhe zu bewahren. Jeder, der hier seine Spiele ausübt, tue dies im gegenseitigen Einverständnis, betont Hans. Und für ihn sei die Ohnmachtserfahrung das Beste, was ihm jemals passiert sei, fügt er lächelnd hinzu.

Gefährlich werde es erst, wenn einer der Partner die Kontrolle verliere, wenn Drogen oder Alkohol im Spiel sind. Als Barmann achtet Hans sehr darauf, dass seine Kunden nicht mehr trinken, als sie vertragen. Die meisten würden sich zwar von alleine daran halten und ausschließlich Softgetränke bestellen, nur bei Skandinaviern oder Briten sei es nicht so einfach, erzählt er. „Wenn die ein Wochenende bei uns in einem der Fetisch-Apartments verbracht haben, dann müssen wir da erstmal eine Batterie an Flaschen rausholen", fügt der Geschäftsführer, Marco Simmat, hinzu. Ich stelle mir eine Horde halbnackter, betrunkener Feier-Briten vor, die Fifty Shades of Grey gesehen haben und sich jetzt mal so richtig ausleben wollen. Ich kann die Besorgnis von Hans und Simmat verstehen. Aber bisher sei wohl alles gut gegangen.

Ich frage Hans, wie er eigentlich zum BDSM gekommen ist. „Die Fantasien hatte ich schon immer. Seit meiner Jugend", antwortet er, „Bei mir hat es nur lange gedauert, bis ich das auch ausgelebt habe." Ursprünglich kommt Hans aus Schöningen, einer Kleinstadt in Niedersachsen. Vor vier Jahren kam er nach Berlin und begann zum ersten Mal—mit 51 Jahren—seinen Fetisch auszuleben. In seiner 20-jährigen Ehe war das nie möglich. Seine Frau hielt BDSM schon immer für pervers und er wusste das. Ihr zuliebe hat er nie was gesagt.

Doch irgendwann kam es raus. Hans beichtete seiner Frau alles: Seit 2012 besuchte er regelmäßig eine Domina in Berlin, die ihm endlich das erfüllte, wovon er schon sein Leben lang geträumt hatte. Bei ihr konnte er sich fallen lassen und verliebte sich in sie. Für sie kam er nach Berlin, nahm ab und gab das Rauchen auf. Doch das half nichts. Als er ihr seine Liebe gestand, wollte sie ihn nicht. Und seine Ehefrau hoffe immer noch, dass er bald „gesund" werde und zurück nach Schöningen komme, sagt er in einem bitteren Tonfall. „Sie glaubt, was ich habe, ist eine Krankheit, die man heilen kann. Doch das wird nicht passieren und das habe ich ihr auch gesagt".

Wir gehen weiter über den Fetisch Hof in den angeschlossenen Peitschenhandel. Neben einer riesigen Auswahl an Gummi-, Leder- und Rosshaarpeitschen, die sich hauptsächlich in ihrem Schmerzfaktor unterscheiden, findet man hier auch spezielles Zubehör für Maskenspiele, Petplays oder Branding. Hans empfiehlt mir Tense-Geräte, die Stromstöße durch den Körper schießen, Nervenräder auf der Haut und an verschiedenen Körperstellen oder Tunnelspiele mit Ingwerzäpchen oder stark brennender Rheuma-Salbe, deren Wirkung man über sechs Stunden spüren würde. Ich lehne dankend ab.

Hans erzählt intimste Dinge auch ohne gezielte Nachfrage. Dinge, die man nicht eben jemandem erzählt, den man gerade erst kennengelernt hat. „Das hat vielleicht was mit dem Alter zu tun", meint er, als ich ihn nach seiner Offenheit gegenüber seinem Fetisch und seinem Liebesleben frage. In seinem Alter gehe man lockerer mit sich und den Vorstellungen anderer um. „Ich bereue es, dass ich nicht früher zu meinem Fetisch gestanden habe", erzählt Hans. „Ich habe 20 Jahre meines Lebens verschwendet und das meiner Frau, weil ich Angst davor hatte, was andere von mir denken." Mittlerweile sei ihm das aber egal—auch mir gegenüber, oder wenn er in Lack- und Lederklamotten durch Neukölln zur Arbeit geht. „Am liebsten würde ich die ganze Zeit so rumlaufen. Natürlich krieg ich mal einen komischen Blick. Aber es gibt auch viele Frauen, die das gut finden."

Wenn ein syrischer Flüchtling in einen Berliner Fetisch-Club geht ...

Irgendeine Frau reiche Hans aber nicht. Er könne sich beim Spiel dann nicht fallen lassen, sagt der 55-Jährige. Deswegen sucht er die Gespielin fürs Leben. „Entweder lebe ich das mit meiner Partnerin aus oder gar nicht. Du würdest ja auch nicht mit jemandem Sex haben, den du nicht liebst", sagt er, während ein junges Pärchen in den Laden kommt. „Die machen es richtig", sagt Hans, „keine Geheimnisse." Das Durchschnittsalter bei Veranstaltungen auf dem Fetisch Hof liegt bei 40 Jahren. Seit Fifty Shades of Grey kämen aber mehr junge Leute, erklärt er. Das sei aber auch das einzige, was Hans der BDSM-Schmonzette abgewinnen könne. Viele, die deswegen auf den Fetisch Hof zu Veranstaltungen kommen, seien so schockiert, dass sie den Hof sofort wieder verlassen würden. „Viele denken wohl, dass sie hier hinter irgendeiner Maske einen gut aussehenden Milliardär finden. Aber das ist nicht so. Es kommt auch keiner zur nächsten Baumarktangestellten und nimmt die da vom Fleck weg mit. Das ist doch Blödsinn", sagt Hans und verabschiedet sich, um sich um die neuen Kunden zu kümmern.