Spätestens jetzt, wo die seltene Käfersorte Osmoderma eremita es geschafft hat, einen vorläufigen Baustopp für Stuttgart 21 zu erzwingen, muss sich der ohnehin schon lange gehegte Verdacht erhärten: Insekten sind die heimlichen Herrscher der Welt. Das „plötzliche Auftauchen“ einer sehr schützenswerten Käferart erinnert jetzt aber schon fast an das sorgfältige Platzieren von belastendem Material durch einen Geheimdienst. Diese subtile und doch wirksame Kampagne lässt wutschnaubende Bürger mit blutigen Augen jedenfalls ziemlich grobschlächtig und ungelenk wirken. Dr. Klaus Honomichl ist aber kein Verschwörungstheoretiker, sondern mit einer der führenden Morphologen unseres Landes! Er hat ein Buch mit dem Titel Insekten. Die heimlichen Herrscher der Welt veröffentlicht und ist definitiv qualifiziert, von uns mit insektoid-paranoiden Fragen beglückt zu werden.
VICE: Ist es nicht merkwürdig, dass gerade jetzt eine seltene Käferart in Stuttgart auftaucht?
Dr. Klaus Honomichl: Seltene oder bedrohte Arten findet man überall. Als wir vor zehn Jahren ein Haus gebaut haben, habe ich meine Frau gefragt, ob ich auf dem Baugelände nach bedrohten Arten suchen soll. Sie meinte nur: „Oh Gott, mach das bloß nicht!“ Wenn man nachschaut, findet man auch was.
Warum haben Sie Ihr Buch Insekten. Die heimlichen Herrscher der Welt genannt?
Ich bin ja mit dem Titel eigentlich gar nicht so glücklich, aber der Verlag meinte, er würde mehr Aufmerksamkeit bringen. In Wirklichkeit ist ein Herrscher ja niemand, der seine Macht im Verborgenen ausübt. Diese Sichtweise rührt sicherlich daher, dass es so unglaublich viele davon gibt und sie quasi überall auf der Welt zu finden sind. Die Insekten tangieren uns in der Hauptsache ja als Schädlinge und als Überträger von Krankheiten, also die negativen Sachen. Je höher ausgebildet unsere Agrarkultur wurde, ich meine damit beispielsweise die Monokulturen, desto drastischer wurde die Relevanz von Schädlingen.
Mit unseren Pestiziden und Monokulturen und so weiter, haben die Insekten eine Perspektive?
Wir haben ihnen wirklich schon ziemlich zugesetzt. Es gibt wohl hierzulande weniger Insekten als früher. Vor 30 Jahren, musste man auf der Autobahnstrecke Mainz/München zweimal anhalten, um seine Windschutzscheibe von den ganzen toten Insekten zu befreien, heute muss man das nicht mehr. Am Rhein mussten früher ganze Brücken gesperrt werden, weil sie zur Flugzeit der Eintagsfliegen bis zu 10 cm dick mit deren toten Körpern bedeckt waren. Wenn man sich die Bilder ansieht, die die Erde aus dem Weltall zeigen, wird einem klar, dass das Lichtermeer, das man da zu Gesicht bekommt, damit zu tun haben muss. Milliarden und Abermilliarden Insekten verglühen allein schon an unseren Lichtquellen.
Ist die Idee eher Unsinn, dass die Erde nach dem nuklearen Overkill von Menschen gereinigt und durch Insekten neu bevölkert wird?
Die Strahlungsresistenz von Kakerlaken ist wohl latent höher als bei Menschen, aber die Idee dieser Resistenz basiert wohl eher auf der beeindruckenden Überlebensfähigkeit dieser Tiere im Allgemeinen. In dem Institut, in dem ich an meiner Doktorarbeit gearbeitet habe, gab es auch Kakerlaken. Jeden Monat wurden sie ausgeräuchert und jeden Monat kamen sie zurück. Es wurde auch DDT gestreut, aber man hat dann in dem Gebäude auch Kakerlaken beobachtet, die seelenruhig mit einem Häuflein DDT auf dem Rücken umherwanderten, als wäre nichts.
Illustration von Milano Chow



