Wie Cannabis-Patienten trotz Rezept von der Polizei schikaniert werden

Ängstliche Ärzte, knausernde Kassen, unbezahlbares Gras, leere Apotheken. Das medizinische Cannabisgesetz: ein erstes düsteres Fazit.

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Aug. 25 2017, 10:48am

Symbolfoto: imago | Christian Mang

Glockenbachviertel in München, ein sonniger Frühlingstag im Mai. Der 31-jährige Christoph sitzt mit zwei Freundinnen auf einer Wiese an der Isar. "Irgendwann musste ich meine Medikamente nehmen", sagt Christoph. Seine Medikamente sind Joints. Er hat ADHS. Ein paar Minuten später stehen vier Zivilpolizisten um die Gruppe herum. "Einer nahm mir sofort den Joint weg und sie fingen an mich zu durchsuchen", erinnert sich Christoph.

Er erklärt den Polizisten, dass sie in seiner linken Hosentasche sein Rezept für Cannabis finden. "Nachdem sie es sich endlich ansahen, unterstellte mir ein Polizist Rezeptfälschung." Anschließend durchsuchen die Polizisten auch seine Begleiterinnen. Christoph fragt nach der Begründung für die Durchsuchung. "Einer der Polizisten sagte nur: 'Andere Junkies haben ja auch Messer und Spritzen.'" Dann lassen die Polizisten ihn laufen. Für Christoph ist der Fall aber nicht beendet. Er legt Beschwerde ein, "wegen unrechtmäßiger und unverhältnismäßiger polizeilicher Maßnahmen, Beschädigung meines Eigentums sowie Beleidigung meiner Person durch Beamte der Polizeiinspektion 21". Die Polizei hat ihm geantwortet, dass das bayerische LKA nun prüfe, ob die Polizisten widerrechtlich gehandelt haben, und ob Christoph Schadensersatz zusteht. Es ist der ganz normale Wahnsinn für deutsche Patienten, die seit März Cannabis per Gesetz als Medizin erhalten können.

So sieht ein Rezept für medizinisches Cannabis aus (Foto: privat)

Alleine bei der Barmer, der AOK und der Techniker Krankenkasse baten bis Ende Juli knapp 6.000 Patienten um Cannabis auf Rezept und eine Erstattung, schreibt der Stern. Christoph hat seit April ein Cannabis-Rezept. "Ich bin hyperaktiv und sehr geräuschempfindlich", sagt er. "Tagsüber brauche ich das THC, um mich fokussieren zu können. Ansonsten bin ich am Nachmittag wegen meiner Grundaktivität schon müde." Anders als das gängige ADHS-Mittel Ritalin – das Christoph seit seinem 13. Lebensjahr nahm – hat Cannabis bei ihm keine Nebenwirkungen. Das neue Cannabis-Gesetz würde ihm eigentlich helfen – wenn er denn an seine Medizin kommen würde.

"Seit ich mein Rezept habe, sind die Sorten, die mir meine Ärztin verschrieben hat, nicht lieferbar", erzählt Christoph. "Seit Juni gab es dann nichts mehr. Da musste ich dann drei Wochen warten." Ersatzmittel wie das Mundspray Sativex seien falsch dosiert gewesen. Christoph verdient sein Geld als Software-Entwickler. "Ich muss zur Arbeit gehen und kann nicht auf so einem Downer-Mittel sein, wo ich schon am Nachmittag wie ein Zombie herumlaufe."

"Die Lieferengpässe bei ärztlich verordnetem Cannabis bestehen bundesweit und können theoretisch in jeder der rund 20.000 Apotheken auftreten", schreibt die Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA) auf Nachfrage von VICE. Immerhin: "Voraussichtlich werden ab September wieder einige Handelssorten verfügbar sein." Deutsche Apotheken bestellen Cannabis bislang noch in den Niederlanden und Kanada, bis die Produktion im nächsten Jahr auch hierzulande anlaufen soll. "Seit vier, fünf Wochen erleben wir den ersten großen Lieferengpass, doch auch in Zukunft wird es wohl immer wieder Engpässe geben, weil die Nachfrage ständig steigt", erklärt der stellvertretende Geschäftsführer des Deutschen Hanfverbandes (DHV), Florian Rister. Zu den Engpässen kommen noch weitere Probleme.


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Seit dem 10. März sollten Kranke an Cannabis kommen können – eigentlich. "Es ist nach wie vor unklar für die Patienten, ob die Krankenkassen zahlen, weil das Gesetz so schwammig formuliert wurde", sagt Rister vom Hanfverband. Weil es keine exakte Definition von Krankheitsbildern gibt, können die Kassen selbst auslegen, ob sie zahlen oder nicht. Barmer, AOK und Techniker Krankenkasse bewilligten laut eigenen Angaben nur circa die Hälfte der knapp 6.000 Anträge.

Ein weiteres Problem: Seit der Gesetzesänderung haben sich die Preise der medizinischen Cannabisblüten verdoppelt. Zu dieser Preisexplosion kam es unter anderem, weil Cannabis als Rezepturarzneimittel und nicht als Fertigarzneimittel gekennzeichnet werden muss und die Apotheken 100 Prozent auf den Einkaufspreis aufschlagen können. "Die Preise liegen aktuell bei 24 Euro pro Gramm für Privatpersonen, die selber zahlen müssen. Für die Kassen ist solch eine Preisexplosion auch eine Belastung", so Rister. Die hohen Preise schrecke auch die Ärzte ab. "Während sich viele Ärzte noch nie mit Cannabis beschäftigt haben, haben andere von ihnen Angst, ihr Praxisbudget mit diesen hohen Kosten zu sprengen und in Regress genommen zu werden."

Weil dadurch viele Patienten keinen Arzt finden, befindet sich einer der führenden deutschen Fachmediziner für Cannabis seit einer Woche im Hungerstreik. Dr. Franjo Grotenhermen will damit auf die Kriminalisierung von Cannabis-Patienten aufmerksam machen. "Das Gesetz ist ein großer Schritt in die richtige Richtung, aber viele Patienten müssen sich weiterhin illegal mit ihrer Medizin versorgen", so Grotenhermen zu VICE. Er fordert eine Gesetzesänderung. "Die Strafverfolgung von Patienten, denen ein Arzt die Notwendigkeit einer Therapie mit Cannabis bescheinigt hat, muss beendet werden."

Christoph muss trotz der Engpässe in den Apotheken bisher nicht wieder zu einem Dealer auf der Straße. Er hatte Glück und ergatterte bei Münchner Apotheken noch letzte Dosen mit Cannabisblüten. Auch wenn seine Krankenkasse seine zehn verschriebenen Tagesdosierungen nicht zahlt. Christoph weiß aber auch von Patienten, die sich wegen der Engpässe ihre Medizin anders beschaffen mussten. Wenn sie erwischt werden, droht ihnen eine Anzeige. Beim Deutschen Hanfverband meldeten sich auch andere Patienten, die wie Christoph trotz Rezepts wegen Cannabiskonsums von der Polizei durchsucht oder festgenommen wurden. "Körperverletzung, Hausdurchsuchung, Beleidigung", lauten die Vorwürfe gegen die Beamten in mindestens vier Fällen, die der DHV München bisher sammelte.

Symbolbild: Christoph ist nicht der einzige Cannabis-Patient, der von der Polizei kriminalisiert wird (Foto: imago | IPON)

In einem offenen Brief an den Gesundheitsminister und die Drogenbeauftragte hat die Partei Die Linke bereits Anfang Juni auf knausernde Kassen und die Preisexplosionen für Cannabisblüten aufmerksam gemacht. Die Bundesregierung erklärte in einer Antwort, dass sie einen Bericht beim Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) angefordert habe. Weil die Bundesregierung aber keine zeitlichen Fristen setzte, könnten sich die Probleme in die Länge ziehen. "Notfalls muss die Regierung die Preise per Rechtsverordnung im Sinne der Patienten senken", forderte der drogenpolitische Sprecher der Linken, Frank Tempel, auf der Website seiner Partei: "Wir brauchen jetzt kurzfristige Lösungen und können nicht länger warten."

Erst vor einer Woche veröffentlichte die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Marlene Mortler (CSU), den ernüchternden Drogen- und Suchtbericht 2017. Darin warnte die passionierte Gras-Gegnerin eindringlich vor einer Verharmlosung von Cannabis und forderte eine aktive Anti-Cannabis-Politik im Bund. Facharzt Franjo Grotenhermen sagt, er würde mit Mortler gerne über die Gefahren diskutieren. "Ich lade sie herzlich ein, aber sie würde so etwas nie annehmen. Frau Mortler würde blamiert aussehen, wenn sie mit mir eine Diskussion führen würde, weil sie außer 'Drogen sind gefährlich' nichts anführen kann." An eine schnelle Lösung glaubt er nicht. "Momentan bin ich einfach verzweifelt und versuche mit diesem Hungerstreik auf die Versäumnisse aufmerksam zu machen."

Auch Christoph hofft auf Veränderungen. Seit dem Vorfall mit der Polizei sei er vorsichtig, sagt er. "Ich war ziemlich fertig. Jetzt wäge ich immer ab, wo ich meine Medikamente täglich nehmen kann." Immerhin zehn Dosierungen am Tag – also zehn Joints – wurden ihm verschrieben. "Soll ich mich verstecken, damit es mir gut geht? Das ist ja auch nicht der Sinn der Sache." Dennoch glaubt er an das Gesetz. "Ich würde mich freuen, wenn es uns endlich hilft", sagt er. "Ich hoffe einfach, dass ich bald die richtigen Medikamente bekomme, meine Krankenkasse zahlt und ich keine Angst vor der Polizei haben muss."

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