Terrorismus

Warum das "sicherste Land der Welt" so viele IS-Kämpfer hervorbringt

Seit Kurzem untersucht die finnische Polizei ihren ersten Terroranschlag. Aber ein Problem mit Islamisten hat Finnland schon länger.
Ein niederländischer IS-Kämpfer, zu Illustrationszwecken | Foto via Tumblr (Israfil Yilmaz)

Vor dem 18. August hatte es in Finnland keine Terroranschläge gegeben. Dann erstach ein Mann in Turku zwei Frauen und verwundete acht weitere Personen. Der Täter schrie Zeugen zufolge "Allahu akbar" und jagte Frauen mit einem Messer, bevor die Polizei ihn mit Schüssen in den Oberschenkel stoppte. Die finnischen Behörden haben bisher nicht bestätigt, dass der Täter "Allahu akbar" rief, doch die Polizei teilte mit, sie gehe von einem terroristischen Anschlag gegen Frauen aus. Unter den acht Verletzten sind sechs Frauen; die zwei verletzten Männer hatten den Frauen helfen wollen.

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Am Dienstag hat der Verdächtige die Tat vor Gericht gestanden – allerdings leugnete er dabei eine Terror- oder Mordabsicht. Der Täter soll vergangenes Jahr als Asylsuchender nach Finnland gekommen sein und verwendet den Namen Abderrahman Mechkah, doch die finnische Kriminalpolizei geht inzwischen davon aus, dass diese Identität falsch sein könnte. Vier weitere marokkanische Männer wurden bei Razzien in Vorstädten festgenommen. Drei warten wie der Täter in U-Haft auf ihren Prozess, einer wurde inzwischen wieder entlassen. Gegen einen sechsten Verdächtigen wurde ein internationaler Haftbefehl ausgestellt. Zum Gerichtstermin wurde der Täter per Video-Übertragung aus dem Krankenhaus zugeschaltet.

Dieses Jahr wurde Finnland zum sichersten Land der Welt gekürt. Viele sind geschockt, dass es dort nun anscheinend auch eine islamistische Terror-Attacke gegeben hat. Doch Finnland ignoriert bereits seit Jahren, dass es auch dort Probleme mit Islamismus gibt. Seit 2013 ruft die Terror-Organisation Islamischer Staat (IS) auch zu Anschlägen in dem nordischen Land auf. Außerdem ist Finnland die Heimat vieler IS-Kämpfer.


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Eine wissenschaftliche Analyse ausländischer Kämpfer in Syrien hat ergeben, dass kein Land einen größeren Prozentsatz seiner muslimischen Einwohner an den IS verliert als Finnland. Wie die finnische Sicherheits- und Nachrichtenbehörde Supo betont, ist die tatsächliche Zahl der IS-Zuläufer sehr klein: Es soll sich um etwa 80 Erwachsene und mehrere Dutzend Kinder handeln. Bemerkenswert ist allerdings, wie viel Erfolg die Finnischstämmigen innerhalb der Terrororganisation haben, und dass mehr als jeder Tausendste muslimische Bewohner Finnlands sich dem IS angeschlossen hat. Insgesamt haben sich 0,166 Prozent der muslimischen Bevölkerung von Terroristen mobilisieren lassen. Das klingt erstmal nicht viel. Wäre das hierzulande der Fall, müssten allerdings mehr als 8.000 Kämpfer aus Deutschland ausgereist sein – tatsächlich geht man von knapp unter 1.000 aus.

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Es gab vorher Anzeichen, dass der Täter radikalisiert wurde

Die finnische Behörde Supo ist auch für die Terror-Bekämpfung zuständig und hat diesen Juni mitgeteilt, sie beobachte 350 potentielle Islamisten. Das ist ein Anstieg um 80 Prozent seit 2012. Anfang 2017 erhielt die Polizei von Turku einen Hinweis, dass der Täter "anscheinend radikalisiert wurde". Die Polizei gab die Information an die Supo weiter, doch sein Name stand nicht auf ihrer Beobachtungsliste.

Die Supo-Sprecherin Verna Leinonen betonte im Juni gegenüber VICE, die finnischen Behörden nähmen islamistischen Terror sehr ernst. Allerdings nannte sie keine Beispiele für staatliche Anti-Terror-Maßnahmen. "Die Personen, die nach Syrien gegangen sind, hatten 19 verschiedene ethnische Hintergründe. Sie haben nichts gemeinsam und es gibt keine allgemeingültige Erklärung für ihre Entscheidung", versicherte Leinonen.

Juha Saarinen ist Terrorismus-Forscher am King's College London. Seit 2013 sammelt der Finne Informationen über den Zustrom von IS-Kämpfern aus seiner Heimat. Dabei hat er mehrere konkrete Gruppen ausgemacht: Vor allem neue Konvertiten und Personen mit einem somalischen Hintergrund seien weit "überrepräsentiert".

Dschihadismus entstand in Finnland erst mit dem Syrienkrieg

"In Finnland hat der Dschihadismus kaum Geschichte. Er hat sich erst im Zusammenhang mit dem Syrienkrieg und dem Aufstieg des IS entwickelt", sagt Saarinen. Allein mithilfe öffentlicher Informationen hat er mehr als 25 Finnen identifiziert, die sich dem IS angeschlossen haben.

"Die dschihadistische Szene wächst in Finnland seit fünf Jahren. Immer mehr Menschen verbreiten aktiv die Ideologien der verschiedenen Gruppen", sagt er. "Leider sind einige dieser Personen in den letzten zwei, drei Jahren als Asylsuchende nach Finnland gekommen. Das hat unsere Terror-Warnstufe beeinflusst, in den vergangenen drei Jahren wurde sie dreimal erhöht."

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Finnische Kinder lernen in der Schule schon mit sieben Jahren Englisch. Deshalb geben diverse Experten englischsprachiger Online-Propaganda die Schuld an der steigenden Beliebtheit des IS.

Abdullah Al-Finlandi als @Mujahid4Life auf Twitter

"Ich sage den Leuten immer, dass ich einer von den Hipster-IS-Typen war."

Abdullah Al-Finlandi, zuvor ein "hundertprozentiger Finne und überzeugter Atheist", konvertierte mit 17 zum Islam. "Innerhalb von ungefähr sechs Monaten" wurde er zum al-Qaida-Unterstützer. Seinen ersten Versuch, nach Syrien zu gelangen, machte er 2013. "Ich habe für den IS gearbeitet, bevor es mainstream wurde, noch vor dem Kalifat", erzählt er mir lächelnd. "Viele Leute haben sich erst für den IS interessiert, als er viel Land hatte. Aber manche von uns wissen noch, wie es war, als sie nur einen winzigen Teil des Landes hatten. Es ist witzig – ich sage den Leuten immer, dass ich einer von den Hipster-IS-Typen war."

Anfangs unterstützte al-Finlandi die al-Nusra-Front, einen syrischen al-Qaida-Ableger. Doch nachdem er dem IS beitrat, stieg er schnell auf; unter anderem betrieb er von Finnland aus den größten englischsprachigen Twitter-Account des IS, @Mujahid4Life.

"In Finnland haben wir eigentlich keine Gesetzte gegen Terrorismus, also habe ich einfach 'freie Meinungsäußerung' dazu gesagt."

Al-Finlandi verwendet seinen arabischen Namen weiter, und wenn er Englisch spricht, klingt er, als stamme er aus Nahost. Er führt das auf die Gespräche mit seinen früheren Kameraden zurück. Während unseres Interviews spricht er häufig zwischendurch Arabisch und beschreibt ernste Dinge als "witzig".

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"In Finnland haben wir eigentlich keine Gesetzte gegen Terrorismus, also habe ich einfach 'freie Meinungsäußerung' dazu gesagt. Ich schätze, man könnte sagen, ich war ganz schön clever", prahlt er. "Es ist witzig. Ich war dabei für den IS zu planen und anderen zu helfen, aber ich habe dabei keine Gesetze übertreten, also konnten sie mich auch nicht anzeigen."

Im Dezember 2016 verabschiedete die finnische Regierung erstmals ein Gesetz, das Ausreisen zur Teilnahme am Syrienkrieg verbietet. Seither wurde niemand für dieses Vergehen angezeigt. Der Staatsanwalt Tom Laitinen versichert VICE jedoch: "Die Möglichkeiten zur strafrechtlichen Verfolgung sind jetzt besser. Wir haben die Möglichkeit."

Der erste finnische Terror-Prozess fand 2013 statt

Die meisten Ausreisen von IS-Unterstützern gab es zwischen 2013 und 2015, doch Laitinen betont, es werde keine rückwirkenden Strafanzeigen geben. Ausnahmen werde der Staat nur machen, wenn es Hinweise darauf gibt, dass die Person Kriegsverbrechen oder terroristische Taten begangen hat. Die wenigen anderen Gesetze, die es Finnland erlauben würden, dschihadistischen Extremismus zu ahnden, hat das Land bisher nicht zur Abschreckung genutzt.

Der erste finnische Terror-Prozess fand 2013 statt: Drei Männer hatten die Miliz al-Shabaab mit Geldern und Rekruten unterstützt. "Sie wurden für schuldig befunden und entlassen, weil die Untersuchungshaft als abgesessene Strafe gerechnet wurde", erklärt Saarinen.

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Al-Findlandi ist heute Anfang 20 und arbeitet in einem Supermarkt. Er gibt sich philosophisch, wenn er von seiner Zeit beim IS spricht. Nach seiner Konversion habe er, "die reinste Form des Islam gesucht – die heißt Salafismus". Dann habe er jedoch "den Fehler gemacht, den dschihadistischen Weg zu wählen". Er meint, die Online-Propaganda der al-Qaida habe ihn in die Irre geführt. Gleichzeitig habe es aber immer eine "Offline-Komponente" gegeben, wenn er Freundschaften schloss oder Netzwerken beitrat.

"Finnische IS-Kämpfer machen sich besser als Kämpfer, weil es die Wehrpflicht gibt."

"Als sie das Kalifat ausgerufen haben, war wir außer uns vor Freude. Sogar rückblickend glaube ich, dass ich noch nie so glücklich war wie an dem Tag", sagt er. Mehrere Personen hätten ihm gesagt, dass er persönlich sie inspiriert habe, nach Syrien zu reisen. "Es ist witzig. Und manche von ihnen sind jetzt tot, aber so ist das Leben."

Viele seiner ehemaligen Kameraden hätten absichtlich gewartet, bis sie die finnische Wehrpflicht hinter sich gebracht hatten, um sich vorzubereiten. "Finnische IS-Kämpfer machen sich besser als Kämpfer aus vielen anderen europäischen Ländern, weil es die Wehrpflicht gibt. Die muss jeder machen, außer er hat einen guten Grund. Manche haben das Training definitiv gezielt mitgenommen. Vielleicht leben sie zum Teil nur deshalb noch. Sie haben Fähigkeiten gelernt, die ihnen helfen."

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Finnlands erster IS-Selbstmordattentäter, Abu Hurairah Finlandi, war ein Offizier im finnischen Militär und hatte eine einjährige Ausbildung durchlaufen. Ein anderer Dschihadist und ehemaliger Freund von al-Finlandi erklärte stolz, er habe seine Ausbildung abgebrochen, als er "genug hatte", und sei dann direkt zum IS in Syrien gegangen.

Scharfschützenausbildung in Finnland | Foto von der Autorin

Finnland ist das Land mit der dritthöchsten Rate an Waffenbesitzer auf der Welt. Das finnische Militär hat den Ruf, seine Soldaten, vor allem die Scharfschützen, besonders gut auszubilden. Unter anderem half Finnland bei der Ausbildung der kurdischen Peschmerga, die den IS bekämpfen. Laut Saarinen gehört zum Waffentraining auch eine Scharfschützen-Komponente, und "je nach Rolle auch eine Sanitäterausbildung, bei der man den Umgang mit Sprengstoffen lernt, und wie man Bomben herstellt".

"Ich habe festgestellt, dass es viele finnische Männer gibt, die den Militärdienst abgeleistet haben und dann dem IS beigetreten sind", sagt auch der Terrorismusforscher Saarinen. "Es gibt viele Personen, die sich mit ihren Fähigkeiten einer solchen Gruppe anschließen könnten."

Abdullah al-Finlandi hörte nicht wegen der Behörden auf – sondern wegen Twitter

Abdullah al-Finlandi bezeichnet sich heute als "echten Salafisten". Er sagt, das Ende seiner IS-Mitgliedschaft kam nicht durch die Supo oder eine andere finnische Behörde. Stattdessen habe er aufgehört, als Twitter seinen Account schloss: Er hatte die ersten Bilder der Enthauptung des US-Journalisten James Foley geteilt.

"Als der IS mit dem Journalisten-Ding anfing, fand ich das anfangs in Ordnung. Sie erklärten ja, dass sie da Spione töteten. Damals hatte ich auch kein Problem damit, Enthauptungen zu sehen", erzählt al-Finlandi. "Die ersten Berichte bezogen sich auf mich als Quelle, weil ich Screenshots davon gepostet hatte. Ich hatte Zehntausende Follower. Das war irgendwie surreal. Heute hat mein Account sehr viel weniger."

Al-Finlandi beschreibt das vergangene Jahr als eine Zeit der Selbstreflexion. Ein offizielles Programm zur Entradikalisierung hat er nicht durchlaufen; Finnland bietet auch keines an. Wie fände er es, wenn er erfahren würde, dass seine IS-Propaganda jemanden zu einem Anschlag motiviert hat? Auf diese Frage wird er endlich ernst.

"Die finnischen Behörden sehen keine wirkliche Gefahr und sind sehr nachlässig und entspannt", sagt al-Finlandi.

"Ich kann mich nicht selbst kreuzigen und dauernd denken: 'Oh, diese schrecklichen Taten von damals!' Weil ich die volle Verantwortung übernehme", sagt er. "Letzten Endes habe ich halt getan, was ich getan habe."

Zur Terrorgefahr in Finnland findet er ebenfalls ernste Worte: "Ganz ehrlich, das ist keine Frage nach dem 'ob', sondern nach dem 'wann'. Die finnischen Behörden sehen keine wirkliche Gefahr und sind sehr nachlässig und entspannt. Sie unterschätzen die Gefahr von Einzelgängern. Darüber sollten sich Behörden wirklich Sorgen machen, weil es eben so einfach geht. Man braucht kein großes Netzwerk."

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