Noisey Blog

Was uns Google über den Musikgeschmack der Schweiz im Jahr 2017 verrät

Die St. Galler gehen Raven, Bern beansprucht Mundartmusik für sich und die Schaffhauser sind Goa-Waldzwerge.
9.8.17
Foto: Vorlage Wikipedia

Neben unzähligen Social-Media-Portalen hast du deine Seele ziemlich sicher auch schon an Google verkauft. Mit jeder neuen AGB bröckelt ein weiterer Teil deines Innenlebens in das Schattenreich der Google-Server. Doch diese ganze Maschinerie hat auch Vorteile – zumindest für uns. Dass Reggaeton am meisten im Glarus gegoogelt wird und Schlager im Graubünden am beliebtesten ist, wissen wir nur dank deiner kaufbaren Seele. Jeder Kanton hat seine musikalischen Abgründe und Überflieger. Zuletzt haben wir 2014 anhand von Google den Musikgeschmack der Schweiz analysiert. Weil in der Musikbranche aber drei Jahre nicht nur eine halbe, sondern eine ganze Ewigkeit sind, ist es unserer Meinung nach wieder Zeit, euer Verhalten in einem höchst wissenschaftlichen Verfahren mithilfe von Google Trends zu analysieren, die Ergebnisse niederzuschreiben und ein psychologisches Profil zu erstellen.

Appenzell, St. Gallen und Thurgau

Suchbegriffe: Techno, Bier, Die Toten Hosen, Ohropax, Trinkspiele, Andhim, Kater, Hive Die Appenzeller Ausserrhodener wandern gerne nackt, die aus Innerrhoden auch. Für die meisten Personen gibt es eh keinen unterschied bei den Halbkantonen. Und ganze ehrlich, Thurgau und St. Gallen ist auch dasselbe. Doch egal, ob Rock oder Techno – eines ist klar: Die Ostschweizer feiern gerne. Während sich die einen in ihrer Stammkneipe eine Toten-Hosen-Coverband geben und dabei genüsslich kopfnickend an ihrem Quöllfrisch nippen, spielen die anderen zum Vorglühen Trinkspiele, um sich auf den Ausgang in Zürich vorzubereiten. Denn wie es scheint, ist das Hive sehr beliebt. Doch obwohl die Ostschweizer am Wochenende wild unterwegs sind und bei ihnen wahrscheinlich das Motto "Was in Zürich passiert, bleibt in Zürich" herrscht, flüstert ihnen ihr Gewissen leise zu: "Ein safer Rave geht vor." Denn glaubt man Google, ist Ohropax ein fixer Bestandteil des Ausgang-Equipments. Ein sicherer Rave ist jedem, vom Thurgau bis nach St. Gallen, wichtig, damit er nach dem Club auch ja kein Pfeifen in den Ohren hat. Dafür ist der Kater wohl ein verbreitetes Problem.

Basel

Foto: Ann Mayer, Instagram

Suchbegriffe: Fasnacht, Musical, UE Boom, Abba, Acid, Nordstern Genau wie sich die Kantone voneinander abspalten, so spalten sich auch ihre Vorlieben. Wie kann es sein, dass sich die beiden Hälften eines Kantons so unterscheiden? Wie sollen wir uns das vorstellen, wenn beispielsweise am Jugendkulturfest die Land-Guggen-Jugend auf die Acidkids vom Nordstern treffen? Ist bestimmt ein lustiges Szenario, wenn die Landjugend mit ihrer Guggentracht, Abba-Musicals aus ihren UE Boom Boxen dröhnend und mitgrölend in der Altstadt den Kindern der Nacht begegnen. Zweitere straucheln wahrscheinlich gerade von der Sonne geblendet mit ihren tellergrossen Pupillen aus dem Club.

Bern

Suchbegriffe: Polo Hofer, Jeans For Jesus, Manillio, Lo & Leduc, Reitschule, Züri West, Mani Matter, Trauffer, Bravo Hits, Pegasus, NOFX Wenn es eine rein Schweizer Edition der Bravo Hits CD gäbe, dann würde sie wohl aus 80 Prozent Berner Musik bestehen und hauptsächlich von Bernern gekauft werden. Die Hauptstädter feiern wirklich alles, was mit Musik zu tun hat, bevorzugt wird aber die lokale Szene. Doch genauso wie die Stadt Bern viele Facetten hat, finden sich diese auch in der Musik wieder. Auf der einen Seite haben wir die Reitschule, deren Supporter meistens am Wochenende vor dem Kulturzentrum feiernd, die eher neueren Berner Künstler und Punk hören. Auf der anderen Seite finden wir die eher Konservativen, die Erich Hess' dieser Welt. Diese hören bei ihren Treffen natürlich nur echte Schweizer Musiker wie Trauffer und beanspruchen Mani Matter und Polo Hofer für ihr Lager – obwohl sich beide wohl im Grab drehen würden.

Waadt, Fribourg, Neuchatel und Jura

Foto: Tereza Mundilová

Suchbegriffe: J. Cole, Turnstile, Arcade Fire, Spotify, Schottenrock, Sex Pistols, Nirvana, Calvin Harris, Fri-Son, Metallica, Linkin Park, Shakira, Taylor Swift, Adele, Master of Hardcore, Trance Genau gleich random wie wir diese Kantone zusammengewürfelt haben und sie für Auswärtige wirken, genau gleich zufällig sind die Suchbegriffe, die in unser Sammelbecken geraten sind. Dieses Grüppchen Welsche orientiert sich entweder an den heutigen Charts und hört den Mainstream-Bullshit der Welt oder sie stecken irgendwo vor 2000 fest. Die Grunge und Punk-Ära sind hier ein bisschen verspätet eingetroffen, doch nichts gegen den alten Sex, Drugs und Rock'n'Roll. Denn auch wir haben ab und zu die Nase voll von Acid und Techno und blicken sehnsüchtig zurück auf die alten Zeiten. Trotzdem liegt das verspätete Eintreffen dieser Genres wohl an verschiedenen Gründen, wie zu schwerem Essen, zu viel Alkohol und dem Hass auf die Deutschweizer Kultur. Wenn die Westschweizer dann von ihrem Grunge-Drogenexzess nach einer Trance-Party, inklusive der grünen Fee, durch ein Feld nach Hause torkeln und am nächsten Morgen in einer Kuhherde aufwachen, ist das scheinbar keine Seltenheit. Weil bekannterweise hat es in Fribourg mehr Kühe als Menschen.

Genf

Suchbegriffe: Bring Me The Horizon, Kendrick Lamar, Kanye West, Rihanna, Tyler, The Creator, Beatles, Arctic Monkeys, Drake Wir müssen hier Genf ein grosses Kompliment für den Musikgeschmack seiner Einwohner aussprechen. Wir waren bei der Suche echt erstaunt. Bei ihnen geht es nur um die Musik – und das echt individuell. Die Genfer feiern in den Subgenres den deepen Shit. Egal ob deepe Gespräche begleitet von den Arctic Monkeys, Lean sippen bei Tyler, The Creator oder moshen zu Bring Me The Horizon, alles ist vertreten. Die Genfer sind so etwas wie die Zürcher der Westschweiz. Da muss eine gewisse Prise Arroganz, Stil und Drogenkonsum mitschwingen – wie bei Kanye.

Glarus, Schwyz, Uri, Nidwalde, Obwalde

Foto: Dominik Meier

Suchbegriffe: Caliente, Barstreet, Nemo, Nickelback, Pussy Riot, Skor, Openair Gampel, Alkohol, Greenfield, Guns n Roses, Tomorrowland, Outdoor, Gölä, Beatrice Egli, Rammstein, EMP Wenn man in der Innerschweiz wohnt, lebt man halt einfach auf dem Land. Doch die schönen Vorurteile, die wir jetzt auf Lager hätten, treffen nicht immer zu. So lassen sich neben den klassischen Bünzli-Bürger, die hier die Mehrheit ausmachen, doch einige Subkulturen finden. Und diese werden voll ausgelebt. Dank Google wissen wir jetzt, dass Metal und Punk bei den Innterschweizern sehr verbreitet sind. Man geht ans Greenfield Festival, mit Rammstein-CDs im Subaru und der EMP-Fahne im Gepäck. Als Gegengewicht scheinen aber auch Drüfnis an Outdoor Partys durch ihre Wälder zu streifen – oder am Tomorrowland die Schweizer Fahne zu schwingen. Aber es gibt natürlich auch schwarze Schafe, die Beatrice Egli und Gölä gut finden und am Caliente ihren Drang nach Multikulti in der Grossstadt Zürich ausleben.

Zug, Luzern

Suchbegriffe: 420, Vinyl, Cypher, Mimiks, Fasnacht, Tinnitus, SRF Virus, Bluetooth Lautsprecher, Treibhaus, Roadhouse, Foo Fighters Ob Steuer-Sparfüchse oder Fasnachts-Liebhaber – Zug und Luzern werden von HipHop und Möchtegern-Bronx-Gangs regiert. Wie es aussieht, wird das durch den günstigen Steuersatz Ersparte nur für Gras und Platten ausgegeben. Die HipHop-Kultur in diesen Kantonen blüht in voller Pracht. Keiner stöbert so nach Vinyl, 420 und der Cypher wie die grossen Innerschweizer. Ob das der Einfluss von Mimiks und Co. und dem Bonker Inferno ist? Doch neben den Platten, ertönen in dieser Region Beats auch aus Bluetooth-Lautsprechern. Den Plattenspieler überall hinnehmen, wäre auch nur ein bisschen mühsam. Und das passt dann auch ins Bild vom Roadhouse – dem innerschweizer Abklatsch des X-Tras.



Graubünden

Foto: Screenshot aus der Firmenbroschüre des Alpenrocks

Suchbegriffe: Die Ärzte, Slayer, Schlager, Dabu Fantastic, Après-Ski, Korn, Wutang, DJ Antoine In Graubünden ist man Jäger, Kiffer oder Profi-Snowboarder. Oder alles zusammen. Doch bei den Bündnern herrschen noch die Naturgewalten und so passen sie ihr Leben an die Jahreszeiten an. Während des Sommers betrinken sie sich zu Metal-Klassikern während Trucker-Pulling-Wettstreiten und im Winter befinden sie sich 24/7 in der Davoser Jatzhütte. Nach einem ausgedehnten Kater-Skifahren ruft der geliebte Après-Ski – der Konter-Röteli wurde am Morgen schon getrunken für eine wohlige Wärme. Die Schlager-Hits werden fleissig mitgegrölt und zu DJ Antoine die Hände in die Luft geschmissen. Wenigstens bleibt etwas über das ganze Jahr bestehen und zwar das Kiffen und der Alkohol. Graubünden, du bist echt ein bisschen hängen geblieben, doch wir lieben dich.

Solothurn

Suchbegriffe: Mundart, Mausefalle, Ballermann, Merchandise, Kofmehl Wir entschuldigen uns jetzt schon, aber Solothurn ist einfach der langweilige Abklatsch von Bern. Entweder man geht ins Kofmehl, mit all den Halbstarken feiern oder bewegt sich nach Bern. Doch die Mausefalle zeigt nicht gerade von Klasse liebe Solothurner, ausserdem wäre Bern nicht näher zum feiern als Zürch. Doch wie es aussieht feiert ihr gerne schlecht, wenn ebenfalls Ballermann ganz oben auf dem Programm steht und der Schlager dann am liebsten auch noch auf Mundart ist.

Schaffhausen

Foto: Stefan Stampfer

Suchbegriffe: Radio, Itunes, CD, Goa Die Technik ist definitiv nicht die Stärke der Schaffhauser. Hier werden noch CDs gekauft, Radio gehört und der iTunes-Store benutzt. Das ist so 2000er – echt retro, aber nicht das coole Retro. Aber was kann man in Schaffhausen schon machen? Anscheinend besteht die Kultur hier hauptsächlich aus Goa-Partys. Wahrscheinlich steigen bei ihnen jeweils am Wochenende im benachbarten Wald Outdoorpartys, an welchen noch mit CDs die Musik abgespielt wird. Doch irgendwann entwächst jeder Schaffhauser seiner Goa-Waldzwerg-Phase, kriecht aus seinem Baumhaus und beginnt die Reise in das weit entfernte Land namens Zürich.

Tessin

Suchbegriffe: EDM, Despacito, Coldplay, Radiohead, Green Day, Blink 182, Karaoke, Hierbas, Ricky Martin, Reggaeton Will man Google glauben, haben alle Tessiner die in ihren Mid 20s auf Skatepunk standen, heute keine Energie mehr für Subkulturen und hören nur noch Charts. Passend dazu schütteln sie ihre Körper in der überfüllten Disko zu Despacito, Reggaeton und EDM.

Wallis

Foto: Kamil Biedermann

Suchbegriffe: Gonzo, Lana Del Rey, Rave, David Guetta, Tokio Hotel, Bob Marley Man versteht die Walliser ja sonst schon beim Sprechen nicht und die Google Trends haben auch keine Erleuchtung gebracht. Aber ganz ehrlich liebe Walliser: WTF? Wir haben selten so wahllose Suchbegriffe gesehen, wie bei den Wallisern. Wie kommt ihr ins Gonzo vom Wallis? Und eure Künstlerauswahl ist wirklich ziemlich bunt durchmischt. Obwohl das irgendwie auch interessant ist, verstehen wir Stadtmenschen euch nicht und das wird wahrscheinlich auch immer so bleiben.

Zürich

Suchbegriffe: Noisey, Openair Zürich, Cloud Rap, DJ Kahled, Street Parade, Xeal Ador, Zukunft, MDMA, Ketamin, Lean, Bonsoir, Gästeliste, Moscow Mule, Gummibärli, Hallenstadion, X-TRA, Zürich, die Hochburg des Clubbings, enttäuscht uns wieder einmal nicht. Die Diagnose, Zürich ist völlig überflutet, hier findet jeder eine passende Ausgangsmöglichkeit – und wir selber fliehen auch mal nach Bern, um den Zürchern und Ausgangs-Touristen zu entkommen. Denn Zürcher sind anstrengend, schickimicki, arrogant und reden zu schnell, doch das gehört dazu und das lieben die meisten an Zürich. Alle neuen Trends finden in Zürich statt – auch was den Drogenkonsum angeht. Doch auch bei den Massen, welche nach Zürich in den Ausgang strömen gibt es zwei Sparten. Die Menschen, welche auf MDMA oder Ketamin in die Zukunft feiern gehen und dabei Moscow Mule trinken und auf der anderen Seiten die Leute, welche ins X-TRA den Booty shaken gehen und ihr Gummibärli hinunterstürzen. Aber wir mögen diese dreckige, nuttige und abgefuckte Art.



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