Was man lernt, wenn man als Typ dank VR-Brille Sex als Frau hat

"Sehen wir Männer wirklich so gestört aus, wenn wir geil sind?"

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09 August 2017, 12:51pm

Alle Foto: Reality Lovers

Meine Freundin erzählte mir mal, dass sie beim Sex oft übers Einkaufen nachdenkt, oder darüber, was sie am nächsten Tag bei der Arbeit erledigen muss. Sie sagte, dass sie den Sex durchaus genieße, aber ihre Gedanken einfach abdriften. Ich konnte es nicht fassen. Wie kann man beim Sex an etwas anderes denken als an Sex? Ich habe es erst verstanden, als ich dank Virtual Reality zur Frau wurde und mit einem Mann schlief.

Es gibt zwei verschiedene Arten von Virtual-Reality-Pornos: 3D-Animationen und Filme mit echten Schauspielern, bei denen die Darsteller die Kamera auf dem Kopf tragen. Der Zuschauer erlebt den Sex so aus ihrer Perspektive. Meist aus der des Mannes. Die Porno-Industrie verspricht sich davon, dass wieder mehr Menschen Geld für Pornos ausgeben. Die günstigsten Virtual-Reality-Brillen gibt es ab 20 Euro. Die weltgrößte Porno-Seite PornHub betreibt mittlerweile ihren eigenen Virtual-Reality-Kanal und Prognosen amerikanischer Analysten zufolge werden VR-Pornos bis 2025 einen Jahresumsatz von einer Milliarde Dollar einspielen.

Aber VR ist nicht nur etwas für Männer, die von konventionellen Pornos gelangweilt sind. Eine französische Kunstinstallation benutze die Technik, um Besuchern der Ausstellung zu ermöglich, ihre Geschlechter zu tauschen und so ein besseres Bewusstsein für den eigenen Körper zu erreichen. Und mittlerweile gibt es auch Virtual-Reality-Pornos für Frauen, die Sex mit attraktiven Männern zeigen. Oder für jeden, der darauf steht. Und genau das möchte ich als heterosexueller Mann ausprobieren.

Mein erster Sex-Partner: Dean Van Damme, ein Matrose, der monatelang auf dem Meer unterwegs war. "Die See hat Dean abgehärtet und er ist für neue Sex-Abenteuer bereit", steht im Vorspann des Films Zurück von der Marine. Das Titelfoto zeigt Dean mit volltätowiertem Oberkörper und Wikingerbart. Produziert wurde der Streifen von der Porno-Seite Reality-Lovers, die auf VR-Filme spezialisiert ist. Wer ein Abo abschließt, zahlt 30 Dollar pro Monat oder 70 Dollar für ein Vierteljahr – und damit deutlich mehr als für Netflix. Die VR-Brille schicken sie als Abo-Prämie gratis nach Hause.

Ich lege mich auf ein Sofa und packe die Brille aus. Den Porno habe ich einfach auf mein iPhone geladen, das schiebe ich eingeschaltet ins Gehäuse der Brille. Eine Speziallinse sorgt für die 360-Grad-Sicht. Der Ton kommt aus dem Handylautsprecher. Plötzlich werde ich zu Tina Key, laut der Seite des Anbieters eine 32-jährigen Britin mit Körbchengröße D.

Ich stehe in einem sonnendurchfluteten Wohnzimmer, Dean ist schon da. Wir umarmen uns. "Ich habe dich vermisst", sage ich, aka Tina. "Ich dich auch", sagt Dean. Nach einer Minute Rumknutschen landen wir im Schlafzimmer.


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In der nächste Szene finde ich mich auf einem Bett wieder, an der Wand hängt "Der Kuss" von Gustav Klimt. An meinem Körper sehe ich erstmal nur meinen BH. Für kurze Zeit Brüste zu haben, ist eine Männer-Fantasie, die mir die Brille (fast) erfüllt. Wir stellen uns das großartig vor, sie jederzeit anfassen zu können und damit vorm Spiegel zu posieren. Und tatsächlich fühle ich mich ein wenig erregt, als ich an mir herunterblicke und die Brüste von Tina Kay an meinem Brustkorb sehe, aber um sie zu sehen, muss ich meinen Hals so weit beugen, dass ich Nackenschmerzen bekomme. Die Bilder der VR-Brille sind darauf zugeschnitten, dass man den eigenen Körper weniger sieht, als den des Partners.

Dean schiebt sich auf mich. Er schnaubt und streichelt meine Beine. Sein Kopf wirkt übernatürlich groß, seine Haut ziemlich rot, er hat ein Sixpack. "Ich habe dich vermisst, Matrose, ich will dich", sage ich und fühle mich tatsächlich, als hätte ich es gerade selbst zu ihm gesagt. Dann liege ich ganz still, bewege mich nicht. Er will meine Brüste küssen, aber die Aufnahme verzerrt den Abstand: Zwischen seinen Lippen und meiner Brust sind einige Zentimeter Luft.

Deans Schwanz hängt lasch herunter. Ich fühle mich gekränkt, weil er keine Erektion hat, obwohl ich nackt vor ihm liege.

Die Technik, die heute für VR-Pornos benutzt wird, ist noch nicht fehlerfrei. Die Kamera, die das Set je nach Film in einem 180- oder 360-Grad-Winkel filmt, lässt es kaum zu, dass sich die Darsteller normal bewegen. Die Kamera filmt von knapp oberhalb des Kopfes der Frau. Sie darf sich nicht zu sehr bewegen, sonst verwackelt das Bild. Deshalb liegt Tina auch da, als wäre sie bewusstlos. Und auch Dean ist übervorsichtig, damit er die Kamera nicht mit dem Kopf berührt.

"Außerdem wirken die Darsteller wegen der Aufnahmetechnik ungewöhnlich groß", erklärte Stephanie Llamas Broadly. Sie ist Vizepräsidentin für Forschung und Entwicklung des New Yorker Forschungsunternehmens SuperData Research: "Die Kamera wird direkt in der Mitte installiert. So wirkt alles verzerrt."

Deans Schwanz sieht allerdings nicht "ungewöhnlich groß" aus, sondern hängt lasch herunter und ich fühle mich gekränkt bei dem Gedanken, dass er keine Erektion hat, obwohl ich nackt vor ihm liege. Aber aus meiner eigenen Erfahrung weiß ich, dass es nicht am Körper der Frau liegt, sondern an der eigenen Aufregung und Unsicherheit. Und ich weiß auch, dass die Scham vor einem schlappen Schwanz eine Erektion danach faktisch unmöglich macht, besonders wenn die Frau Sachen sagt wie "Ist schon ok" oder "Mach dir keinen Stress". Aber als Tina bin ich Profi, schweige, nehme die Hand zur Hilfe und innerhalb von Sekunden hat Dean einen Ständer.

Jetzt ist er ziemlich geil und beginnt, meinen Arsch zu versohlen. Als Typ fühle ich mich bei so etwas immer wahnsinnig männlich und versaut, aber jetzt aus Perspektive der Frau wirkt es einfach nur lächerlich. Als hätte der Typ aufgestaute Emotionen, die er an meinem Arsch auslässt. Tina stöhnt und ich denke: Sie wird dafür bezahlt.

Ich beginne zu verstehen, wie wichtig Oralsex für Frauen ist.

Zum Glück wechselt er schnell dazu über, meine Muschi zu lecken. Und auch ohne es wirklich zu spüren, ist es ein erhabener Moment, wie dieser Typ zwischen meinen Schenkeln abtaucht. Ja, auch bei einem Blowjob fühle ich mich verwöhnt, aber die Art und Weise wie Dean an mir rumleckt, als wäre meine Muschi eine Waffel voller Himbeereis, und wie meine Beine seinen Kopf manövrieren, um ihm zu zeigen, wo es lang geht, gibt mir wirklich das Gefühl, eine Königin zu sein, die ihrem Untertan bei der Fellatio anweist. Ich glaube, besser zu verstehen, wie wichtig Oralsex für Frauen ist. Nicht nur, weil viele von ihnen nur so kommen, sondern auch, weil es Frauen vielleicht das Gefühl gibt, dass der Mann am Orgasmus seiner Partnerin auch wirklich interessiert ist.

Nach dem Vorspiel guckt Dean mich an und ich erkenne den Blick sofort. Er besagt: "Jetzt bin ich aber dran." Sofort nehme ich mir vor, einen solchen Blick in Zukunft zu vermeiden. Aber Tina bleibt stoisch auf dem Rücken liegen. Kein Blowjob für Dean, schließlich darf sie ihren Kopf nicht bewegen.

Ich blicke direkt auf Deans steifen Penis. Wie eine Lanze ragt er mir entgegen. Sein Schwanz signalisiert Angriff – und nicht Liebe. Wie kann man als Frau keine Angst vor diesen Dingern haben? Wir Männer gehen aus irgendeinem Grund davon aus, dass ein erigierter Penis Frauen erregt, weswegen viele von uns ihn so gerne fotografieren und das Bild verschicken. Aber als Dean seine Eichel dann auch noch mit Spucke einreibt, bin ich ungefähr so erregt wie nach einem Handjob mit Stacheldraht. Als er in mich eindringt, presse ich instinktiv meine Beine zusammen, aber Tina folgt meiner Bewegung nicht.

Während Dean mich vögelt, starrt er mich an, als hätte er eine Droge genommen, die jegliche Außenwelt ausblendet und seine volle Aufmerksamkeit auf meinen Körper lenkt. Sein Blick, geladen mit Testosteron, gibt mir das Gefühl, dass dieser Typ nur mich will und meinen Körper. Sehen wir Männer wirklich so gestört aus, wenn wir geil sind?

18 Minuten geht der Film. Ich liege weiter regungslos da und lasse den Sex über mich ergehen. "Soll ich heute Abend wieder Nudeln kochen?", frage ich mich. "Und mit welchem Satz beginne ich meinen Artikel?" Zum Schluss denke ich nur noch: "Wann ist das Video endlich zu Ende?"

Ich muss lachen, denn das ist genau das, was mir meine Freundin erzählt hatte. Eigentlich sollte guter Sex Frauen wie Männer völlig einnehmen. Aber bei 18 Minuten ohne Stellungswechsel kann man es wohl nicht vermeiden, in Gedanken abzuschweifen.

Besonders dann, wenn der Mann auf den aktiven Part besteht und der Frau nichts anderes übrig bleibt, als auf dem Rücken zu liegen und an die Decke zu starren. Auch ich muss mir wohl meine Fehler eingestehen, warum sonst denkt meine Freundin wohl ans Einkaufen.

Es gibt Dinge, die man nicht sehen sollte. Zum Beispiel wie Wurst produziert wird. Oder sein eigenes Gesicht, wenn man kommt.

Dean spannt seine Muskel an, kneift die Augen zusammen. Er stöhnt und explodiert in mir. Es gibt Dinge, die man nicht sehen sollte. Zum Beispiel wie Wurst produziert wird oder wie eine Kastration abläuft. Aber noch viel weniger sollte ein Mann sein eigenes Gesicht sehen, während er kommt. Nun sieht man ja auch in normalen Heteropornos, wie Männer kommen, nur dass man dabei meist nicht auf den Gesichtsausdruck achtet, sondern eher auf das Sperma, das er auf Gesicht, Brust oder Bauch der Dame spritzt.

Aus Frauenperspektive bin ich aber nahezu gezwungen, ihm ins Gesicht zu starren. Dean verzieht das Gesicht, als wäre er auf ein Nagelbrett getreten. Sein Kinn hat er nach oben gerissen, der Mund offen, seine Hände vergraben sich in meinen Hüften. Ist es auch das, was meine Freundin sieht, wenn ich komme? Wahrscheinlich schon. Sollte ich jetzt aus Scham eine Sturmmaske beim Sex tragen? Auf keinen Fall. Der Orgasmus ist schließlich ein Moment des Loslassen, unsere Muskeln ziehen sich extrem zusammen, bevor sie völlig entspannen, Dopamin und Serotonin fluten den Körper und wir vergessen kurz alles um uns herum. Mag sein, dass wir dabei merkwürdig für unseren Partner aussehen, aber die paar Sekunden Glückseligkeit sollten wir uns nicht nehmen lassen.

Dean löst sich aus der Anspannung, seinen Kopf lässt er auf meine Brust fallen und schließt die Augen. Ich fahre mit der Hand durch sein Haar, streichle seinen Rücken. Es fühlt sich schön und vertraut an, wie er auf mir ruht. Dann frage ich mich: "Soll ich die Pasta mit Pesto machen oder mit Bolognese?"

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