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Wir haben ein iPhone pulverisiert, um seinem Geheimnis auf die Spur zu kommen

Mit Mixer und Schlagtestgerät unterziehen wir Apples Gerät Nr. 1 einer brachialen Autopsie, um herauszufinden, was tatsächlich unter der schicken Oberfläche steckt.
Bild: 911 Metallurgist | Montage: Motherboard 

Das iPhone ist für viele Menschen synonym für technischen Fortschritt, Luxus und sozialen Status. Dabei vergisst man schnell, woraus Apples Smartphone unter seiner schicken Hülle eigentlich besteht: aus seltenen Mineralien, schwer abzubauenden Metallen und viel knochenharter Arbeit.

Ich wollte dem Wesen meines iPhones einmal ganz genau auf den Grund gehen, und habe es deshalb von einem Spezialisten für Bergbau pulverisieren lassen. Anschließend bat ich den Mann namens David Michaud, genau nachzumessen, aus welchen Stoffen das wichtigste meiner elektronischen Geräte besteht.

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Im Juni 2016 kaufte ich ein brandneues iPhone 6 in einem New Yorker Apple Store in Manhattan – mit der Absicht, es komplett zu zerstören. Daher übergab ich an Michaud, der es in seinem Labor für Metallkunde nach allen Regeln der Kunst zerlegen ließ.

Mit Flammen, Hammer und Mixer rücken die Forscher dem iPhone auf den Leib

Als erstes machen die Metallprofis eine Bestandsaufnahme und wiegen das Smartphone. Es bringt genau 129 Miligramm auf die Waage, wie von Apple angegeben. Als nächstes klemmen sie das iPhone in ein Schlagtestgerät, das normalerweise zum Zerschmettern von Steinen verwendet wird. Diese Maschine lässt dann einen 55 Kilogramm schweren Hammer aus 1,1 Meter Höhe auf das Gerät sausen.

Diese Geräte wurden im Labor verwendet, um das iPhone zu pulverisieren. | Bild: 911 Metallurgist

Durch den Aufprall geht der Lithium-Ionen-Akku sofort in Flammen auf. Als sich der Qualm verzieht, sammeln die Ingenieure alle Bestandteile des iPhones und werfen sie in einen Mixer. Da der Mixer – der auf den Fotos des Labors verdächtig nach einem normalen Küchenmixer aussieht – die Einzelteile nicht gut genug zerkleinern kann, werden sie noch einmal gefiltert, getrennt und dann in einem Ring-und-Puck-Pulverisierer zerkleinert, bis von Steve Jobs großer Vision nur noch feinster Staub übrig ist. "Ich war überrascht, wie schwer es war, das Material zu zerstören", urteilte Michaud.

Nachdem sie das iPhone also vollständig pulverisiert hatten, werten die Forscher das Ergebnis aus. In seiner Analyse kommt Michaud zu dem Schluss, dass Aluminium und Eisen mit 38,5 Prozent den Großteil des iPhones ausmachen. Andere Metalle wie Kupfer, Kobalt, Chrom und Nickel bilden zusammen 17,1 Prozent der Masse. Lithium macht 0,67 Prozent der Gesamtmasse aus. Außerdem fanden die Ingenieure 15,4 Prozent Kohlenstoff, und 6,3 Prozent Silikon. Das Labor entdeckte sogar Spuren von Arsen im iPhone; diese waren aber zu gering, um giftig zu sein. Die detaillierten Ergebnisse der Analyse könnt ihr in der Tabelle nachlesen. Michaud und seine Kollegen kamen zu einer interessanten Erkenntnis: Nur ein kleiner Prozentsatz des iPhones besteht tatsächlich aus wertvollen Komponenten.

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Das ist wirklich im iPhone drin. Bild: 911 Metallurgist

Ein verschwindend geringer Prozentsatz des iPhones ist wirklich wertvoll

"Das Gerät besteht zu 24 Prozent aus Aluminium", erklärt Michaud. "Die Außenhülle ist quasi reines Aluminium. Ich hätte nicht damit gerechnet, dass die Außenhülle ein Viertel des Gewichts des gesamten Geräts ausmacht, denn Aluminium ist sehr leicht. Außerdem es ist es billig; ein Pfund kostet ungefähr einen US-Dollar."

Der Sauerstoff, Wasserstoff und Kohlenstoff, den die Forscher feststellten, wird für verschiedene Legierungen im iPhone verwendet. Als Stromleiter für den Touchscreen dient Indiumzinnoxid. Aluminium-Oxide kommen in der Hülle vor und Silikon-Oxide finden sich im Microchip, dem Gehirn des iPhones. Der Akku macht einen großen Prozentsatz der Gesamtmasse aus, er besteht aus Lithium, Kobalt und Aluminium.

Zwar verstecken sich im iPhone auch ein paar wertvolle Metalle, aber sie machen nur einen sehr kleinen Anteil aus.

"Das iPhone 6 enthält 0.014 Gramm Gold, 0,66 Gramm (also 0,5 Prozent) Zinn und 0,025 Gramm Tantal", sagt Michaud. "Edelmetalle kommen nicht in nennenswerten Größen vor, die sind zusammen vielleicht einen oder zwei Dollar wert. Nickel kostet beispielsweise 18 Dollar pro Kilogramm, und das iPhone enthält gerade mal zwei Gramm davon." Nickel wird beispielsweise für das Mikrofon des iPhones verwendet.

Diese wertvollen Stoffe sind sehr schwer zu gewinnen und werden an Orten abgebaut, die nur wenig reguliert werden. Hier herrschen für die Arbeiter meist gefährliche oder gar tödliche Konditionen. Im iPhone finden sich beispielsweise 0,02 Wolfram, das für gewöhnlich im Kongo abgebaut wird: Gebraucht wird es für den Vibrationsalarm und die Bildschirmelektroden des iPhones. Auch ein weiterer wichtiger Bestandteil des Akkus wird im Kongo gewonnen: Kobalt.

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Wie werden die Elemente für dein iPhone abgebaut?

Um die Komponenten für das iPhone herzustellen, arbeitet Apple mit Dutzenden Drittanbietern zusammen. Diese haben wiederum ihre eigenen Zulieferer für bestimmte Teile und Rohstoffe. Daraus ergibt sich ein großes Netz an Unternehmen, Organisationen und Akteuren, die alle zur Entstehung des iPhones beitragen.

Wie die meisten Elektronikhersteller kauft Apple nur einen Bruchteil der Materialien, die am Ende sein Produkt ausmachen, direkt. Somit ist es sehr schwer, eine Verbindung zwischen einem bestimmten Produkt und einer speziellen Mine herzustellen. Denn so viel steht fest: Die Entstehungsgeschichte des iPhones beginnt mit Tausenden von Minenarbeitern, die auf fast allen Kontinenten der Erde unter brutalen Konditionen arbeiten, um die Rohstoffe für unsere Elektrogeräte zu schürfen.

Die Zinn-Mine Cerro Rico in Bolivien | Bild: Brian Merchant

Auch wenn Apple nicht offengelegt hat, welche Mineralien aus welcher Mine stammen, sind einige der Quellen über die Jahre bekannt geworden. Hier ist eine Übersicht, wie die wichtigsten Elemente des iPhones abgebaut werden.

Aluminium
Aluminium ist das am häufigsten vorkommende Metall der Welt. Es wird aus dem Mineral Bauxit gewonnen und überwiegend im Tagebau gefördert. Obwohl dieser Prozess für gut geschützte Arbeiter nicht sehr gefährlich ist, kann der Abbau von Aluminium die Umwelt sehr belasten. Außerdem benötigt man vier Tonnen Bauxit, um eine Tonne Aluminium zu produzieren – somit bleibt am Ende jede Menge Abfall übrig.

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Tantal
Für lange Zeit wurde Tantalerz hauptsächlich aus der Demokratischen Republik Kongo bezogen, wo sowohl Rebellen als auch die Armee Kinder und Sklaven zur Minenarbeit zwingen, um mit den Gewinnen ihre gewalttätigen Aktivitäten aufrechtzuerhalten. Deshalb zählt Tantalerz auch zu den sogenannten Konfliktrohstoffen. Diese Bezeichnung wurde von Menschenrechtsorganisationen für Rohstoffe eingeführt, durch dessen Abbau in Konfliktgebieten Menschenrechtsverletzungen wie Massenvergewaltigungen, Kindersoldaten und Genozide unterstützt werden. 2014 gab Apple bekannt, dass seine Tantal-Zulieferer konfliktfrei seien.

Kobalt
Kobalt wird für den Lithium-Ionen-Akku des iPhones verwendet. Es stammt größtenteils aus der Demokratischen Republik Kongo. 2016 berichtete die Washington Post über Arbeiter, die rund um die Uhr mit kleinen Handwerkzeugen in den Kobaltminen schufteten, unter ihnen auch Kinder. Nur wenige von ihnen trugen Schutzkleidung, und die Minen waren größtenteils völlig unreguliert. "Todesfälle und Verletzungen sind hier normal", schloss die Recherche. Nach der Berichterstattung versprach Apple, die Arbeitsbedingungen in den Minen zu überprüfen und setzte Kobalt auf die Liste der Konfliktrohstoffe, die einer gesonderten Prüfung unterzogen werden müssen. Als Sky News wenige Monate später Kinderarbeiter beim Kobalt-Abbau in der DRK filmte, erklärte Apple, dass es nicht länger Kobalt von den unregulierten Minen aus der Gegend beziehe.

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Seltene Erdelemente
Bei der Produktion des iPhones kommen auch verschiedenen Seltene Erdelemente zum Einsatz. Beispielsweise wird Cer in einer Lösung zum Polieren von Touchscreens oder zum Färben von Glas verwendet. Auch Neodym, das zu starken, winzigen Magneten verarbeitet wird, findet sich in vielen Elektrogeräten wieder. Diese Elemente zu gewinnen, ist jedoch sehr kompliziert und wegen der dabei freiwerdenden giftigen Stoffe auch gefährlich. Die meisten der seltenen Erdelemente stammen aus der Inneren Mongolei. In dem autonomen Gebiet der Volksrepublik China ist ein See entstanden, der durch die giftigen Abfälle des Bergbaus so verseucht ist, dass er von der BBC als der "schlimmste Ort auf Erden" betitelt wurde.

Wie viel Kilo Rohstoffe müssen für ein iPhone abgebaut werden?

Um zu kalkulieren, wie viele Stoffe abgebaut werden müssen, um ein einziges iPhone zu produzieren, hat Michaud seine Ergebnisse hochgerechnet. Basierend auf den Daten von Bergbaubetrieben auf der ganzen Welt, kommt er zu dem Schluss, dass ungefähr 34 Kilogramm an Erz geschürft werden müssen, um die Metalle zu gewinnen, aus denen das 129 Gramm schwere iPhone besteht. Da 2016 eine Milliarde iPhones verkauft wurden, bedeutet das nach Michauds Berechnung, dass dafür etwa 34 Millionen Tonnen Gestein abgebaut wurde.


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Die Rohmetalle in dem kleinen Gerät sind insgesamt etwa einen Dollar wert. Davon gehen über die Hälfte auf den winzigen Goldanteil zurück. Zusätzlich wird für die Goldgewinnung auch Natriumcyanid benötigt. Michaud schätzt, dass man für die Produktion eines einzigen iPhones 34 Kilogramm Erz, 100 Liter Wasser und 20,5 Gramm Natriumcyanid braucht. Diesen immensen Rohstoffverbrauch bezeichnet der Spezialist für Bergbau als "schockierend".

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Der wahre Preis des iPhones

Fest steht, dass die Rohmaterialien für unsere Geräte größtenteils von Minenarbeitern mit primitiven Geräten unter gefährlichen Bedingungen abgebaut werden. Tatsächlich werden viele Basiselemente für das iPhone unter Bedingungen gewonnen, in denen es die meisten iPhone-Nutzer wohl keine Minute lang aushalten würden.

Natürlich trifft diese Erkenntnis nicht nur für die Produkte der Firma Apple zu. Tatsächlich schneidet Apple in Sachen Transparenz sogar besser ab als viele seiner Konkurrenten. So wirft Amnesty International beispielsweise auch Samsung und Sony vor, nicht genug gegen Kinderarbeit in ihrer Lieferkette zu unternehmen. Apple hat bereits angekündigt, in Zukunft ganz auf den Bergbau verzichten zu wollen, vor allem mit Hilfe von Recycling-Projekten wie Liam, den iPhone zerlegenden Roboter.

Doch bis diese ambitionierten Projekte vielleicht irgendwann Realität werden, werden Minenarbeiter weiterhin ihre Gesundheit und ihr Leben aufs Spiel setzen, um die Rohstoffe für unsere Smartphones zu fördern. Das iPhone wird zurecht dafür gepriesen, die mobile Kommunikation revolutioniert und unzählige Leben verändert zu haben. Doch wir dürfen nicht vergessen, dass sich unter dem unvergleichlichen Design und technischen Innovationen auch die Spuren menschlichen Leidens verbergen. Das ist zwar eine unangenehme Wahrheit, aber nur durch sie wird das iPhone überhaupt möglich.

Brian Merchant ist der Autor von "The One Device: The Secret History of the iPhone ". Eine ungekürzte Version des englischen Artikels findet ihr hier .