Zensur

Wie Kuchenrezepte in Brasilien Teil des Widerstands wurden

Da sie unter der Militärdiktatur nicht frei arbeiten durften, wollten brasilianische Journalisten mit ungenießbaren Kuchenrezepten und Gedichten auf die Missstände im Land hinweisen.

von Biju Belinky; Fotos von Ludmila Bernardi; Übersetzt von Sandra Sauerteig
31 Januar 2019, 5:00am

Zutaten für einen traditionellen Maiskuchen neben zensierten Zeitungsartikeln | Foto: Ludmila Bernardi

Wir befinden uns in Brasilien im Jahr 1968. Das Militär hat vor fast vier Jahren die Macht ergriffen. In den letzten Monaten ist die diktatorische Unterdrückung immer stärker zu spüren. Öffentliche Versammlungen von mehr als drei Menschen werden als potentiell politisch eingestuft und sind damit höchst verdächtig. In vielen Städten gibt es eine Ausgangssperre. Regelmäßig werden Leute verhaftet, weil sie angeblich "staatsfeindliche Tendenzen" zeigen. Musik, Schriftstücke, Filme und Theaterstücke müssen vor der Veröffentlichung einem Zensor vorgelegt werden.

Du schlägst eine Zeitung auf einer beliebigen Seite auf und zwischen unverfänglichen Meldungen und einem Gedicht sind vier Kuchenrezepte abgedruckt. Das wirkt ganz schön übertrieben, vor allem, weil eins der Rezepte sich doppelt. Ein anderes Rezept bricht mitten im Satz ab. Ein anderes listet ein Kilogramm Salz in den Zutaten.

Moment, hier stimmt doch was nicht, denkst du dir. Und damit haben die Mitarbeitenden einer großen brasilianischen Zeitung ihr Ziel erreicht. Alles, was sie drucken, unterliegt strenger Zensur. Darum haben sie die Texte, die sie nicht veröffentlichen dürfen, durch Ausschnitte aus einem portugiesischen Gedicht aus dem 16. Jahrhundert und durch ungenießbare Kuchenrezepte ersetzt.

"Einige Leute in der Redaktion dachten sich: 'Wir müssen den Lesern mitteilen, dass wir zensiert werden'. Darum tauchten die Rezepte und Gedichtauszüge auf, sie sollten vermitteln: Hier standen Informationen, die zensiert wurden", erklärt Maurice Politi. Er leitet das Núcleo de Preservação da Memória Política (Zentrum zur Bewahrung der politischen Erinnerung) und ist ehemaliger politischer Gefangener.

"Es wurden nicht nur politische Nachrichten zensiert", sagt er. "1972 gab es eine Meningitis-Epidemie in Brasilien. Mehr als 3.000 Kinder starben, weil die Zeitungen nicht darüber berichten durften."

Zutaten für den Maiskuchen neben einem Rezept und zensierten Zeitungsartikeln
Zutaten für den Maiskuchen neben einem Rezept und zensierten Zeitungsartikeln

Auch heute, fast 34 Jahre nachdem die Militärdiktatur in Brasilien offiziell endete, bleibt das Kuchenrezept ein wichtiges kulturelles Stilmittel, um auf Unterdrückung oder Zensur hinzuweisen. Immer wieder tauchen Rezepte dort auf, wo sie eigentlich nichts zu suchen haben. Journalisten, Politikerinnen und Künstler nutzen diese Möglichkeit um auf die schmerzliche Unterdrückung in der Vergangenheit hinzuweisen oder daran zu erinnern, dass Zensur, in veränderter Form, auch heute noch möglich ist.

Jede Zeitung fand damals einen eigenen Weg, sich gegen die Zensur aufzulehnen. Einige druckten Bilder von Teufeln oder eine erste Seite ohne Überschriften. Andere reichten Zettel, die schnell vernichtet werden konnten, unter Kollegen weiter, oder summten Frank Sinatras "Strangers In The Night" um andere zu warnen, dass ein Zensor im Raum war.


Wir zeigen euch dieses Rezept freiwillig, versprochen: Gefrorener Erdnussbutter-Kekskuchen mit Schokosoße


Die Zeitung O Estado de São Paulo durfte in dieser Zeit über 1.100 Artikel nicht veröffentlichen. Viele von ihnen sollten über verdächtige Todesfälle von Journalisten und Aktivisten oder politische Vergehen oder Folter berichten. 665 von ihnen wurden durch das portugiesische Gedicht "Os Lusíadas" ersetzt.

"Zu dieser Zeit war es sehr hart, Journalistin zu sein", sagt Adélia Borges, die 1972 im Alter von 21 Jahren begann, bei O Estado de São Paulo zu arbeiten. Doch nicht nur die Presse hatte es schwer. "Jede Versammlung von mehr als drei Leuten galt als verdächtig. Jedes Treffen konnte einfach aufgelöst werden."

Eine Seite des Jornal da Tarde, auf der Rezepte für Bonbons und Häppchen statt politischer Nachrichten abgedruckt sind
Eine Seite des Jornal da Tarde, auf der Rezepte für Bonbons und Häppchen statt politischer Nachrichten abgedruckt sind | Foto: The Democracy Memorial.

Die Kuchenrezepte, die heute als Symbol für die damalige Zensur gelten, wurden besonders prominent im Jornal da Tarde abgedruckt, die 2012 eingestellt wurde.

Meist waren es einfache Rezepte von traditionellen Kuchen, wie der Maiskuchen Bolo de Fubá oder Karottenkuchen. Das Jornal do Brasil druckte regelmäßig Rezepte für handgemachte Bonbons statt zensierter Nachrichten ab.

Die Rezepte wurden stets kurz vor Druck eingefügt, überall dort, wo zensierte Texte Lücken hinterließen. Da diese Lücken mal größer und mal kleiner waren, wurden die Backanleitung oft unvollständig abgedruckt oder mehrmals in einer Ausgabe wiederholt. In wenigen Fällen waren die Rezepte auch ein gezielter Seitenhieb auf bestimmte Politiker, indem die Zutatenliste beispielsweise Andeutungen auf ihre Namen machte. Viele Kuchen aus den Rezepten waren absichtlich ungenießbar und zogen einige erboste Anrufe von Lesern nach sich, die versucht hatten, sie zu backen. Einige vermuteten sogar, dass die vielen Rezepte im Jornal da Tarde ein Hinweis darauf sei, dass die Zeitung sich auf ein weibliches Publikum ausrichte.

Die Autorin backt einen traditionellen Maiskuchen
Die Autorin backt einen traditionellen Maiskuchen
Maiskuchen

Adélia arbeitete als junge Journalistin auch für Movimento, ein Magazin, das für seinen Widerstand gegen das Regime bekannt war. Sie arbeitete an einer speziellen Ausgabe über Arbeiterinnen in Brasilien.

"Wir haben die offiziellen Statistiken der Regierung über die Arbeit von Frauen in Brasilien benutzt. Aus den Zahlen wurde der Lohnunterschied klar sichtbar und dass es keine Frauen in Führungspositionen gab", sagt sie. "85 Prozent dieser Ausgabe wurden zensiert, auch die offiziellen Regierungszahlen. Die Ausgabe wurde nie gedruckt."

Maiskuchen in einer nachgebauten Gefängniszelle
Ein Maiskuchen in einer nachgebauten Zelle in der Widerstands-Gedenkstätte in São Paulo. Während der Diktatur wurden hier bis zu 40 politische Gefangene festgehalten und später gefoltert.

Auch wenn dieses Ausmaß an Zensur inzwischen der Vergangenheit angehört, sind die Narben, die die Diktatur in Brasilien hinterlassen hat, noch lange nicht verheilt. Bis heute kann man nur schätzen, wie viele Menschen in dieser Zeit ermordet wurden. Viele Dokumente, die die Wahrheit ans Licht bringen könnten, bleiben verschollen.

Inzwischen haben wir 2019 und der brasilianische Präsident heißt Jair Bolsonaro. Der Ex-Offizier hat viele wichtigen Posten in der Regierung mit Militärpersonal besetzt. 1993 sprach er sich dafür aus, dass Brasilien von einer erneuten Militärdiktatur profitieren könne.

Spricht man mit Menschen, die während der früheren Diktatur inhaftiert waren, oder Journalisten, die die Zensur hautnah miterlebten, spürt man die Unruhe, die in der Luft liegt.

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Bolo de fubá, ein traditioneller Maiskuchen

"Wir bewegen uns auf gefährliche Zeiten zu", sagt Politi, wenn man ihn nach dem aktuellen politischen Klima fragt. "Ich denke nicht, dass sofort alle inhaftiert werden, aber das Militär ist bereits in jedem Ministerium vertreten. Der Vize-Präsident kommt aus dem Militär. Sie brauchen gar nicht so gewalttätig zu werden wie damals, weil die Zeiten sich geändert haben. Aber es wird böse enden, wenn es keinen Widerstand gibt – wenn das Parlament nicht merkt, dass wir uns auf ein autoritäres Regime zubewegen."

Am 14. Januar 2019 wurde das Kunst-Kollektiv És Uma Maluca daran gehindert, Tonaufnahmen von Bolsonaro in einer Installation zu verwenden, die die Schrecken während der Diktatur aufgreift. Stattdessen war in der Ausstellung nun eine Stimme zu hören, die ein Kuchenrezept aufsagt.


Dieser Artikel erschien zuerst bei MUNCHIES UK.

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