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Verbrechen

Gewalt gegen Männer: Drei Opfer häuslicher Gewalt erzählen ihre Geschichte

"Über Jahre trat und schlug sie mich. Ich hatte Angst, zur Polizei zu gehen, denn ich fürchtete, dass man mich auslachen würde", sagt Kieron.

von Nick Chester
28 Februar 2019, 4:30am

Kein Mann aus diesem Artikel || Symbolbild: imago | Westend61

Lange Zeit will John niemandem erzählen, woher seine blauen Flecken stammen. Oder warum er ins Krankenhaus eingeliefert wurde. Er denkt sich Ausreden aus, weil keiner wissen soll, dass seine Freundin ihm die Verletzungen zufügt. Obwohl sie ihn regelmäßig schlägt und tritt, möchte er sie schützen. Und er fürchtet, dass niemand ihm die Wahrheit glaubt.

Es gibt viele Fälle wie seinen. Obwohl die Mehrheit der Opfer häuslicher Gewalt Frauen sind, trifft sie ebenso Männer, auch wenn seltener darüber berichtet wird. Das Bundeskriminalamt gibt an, dass 17,9 Prozent der Opfer von Partnerschaftsgewalt im Jahr 2017 männlich waren. Die Dunkelziffer könnte allerdings höher liegen, denn viele Menschen scheuen sich davor, ihren Partner oder ihre Partnerin anzuzeigen. Vor allem Gewalt gegen Männer scheint nach wie vor mit einem Tabu belegt.

Wir haben mit drei Männern gesprochen, die häusliche Gewalt erlebt haben. Sie erzählen, wie sie es schafften, aus der Beziehung auszubrechen und mit welchen Vorurteilen sie zu kämpfen hatten, als sie Hilfe suchten.

John

Johns Wohnung nach Wutanfällen seiner Ex-Freundin
So sah Johns Wohnung nach zwei Wutausbrüchen seiner Ex-Freundin aus | Foto: privat

"Anfangs war ich Hals über Kopf in meine Freundin verliebt. Doch nach ein paar Monaten gab es erste Probleme. Sie nannte mich fett, kniff mich so fest, dass ich blaue Flecke bekam, und schlug mir gegen die Brust. Ich sagte ihr mehrmals, dass ich das nicht gut fand. Sie meinte daraufhin, dass es nur ein Spaß sei, oder stellte meine Männlichkeit in Frage.

Mit der Zeit wurde sie immer gewalttätiger. Einmal trat sie mir so fest gegen die Hüfte, dass ich später auf der Arbeit zusammenbrach und ins Krankenhaus musste. Danach lief ich drei Wochen lang auf Krücken. Ich erzählte niemanden, was wirklich geschehen war. Ich dachte mir Ausreden aus, um sie zu schützen.

Schließlich schmiss ich sie aus der Wohnung, nachdem sie mir mehrmals ins Gesicht geschlagen hatte. Daraufhin schrieb sie mir ständig Nachrichten, wie sehr sie mich liebte.

Ich wollte ihr noch eine Chance geben. Kurz nachdem ich ihr gesagt hatte, dass wir es nochmal versuchen könnten, sagte sie mir, dass sie jemanden kennengelernt habe und nichts mehr mit mir zu tun haben wolle. Ich glaube, sie war besessen davon, die Kontrolle zu behalten. Darum wollte sie unbedingt diejenige sein, die Schluss macht.

Später rief ich die Polizei an und meldete die Übergriffe, aber sie nahmen mich nicht ernst. Sie fragten mich, warum ich nicht einfach gegangen sei. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie bei einem weiblichen Opfer häuslicher Gewalt genauso reagiert hätten."

Kieron

"Wir führten die perfekte Ehe. Bis meine Frau und ich eines Tages eine Meinungsverschiedenheit hatten und sie mir vor unseren Freunden in die Eier trat. Das war extrem peinlich und nur der erste von vielen Vorfällen. In den nächsten Jahren trat und schlug sie mich regelmäßig. Sie schlug mir sogar ein paar Zähne aus.

"Es muss viel offener darüber gesprochen werden, dass auch Männer Opfer häuslicher Gewalt werden. Dann können sich die Betroffenen Hilfe suchen, bevor sie in lebensbedrohlichen Situationen landen."

Ich hatte Angst, zur Polizei zu gehen. Ich fürchtete, dass man mich auslachen würde. Aber irgendwann wählte ich den Notruf. Die Polizisten verwarnten sie und gingen wieder. Ich hatte gehofft, die Situation würde sich dadurch bessern, aber es wurde alles nur noch schlimmer. Der Wendepunkt kam, als sie mit einem Steakmesser auf mich einstach und meinen Herzbeutel traf. Ich wurde operiert und erfuhr später, dass meine Überlebenschance bei 50 Prozent gelegen hatte.

Ich zeigte sie an und sie wurde zu viereinhalb Jahren Gefängnis verurteilt. Seitdem hat sie mir versichert, wie leid es ihr tut. Wir sind sogar wieder Freunde. Aber unsere Beziehung ist endgültig vorbei. Es muss viel offener darüber gesprochen werden, dass auch Männer Opfer häuslicher Gewalt werden. Dann können sich die Betroffenen Hilfe suchen, bevor sie – wie ich – in lebensbedrohlichen Situationen landen."

Shaun

"Zuerst war ich völlig begeistert von ihr. Sie war attraktiv, höflich und freundlich. Außerdem war sie sehr wohlhabend und erfolgreich. Sie stammte aus Südostasien und konnte toll kochen. Nach sechs Monaten Beziehung wollte sie heiraten. Da alles super lief, dachte ich mir: 'Warum nicht?'.

Das war ein großer Fehler. Kurz nach unserer Hochzeit stürmte sie mit einem Messer ins Bad, als ich duschte. Sie versuchte, mein bestes Stück abzuschneiden. Ich hatte Angst und wusste nicht, was passiert, aber es gelang mir, ihr auszuweichen, bis sie sich beruhigt hatte. Sie entschuldigte sich und es wurde klar, dass sie psychische Probleme hatte. Sie willigte ein, zum Arzt zu gehen, der ihr ein Antidepressivum verschrieb. Ich habe keine Ahnung, was die Ursache war, aber fand später heraus, dass sie eine traumatische Kindheit hatte. Ich glaube, sie hatte viele ungelöste Probleme, die sie von Zeit zu Zeit durchdrehen ließen.


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Danach war alles wieder normal und ich nahm an, dass die Medikamente wirkten. Ein Jahr lang gab es keine weiteren Vorfälle und ich verdrängte die Attacke. Dann eröffnete mir meine Frau eines Tages, dass ihre Schwester ihre Medikamente weggeschmissen hatte, weil sie "westliches Gift" seien. Sie warf mir vor, dass ich versucht hatte, sie umzubringen und warf Teller nach mir. Ich verbarrikadierte mich im Schlafzimmer und ging schlafen.

"Ihr Blut spritzte nur so und die Polizei dachte zuerst, ich hätte sie angegriffen, auch weil ich ein Mann bin. Zum Glück erkannte eine Polizistin die Situation."

Am nächsten Morgen öffnete ich vorsichtig die Tür und sah, dass sie sie im Wohnzimmer schlief. Ich schlich mich zur Wohnungstür, sehr darauf bedacht, sie nicht zu wecken. Doch plötzlich riss sie die Augen auf, stürzte sich auf mich und versuchte, mir in den Schwanz zu beißen. Ein Nachbar rief schließlich die Polizei und die Beamten brachten sie zu einer Freundin, damit sie sich beruhigte. Doch sie kam zurück und griff mich mit einem Bügeleisen an. Sie stürmte auf mich zu, prallte an meinem Körper ab, krachte durch den Couchtisch und verletzte sich dabei. Ihr Blut spritzte nur so und die Polizei dachte zuerst, ich hätte sie angegriffen, auch weil ich ein Mann bin. Zum Glück erkannte eine Polizistin die Situation und sagte, dass sie glaube, dass ich das Opfer sei.

Ich konnte meine Frau überreden, ihre Medikamente wieder zu nehmen. Eine zeitlang war alles gut, doch dann setzte sie sie ab, weil ihr die Nebenwirkungen nicht gefielen. Dann ging es wieder los. Sie fragte mich ständig, ob ich sie betrog und wollte an meinem Schwanz riechen, um zu prüfen, ob er nach einer anderen Frau roch. Und wenn ich mich weigerte, jagte sie mich mit einem Messer durch die Wohnung. Es war mir peinlich, jemandem davon zu erzählen, weil männliche Opfer von häuslicher Gewalt stigmatisiert werden.

Die Situation eskalierte, als meine Frau ein Bügeleisen nach mir warf und es den Kronleuchter zerstörte. Die Polizei rückte wieder an und ich beschloss, dass es endgültig reichte. Ich zog aus und habe es nie bereut."

Bist du sexuell belästigt worden oder hast sexualisierte oder häusliche Gewalt erlebt? In Deutschland bekommst du Hilfe unter der Telefonnummer 0800 22 55 530. Mehr Infos findest du auf dem Hilfeportal der Bundesregierung. Wer in der Schweiz sexualisierte oder häusliche Gewalt erlebt hat, findet bei der Frauenberatung Links zu Beratungsstellen, betroffene Männer erhalten Hilfe im Männerhaus. In Österreich wird ein 24-Stunden-Hilfenotruf unter 01 71 719 angeboten. In jedem Fall gilt: Wende dich auch an die Polizei in deiner Nähe und zeige den Täter oder die Täterin an.

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